Dark Land – Band 21, Die Erbin der Hexe

Als Tilda, die nach dem massiven Angriff der Hexen auf Baldwin House, mit dem Tode ringt, manifestiert sich ihre Mutter, um die Tochter zu retten. Das wäre beinahe für Esrath schlecht ausgegangen, der ebenfalls versucht, Mathilda zu retten. Seine Magie versteht sich mit der Hexenmagie jedoch nicht besonders gut.

Als nächstes steht die Befreiung Abbys an und Sir Roger ruft das Consortium zusammen. Mit ihnen und einer Menge Söldner zieht er gegen Witchmoor, um die Hexen zu vernichten. Als einziger Überlebender kehrt er mit der kleinen Abby zurück, nicht ohne selbst – zumindest seelisch – gezeichnet zu sein. Und dies macht ihn auch gegenüber seiner Frau zunehmend misstrauisch. Hier wird bereits klar, wie sehr er und sein Consortium sich dafür verantwortlich fühlen, zu verhindern, dass je wieder Hexen über Twilight City herrschen. Das mag einst Pflichbewusstsein gewesen sein aufgrund eines Machtmissbrauchs, von dem wir noch nichts wissen, doch Sir Baldwin offenbart in der Folge seine niederträchtige Persönlichkeit, die in diesem zweiten Teil der Schlüsselgeschichte ziemlich viel von dem offenbart, was wir uns von Anfang an fragen.

Was ist mit Abbys Mutter passiert?

Warum darf Abby nichts von ihr erfahren?

Was wusste Norek, das ihm dann zum Verhängnis wurde?

Das werden wir gleich erfahren. Nicht erfahren werden wir hingegen, warum – abgesehen von der Tradition – Baldwin Hexen so sehr hasst.

Als Sir Roger Baldwin ein Muttermal auf dem rechten Schulterblatt seiner Tochter entdeckt, stimmt Logan Dee in das allgemeine Dilemma der Serie ein, als er Esrath folgendes sagt:

„Wenn das Hexenmal, wie es die Chroniken behaupten, ein Zeichen des Teufels ist, das dieser ihnen nach dem Pakt auf die Haut brennt, so hieße das nicht mehr oder weniger, als daß es diesen Teufel auch gibt.“

Entweder fehlt allen an der Serie schreibenden Autoren das notwendige Bewusstsein, zu begreifen, welchen Stuss sie mit der immerwährenden christlichen Mythologie in DL fabrizieren, oder sie verfolgen damit einen Plan. Handelt es sich um allgemeine Aussetzer (oder sogar Wurstigkeit), kann man wohl nichts machen. Das würde die Serie für mich allerdings erheblich abwerten, denn von diesen Unachtsamkeiten gibt es mittlerweile schon zu viele. Verfolgen sie aber ein Ziel und wissen, was sie tun, haben sie es falsch eingefädelt. Das mag alles furchtbar spitzfindig klingen, aber das Argument, es sei ja „nur“ ein Heftroman kann ich nicht gelten lassen. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Heft, Buch oder sonst einer Publikation. Literatur ist für mich Literatur. So einfach ist das.

Der zweite Kritikpunkt betrifft das Gebaren von Sir Roger selbst. Dass dieser kein angenehmer Zeitgenosse ist, konnten wir ja schon lange vermuten, was ihn aber wirklich umtreibt, wird erst in diesem Zweiteiler offenkundig und mach ihn für mich zu einer völlig abstoßenden Person. Vom Consortium zur Rede gestellt, er sei mit einer Hexe liiert, knallt er den Wortführer dieser Anklage einfach ungestraft über den Haufen. Irgendiwe ist das natürlich typisch für einen Groschenroman, andererseits wirkt es aufgrund des Könnens heutiger Schreiber etwas hingekleistert. Platzmangel? Lasse ich nicht gelten.

Das aber ist noch nicht alles. In der Folge zeigt er sich als eifersüchtiger, rachsüchtiger Geselle von niederem Format. Begonnen damit, dass er seine Frau im Ripp Tide zurücklässt, weil er ihre Freude nicht ertragen kann. Das schiebe ich natürlich nicht dem Autor in die Schuhe, der hier einen wirklich widerlichen Menschen portraitiert, der mordet, lügt und – obwohl er Hexen hasst – mit Dämonen und sonstigem Gesindel paktiert. Sicher, man könnte sich jetzt auf die Seite des verständigen Lesers schlagen und das ein oder andere Argument pro Sir Roger ins Feld führen, aber das wiegt seine Niederträchtigkeit nicht wirklich auf. Und das ist natürlich eine gute Sache, denn wir wissen von jetzt an, wirklich, wie gefährlich dieser Kerl eigentlich ist. Dass ihn auch noch Norek erpressen will, war ja fast schon zu erraten, denn dass der Kraak etwas wusste, wurde die ganze Zeit angedeutet. Wir wussten eben nur nicht, was das sein könnte.

Das Gleichgewicht meint:

So langsam kann ich Sir Roger verstehen. Der musste einiges wegstecken, was jemanden mit seinem Charakter tief trifft. Alles Situationen, in denen er keine Macht hat beziehungsweise nichts tun kann. Er mag ein komplizierter Typ sein, mit dem man im echten Leben nicht unbedingt befreundet sein will. Als Romanfigur finde ich ihn klasse. Sehr gut ausgearbeitet, sowas hätte Dark vielleicht aus Sir James machen können. Aber mehr als jemand der sein Magenwasser braucht oder griesgrämig seinen Trenchcoat trägt, gibt es da nicht.

Die Suche nach Abby bekommt der Leser leider nur in einer Zwischenpassage erzählt. Ich wäre gern mehr in den Jagdtrupp eingetaucht. Vor allem die finale Konfrontation mit den Hexen, in denen Sir Roger Abby zurück bekommt. Gibt es da etwas, das er nicht erzählt? Hat er vielleicht nicht alle Hexen ausgelöscht und sich den Säugling einfach geschnappt?

Wir wissen jetzt, dass Abby Hexenkräfte hat. Das ist keine riesige Überraschung. Sie hat darüber hinaus aber auch noch verborgenes Potential. Ihre Mutter war eine andere Hexe als ihre Schwestern, ein unbekanntes Erbe ihres Vaters. Das übliche Mysterium zieht sich weiter durch den Stammbaum. Soll ich auf eine Szene mit Tildas Daddy warten, der dann erzählt dass sein Onkel ein uraltes Artefakt gefunden hat, aber auch nicht mehr weiß? Abby ist am Ende vielleicht eh „nur“ ein direkter Abkömmling eines Engels statt wie bei den Hexen üblich des Teufels oder wasweißich.

Es mag ziemlich viel Vergangenheitsaufbereitung sein, aber in DL interessiert mich das. Es schließen sich einige Kreise, es gibt einige Antworten. Mit dem Ende der ersten Staffel sind hoffentlich alle diese Mysterien der Hauptfiguren geklärt und die Helden können als klar definierte Figuren Twiligh City retten.

In der zweiten Hälfte stellt Tilda sich dann ziemlich dämlich an, was irgendwie nicht zu ihr passt. Glänzt die Geschichte bis hierhin, habe ich nun einige Kritikpunkte. Es beginnt mit der Filmvorführung, wo ich direkt einen Fehler entdeckt habe. Es heißt, Tilda wisse nichts vom Consortium. Als Sir Roger anfangs seinen Trupp zusammen stellt, erkundigt sie sich aber direkt, ob auch Consortiumsmitglieder unter ihnen sind.

Gut, wäre das kurz angesprochen. Zum eigentlichen Punkt. Tilda weiß also, dass ihr Mann Hexen hasst und selbst bei seiner geliebten Frau nur schwer unter harten Bedingungen eine Ausnahme macht. Und dann dreht sie mit drei Hexenschwestern einen Film, in dem man ihre Male klar erkennen kann? Sir Roger entstammt einer langen Linie von Hexenjägern, der erkennt es natürlich. Und klar nutzt er die nächstbeste Gelegenheit, das Trio dem Tod zuzuführen.

Dabei hat er Glück, dass Froggy nicht plaudert. Oder es Ermittlungen wegen den Toten gibt, die zu ihm führen. Genau so wie bei der Brandstiftung im Kino. Die Polizei bei Dark Land ist echt so ein Ding. Mal ermittelt sie knallhart mit krassen dämonischen Mitteln, dann wieder gar nicht. Das hat mich schon beim Candyland gestört. Man schreibt es sich zurecht, wie man es braucht.

Immerhin kommt Sir Roger aus Mord und Brandstiftung mit Todesopfern nicht unbescholten heraus und er wurde bei seiner zweiten Tat dann doch gesehen und erpresst.

Wie so oft, wenn ich gern eine Bestnote geben würde, bin ich am zweifeln. Für mich soll das etwas besonderes sein, mit dem ich nicht freimütig um mich werfe. Da kann schon ein Punkt entscheiden. Ein Satz am Ende. Bei dem sich heraus stellt, dass sowohl Wynn als auch Abby die Ereignisse auf magische Weise vergessen haben. Also keine Charakterentwicklung bei beiden, die Enthüllungen eigentlich sinnfrei. Schön, dass der Leser sie jetzt kennt, aber das bringt den Figuren rein gar nichts.

Deshalb gehe ich mit der Wertung direkt eine Stufe runter, weil das ziemlich bescheiden ist. Ein knapp sehr guter Roman.

 

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium der Komparatistik, arbeitete aber hauptsächlich als Förster. Er findet sein Glück im Schund genauso wie bei Shakespeare, wobei er ein bisschen mehr Glück dann doch im Schund erfährt.

Da er das Phantastikon für das beste Magazin überhaupt hält ist es klar, dass er ab und zu daran mitarbeitet.