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Dark Land – Band 8, Manchmal kommen sie zurück

Es ist kein Geheimnis, dass Wynn, sobald er seine Mutter gerächt hat, einen Weg zurück in seine Welt finden will. Zumindest ist das noch so, und es ist mehr als verständlich. Aber nicht für jeden, denn es dürfte nach wie vor klar sein, dass Sir Roger Baldwin trotz seiner väterlichen Fürsorge andere Ziele mit Wynn verfolgt, von denen wir noch nichts wissen. Abby selbst dürfte natürlich ebenfalls nicht erfreut sein, es sei denn, er nähme sie mit – wie sie schon einmal verlauten ließ. Sir Baldwin belauscht das Gespräch zwischen Abby und Wynn, wo er ihm doch gerade kundtun will, wo sich Norek befindet. Jetzt aber muss er seine Pläne ändern und dafür sorgen, dass Wynn nie erfährt, wo er Norek finden kann.

Band 8 haben wir wieder dem geheimnisvollen Graham Grimm zu verdanken. Und es gehört zum Spiel, das sich der Verlag erlaubt, denn objektiv betrachtet gibt es keinen Grund, die Identität eines Autors geheim zu halten. Im Gegenteil aber wird das Rätsel noch etwas forciert, denn auf der Leserseite finden wir ein Autorenportrait, das uns im Grunde mitteilt: wir werden es euch nicht sagen, aber wir tun so, als gäben wir euch Auskunft. Enttäuscht? Kein Grund dafür. Denn das alles macht doch wirklich Spaß. Abgesehen vom Verlag und vom Autor selbst, wäre wohl ich derjenige, der es ausposaunen könnte, aber ich werde es selbstverständlich ebenfalls nicht tun. Ich gehöre nicht zu den Spielverderbern.

Es macht unbestreitbar den Reiz der Serie aus, dass wir – gemeinsam mit den Autoren und Wynn – Neuland betreten. Wir lernen diese Welt und ihre Bewohner immer besser kennen, ohne dass sich dabei irgendwelche Fragen gültig beantworten ließen. Abgesehen von der Spannung der einzelnen Abenteuer sind es die massiven Rätsel von Twilight City. Und die Gewissheit, dass die Einwohner dieser Stadt selbst im Dunklen tappen oder sich sogar überhaupt keine Fragen über das Absonderliche ihrer Stadt stellen.

Sir Roger Baldwin ist da eine Ausnahme. Und durch ihn erfahren wir nicht nur, dass er selbst viele Geheimnisse hat, von denen nicht einmal seine Tochter Abby etwas weiß, sondern dass er selbst auf der Suche nach Antworten ist.

In der Frühe des Tages wird er von einem anonymen Anrufer zu einem Treffen aufgefordert. Information gegen … nun, nicht Geld, aber gegen Wert. Ein altbekanntes Spiel dennoch. Der Informant entpuppt sich als Kylandros, der rote Vampir. Sicher, es ist Graham Grimms Figur, man konnte also durchaus gespannt sein, ob er sie in seinem dritten Band weiter bearbeiten würde, vor allem, weil wir noch nicht viel über ihn wissen. Aber folgendes wissen wir:

“Die Vampire standen in Twilight City auf der unterste Existenzstufe. Sie […] tummelten sich mit all dem anderen Kroppzeug und Ungeziefer […] Kylandros jedoch ragte daraus hervor.”

Der rote Vampir möchte also seine Information, die darin besteht, zu wissen, wo sich Norek aufhält, gegen die Essenz Usagoos tauschen – die Essenz eines Weissage-Dämons, die Sir Roger in einem kleinen Fläschchen offeriert. Eine Frage keimt auf: Warum nutzt Sir Roger die Essenz nicht selbst, um zu erfahren, was er wissen möchte, anstatt sich hier in Gefahr zu begeben? Die Antwort folgt prompt: die Essenz beantwortet jede Frage, die je gestellt wurde, nur einmal, egal von wem sie bereits gestellt wurde. Darüber hinaus beantwortet sie jedem nur eine Frage. Clever.

Sir Roger will unbedingt wissen, wo Norek steckt. Wir wissen ja schon von diesem Interesse. Aber was verbindet die beiden? Es handelt sich um etwas, das auch Wynn betrifft und das er unter keinen Umständen erfahren darf. Später werden wir sehen, wohin dieser Hase läuft.

Die Übergabe der Essenz geht mehr oder weniger schief, aber Sir Roger und Esrath kommen dennoch an die Information, wo sich Norek aufhält. Allerdings ist das nun nicht gerade eine Sensation: Er treibt sich in Blackpool, Darkwater herum. Was aber hier – und ganz besonders gegen Ende – immer wieder beeindruckt, sind die Fähigkeiten Esraths, des Naturalis, der so sehr mit den Natur-Elementen in Verbindung steht, die er sich zu Nutze machen kann. Ein echtes Überraschungspaket, dieser Diener, der alles für seinen Herrn in die Schale wirft. Und auch da scheint es ein Geheimnis zu geben, denn obwohl an der Loyalität Esraths nicht zu zweifeln ist, hat es einen Grund, warum Esrath Sir Roger dient. Auch das bleibt uns nur abzuwarten.

Herr und Diener machen sich auf nach Blackpool, um den Kraak ausfindig zu machen – und gegebenenfalls zu eliminieren, denn er weiß etwas, dieser Schnabeldämon, das Sir Roger gefährlich werden könnte. In einer Rückblende, die uns zurück zur John Sinclair-Jubiläumstrilogie bringt, beginnt sich eines der Rätsel um Norek zu entspinnen.

“Interessiert es dich denn nicht, wie es überhaupt möglich war, dass der Kraak zurückkam? Davon hat man doch noch nie gehört, dass jemand, den das Haus gefressen hat, wieder aufgetaucht ist.”

Sagt Sir Roger zu Esrath. Jene, die über die Sinclair-Serie eingestiegen sind (und es werden einige sein), erinnern sich an Band 2000, “Das Höllenkreuz” von Jason Dark. Er war also von allen Autoren der erste, der über Twilight City schrieb – da war der Urtext, der hier zur Anwendung kommt, allerdings schon im Kasten. Als John Sinclair, auf das Rad der Zeit gespannt, einen Blick in die Vergangenheit machen kann, landet er – zumindest visionär – genau an der Stelle, wo Norek von Sir Roger und Esrath in das “Haus ohne Wiederkehr” geschleppt wird. Das ist genau das, was Wynn unter keinen Umständen erfahren darf, denn er könnte Sir Roger eine Mitschuld am Tod seiner Mutter geben.

Natürlich kann John Sinclair mit diesen befremdlichen Eindrücken genauso wenig anfangen wie wir Leser das damals konnten.

Zu diesem Haus will Norek nun erneut – freiwillig. Aber wo sich dieses Haus befindet, das man auch “Das wandernde Haus” nennt, wenn es gerade nicht da ist, weiß niemand. Nur, dass es von einer Familie gerufen und bis zu einem gewissen Grad sogar beherrscht wird, die Oszmonek heißt. Und denen brachte Norek das notwendige Opfer, damit die Familie das Haus herbeiruft. Als Sir Roger und sein Diener dort eintreffen wird Mutter O. in einer kruden Szene vorgestellt, wie sie gerade die letzten Reste des Opfermahls beseitigt. Dieses phantastische Dark Land ist in der Tat völlig irre.

Norek ist Sir Roger also voraus und ahnt, dass dieser das Haus erneut als Dimensionstor nutzen will. Ihn schützt nämlich vor dem Gefressenwerden ein Ring, der eigene Illusionen sozusagen als Schutz dagegen aufbaut. Könnte Sir Roger egal sein, wenn er nicht ahnte, dass Norek, erneut in Wynns Welt angekommen, die Aufmerksamkeit seiner ganzen Familie auf sich ziehen könnte.

Laut Sir Roger hat Wynn in Zukunft einen Weg zu beschreiten – das Wort “Schicksal” fällt in einer anderen Passage nicht ohne Grund.

Und sollte Wynn diesen Weg nicht beschreiten, dann wäre das höchstwahrscheinlich fatal: für ihn [Sir Roger], für sie alle, für Twilight City … und für den Rest der Welt.

Man möchte hinzufügen: und für die Leser.

Diese Aussage hat jedenfalls gesessen. Wir sind durch diesen Band doch ein gutes Stück weiter gekommen. Fast möchte man sagen, Graham Grimm schreibe hier die Schlüsselromane, aber es wäre noch zu früh, das definitiv zu behaupten.

Das zum Abschluss des Bandes geschilderte Spektakel vom Untergang des “Hauses ohne Wiederkehr” bringt einerseits Norek in die Gewalt Sir Rogers, und andererseits schließt sich damit das wahrscheinlich letzte Dimensionstor. Wynn spürt das irgendwie, obwohl er gar nicht zugegen ist. Überhaupt ist dieser Band keiner über Wynn und Abby. Er ebnet vielmehr den Fortgang der Serie, erwähnt die gefährliche Veränderung der Vampire, die sich aus ihrem sozialen Abseits aufmachen, sich das nicht mehr gefallen zu lassen – und, ganz nebenbei erleben wir, dass Baldwin House ein sehr gefährliches, rätselhaftes und lebendiges Gebilde ist. Denn eine Episode bekommt Wynn dann doch, als er eine riesige Kleiderkammer entdeckt und kombiniert, dass diese einmal Abbys Mutter gehören musste. Wir werden das präsentiert bekommen, da bin ich ganz sicher.

Ein wichtiger Teil nimmt sein Ende. Das Feld ist gut bestellt.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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