Dark Land: Die Bände 1 – 2 (Beginn einer Synopse)

Viele konnten das angekündigte John Sinclair Spin-Off kaum erwarten, bei dem es eine bekannte Person aus dem Sinclair-Universum in eine andere Dimension verschlagen sollte. Was dann von einem geheimnisvollen Autor namens Graham Grimm in den ersten beiden Bänden vorgelegt wurde, ließ die einen ratlos zurück und die anderen in Verzückung fallen. Fakt ist: mit einem derart starken und wohlkalkulierten Setting hatten wohl die wenigsten gerechnet, auch wenn die Mixtur aus Noir-Thriller, Dystopie, Horror und Fantasy nicht jedermanns Sache ist. Das aber liegt in der Natur der Sache. Dass es sich hier um einen vielversprechenden Auftakt zu einer großartigen Serie handelt, kann man jetzt bereits mit Fug und Recht behaupten, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

1 Böses Erwachen

Nachdem Johnny Conolly, Sohn des Reporters und Sinclair-Freundes Bill Conolly dem „Schnabeldämon“, der seine Mutter getötet hat, durch ein Dimensionstor verfolgt hat (so geschehen in John Sinclair Band 2001), kommt er in Twilight City zu sich. Wo er sich befindet, weiß er allerdings nicht. Was ihn treibt ist die Aussicht auf Rache, denn er will den Mörder seiner Mutter um jeden Preis töten. Doch vorher gilt es, herauszufinden, wo es ihn überhaupt hin verschlagen hat. Und wir, die Leser, sind ebenso gespannt und begleiten ihn durch eine Stadt, die ein älteres New York oder London sein könnte, es aber beileibe nicht ist.

Nicht selten steht und fällt alles mit der Einführung in ein unbekanntes Setting, die dann auch noch mit einer fesselnden Geschichte zu verweben ist. Graham Grimm leistet hier in den ersten beiden Bänden Vorzügliches, die Schlagzahl neuer Eindrücke und spannungsgeladener Momente ist hoch – und lässt auch aktuell keinen Deut nach. Ein Bruch zwischen den unterschiedlichsten Autoren ist nirgendwo festzustellen. Jedem von ihnen merkt man die Begeisterung für den Stoff an, der auf den ersten Blick nicht neu erscheint. Erinnerungen an Sin City werden wach, an Simon R. Greens Geschichten aus der Nightside, an das, was man so modern „New Weird“ nennt – und doch ist hier alles erfrischend anders und nicht etwa geklont.

Interessant ist nämlich, dass es in Twilight City durchaus Gesetze gibt, die mit den unsrigen vergleichbar sind, und dennoch unterscheiden sie sich im Kern dann doch erheblich davon.  Auf der einen Seite leben hier Menschen, Dämonen und andere Wesen Seite an Seite miteinander – so wie etwa in New York die verschiedensten Ethnien -, gibt es die gleichen Ressentiments, Verbrechen, Armut, Stigmatisierungen, Gewalt, die uns sehr bekannt vorkommen, auf der anderen Seite gibt es die in jeder Situation spürbare Unberechenbarkeit und Bedrohung, die von allem und jedem ausgehen kann. Und so fantastisch das alles anmutet, bleibt es nicht aus, dass hier zwar von opulenter Phantastik gesprochen werden kann, die Überzeichnungen aber durchaus nicht zu einem völligen Fremdheitsgefühl beim Leser führen, der sich plötzlich dabei ertappt, für den ein oder anderen Dämon Mitleid zu entwickeln. Denn bei aller (guten) Unterhaltung finden wir hier die Chiffren unserer aller Existenz wieder. Es geht ums nackte Überleben in einer Welt, die unbegreiflich scheint.

Wir wollen aber nicht vergessen, dass es nicht um philosophische Fragen geht, schließlich haben wir es hier mit einer Spannungsserie zu tun. Und hier wird aufgedreht, dass es eine wahre Freude ist.

Kleine Meta-Spielerei: Annabelle, aus dem gleichenamigen Film von 2014, der ebenfalls ein Spin-Off war, und zwar von „The Conjuring“.

Die ersten beiden Bände sind ein einziger Fluss. Die Geschichte fährt nahtlos fort. Johnny, der sich fortan Wynn Blakestone nennt, weil ihm das dabei hilfreich erscheint, weniger aufzufallen (was ihm nicht immer besonders gut gelingt), lernt als erstes freundliches Wesen eine lebende Puppe kennen, die ihn ein wenig unter ihre Fittiche nimmt, als er sich als Reinigungskraft in einer dubiosen Absteige gegen Kost und Logis verdingt. Und gleich bringt gerade sie ihn in ernste Gefahr.

Das Spiel beginnt und bringt die zweite Riege der Protagonisten aufs Parkett, die fortan eine interessante Wechselwirkung mit den sich verwebenden Erzählstränge haben: Die menschliche Polizistin Bella Tosh und ihr Partner Kajahn, ein dämonischer Panther-Mann. Denn es geht etwas vor in Twilight City, das an unsere völlig irdischen Drogendelikte erinnert, nur dass die Droge, die Twilight City in Aufruhr bringt, mit einem Halluzinogen versetzte Blutegel sind, und Vampire die Dealer. Und die beiden Gesetzeshüter sind dem auf der Spur. Zu dumm also, dass gerade Wynns Puppenfreundin Annabelle (die Wynn so nennt, weil sie ihn an den gleichnamigen Film erinnert) ihn in ein Etablissement führt, in dem genau diese Dinge vor sich gehen. Bei der folgenden Razzia kommt Wynns Puppenfreundin zu Tode, er selbst aber entkommt. Nicht allerdings, ohne verräterische Hülsen der Silberkugeln aus seiner noch aus unserer (Roman)Welt stammenden Beretta zu hinterlassen. Aus irgendeinem Grund, den wir nicht kennen, sorgen gerade diese Silberkugeln für ein gewisses Interesse.

Der Razzia also entkommen sitzt Wynn in seiner Absteige. Auftritt: Frankie. Eine Puppe wie Annabelle, nur männlich, hat nichts anderes im Sinn, als deren Tod zu rächen. Frankie ist eine wiederkehrende Figur, auch wenn es beim folgenden Intermezzo nicht so aussieht. Er entkommt Frankies Attacken mit einem Messer, dabei richtet er ihn unbeabsichtigt so zu, dass keineswegs klar ist, dass wir ihm Wiederbegegnen werden.

In der Armenküche, in der Wynn hauptsächlich speist, weil er keine Beads – die hiesige Währung – besitzt, und in der hauptsächlich Dämonen anstehen, bekommt er die folgenreiche Information, dass er im Nachtclub Ripp Tide eine Anstellung bekommen könnte. Und dort übermannt ihn seine Unkenntnis über die Einwohner dieser Stadt, die eine Schlüsselrolle spielt und den weiteren Handlungsverlauf nach oben fährt. Fast möchte man sagen, jetzt beginnt das Abenteuer Twilight City erst richtig, denn alles was wir bis hierhin beobachten durften, diente der Einführung. Wynn entdeckt nämlich in diesem Nachtclub den „Schnabeldämon“. Denkt er zumindest, denn er weiß nicht, dass es viele von ihnen gibt. Nun könnte man vielleicht anmerken, dass es schon mehr als blauäugig ist, zu vermuten, es gäbe nur ein Wesen einer jeweiligen Spezies. Und Wynn wird im Verlauf noch einige Unpässlichkeiten begehen, die ihn kaum als 25jährigen Mann auszeichnen. Nicht gerade selten benimmt er sich wie ein Teenager. Dass er eigentlich aufgrund seines Kampfes gegen die Dämonenwelt an der Seite seines Patenonkels John Sinclair eher reifer als „zurückgeblieben“ sein müsste – es aber keineswegs ist, bleibt ein permanenter Kritikpunkt der laufenden Serie.

Wie ein Berserker stürzt sich Wynn nun auf den, den er für den Mörder seiner Mutter hält. Allerdings wird er vom Manager des Clubs, John Myers, k.o. geschlagen, der Polizei übergeben, und – welch Ironie – vom Richter, der ebenfalls ein Schnabeldämon ist – zu einer beinahe lebenslangen Haft verdonnert, weil er das nötige Geld nicht aufbringen kann. Auf dem Weg in diesen berüchtigten Knast, wird er jedoch von Sergeant Kajahn, dem Panthermann ohne dessen Kollegin Tosh abgeholt und erfährt, das sihn jemand sozusagen freigekauft hätte. Kajahn hat den Auftrag, Wynn zu diesem „Gönner“ zu bringen.

2 Kein Zurück

Wie schon erwähnt, läuft die Geschichte direkt in den zweiten Band über und beginnt mit Bella Tosh, die ihren Partner Kajahn verfolgt. Dabei wird klar, dass sie keineswegs in alle Vorgänge eingeweiht ist. Überhaupt sind die beiden ungleichen Partner eine glatte Bereicherung für die Serie, die dadurch nicht nur auf Wynn fixiert ist. Einerseits arbeiten die beiden sehr effizient zusammen, Tosh aber misstraut den Dämonen, zu denen eben auch Kajahn gehört. Besser kann man keine Spannung zwischen zwei Figuren, die zusammen agieren, aufbauen. Doch wäre das alles, wäre es vielleicht dennoch zu wenig. Doch dazu später.

Wieder tritt der Schnabeldämon in Aktion, indem er Kajahns Auto rammt. Und hätte Tosh ihren Partner nicht verfolgt, wäre dieser wohl endgültig Sieger des Duells mit Wynn geworden. So aber zeichnet sich eine längerfristige Gegnerschaft ab, die noch einige Blüten treiben wird. Wynn ist durch den Unfall mehr Tod als lebendig, Kajahn zumindest schwer verletzt. Nachdem Tosh den Schnabeldämon vertreiben konnte, bringt der Panthermann seine Mission, ohne sich Tosh zu erklären, zu Ende.

Und damit hätten wir am Ende der beiden Bände die grundsätzliche Figurenkonstellation zusammen. Denn dort lernt er Sir Roger Baldwin-Fitzroy, der ihn vom Gefängnis freikaufte, dessen dämonischen Diener Esrath und schließlich Abby kennen. Nur sind auch hier die Verhältnisse eher rätselhaft und vielschichtig. Was Sir Roger, einer der einflussreichsten Bewohner in TC, für Ziele verfolgt, bleibt im Dunklen, und auch wenn er Abbys Vater ist, traut ihm selbst seine Tochter nicht in allen Belangen. Was er mit Wynn für Pläne hat, bleibt auch in den weiteren Bänden unklar, und ist eines der großen Geheimnisse in dieser an Geheimnissen nicht gerade armen Serie.

Das PHANTASTIKON bleibt am Ball und wird die Serie auch weiterhin verfolgen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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