Dark Land – Band 6, Verlorene Seelen

Rafael Marques ist den Fans der Sinclair-Reihe kein Unbekannter. Sein Debüt gab dort er mit Band 1957 „Aibons Höllensee“. Verlorene Seelen ist jedoch sein erster Roman für die momentane Über-Serie DARK LAND, wo er mehr als richtig ist, weil man sein Faible für das Noir-Genre jeden Augenblick zu spüren bekommt.

Abby und Wynn zieht es darin erneut zum Hafenviertel, um auf Largos Boot vielleicht doch noch einen Hinweis zu finden, der sie zum Mörder von Wynns Mutter führt. Largos Boot finden sie dort nicht, werden aber Zeuge einer gewaltigen Bedrohung, die sich von dort aus dem Nebelring, der um Twilight City liegt, schält. Diese Bedrohung stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten: Es handelt sich um die Ankunft des „Schiffs der Toten“, das in ganz TC für Panik bei Dämonen und Menschen gleichermaßen sorgt. Im ersten Drittel des Romans baut Marques einerseits die bis dahin völlig rätselhafte Bedrohung Stück für Stück auf, die wie ein unaufhaltsames und mächtiges Unwetter heran brandet, die aber dennoch alles andere als ein gewöhnliches Unwetter ist – und andererseits hat er seine Figuren jederzeit im Griff, die vor dieser rätselhaften „Wolke“ fliehen. Marques nutzt Abby und Wynn für das Fortschreiten der Geschichte und setzt somit einen fast musikalischen Kontrapunkt gegenüber dem, was da langsam, aber beständig über TC hereinbricht. Und eben nicht zum ersten Mal. Gleichzeitig baut der Autor ein weiteres Spannungsfeld auf. Es handelt sich um den Dämon Rakk, auf den Wynn, während ihrer Flucht vor der Wolke, aufmerksam wird. Diese Figur zeichnet Marques bis zum Schluss konsequent und gekonnt so, dass nicht klar wird, wie sie einzuordnen ist.

Herrlich skurril: Rakk ist ein Echsendämon und stellt sich Wynn und Abby als Dienstleister vor. Dabei trägt das „Krokodil“ Hut und Outfit eines Privatdetektivs der 20er Jahre. Man denkt an Chandlers Marlowe – und Reminiszenzen sind natürlich beabsichtigt, was dann für Kenner auch den Hauch einer Metaebene versprüht.

Rakk ist nun derjenige, der mit den „Jägern der verlorenen Seelen“ Kontakt aufnehmen will, denn es schimmert durch, dass er, innerhalb dieser Wolke, einen Auftrag zu erledigen hat. Nun weiß allerdings niemand, wie diese Jäger ihre Opfer auswählen und woher sie eigentlich kommen. Rakk aber vertraut einer seltsamen roten Patrone, deren magische Kraft ihn gegen diese mächtigen Wesen schützt.

Obwohl Wynn und Abby der dubiosen Gestalt, die ihnen immerhin das Leben rettet, misstrauen, ist es doch Wynn, der durch Rakk eine Gelegenheit sieht, sich dem Phänomen der Jäger entgegenzustellen. Und hier trennen sich zum ersten Mal die Wege Abbys und Wynns. Es stellt sich im Verlauf der Handlung heraus, dass auch das das klug bedacht ist, denn Marques treibt das Ganze in der Folge auf die Spitze, und mit Abby im Verbund wäre erstens nicht ausreichend Platz, das Abenteuer im Heft zu Ende zu führen, und zweitens hätte Abby in der Wolke (oder auf dem „Schiff“) nicht die geringste Chance gehabt, zu überleben. Denn im Grunde kann die Jäger niemand überleben.

Wynn und Rakk werden also von den Jägern geholt, weil Rakk diese durch ein Ritual anlockt. Ich muss gestehen, dass dieser Roman den bisherigen Höhepunkt der ganzen Serie darstellt, die ohnehin schon unglaublich ist. Waren alle anderen Teile rasant und spannungsgeladen vorgetragen, schlägt bei Marques noch das völlig rätselhafte Superlativ zu Buche. Die jetzt folgenden Schilderungen – denn Wynn verliert nicht wie alle anderen sein Leben beim Eintritt in die Wolke – sind nicht weniger als atemberaubend phantastisch. (Rakk verliert zwar sein Leben ebenfalls nicht, aber das hat andere Gründe. Wir erinnern uns: er hat das rote Projektil, das ihn schützt). Wynn erkennt einen Schlangenleib von unendlichen Ausmaßen, ohne Anfang und scheinbares Ende. Eine Stimme, die nicht zu lokalisieren ist, spricht ihn an. Sie teilt ihm mit, dass er anders ist und deshalb verschont wurde. Das Wesen stellt sich vor: „Ich bin der Richter.“ Und es sei eine Ehre für Wynn, dass er ihn jetzt zu einem seiner Todesengel machen werde. Nun, das Urteil, das „der Richter“ über Twilight City verhängt, gefällt Wynn nicht, aber dieser Dialog ist, wie vieles andere auch, besser nachzulesen.

Rakk rettet auch diesmal Wynns Leben mithilfe dieses mysteriösen roten Projektils, das er diesmal allerdings abfeuert. Es scheint ohnehin das einzige zu sein, was die Jäger und ihren Herrn aufhalten kann. Marques fasst gegen Ende ganz gut zusammen, was für Fragen bleiben:

  • was weiß Rakk wirklich über das Schiff, und
  • was hat es mit dieser roten Kugel auf sich gehabt und gab es mehr von der Sorte?

Ein einziger Kritikpunkt sei hier in einem wahnwitzigen Abenteuer vermerkt: der Schluss wirkt im Gegensatz zur wohldosierten Geschichte – wie es im Heftroman oft der Fall ist – sehr schnell zu einem Ende geführt. Das ist verständlich, weil Marques die Handlung ziemlich hoch fährt, nichtsdestotrotz ein wenig fadenscheinig.

Die Verweise zu John Sinclair

Rafael Marques ist bisher der einzige Autor, der direkt auf John Sinclair verweist. Bisher wirkten die eingeschobenen Sätze der anderen Autoren – nämlich, dass Wynn alias Johnny Conolly seine Mutter rächen wolle – mehr wie eine Pflichterfüllung, die noch einmal an dessen Motivation gemahne sollte. Jetzt aber liest man folgendes Zitat:

„Er dachte daran, wie er schon mehrfach dem Tod ins Auge gesehen und ihn besiegt hatte. Wynn hatte sogar selbst Dämonen vernichtet. Auch wenn seine Mutter nie etwas davon hören wollte, hatte er doch immer mit dem Gefühl gelebt, eines Tages der Nachfolger des Geisterjägers werden zu können.“

Ein Hinweis auf weit tragende Pläne? Ich muss an dieser Stelle auf die Spekulationen im John Sinclair Forum (auf gruselroman-forum.de) verweisen, die sich im Vorfeld der Serie schon darum rankten, wie diese sich entwickeln könnte und was danach kommt. Hier die interessante Parallele zu obigen Zitat von Horror-Harry:

Wie JS-Fans ja wissen, ist John der Patenonkel von Johnny. Damit gehen auch gewisse Verpflichtungen einher. (Wenn z.B. Johnny im Kindesalter seine Eltern verloren hätte, dann hätte sich John um ihn kümmern müssen). Nehmen wir mal an, Sheila und Bill würden wirklich sterben, dann könnte Johnny von John adoptiert werden. Somit würde John Conolly (Johnny ist ja nur sein Spitzname) zu John Sinclair jr.
Nun könnte man den „echten“ John sterben lassen, woraufhin seine Seele ihre Bestimmung findet und zum Teil des Sehers wird. Johnny wird nun zum neuen Helden der Serie (und wird dabei vom Seher unterstützt). Auf diese Weise bräuchte man nicht mal den Titel der Serie zu ändern und hätte zugleich einen „verjüngten“ Helden.
Diese Spin-off-Serie (von der wir ja noch nicht wissen, auf wieviele Bände sie angelegt ist) könnte nun dazu dienen, aus Johnny einen erfahrenen Kämpfer zu machen. (In der Anderswelt wird er sich ja beweisen müssen, um zu überleben). Am Ende kehrt er merklich gereift und „härter“ zurück, bereit „sein Erbe“ anzutreten.
In dieser Spin-off-Serie könnte der Leser nun quasi die Reifung des neuen John Sinclair miterleben …

Noch ein zweiter Hinweis findet sich im Roman ein paar Zeilen weiter unten:

„Wynn sah sich jetzt nicht als Geisterjäger an […]. Aber er war jemand, der sich schützend vor Unschuldige stellte und versuchte, sie vor den Mächten der Finsternis zu schützen. John Sinclair sah das sicher ebenso, und wenn Wynn wirklich ein Nachfolger seines Patenonkels werden wollte, musste er das einfach unter Beweis stellen.“

Dennoch: DARK LAND baut weiter Rätsel um Rätsel auf, so dass kaum abzusehen ist, in welcher Spanne sich diese alle halbwegs schlüssig lösen lassen. Hält die Gunst der Leser an, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie allein schon aufgrund ihres Settings auf endlos angelegt ist. Man könnte also. Will man?

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.