Dark Land – Band 18, Candyland

Autor: Logan Dee

Clowns und Jahrmärkte geben eine Menge her, und das Phänomen hat mittlerweile einen Punkt erreicht, der als epidemisch bezeichnet werden kann. Natürlich meine ich damit die Horror-Clowns. Die Zirkusbranche fürchtet bereits große Imageschäden, weil durch real stattfindende Attacken der Clown immer mehr zum Angstobjekt wird. Selbst der therapeutische Einsatz von Clowns in Krankenhäusern sei in Gefahr. Und selbst Stephen King selbst hatte sich auf seiner Seite zu Wort gemeldet, um die Hysterie einzudämmen. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die Komödie ein Bruder des Horrors ist – und schon immer war.

Aber um Clowns geht es hier eigentlich nicht, auch wenn ein Horror-Clown vorkommt. Im Grunde seines Herzens ist dieser Band nämlich eine Durchgangsstation. Man nennt das oft: nicht Fisch, nicht Fleisch. Dass es in Twilight City überall und allerorten seltsam zugeht, ist mittlerweile bekannt.  Es herrschen ja fast überall Zustände wie auf einem dämonischen Jahrmarkt, heute lernen wir ihn höchst persönlich kennen. Bei all diesem bösartigen Zauber ist es verwunderlich, dass aus Hexen ein so großes Thema gemacht wird. Das ist schon in den letzten Bänden aufgefallen und konnte nur verblüffen.

In diesem Band führen so einige Gleise in die Warteschleife, werden angesprochen, angedeutet und hier und da ein bißchen entwickelt – aber nicht viel: Abby offenbart sich Wynn als Halbhexe, Funny Frankie mischt ein bisschen unsinnig mit etc. Wichtig aber ist, dass in Candyland Anschläge verübt werden und Wynn wird an der Seite Abbys seinen ersten Fall als Reporter in diesem Vergnügungspark bearbeiten. Undercover. In einem Kostüm, das ihn aussehen lässt wie einen Obdachlosen. So verkleidet arbeitet er bei der hiesigen Geisterbahn (die hier selbstredend „Mördergrotte“ heisst) als Anschieber der Gondeln. Und die Mördergrotte wird ihrem Namen gerecht. Kaum jemand überlebt den folgenden Anschlag des Horror-Clowns mit einem Stilett und … seiner tödlichen Zuckerwatte, die die Opfer von oben bis unten unter sich begräbt und sie zusätzlich erstickt. Tödliche Zuckerwatte!

(c) Funcom

Wynn sieht keine andere Möglichkeit, als dem ganzen mit Feuer zu begegnen, woraufhin die halbe Hütte abbrennt. Der Panthermann Kajahn verliert seinen Neffen in der Mördergrotte und Bella Tosh hält ihn gerade noch so davon ab, Wynn als Schuldigen auszumachen und zu zerfetzen. Während dieser Aktion dem folgenden Verhör geht etwas in Tosh vor, das ebenfalls hier nur angedeutet (oder vorbereitet) wird. Irgendetwas sieht die Polizistin in Wynn sie ahnt, dass sie ihn brauchen wird, um das Geheimnis um die Ermordung ihres Vaters zu lüften. Etwas weit hergeholt? Nun, vergessen wir nicht, dass sich einige Leute in TC noch immer über das plötzliche Erscheinen Wynns in dieser Welt wundern, und dass Prophezeiungen existieren, die einen „Mann mit Silberkugeln“ zum Inhalt haben. Manche erinnern sich eben auch noch daran, dass Wynn zu Beginn noch ein paar Silberkugeln in seinem Besitz hatte. Ganz besonders Bella Tosh.

Der eigentliche Aufhänger in diesem Band ist jedoch das Consortium, dem – wir ahnten es ja schon – Sir Baldwin in der heutigen Zeit angehört, oder vielmehr: eine nicht näher bezeichnete feindliche Gruppe, die schließlich für das ganze Tohuwabohu in Candyland verantwortlich ist, bestehend aus Dem Vampir, Dem Flüsterer, Dem Schatten, Dem Hohlwangigen und Dem Hexer. Was das zu bedeuten hat, werden wir sicherlich erfahren, hier treten sie nur als Stimmen auf, die sich unterhalten. Tätig werden sie, indem sie Abby entführen, um Sir Baldwin unter Druck zu setzen. Der willigt in etwas ein, das seiner Tochter schließlich das Leben rettet, nachdem sich Wynn durch ein Spiegelkabinett geschossen hat und ihr vermutlich nicht hätte helfen können. Wie gesagt, besteht dieser Band nur aus Andeutungen und geparkten Plotpoints. Zu gut, um schlecht zu sein, aber zu unausgegoren, um gut zu sein, schwingt er sich im Mittelfeld ein.

Das Gleichgewicht meint:

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Logan Dee wieder einen Roman schreibt, der voll in seinem Element ist. Ausgefallener bunter Trash mit viel Action und exotischen Ideen. Der für mich aber an der Handlung krankt. Muss halbwegs passen, dient aber nur als Fundament für den Killerspaß. Da kommen einige Dinge zusammen. Auch in Twilight City kann ich mir nicht vorstellen, dass man nach mehreren Morden in Candyland den Laden nicht komplett dicht macht. Direkt am Anfang gibt es ja eine Szene die man unmöglich als Unfall sehen kann und bei der sogar Zeugen alles gesehen haben.

Was gehört auch zu gutem Heftromantrash? Zufälle natürlich. Geburtstagszufälle in dem Fall. Abby hat Geburtstag und verbringt deshalb einen Tag mit Wynn in Candyland, wo sie zufällig einen der Morde mitbekommen. Also recherchieren sie als Reporter undercover in dem Vergnügungspark. Wo Wynn natürlich zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, um direkt den nächsten Vorfall mitzubekommen und einzuschreiten. Zeitgleich hat der Neffe von Sergeant Kajahn auch Geburtstag und ist in Candyland, weswegen er und Bella Tosh dort sind. Die Polizisten werden so ebenfalls in den Fall verwoben. Und trotz des nächsten eindeutigen Mordanschlages mit Toten auf der Liste, wird Candyland nicht geschlossen, stattdessen soll Wynn weiter ermitteln. Als würde das so einfach funktionieren, wo seine Deckung gerade aufgeflogen ist. Nein, ich verstehe hier einfach mehrere Sachen nicht.

Dazu gehört auch der Hintergrund des Plots. Es ist schön, dass auf das Consortium zurückgegriffen wird. Einige Dämonen versuchen es also zu stürzten oder zu erpressen oder so. Wie steht das im Zusammenhang mit den Anschlägen auf Candyland? Was will man damit erreichen? Gehört Candyland dem Consortium? Wenn ja, warum sollten die Hintermänner von TC einen Vergnügungspark besitzen und warum sollte es sie besonders treffen, wenn der geschlossen wird? Zumal das offenbar eh nicht passiert, ganz egal wie viel Chaos dort angerichtet wird. Am Ende ist Abby zufällig dort, das konnten die Umstürzler nie geplant haben. Sie dient als Druckmittel, um Sir Roger zu erpressen. Guten Sinn ergibt es aber nicht. Es wird einfach viel zu wenig erklärt. Ich bleibe bei meiner Meinung. Das war Logan Dee überhaupt nicht wichtig und liest sich auch ein wenig wie die trotteligen Bemühungen der Oppositionsdämonen bei Coco Zamis, Asmodis zu stürzen.

Persönlich bin ich kein Fan von zu ausgefallenen Konzepten. Die haben wir hier. Ausgefallene Attraktionen. Ausgefallene Angestellte, Besucher und Gegner. Ausgefallene Mordvorgehen. Lebende Zuckerwatte, die Leuten in die Körperöffnungen dringt und sie erstickt, oder ein Killer, der einen zweiten kleineren Kopf innerhalb seines normalen Schädels hat. Nein danke!

So, genug gemeckert. Geschrieben war das alles nämlich richtig gut. Nicht platt und geschmacklos. Sondern unterhaltsam und in genau der richtigen Dosis für guten Trash. Das Konzept des Consortiums und seiner Gegner kann gern in einem ernsthafteren Roman fortgesetzt werden, hier war es mir einfach nicht plausibel genug ausgebaut und gut genug erklärt. Diese Woche eine sehr subjektive Bewertung im guten Mittelfeld. Für den Stil der Geschichte kann man das durchaus als lobende Anerkennung sehen.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.