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Dark Land – Band 9, Die Bestie

(Dieser Beitrag erscheint gleichzeitig mit unserem Interview mit Uwe Voehl)

 

Gleich in der Eröffnungssequenz lernen wir den kennen, mit dem wir es diesmal zu tun bekommen: Henry Quinn. Im Todestrakt von Land’s End hat Dr. Shelley ihm die Spritze verabreicht, die ihn eigentlich umbringen sollte – aber das geschieht nicht. Stattdessen gelingt Quinn die Flucht aus dem Gefängnis, bei der er eine weitere Blutspur hinterlässt. Nicht einmal Bella Tosh und Kajahn können seine Flucht verhindern. Und erst nachdem wir den eindrucksvollen und dramatischen Weg verfolgen durften, auf dem sich der zarte Halbelfling Yakub durch Dr. Shelleys kranken Forscherdrang in eine Bestie verwandelt, der bei illegalen Wettkämpfen keiner gewachsen ist (bis sie betrogen wird), kommen wir zu der Erkenntnis, dass mit der titelgebenden “Bestie” nicht unbedingt Yakub aka Quinn gemeint ist.

Dr. George Shelley: Gilt als hochangesehener Arzt und Wissenschaftler, er lehrt an der Universität. Sein Gesicht bleibt kaum jemandem in Erinnerung, weil es glatt, makellos und perfekt ist. Seine Assistentinnen, die er nach dem Vorbild seiner verstorbenen Frau formte, sehen nicht nur alle gleich aus und heißen “Alissa”, sie altern auch nie.

Ein Hauch von Frankenstein umweht uns da. Und in der Tat: Es ist kein Zufall, dass der Arzt Shelley heißt, schließlich war “Frankenstein” die herausragendste Idee der Schriftstellerin Mary Shelley (1797 – 1851).

Das also ist das zentrale Thema, sozusagen das Monster of the Week. Aber natürlich treibt Logan Dee auch die Haupthandlung weiter, die er hervorragend einbettet. Wynn treffen wir bei seiner Arbeit im Archiv des Twilight Evenig Star, diesem merkwürdig unergründlichen Gebäude. Aber was heißt das schon in TC? Dieses Gebäude hier scheint so voller Rätsel zu sein wie alles in dieser Stadt.

Der Vampir Chrchtew (jaja, die Namen könnten manchmal dämonischer nicht sein), im Grunde ein Arbeitskollege von Wynn, entwendet eine Akte, für deren Verschwinden Wynn einen Mordsärger von seinem Vorgesetzten bekommt. Wynn dämmert, wer ihm da einen Streich spielt, will den Vampir stellen, der aber nicht mehr auf seinem Posten ist. Stattdessen hat er dort seinen Schatten hinterlassen, der Wynn nun festhält. Mia – eine lebende Puppe wie Annabelle und ebenfalls eine Arbeitskollegin, mit dem Hang, das Unglück regelrecht anzuziehen, will Wynn helfen, indem sie den Schatten mit der Flamme ihres Feuerzeugs zu vertreiben beabsichtigt. Dabei setzt sie den Schatten aber in Brand, was zur Folge hat, dass nicht nur der Vampir selbst verglüht, sondern auch noch das Archiv Feuer fängt.

Abigail (Abby), die wieder einmal ihr unerklärliches Gefühl für Gefahr bekommt, eilt, nachdem der Feueralarm ausgelöst wurde, nicht aus dem Gebäude, sondern in das Archiv hinab, um Wynn zu helfen. Dort erleben beide den phänomenalen Selbstschutz des Gebäudes, um dem Feuer Herr zu werden. Nicht nur, dass aus allen Wänden Tentakel zucken, die eine giftgrüne Flüssigkeit auf die Brandherde sprühen (und man munkelt, dass dies die Tentakel Mr. Bees (das Gedächtnis: “B” wie Brain) selbst sind, die diesem mit dem ganzen Archiv verwurzeln), es verschieben sich auch noch die Flure.

In Sicherheit wird Wynn allerdings erst einmal freigestellt, bis die Umstände des Brands geklärt sind.

Wen hatten wir noch nicht? Richtig: Norek. Der sitzt, wie wir ja wissen, mittlerweile in Sir Rogers Kerker. Doch er sitzt dort nicht allein. In der Nachbarzelle gibt es einen Mitgefangenen, den Norek Eddy nennt, weil er dessen Namen Eddrbrynn nicht aussprechen kann. Natürlich versucht Norek, irgendeinen Vorteil aus der Bekanntschaft zu ziehen, erzählt Eddy von der Erde und Eddy ihm im Gegenzug, warum Sir Roger ihn hier gefangen hält.

Eddy ist ein Gnom und ein sogenannter “Tastenhocker”. Das entspricht in etwa unserer Vorstellung eines Ghostwriters, aber eben auf TC-Art. Man darf noch hinzufügen, dass die Tastenhocker als Gerücht gelten, als Hirngespinst.

Eddy war der Tastenhocker eines gewissen Cousin Blood alias Bill Brody. Deshalb eben  Senkrechtstarter beim Evening Star. Der Redaktionsleiter Murbull setzt Bill auf Sir Roger an. Während einer Soiree im Baldwin House soll er sich etwas auf dem Anwesen umschauen, um herauszufinden, welches Geheimnis das Anwesen umgibt. Während des Empfangs lässt Bill den Gnom Eddy unbemerkt aus seiner Tasche hüpfen – und der wurde nie wieder gesehen. Mehr erfahren wir vorerst nicht, aber es gibt keinen Zweifel, dass Eddy etwas herausgefunden hat. Das lässt er auch Norek wissen.

Logan Dee ist erneut ein grandioser Teil der Serie gelungen. Die Fantasie mag er mit vielen teilen, aber seine Virtuosität im Umgang mit Spannungselementen ist sagenhaft.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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