Dark Land – Band 3, Grauen im Rampenlicht

Graham Grimm hat in seinen ersten beiden Bänden also den Grundstein der Serie gelegt. Es ist sozusagen angerichtet. Und wer immer sich hinter dem Namen Graham Grimm verbirgt (wir werden es natürlich eines Tages herausfinden), hat das Stöckchen an einen anderen weitergegeben. Und von dem wissen wir eine Menge mehr. Es ist nämlich kein geringerer als Uwe Voehl, der sich hier das Pseudonym Logan Dee zugelegt hat, das ein wenig an seine Vampir-Horror-Roman-Vergangenheit erinnert, als er sich Logan Derek nannte. (Die Älteren unter uns erinnern sich). Auch er kommt gleich mit einer Doppelnummer ums Eck. Band  3 und 4 stammen aus seiner Feder.

Abgesehen davon, dass er das Abenteuer Twilight City nahtlos und problemlos übernimmt (wie alle Autoren bisher), bringt er sich selbst natürlich mit. Uwe Voehl greift nicht erst seit Neuestem auf die asiatische Mythologie zurück, was wir vornehmlich in Band 4 bemerken, wenn der ehemalige Stadtteil Sinatown vorgestellt wird. Schon der Begriff „Sinatown“ ist hier aussagekräftig wie er nur sein kann. Überhaupt bewegen sich die Autoren gar nicht so weit von unserer Welt weg und streuen immer wieder Metaebenen ein. Einer der wesentlichen Unterschiede mag sein, dass sich hier alles, was möglich ist, auf eine einzige Stadt zu konzentrieren scheint. Eine eigentliche „Welt“ ist bisher unbekannt. Das schließt im Grunde die Annahme, es handle sich tatsächlich um eine andere Dimension, aus. Das täuscht. Denn es gibt etwas hinter dem undurchdringlichen Nebelring, der die Stadt umschließt. Nur wissen wir noch nicht, was es ist.

03 Grauen im Rampenlicht

Doch zunächst sehen wir uns Band 3 etwas genauer an. Da werden wir erneut in den berüchtigten Nachtclub Ripp Tide geführt, wo wir einer Szene beiwohnen, die direkt aus einem Grand-Guignol-Theater stammen könnte. Im Grunde eine Mordszene auf offener Bühne, mit viel Blut und möglichst realistisch. Die Hauptakteure sind der „Schnabeldämon“ Derek, der, wie wir später herausfinden werden, ein Bruder des von Wynn gesuchten Norek ist, und auf den Wynn vor seiner Verurteilung und Rehabilitierung irrtümlich losgegangen war.

Rückblende: Obwohl das Haus, in dem Wynn jetzt bei Sir Roger und Abby lebt, umgeben ist von unpassierbaren Dämonenfallen, gelingt es Norek, der Wynns Mutter getötet hat, diese zu überwinden. Er steht nun vor dem Haus und beobachtet die Fassade. Was will er? Bis heute ist das eine Episode, die uns nicht ganz einleuchtet. Erst später werden wir etwas schlauer sein, denn scheinbar gibt es zwischen ihm und Sir Roger ebenfalls noch eine Rechnung zu begleichen. Warten wir diesen Verlauf einmal ab.

Im Folgenden lernen wir eine neue Figur kennen. Eine sogenannte „Healerin“. Es ist jenes Mädchen, das sich im Ripp Tide Abend für Abend den gefährlichen Aufführungen hingeben kann, weil sie die Gabe besitzt, selbst schwerste Verletzungen äußerst schnell wieder auszukurieren. Marylyn. Das ist natürlich erneut eine Meta-Spielerei, denn nicht nur ihr Aussehen erinnert an die Monroe. Marylyn ist hier der Star der Mitternachtsshows und vor allem in dem furiosen Stück „Die Rache des Menschengeiers“ gefragt.

„Wenn erst in der Presse ihr Name als Schauspielerin stehen würde … erst im kulturellen Teil, kurz danach velleicht schon auf der Titelseite, wenn sie irgendeine Affäre mit einem Promi beginnen würde.“

So wie auf diesem Tattoo könnte die Twilight-Marilyn ausgesehen haben.

Das könnte die Monroe sein? Nein, sie ist es! Allerdings als Twilight-Ausgabe. Und da ändert auch das zweite „y“ in der Schreibweise nichts.

Derek, der Kraak (wie die Schnabeldämonen hier genannt werden) ist ein gänzlich anderer Zeitgenosse als sein Bruder Norek. Überhaupt, so erfährt Wynn, ist Norek das schwarze Schaf der ganzen Brut. Und wo dieser sich gerade aufhalte, das wisse der Bruder angeblich nicht, aber seine Mutter, die in telepathischem Kontakt mit allen Familienmitgliedern steht, wisse es vielleicht. Wynn und Abby brechen also auf zur Kraak-Mutter, nur kommen sie da vorerst nicht an, denn Norek beginnt jetzt seine bis hierhin geschilderte „Blässe“ zu verlieren und zu einem wirklich durchtriebenen Gegenspieler zu werden. Sicher, das war er die ganze Zeit über, aber das steigert sich von nun an kontinuierlich. Denn hinter den Kulissen hat Norek seinen Bruder längst schon bedroht und dazu gezwungen, an Wynn und Abby falsche Informationen zu verteilen, so dass er sich sicher sein kann, dass sie in ihr Verderben rennen.

Bevor wir nun nach Sinatown kommen, lernen wir kurz, aber bereits eindrücklich ein anderes Stadtgebiet kennen, sozusagen ein Ghetto von TC: Blackpool. Dorthin nämlich geht die Reise mit einer … Straßenbahn, die allerdings aus Sicherheitsgründen nicht überall hält. In der Straßenbahn sind kaum Menschen zugegen, überhaupt gehören diese in TC eher zur upper class, ganz im Gegensatz zu den zahlreichen Dämonen. Ich habe schon erwähnt, dass das alles auf bizarre Weise etwas an ein früheres New York erinnert, so dass es keine Schwierigkeiten macht, gerade die nichtmenschlichen Bewohner von TC als durchmischte Ethnien zu identifizieren. Bevor jetzt allerdings wieder einige Idioten aufgrund dieser Bemerkung aufschreien: Sie hat keine politische Relevanz. Die Probleme der fiktiven Welt, in der diese Serie spielt, sind Synonyme – und kein Statement.

Abby und Wynn fahren also durch das gefürchtete Blackpool bis zur Haltestelle „Darkwater“. Und Abby erklärt Wynn auch gleich, wie es zu diesem Namen kam:

„Vor meiner Geburt war das alles hier, wie in ganz Blackpool auch, ein riesiges Industriegebiet. Eines Tages explodierte eine der Fabriken und hinterließ nur noch einen kilometergroßen Krater, der sich allmählich mit Regen, Grundwasser und dem giftigen Schleim füllte, der bei der Explosion freigesetzt worden war. Man sagt, dass allerhand merkwürdige Dinge darin hausen…“

Das Finale dieses Bandes hat es in sich, denn einerseits erfahren wir, dass eben auch Sir Roger hinter Norek her ist, wenn wir auch noch nicht wissen, warum – und andererseits lernen wir die ganze Grausamkeit Noreks kennen, der ohne mit der Wimper zu zucken nicht nur seinen Bruder, sondern auch gleich seine Mutter tötet, bevor er sich aus dem Staub macht. Alle Wege führen also nun nach … Sinatown, und hier kann Uwe Voehl in bekannter Manier aus den Vollen schöpfen.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.