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Dark Land – Band 20, Nachtvorstellung

Erkläre mir einer diesen Hexenwahn! Verstehen kann ich ihn nicht, nur als dramaturgisches Element akzeptieren. Noch einmal muss ich betonen, dass dieses sonderbare Gebaren in Dark Land doch wirklich merkwürdig wirkt, bedenkt man, was hier alles kreucht und fleucht. Also muss es einen Grund geben, wenn Hexen hier so gefürchtet sind und – wieder eine Parallele zu unserer Welt – der Inquisition zum Opfer fielen. Nun dürfte unsere Entwicklung eine andere sein als die jeder anderen Dimension, oder hat man sich nicht ganz lösen können, besser gesagt: hängt das Küken zur Hälfte im Ei fest? Nein, ich glaube, wir werden es in Kürze erfahren.

Gleich zu Beginn dieses Zweiteilers von Logan Dee werden wir Zeuge der folgenschweren Begegnung zwischen Sir Roger Baldwin und Abbys Mutter Mathilda Silver, die der Star der Bühne im Ripp Tide ist. Das ist gut, das ist schön, das ist nahrhaft, denn bisher wissen wir nur, dass Abby versucht, mehr über ihre Mutter herauszufinden, wobei ihr Vater keine Hilfe ist. Natürlich hat die Verschwiegenheit Sir Rogers auch hier seine guten Gründe, die hier noch nicht offenbart werden. Abby weiß nur, dass sie selbst zur Hälfte eine Hexe ist.

Sir Baldwin aber gehört dem Consortium an, einer Verbindung, die wir durchaus als besagte Inquisition betrachten können. Und Sir Baldwin trachtet Mathilda, nachdem sich für ihn erwiesen hat, dass sie eine Hexe ist (sie bedient sich der Sing- oder Stimmmagie), nach dem Leben. Doch natürlich kommt es anders und was folgt, könnte man als spannungsgeladene Romanze bezeichnen. Uwe Voehl alias Logan Dee zeigt auch hier, was er kann. Das Erzählte ist plastisch und mitreißend, dass es eine wahre Freude ist. Sir Baldwin verliebt sich also in Mathilda, die Circe, die ihn hypnotisiert, bis sie – nach einer einzigen Liebesnacht – am nächsten Morgen verschwunden ist. Baldwin hat alles andere im Sinn als sich damit abzufinden. Gemeinsam mit seinem Diener Esrath klappert er einen Nachtclub nach dem anderen ab, bis ihm eine Katzenfrau im „Nekrodiles“ – kurzer Hinweis an das Unternehmen der Barnes – den Tipp gibt, es im Night Palace, dem Kino zu versuchen. Baldwin findet sie dort, entführt sie und just in dem Moment, als sie ihm erklärt, dass sie schwanger ist. werden sie von Lieutnant James G. Tosh angehalten, der Baldwin wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und Kidnapping verhaften will. Doch Mathilda löst die Situation auf ihre betörende Art. Die Hochzeit ist beschlossene Sache.

Das hört sich in der Tat mehr nach einer Szene in einer Soap an, allerdings ist das alles mit dem Dark Land-typischen Flair versehen und eine der ersehnten Schlüsselmomente der Serie. Hier werden die bisher nur sporadisch erwähnten Konstellationen aufgefahren. Abbys Mutter, Balla Toshs Vater – und sogar Norek, der zu diesem Zeitpunkt Leibwächter von Mathildas Manager ist.

Der Höhepunkt ist wohl in der Geburt und der Entführung Abbys zu sehen, denn nachdem Mathilda frisch entbunden hatte, wurde Baldwin House von einer ganzen Hexenschar angegriffen. Mathilda scheint tot zu sein, die Hebamme ist es ganz sicher, und nicht einmal Esrath, der Naturalis, konnte diesem massiven Angriff Einhalt gebieten.

Soweit der Erzählstrang der Vergangenheit, der sich mit den Vorgängen im Night Palace, in dem es ein Dimensionstor geben soll, abwechselt. War Wynn im letzten Band mit der Polizistin Bella Tosh unterwegs, ist er nun  mit der Katzenfrau Kitty im Bunde und im Bette. Gemeinsam recherchieren sie also, ob an diesem Dimensionstor etwas dran ist, schließlich verschwinden hier Menschen. Für Wynn wäre das wohl eine gute Gelegenheit, wieder in seine Welt zu gelangen. Aber soweit sind wir natürlich längst nicht. Doch es gibt noch andere Phänomene. Die Geister der vergangenen Filme finde ich dabei besonders reizvoll, und so dürfte es jedem Cineasten gehen. Das wäre alles nicht so schlimm, nostalgische Geister sind nie bösartig, würde da nicht ein Wesen hinter der Leinwand lauern, das man den Traumdämon nennt. Zumindest tut das Sir Baldwin und gibt uns einen kurzen Einblick, dass er selbst schon mit ihm zu tun hatte. Damals wurde der Eingang in sein Reich versiegelt, aber vielleicht haben die Geister der vergangenen Filme diesen Dämon erneut geweckt.

Wynn bekommt genau das gerade zu spüren, als er angelockt von diesem pulsierenden Etwas, in seinem Innern verschwindet und seinen tiefsten Wunsch erfüllt sieht: seine Mutter wiederzusehen. In einer Welt aus Schneegestöber (in Wahrheit ein Glitzer, der die Lebensenergie raubt) erkennt er, dass alles nur Trug ist, findet aber den Weg nicht mehr zurück.

Auf der Suche nach Wynn, der seit drei Tagen verschwunden ist, entdeckt Abby den gealterten Wynn im Abspann eines Films auf der Leinwand, betritt ebenfalls das Refugium des Traumdämons, um Wynn zu retten – und altert ebenfalls. Marylyn kann den Prozess jedoch umkehren.

Auch Sir Roger ist nicht untätig geblieben und hat das Consortium einberufen, um den Traumdämon ein für allemal den Garaus zu machen. Der Rat beschließt, Feuerteufel los zu schicken – und das sind wirkliche Feuerteufel, kleine Männchen, die sich vor Wonne selbst entflammen. Was Baldwin allerdings nicht wusste: seine Tochter befindet sich in dem brennenden Gebäude.

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Das Gleichgewicht meint:

Der Kreis schließt sich langsam. Mit Band 20 der bis jetzt erstaunlich guten Serie (von einem Spin Off möchte ich weiterhin nicht reden) erfahren wir mehr über Abbys Mutter. Wie Sir Roger sie kennen und lieben lernte, wie sie bei der Geburt ihres Kindes verstarb und dieses von ihren Hexenschwestern geraubt wurde. Was in dieser Zeit mit Abby geschah und wie Sir Roger sie zurück holte, wird hoffentlich im zweiten Teil des Abenteuers behandelt.

Um das Ganze für den Leser unterhaltsam zu machen nimmt Logan Dee es an einigen Stellen nicht ganz so genau. Tilda ist eine Berühmtheit, sie hat „Starruhm“ erlangt. Trotzdem ist sie so schwer zu finden, obwohl sie nach ihrem Abgang mitten in der City als Eisverkäuferin im Kino arbeitet? Da muss doch gerade viel getuschelt werden, warum der gefeierte Bühnenstar plötzlich so einen niederen Job ausführt. Auch wenn sie ihre Stelle alle paar Wochen wechselt.

Esrath hat die ganze Zeit den Verdacht, dass Tilda eine Hexe ist und Sir Roger nur verzaubert hat. Das bezweifelt der Mann in seiner Verliebtheit, ganz sicher ist er sich aber auch nicht. Natürlich kann man nicht verlangen, dass er Tilda nur deswegen verlässt oder gar tötet. Aber gibt es denn keine Schutzamulette gegen sowas? Das hätte er beim nächsten Treffen umlegen können und dann schon gemerkt, ob das etwas an seinen Gefühlen für sie ändert.

In der Gegenwart das gleiche Konzept. Wynns Handlung steht der von Sir Roger um nichts nach, sie zieht den Leser ebenso schnell in ihren Bann. Man hätte einige Kleinigkeiten aber besser verpacken können. Wenn in einer Stadt, die niemand verlassen kann, plötzlich das Gerücht um ein Dimensionsportal umgeht, muss einfach mehr passieren. Ein paar Polizeiermittlungen folgen, bei denen tatsächlich Beamte spurlos verschwinden. Statt jetzt aber gerade alle Hebel in Bewegung zu setzen, weil da offenbar wirklich etwas vor sich geht, beendet man die Ermittlungen. Hä? Als das Kino geschlossen wird, ist Ruhe. Aber vor kurzem öffnete es wieder und schon beginnt das Mysterium von neuem. Ohne Hinweise. Da braucht es schon einen Heftromanhelden, der pünktlich zu seinen Ermittlungen zufällig die Hintergründe aufdecken kann. Wynn muss nichts machen, der Autor führt ihn fast schon auf Gleisen zum dämonischen Herzen des Gebäudes. Dort gerät der junge Mann direkt in dessen Bann und eine magische Scheinwelt. Eigentlich ist er verloren. Zum Glück entschließt sich Abby gerade heute ins Kino zu gehen und sie sieht als einzige während der Vorstellung, dass Wynn in Gefahr ist. Wirklich arg konstruiert. Da ist jemand zum genau richtigen Zeitpunkt am genau richtigen Ort und hat irgendwie als einzige die genau richtigen Fähigkeiten oder Verbindungen zur Rettung von Wynn.

Allein deshalb kann ich keine Top-Wertung vergeben. DL ist eine tolle Serie, aber man muss es mit der Lobhudelei wirklich nicht übertreiben und sie in den Himmel loben. Wer hier den Heiligen Gral der Heftromanserien vermutet, wird eher enttäuscht sein, behaupte ich mal. Eine sehr gute Wertung muss ausreichen.

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