Dark Land – Band 19, Das Schwarze Buch

Rafael Marques nimmt etwas Tempo heraus und präsentiert uns aus diesem Grund einen der genießbaren Romane, in denen es nicht an allen Ecken und Enden zischt und wackelt. Damit zeigt er, dass auch ohne surreale Großattacken eine interessante Geschichte zu schreiben ist. Und gerade weil das so ist, erfahren wir in diesem Band einige interessante Dinge, die nicht sofort wieder von irgendetwas anderem zugebaut werden. Die Struktur ist die eines Noir-Krimis. Natürlich befinden wir uns noch in Dark Land, es ist also keineswegs ein gewöhnlicher Fall, dem wir beiwohnen. Im Mittelpunkt stehen diesmal nicht Wynn und Abby, sondern Bella Tosh und Wynn. Diese sehr interessante Paarung lässt gerade im zwischenmenschlichen Bereich einige Optionen zu, denn die beiden laufen sich zwar unentwegt über den Weg, aber keiner weiß vom anderen recht, was er von ihm zu halten hat.

Marques fängt auch einiges ab, das in der Storyline der vergangenen Bände schief gegangen ist, vornehmlich in Band 10, „Sie kommen„. Kritik hat es dafür ja nicht gerade wenig gehagelt, dass die hiesige Religionsgemeinschaft zu sehr an das Christentum angelehnt ist. Das ändert sich hier zwar nur bedingt, aber Marques legt Wynn einige Worte und Sätze in den Mund, die das Ganze dann doch relativieren. Dazu eignet sich das vorliegende Abenteuer natürlich gut, denn es geht mehr oder weniger direkt um die Kirche in Dark Land, die wie eine Geheimgesellschaft oder Sekte agiert. Zumindest scheint jeder zu verschwinden, der ihr beitritt.

Als Wynn einen Tipp von einem scheinbar Unbekannten bekommt, ein toter Priester läge in seiner Wohnung im Hafenviertel, macht Wynn sich (ohne Abby – was hier vielleicht etwas merkwürdig scheint, aber für den weiteren Verlauf natürlich notwendig ist) mit seiner klobigen Kamera auf den Weg. Zu sagen, dass er wieder einmal in eine äußerst verrufene Gegend unterwegs ist, erübrigt sich, denn es scheint wirklich nur ganz wenige Ausnahmen von dieser Regel zu geben. Nach wie vor muss ich oft an ein Sin City inklusive Dämonen denken. Und auch der Comic-Anteil kommt hier ja nicht zu kurz. Nicht als Reminiszenz, sondern als Stil und Glanz (oder dunkler Schimmer).

Wynn benachrichtigt die Polizei, nachdem er die Leiche gesehen und fotografiert hat, und bekommt Bella Tosh ohne Partner Kajahn, der an der Katzengrippe darniederliegt. Und jetzt beginnen sie sich gemeinsam durch den Fall zu arbeiten. Wynn ist wie immer viel zu naiv für einen erwachsenen Mann (das ist das Manko aller Autoren, sie bekommen bis heute Wynn als Figur nicht wirklich in den Griff), und Bella Tosh von Wut, Verzweiflung und Unsicherheit gezeichnet. Dennoch sind die interessantesten Passagen die, in denen sie sich näher zu kommen scheinen. Wynn erzählt ihr nach einigem Schwanken, dass er aus einer anderen Dimension kommt und dass er nicht Wynn Blakeston heißt (wir erinnern uns: diesen Namen gab er sich, nachdem er gerade frisch in Dark Land angekommen war. Er benannte sich nach den ersten beiden Straßenschildern, die er sah). Bella lässt dann auch ein paar Informationen fallen, die uns etwas mehr ins Bild darüber setzen, was die Polizistin so sehr plagt: die Ermordung ihres Vaters und den naheliegenden Verdacht, dass Sir Baldwin irgendwie darin verwickelt ist – und vielleicht sogar Rakk – der in diesem Band mitwirkt, obwohl er gar nicht da ist. Erstens ist sein Büro völlig leergeräumt (bis auf eine Kette mit einem Kreuz, das sofort als Hinweis auf die Trinity Church identifiziert wird), und zweitens hinterlässt er für Wynn seinen Hut am Ende, als er wohl Reverend Spring erschossen hat, dem Drahtzieher zur Erweckung des Dämons Lynar. Im Grunde geht es um das Schwarze Buch, das aus der Haut der Schwarzen Göttin gemacht wurde und nun dazu dienen soll, auch sie zu erwecken. Lynar selbst spielt keine große Rolle und ist mehr oder weniger eine jener Figuren, die nur da sind, um eliminiert zu werden. Über das schwarze Buch erfahren wir diesmal nicht mehr, nur dass es fünf Teile davon gab – und fünf Priester, von denen jeder ein Teil besaß. Lynar gelang es, Macht über Reverend Spring zu erhalten, so dass die Zusammenführung der Teile (wie auch der Beseitigung der Priester) vonstatten gehen konnte. Am Ende irrte sich aber auch der Dämon, denn Soraja Tyrone hält mit dem Buch alle Trümpfe in der Hand.

Dass sie so plötzlich auftaucht, ist tatsächlich überraschend, wobei man es sich vielleicht hätte denken können, wenn man die Marques’schen Plots in Erinnerung hat.

Das Gleichgewicht meint:

Mit der Kirchensache in Twiligh City werde ich noch immer nicht warm. Hier spielt sie eine ganz zentrale Rolle und es wird nur schwammig erklärt, warum die Kirchen diese spezielle Optik haben. Gesinnungstechnisch grenzen sie sich ja von den christlichen Kirchen ab. Sie sind eher ein Geheimbund. Wie die Templer gehen die Priester gegen das Böse vor. Damals haben sie sich erfolgreich mit der Schwarzen Göttin angelegt. Es muss diese Kirche also schon sehr lange geben. Was mir nicht gefällt, das Gotteshaus sieht mir zu sehr nach einem christlichen Gotteshaus aus. Glockenturm, Pfarrhaus, großes Kreuz im Inneren. Und diese Bezeichnungen. „Pfarr“haus, einen Pfarrer verbinde ich ganz gezielt mit dem Christentum. Genau so den „Reverend“, der ein protestantisch-geprägter Begriff ist. „Priester“ klingt da doch schon viel allgemeiner und passender. Dass man sich an die Kirchen aus unserer Welt anlehnen wollte, als einen weiteren der vielen kleinen Gags, verstehe ich ja. Auf die Art wie das getan würde, zündet das bei mir aber kein Stück. Für mich ein störender Fremdkörper – oder eher „Vertrautkörper“ – in dieser fremden Welt.

Soviel dazu. Der eigentliche Fall der Woche ist aber spannend und ohne viele Logikfehler geschrieben. Beim Einstieg könnte ich meckern. Wynn untersucht in seiner neuen Funktion als Reporter einen Mordschauplatz. Weil er so nett ist, ruft er danach brav die Polizei. Und wer kommt da ausgerechnet angefahren? Seine alte Bekannte Lieutenant Bella Tosh, die ihn für die restlichen Ermittlungen mit nimmt.

Und beim Finale musste ich auch kurz aufhorchen. Tamara will also unbedingt verhindern, dass das Buch aus seinen Bruchstücken in den Katakomben zusammen gesetzt wird. Deshalb sucht sie dort den Übeltäter auf, um ihn zu erschießen. Und bringt das letzte Buchbruchstück mit? Wäre es zu viel verlangt gewesen, es weit weg sicher zu verstecken? Sie hat den Trumpf in der Hand, ohne das letzte Puzzlestück in ihrem Besitz kann man die Beschwörung nicht vollenden. Eine einmalige Chance. Eigentlich hatte sie schon gewonnen und durch diese dämliche Aktion im Endeffekt alles verloren. Na gut, Rafael wollte halt, dass das Buch doch zusammen gesetzt wird.

Der Logikfreund in mir möchte eine gute Note geben, der Lesespaßgenießer eine sehr gute Note. Dark Land mit seiner exotischen Sonderstellung bekommt mal wieder die bessere Wertung.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.