Dark Land – Band 4, Sinatown – Stadt der Sünde

Der vorliegende Band ist etwas gesondert zu betrachten. Wir verlassen nämlich Twilight City, oder – wenn man so will – steigen tiefer hinab. Zwar ist Sinatown nach wie vor ein Stadtteil von TC, aber dort gelten andere Gesetze, die Twilight City dagegen wie eine gut bürgerliche Stadt wirken lassen. In Band 4 führt Uwe Voehl uns ein in die „Stadt der Sünde“, wir erfahren also eine lohnenswerte Erweiterung der Welt, in der sich Johnny Conolly alias Wynn jetzt aufhält. Nicht gerade wenige Leser hoffen, für immer. Und das sind nicht etwa die Herzlosen unter uns, sondern jene, die sich hoffnungslos in die Serie verliebt haben. Möglichkeiten, das so zu handhaben, gibt es – und ich denke, es wird von der Gunst der Leser abhängen, ob das auch wirklich eintritt.

Sir Roger teilt Wynn mit, dass sich Norek nach Sinatown geflüchtet hat, die Stadt, die sozusagen eine Frei-Zone für jede Art von Vergnügen ist, eine Art apokalyptische Reeperbahn.

Überhaupt scheint Sir Roger über vieles Bescheid zu wissen, ohne dass man wüsste, was er eigentlich beabsichtigt. Zwar wirkt der Vater von Abby – nicht zuletzt im Verbund mit seinem dämonischen Diener Esrath – wehrhaft, aber nicht gefährlich oder durchtrieben. Man bekommt jedoch eine Ahnung davon, dass die eventuell täuschen könnte. Abby selbst traut ihrem Vater nicht und erklärt Wynn oft genug, dass er das besser auch nicht tun sollte.

Sinatown also. Ein pures Chaos, ein undurchschaubares Labyrinth aus Gassen, Treppen und Unterführungen. Eine wimmelnde Enklave, in der Dämonen wie Menschen ihren meist illegalen Geschäften nachgehen und ihren Trieben freien Lauf lassen. Waffen, Drogen, Schadenszauber. Hier gibt es alles, was in Twilight City verboten ist. Sicher, auch das gemahnt noch an die uns bekannte Realität. Es gibt aber noch ein wichtige Besonderheit. Sinatown ist nämlich auch der Ort, an dem sich Sinawa und Rakshasa um die Vorherrschaft bekriegen. Einst ein Götzen-Paar, jetzt fürchterlich zerstritten, sind dies die beiden treibenden Kräfte in diesem Moloch. Und am Ende des Bandes werden wir eine Menge mehr über die Affengötzin Sinawa wissen, aber genauso viele Fragezeichen im Gesicht haben. Die Geschwindigkeit, mit der die Serie vor uns ausgebreitet wird, ist gerade in ihren Anfängen immens. Und genau das macht ihre Stärke aus. In derartiger Manier wurden wir noch niemals durch die Seiten gepeitscht.

Spannungsroman - was ist das eigentlich? Nun, zunächst einmal das genaue Gegenteil von Langeweile. Der Leser ist nicht nur gespannt auf das, was vorher geschah, sondern auch auf das, was weiter geschehen wird, er rätselt über die Vergangenheit ebenso wie über die Zukunft. Laut Todorov  (ein Philosoph und Literaturwissenschaftler, der sich entscheidend über die Phantastik ausgelassen hat) sind es aber gerade die Elemente "mystery", "aufklärung" und "action", die im gleichen Text vorhanden sein müssen, um von einem Spannungsroman zu sprechen. Um die Rätsel der Serie müssen wir uns keine Sorgen machen, die gibt es zuhauf, von mangelnder Action kann ebenfalls keine Rede sein - und was die Aufklärung betrifft, will man diese ohnehin nicht an einem Stück erfahren, sondern wohl dosiert, wenn eben das Nicht-Wissen langsam unerträglich wird. Und gerade da leckt das Zünglein über die Waage. Wie Wynn haben wir keine Ahnung von der Welt, in die wir geraten sind. Und wie Wynn entblättern wir diese Welt Stück für Stück, in dem wir ihn begleiten. Es könnte also bis dato nicht besser laufen.

Logan Dee alias Uwe Voel setzt uns jetzt nicht etwa in Sinatown ab, wie das ja durchaus im Rahmen des schnellen Stils möglich gewesen wäre. Dann aber hätten wir auf Entscheidendes verzichten müssen, und auf das, was ein echtes Highlight ist. Wynns Reise dorthin, die er nicht ohne Abby antritt, die sich wieder einmal aus Sir Rogers Obhut windet und Wynn heimlich nachschleicht, als dieser sich aufmacht, den Dampfer zu erwischen.

© Ida M. Andersen, 2007

Bevor die beiden die Fähre, die sie über den Long River gen Sinatown bringen soll, überhaupt betreten, werden sie gleich zweimal übers Ohr gehauen. Ein gelungener atmosphärischer Auftakt also zu dem, was die beiden erwartet. Auf der Fähre selbst mischt sich Wynn ein, als drei Vampire eine scheinbare Artgenossin in die Mangel nehmen – das wird ihm später das Leben retten, denn auch hier wäscht oftmals eine Hand die andere. Die er da – nicht ganz ohne Zweifel (schließlich ist er immer noch jemand, der es gewohnt ist, gegen Dämonen zu kämpfen) – rettet, indem er die heruntergekommenen Gestalten vertreibt, entpuppt sich später als Wölfin, die sich ihm als Senta vorstellt. Sehr sinnig, denn Senta bedeutet „Die Helfende“.

Wynn vermutet Norek, aufgrund einer einfachen Rechnung, ebenfalls auf dieser Fähre, denn die Zeitspanne, in der die Fähren übersetzen war in diesem Fall groß genug. Abby hatte er nach dieser Erkenntnis einfach stehen gelassen. Er beginnt damit, das Schiff nach seinem Feind zu durchsuchen – und im untersten Deck findet er ihn auch.

Jetzt beginnt etwas, das sich in der ganzen Serie als etwas Ambivalentes gestaltet: Norek flieht nämlich wieder einmal vor Wynn. Die Autoren fassen den Kraak stets ein wenig unterschiedlich an. Auf der einen Seite ist er kaltblütig, mörderisch, und im Grunde natürlich jedem Menschen überlegen, auf der anderen Seite flüchtet er. Man mag einwenden, dass dies zu Noreks unberechenbarer Strategie gehört – und ich mag das so stehen lassen, allein deshalb, weil er für die momentane Dramaturgie wichtig ist. Die Serie läuft noch nicht lange, und wenn man ihn bereits jetzt aus dem Spiel nähme, was bliebe dann als Aufhänger übrig? Oh, man arbeitet sich vor, man schafft nebenbei Raum für eine lange Reise, aber im Augenblick brauchen wir den „Schnabeldämon“, so lange nämlich, wie wir nicht wissen, wohin sich die Serie entwickeln will. Mit diesem Band – und in den folgenden – tun sich bereits Welten auf. Es wird ein Backstein auf den anderen gesetzt, wir Leser haben keinen Grund zu klagen.

Was ist denn da im Wasser?

Wynn setzt dem Kraak nach und beide stürzen sie vom Schiff in den mörderischen Fluss. All die Toten, die im Long River ums Leben kamen, tummeln sich dort – und die wollen ihr Opfer. Wynn überlebt, weil Norek die fettere Beute ist. Ein wenig merkwürdig ist auch das, denn wieso sollte sich der Fluss nur mit einem Opfer abgeben wollen? Dramaturgie natürlich auch hier.

Wynn treibt im Fluss und wird ohnmächtig; als er erwacht, liegt er auf dem Festland, aber Norek – schwer verletzt durch die Toten im Fluss – beugt sich mit einem Stein über ihn. Warum nutzte der Kraak die Gunst der Stunde nicht, um Wynn gleich um die Ecke zu bringen? Ganz einfach: weil die Serie sonst zu Ende wäre. Überhaupt schleichen sich im feindlichen Verhältnis zwischen Wynn und Norek mehr und mehr Ungereimtheiten ein, denn auch Wynn zeichnet sich hier und da durch Zögerlichkeiten aus, die aufgrund des geschilderten Hasses der beiden aufeinander etwas fragwürdig wirkt.

Sei es wie es ist – Wynn wird von der Wölfin gerettet – jener Frau also, die er seinerseits auf dem Schiff vor den Vampiren gerettet hatte. Sie schlägt Norek in die Flucht, päppelt Wynn auf und verschwindet wieder. Schließlich ist Wynn nicht mehr weit von Sinatown entfernt. Die Zinnen der Stadt sind bereits zu sehen.

Viel gesehen haben wir von Sinatown noch nicht, aber das wird sich in einem furiosen Finale ändern. Abgesehen von Wynns Konfrontation mit dem Schnabeldämon kommen wir nun nämlich zum zweiten Erzählstrang, mit dem der Band eigentlich in einer opening scene beginnt, die nun wieder aufgenommen wird und zum Schlussakkord wird.

Papa hat Hunger

Zugegeben: der von Logan Dee benutzte Begriff „Shoggot“ für einen Widergänger – einen Sklaven der Affengötzin – mag etwas unglücklich gewählt sein, weil man automatisch an Lovecraft und seine „Shoggothen“ erinnert wird, der uns in „Berge des Wahnsinns“ eine Menge darüber erzählt. Anfangs hat mich das etwas gestört, andererseits darf man aber nicht vergessen, dass Lovecrafts Cthulhu-Mythos mittlerweile zum Allgemeingut der Phantastik gehört – und im Grunde ja schon immer gehörte; und: ein Shoggot ist noch lange kein Shoggothe. Alles klar? Dann fahren wir fort.

Wynn oder Hänsel?

Im Geschäft der 1000 Wunder taucht also eines Tages der tote Vater des jetzigen Ladenbesitzers auf und hat Hunger. Das wäre gar nicht so wild, wenn nicht das Überleben des Sohnes und des Großvaters (der noch lebt) davon abhinge, diesen Hunger zu stillen. Nicht wegen des wiedergekehrten Vaters allein, sondern, um nicht zwischen den Fronten des Krieges zwischen der Afffengötzin Sinawa und Rakshasa zermalmt zu werden. Großvater und Enkel beschließen in der Folge, ihr Geschäft mehr oder weniger aufzugeben, um sich der Fütterung zu widmen, die ein Fulltime-Job ist. Wynn gerät – sozusagen als seine erste Amtshandlung – in die Falle der Familie und landet wie einst Hänsel in einem Käfig.

Allerdings kann er, als er an einen anderen Ort gebracht werden soll, seine in dieser Sache unerfahrenen Gegner überwältigen. Interessant ist hingegen, dass sich auch Abby in einem Käfig befindet. Und so sehen sie sich doch endlich wieder. Es sieht durchaus nach einem argen Zufall aus, den wir hier ertragen müssen, aber so schlimm ist es beim Lesen gar nicht. Wir erinnern uns: Dramaturgie. Und schließlich erfahren wir, dass Abby unbedingt nach Sinatown wollte, um Sinawa, der Götzin einen Besuch abzustatten. Sie nämlich gilt als Orakel, und Abby brennt eine Frage auf der Seele, nämlich die, wie ihre Mutter ums Leben gekommen ist. Das spült die Frage nach Sir Roger wieder nach oben, denn: warum erklärt der Vater der Tochter das nicht? Wir können also davon ausgehen, dass Sir Roger eines Tages in einem großen Fokus stehen wird – auch, was Wynn betrifft, denn Selbstlosigkeit wird es wohl kaum gewesen sein, die ihn dazu veranlasste, Wynn vor dem Gefängnis zu bewahren und bei sich aufzunehmen. Und auch Sir Rogers Aussage,  „Wynn, ich glaube an dich“, überzeugt uns keineswegs.

In diesem phänomenalen Band geht fast unter, dass unser „zweites Figurenkabinett“, nämlich Tosh und Kajahn, nicht weniger zur Spannung beitragen. Mal kreuzen sich die Wege von Wynn, Abby, Tosh und Kajahn direkt, mal pendeln diese beiden „Blöcke“ nur in Sichtnähe. Hier nun erfahren wir, dass auch Tosh eine brennende Frage auf dem Herzen brennt – kontrastierend nämlich zu Abby will sie den Tod ihres Vaters aufklären, der einige Ungereimtheiten birgt. Das tut sie heimlich, aber auch sie hat eine Spur: Sir Roger!

Zum Abschluss des Bandes gelangen Wynn und Abby also in den Palast Sinawas – und es stellt sich als eine gewaltige Herausforderung heraus, diese Begegnung zu überleben. Das Orakel hat nämlich ein paar unbequeme Eigenschaften und einen tödlichen Spieltrieb. Mit Finesse gelingt es den beiden, Sinawa doch noch ihre Fragen stellen zu können.

Band 4 heizt das Abenteuer noch einmal richtig an, wir erfahren eine Menge, aber gleichzeitig steigert sich unser Fragenkatalog ins Unermessliche. Und spätestens jetzt wird wohl jedem Leser klar werden, dass er einem phantastischen Abenteuer beiwohnt, das im Moment das alles beherrschende Thema der Heftromanszene ist.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.