Dark Land – Band 17, Götterdämmerung

[stextbox id=’warning‘]Diese Aufnahme dient lediglich der themenspezifischen Aufbereitung. Das Copyright des Textes liegt bei der Bastei Lübbe AG.[/stextbox]

Rafael Marques schickt uns zu Beginn zusammen mit dem Echsendämon Rakk in eine Hardboiled-Actionszene vom Feinsten. Allerdings erinnern wir uns an die folgenschwere Explosion, die den Dienstleister vermeintlich das Leben gekostet hat. Nun sind Reptilien ja ohnehin besondere Lebewesen – und keiner dürfte ernsthaft davon ausgegangen sein, dass diese herrliche Figur so früh schon aus dem Rennen genommen wird. Das Geheimnis lautet: medizinische Regeneration, die hauptsächlich bei Amphibien zu beobachten ist. Im frühen Alter wachsen ihnen nicht nur Gliedmaßen, sondern auch Augen oder teile des Herzens innerhalb kürzester Zeit nach. Und Rakk musste sich zum ersten Mal vollständig regenerieren, was aber auch einige Auswirkungen hat, denn er leidet unter gewissen Zeitirritationen. Wir erleben ihn zwischen Vergangenheit (hier erfahren wir, was sich zugetragen hat, als Bürgermeister Harold Jameson unter seinem Einsatz verschwunden ist) und Gegenwart kaum mehr unterscheiden zu können, was seinen aktuellen Einsatz als „Privatdetektiv“ sichtlich erschwert und fast in ein Unglück führt. Gerade diese ersten Seiten sind so rasant und mit der Vergangenheit verknüpft geschildert, dass es eine wahre Freude ist.

Rakk will natürlich noch immer herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, bevor er aus dem Polizeidienst verlassen musste. Überall hat er schon nachgeforscht, im Leben von Harold Jameson, seinen Feinden, seinen Freunden, aber ohne Erfolg. Hinzu kommen die Träume von Soraja Tyrone, der Tochter Sir Hugo Tyrones, zu deren Rettung ihn Tyrone engagiert hatte. Bekanntermaßen endete das Unternehmen in einem Desaster.

Rakk trifft sich mit Wynn am Long River (der Sinatown von Twilight City trennt), offenbart ihm nicht nur, dass er noch am Leben ist, sondern erzählt ihm auch die Geschichte, die ihn verfolgt. Rakk beabsichtigt, Tyrones Seele auf dem Friedhof Warbling Fields zu befragen. Dazu wird er ein paar Totensprecher mitbringen und bittet Wynn um seine Hilfe. Obwohl Wynn weiß, dass im Archiv des Twilight Evening Star keine Akten über die Tyrones (und auch nicht über Rakk selbst) zu finden sind, willigt er ein.

Wynn im Archiv. Das hat mittlerweile Methode und führt dazu, dass der Twilight Evening Star zu einem Theater des Grotesken wird. Die Atoren neigen hier zum Overacting. Es ist aber auch zu verlockend. Rafael Marques führt Wynn diesmal in die Ebene IX des unendlich verschlungenen Archivs hinab, wo er dem legendären Old Joe begegnet, den viele nur für eine Gespenstergeschichte halten. Allerdings ist kaum eine Gestalt so gespenstisch wie das Archiv selbst. Dieser Joe wirkt wie der kleine Bruder des dunklen Archivars, er kennt jeden Mitarbeiter, obwohl ihn selbst so gut wie niemand je zu Gesicht bekommen hat. Joe gibt als Grund die Magie des Archivs an – und er ist gewillt, Wynn dabei zu helfen, die Tyrone-Akten „ans Tageslicht zu bringen, bevor es kein Tageslicht mehr in Twilight City gibt.“ Was das zu bedeuten hat, erläutert Joe nicht. Nur vor den Gefahren der Ebene IX warnt er. Das ist alles unstringent und wirkt entschieden an den Haaren herbeigezogen, vor allem in der Häufung der Skurrilitäten. Und die Legende wird ermordet, bevor man ihr überhaupt anmerkt, dass es sich um eine Legende handelte. Als dann aus heiterem Himmel erst Abby und dann auch noch Mr. Jayden, Wynns ehemaliger Vorgesetzter, auftauchen, ist es mit dem Mythos Ebene IX und Old Joe auch gleich vorbei. Es ist regelrechter Hochbetrieb in der gemiedenen Region des Archivs.

Man kann bei Dark Land wirklich nicht davon sprechen, das weniger mehr bedeutet. Die Autoren packen aus, was ihnen zur Verfügung steht, so als betrieben sie hier einen Wettbewerb, wer mehr durchgeknalltes Zeug auf einer Seite unterbringen kann. Das ist manchmal wirklich schade, wirkt verschwenderisch und gibt der noch jungen Serie nicht die Chance, sich vernünftig zu entwickeln. Tatsächlich kann das nicht lange gutgehen und Überdruß macht sich breit. Es ist kein gutes Zeichen, wenn man alle Ideen gleich an Ort und Stelle verwurstet. Hier fehlt ein Koordinator, der das in die rechten Bahnen lenkt (aber das wissen wir seit dem merkwürdigen Schiff, das im Hafen liegt und in jedem Band pflichtschuldig erwähnt wird).

In einem anstrengenden Schlussteil müssen wir uns die Informationen, die für unser Verständnis gedacht sind, mühsam aus einer Flut herauspicken, die über uns hereinbricht, als Rakk Tyrone dann tatsächlich gegenübersteht. Es wird erklärt, wer Soraja wirklich ist, dass der Nebel, der Twilight City umgibt, vom Schiff der Toten ausgeht. Wir erfahren, aus was die roten Patronen gemacht sind und was Rakk und Soraja schließlich verbindet. Wir erfahren eine Menge mehr, aber das Gehirn will lieber Urlaub von dieser Ansammlung, die turmhoch vor uns aufragen wie eine Wand. Gefällt uns das noch?

[stextbox id=’zusatz‘]Das Gleichgewicht meint:

Wenn die Motivation fehlt, kann man nichts machen. Für mich war die Sache mit dem Schiff der Toten zu einem stimmigen Abschluss gekommen. Die Geschichte war zuende erzählt. Die ausübenden Marionetten des Richters besiegt und Rakk tot. Dass Rafael Marques den Plot nun doch wieder aufleben lässt hat mir gar nicht geschmeckt. Er konnte mich auch nicht mit einer Handlung überzeugen, die das rechtfertigt.

Da ist erstmal Rakk, von dem nur ein kleines Fingerglied übrig war. Der Dämon hat Selbstheilungskräfte, aber dass er aus diesem winzigen Stück wieder komplett entstehen kann, störte mich direkt. DL ist abgefahren, aber irgendwo muss es Grenzen geben. Ich hasse Serien in denen der Tot keine Bedeutung mehr hat, weil die Autoren mit mehr oder weniger Mühe verstorbene Figuren jederzeit wiederbeleben können.

Dann gilt es natürlich wieder einmal, ein dunkles Mysterium zu lüften, das bis tief in die Vergangenheit Twilight Cities reicht und schockierende Informationen zutage bringt. Inzwischen sammeln sich mir einfach zu viele mächtige Gestalten an. Dieses mal die „Schwarze Göttin“. Vor Jahrzehnten hat also das Konsortium über TC geherrscht, davor die Hexen und davor diese Göttin. Bis auch sie gestürzt wurde. Aber nicht völlig vernichtet, ihr dunkles Erbe existiert weiter.

Auch das Archiv geht mir langsam ein wenig auf die Nerven. Immer dieses Aktengesuche und auch hier ständig neue Enthüllungen. Das Archiv selbst lebt irgendwie. Irgendwo im Archiv gibt es den mysteriösen dunklen Archivar. Und jetzt wissen wir noch von Old Joe, der irgendwie auch Expertenwissen besitzt, das sonst niemand hat. Der ist jetzt zwar tot, aber hey, falls man ihn braucht kann man den sicher mit einer Superkraft wiederbeleben.

Und die ganze Geschichte um Soraja, die hätte es für mich einfach nicht gebraucht. Muss man denn jetzt noch einen drauf setzen und den Plot verkomplizieren? Selbst Rakk gesteht sich am Ende ein, dass die neuen Informationen größtenteils nicht zusammen passen und alles nur noch verworrener wurde. Wie ich den Autor kenne, hat er sicher gute Verknüpfungen und Erklärungen parat. Bis jetzt fühlt sich das aber eher erzwungen als natürlich an.

Obwohl der Roman gut geschrieben und spannend ist blieb der Lesespaß eher mäßig. Das Thema „Schiff der Toten“ mit allem Beiwerk interessiert mich jetzt überhaupt gar nicht mehr. Ich habe keine Lust, neue Enthüllungen zu erfahren. Mal schauen, ob Rafael etwas zurück schraubt. Die offenen und verwirrenden Fragen muss er klären. Wenn das geschehen ist und nicht noch mehr Überraschungen kommen, habe ich vielleicht wieder Spaß daran.[/stextbox]

 

 

 

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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