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Dark Land – Band 5, Abtrünnig

Während ich diese Zeilen schreibe, hat uns Marc Freund, der sich für Band 5 verantwortlich zeichnet, bereits ein Interview gegeben. Die beiden Artikel erscheinen zeitgleich und ich muss zum Autor keine großen Worte machen, denn die findet Marc für sich und seine zahlreichen Projekte sehr gut selbst.

Heute werden wir einer Gruppe von Abtrünnigen begegnen, gläsernen Puppen, die es wahrlich in sich haben, und einem fulminant gescheiterten Fluchtversuch beiwohnen.

Dies ist nicht nur der erste Beitrag von Marc Freund, sondern nebenbei auch der erste Band mit einer Leserseite. Erwähnenswert ist sie deshalb, weil sie etwas anders funktioniert, als man das von Leserseiten gemeinhin gewohnt ist. Der Verlag hat sich für unser derzeit liebstes Kind etwas Besonderes einfallen lassen, denn diese Leserseite korrespondiert zeitweise (wenn gerade nicht ein Autorenportrait vorliegt oder eure Briefe veröffentlicht werden) mit der jeweiligen Handlung. Es handelt sich hierbei um Meldungen aus dem “Twilight Evening Star”, die ein gewisser Nigel Night verfasst – der Starreporter des TES. Da ich in einem späteren Band, wo es notwendig wird, etwas ausführlicher darauf eingehe, lasse ich das hier vorerst weg.

Man merkt Marc an, dass er mit einem kriminalistischen Sujet umzugehen weiß. Er setzt seine Akzente ja auch in diesem Bereich, wobei die Phantastik bei ihm nirgendwo zu kurz kommt. Allein schon aus diesem Grund passt er zu Dark Land wie der Sarg zum Vampir.

Bereits in der Anfangssequenz treffen wir unter unguten Voraussetzungen unseren alten Bekannten Norek wieder. Er hat sich mittlerweile einer Gruppe von Abtrünnigen angeschlossen, die Twilight City durch ein vermutetes Dimensionstor für immer verlassen wollen. Dazu hat sich die Gruppe extra einen Kompass angefertigt, etwas, das es in TC – weil in der Regel nicht zu gebrauchen – nicht gibt. Noch erscheint uns die Stadt unerbittlich vom Nebel umgeben, und keiner hat sie je verlassen, keiner weiß, was hinter diesem Nebelring liegt. Anfangs war es ein Gerücht, das in gewissen Kreisen die Runde machte: es soll einen Weg geben. Und Norek ist hierfür sozusagen der lebende (oder dämonische) Beweis. Allerdings wollte er die Welt, aus der Wynn alias Johnny ihn schließlich verfolgte, so schnell wie möglich wieder verlassen. Wer das noch nicht weiß, der sollte so schnell wie möglich die John Sinclair 2000er Trilogie zur Hand nehmen und das ganze Unglück nachlesen. Nur um jetzt doch wieder dorthin zu gelangen? Nun, Grecko und seine Bande haben mehr im Sinn als einen Landausflug, und man kann sich sehr gut vorstellen, dass eine ganze Horde übelster Dämonen den Menschen, die Norek sogleich als schwach identifiziert hatte, ordentlich einheizen könnte. Außerdem hat er in Twilight City auf Dauer schlechte Karten. Seine Ruhe wird er hier nicht mehr finden – und sehen lassen kann er sich längst nicht mehr überall. Das alles mag ihn schließlich dazu bewogen haben, sich dem Vorhaben anzuschließen.

Der Panthermann (Bild: arsalan-design)

Figuren wie die beiden ungleichen Ermittler Bella Tosh und der Panthermann Kajahn erscheinen unter Freunds Federführung wie ihm auf den Leib geschneidert. Obwohl die beiden von Beginn an eine gewichtige Rolle in der Entwicklung des großen Spannungsbogens spielen, schlägt hier zum ersten Mal wirklich ihre Stunde. Sie setzen die beiden Verbrecher (Cort, ein Dämon, der Grecko als Verräter gilt – und Nolan, ein Mensch und Mitläufer) im Hafenviertel ab. Der Druck, nicht ins Gefängnis zu müssen, spielt dabei mit. Nur einer von ihnen wird überleben und die beiden Ermittler in eine Falle locken: Nolan, den Norek zum Hauptquartier der Bande von Abtrünnigen schleppt. Cort, den Dämon hat Norek gleich an Ort und Stelle aus purer Lust am Töten zerfetzt.

Anbei ist es merkwürdig, dass es einen derart großen und unübersichtlichen Hafen gibt, an dem die Zahl der Schiffe nicht gerade gering ist, wo doch niemand die Nebelwand durchdringen kann. Einen anderen Ort – Sinatown einmal ausgenommen – scheint es hier nicht zu geben. Freilich gibt es die Fischerei in diesen ominösen Gewässern, aber ob die so ertragreich ist, um diesen Hafen zu begründen? Es dürfte ein weiterer Fakt sein, dass nicht nur keine Schiffe auslaufen, es kommen auch keine an. Das müssen wir für den Augenblick so akzeptieren, denn – oh ich sage euch – die Erklärung für den Hafen wird in der Vergangenheit zu suchen sein, nur wissen wir davon natürlich noch nichts. Und wie wir bald sehen werden, gibt es durchaus Dinge, die in Twilight City ankommen.

Was treiben eigentlich Wynn und Abby? Sie spazieren missmutig durch die Stadt, um irgendwie durch Zufall Noreks Spur wiederzufinden. Was soll man sagen? Das Schicksal ist ihnen hold in Form eines heruntergekommenen Junkie-Vampirs (wir erinnern uns an die süchtigmachenden Blutegel, über die wir in den ersten beiden Bänden von Graham Grimm gemeinsam mit Wynn gestolpert sind), der ihnen die neuesten Informationen über Norek verkaufen will. Der lädierte Vampir hatte nämlich läuten hören, dass der Schnabeldämon sich zuletzt in der Nähe des Hafens herumgetrieben hat.

Der Hafen also. Die Dinge fügen sich.

Kajahn und Tosh, die nicht mehr länger auf die beiden Informanten warten wollen – schließlich ist ihr Unternehmen keineswegs von ihrer Vorgesetzten Statesboro abgesegnet – sind gerade dabei, das Hafenviertel zu verlassen, als ihnen ein blutüberströmter Nolan vor die Kühlerhaube läuft. (Das Timing funktioniert hier des öfteren ausgezeichnet.) Der erzählt ihnen, dass er Grecko und seiner Bande mit Mühe entkommen ist, nachdem sie ihn in eine stillgelegte Fabrik brachten.

Tosh: “In Ordnung. Können Sie uns hinbringen? Zur Fabrik, meine ich.”

Nolan: “Ich denke schon.”

Damit beginnt ein actiongeladenes Finale, das man im Film nicht effektvoller inszenieren hätte können.

Es ist beileibe keine Seltenheit, dass zwei unterschiedliche Handlungsstränge gut akzentuiert aufeinander zu rasen. Deshalb ist es aber nicht weniger eine Kunst, in allen beiden Szenebildern eine gewisse Atemlosigkeit zu hinterlassen, die sich ungefähr auf gleicher Höhe entladen, bevor sie sich am Ende begegnen. Daran erkennt man den geübten Autor, und es entsteht das, was man “Thrill” nennt. Marc Freund wackelt scheinbar nur gegen Ende etwas, als die Szene auf dem offenen Meer eskaliert, denn es versteht sich fast von selbst, dass Wynn und Abby schließlich auf Greckos Schiff landen, das sinnigerweise Escape genannt wird, dazu verurteilt, mit der ganzen Bande das Dimensionstor – gottweißwohin – zu passieren. Ohne den Fischer Largo hätten sie das allerdings nicht geschafft. Der nämlich rettet sie erst vor Greckos Froschmenschen, und bringt sie dann zumindest in die Nähe der Escape.

Es bleibt nicht aus, dass sich Wynn auf der Escape mit Norek anlegt, mehr noch: es kommt zu einem offenen Kampf. Im Grunde ist es kaum glaubhaft, dass Wynn dem Schnabeldämon im direkten Vergleich gewachsen wäre – in der Praxis sieht das oftmals anders aus, was immer auch an einer gewissen Verzögerungstaktik der Autoren liegt. Im letzten Band hätte Norek den bewusstlosen Wynn mit einem Stein erschlagen können (bis ihn die Wölfin rettete), und hier ist es Wynn, der seine Gelegenheit verstreichen lässt, auch wenn man das bei diesem äußerst gut geschilderten Kampf gar nicht sagen sollte. Was den Kampf nämlich eigentlich beendet, ist … ein gewaltiger Krake, der das Schiff zertrümmert, bevor das Dimensionstor – wenn es sich denn um ein solches handeln sollte, was keineswegs klar ist, erreicht wird.

Dass Abby, Wynn und Norek im Chaos der Zerstörung und Gefahr im gleichen Rettungsboot landen, um dem Untier und dem Sog des sinkenden Schiffes zu entkommen – und dass es der schwerverletzte Norek ist, der ihnen das Leben rettet, weil er im Alleingang wie ein Verrückter das Boot zum Hafen paddelt, gehört schon der Kategorie ‘ungläubiges Staunen, das einen befällt’ an. Aber Freunde! Das ist nichts, worüber wir uns beschweren können, denn wir werden hier bestens unterhalten und haben es doch hoffentlich nicht nötig, uns über Szenen zu beschweren, die wir so nie erwartet hätten.

Tosh und Kajahn sitzen in der Fabrik in der Falle. Und auch hierfür ist Norek verantwortlich. Bevor er nämlich auf der Escape erscheint und mit Wynn in den Zweikampf tritt, sorgt er dafür, dass das Gebäude seine Gitter herunterlässt und zündet es an. Dabei lauert im Innern eine Gefahr, die sich an Einfallsreichtum wirklich sehen lassen kann: hunderte von künstlichen gläsernen Menschen marschieren auf Tosh und Kajahn zu. Das Perfide an der Sache ist: werden diese Glasmenschen beschossen, explodieren sie in einem gewaltigen und tödlichen Glasregen. Und die beiden haben wirklich ihre liebe Mühe, dieser eigentlich aussichtslosen Situation zu entkommen.

Wie erwähnt bieten uns beiden Handlungsstränge das Äußerste. Und Marc Freund fügt sich mit diesem Band nahtlos in den Grundtenor der Serie ein.

 

 

 

 

 

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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