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Dark Land – Band 16, Hexenmoor

Die Finstere Legende beginnt im zweiten Teil mit einer Offenbarung, denn mehr und mehr verdichtet sich, wer Sir Roger Baldwin eigentlich ist. Und wer Esrath ist, wird ebenfalls mitgeliefert. Das hatte sich im letzten Band natürlich schon angedeutet, wird aber hier erstmals konkret. In der zweiten Vision Wynns, die er vom dunklen Archivar bekommt, geht es um den Verrat an Roderick Blackstone, der ihn just ereilt, als er in ein einem nicht näher bezeichneten Wald beabsichtigt, ihm das Herz der Erkenntnis zu entreißen. Er reißt viel, dieser Sir Roderick – das Hexenfeuer Merryls wird ja ebenfalls gerade unter seinem Befehl auf Blackstone Abbey entrissen. So ein Unternehmen an mehreren Fronten holt manchmal auch die Mächtigsten ein – und das illusionäre Zwiegespräch, das Roderick im Wald führt, bringt ihm die Erkenntnis, dass er Merryl etwas mehr als Zuneigung gegenüberbringt, als auch schon der Rest seines Consortiums anrückt, um ihn festzunehmen. Dramaturgisch ist diese Passage natürlich wichtig, aber Rodericks Besuch im Wald wirkt dennoch etwas unmotiviert, schließlich war er einen ganzen Tag durchgeritten, um – was zu tun? Sich mit seinem Unterbewusstsein zu unterhalten? Kurzum: Roderick wird in Land’s End gefoltert, dem Ort also, der später das Berüchtigte Gefängnis in TC beherbergt. Merryl aber – in Blackstone Abbey selbst auf der Folterbank – spürt, dass etwas nicht stimmt und teilt es der Naturalis, die sie in dieser unschickliche Lage festhält, mit. Das ist ein weiterer schwieriger Plotpoint, denn sicher muss die Verbindung zwischen Merryl und Sir Roderick für den weiteren Verlauf irgendwie inszeniert werden, aber die Bedingungen bleiben schwer fasslich. Die Naturalis stattet in der Folge Land’s End einen Besuch ab, findet ihren halbtoten Herrn, und sogleich entbrennt ein Kampf gegen die Mitglieder des Consortiums, den die Naturalis verliert. Einer aber schreitet jetzt ein: Ahamad, der Consorte mit der silbernen Maske, dem durch diesen Kampf klar wird, wer den Schwarzen Lord verraten hat. Und hier haben wir jetzt unseren Esrath vor uns, den wir als Diener Sir Baldwins kennen, der konsequenterweise ein Nachfahre Sir Blackstones ist. Die in dieser Vision geschilderten Ereignisse sind – historisch gesehen – ein wichtiger Baustein in den sich auftürmenden Rätseln der Serie, denn jetzt haben wir einen Bezugspunkt, der mit den Geschicken Twilight Citys im großen Stil verquickt wird.

Wynn und der dunkle Archivar haben in den beiden Teilen der Finsteren Legende einen regen Austausch. Zweimal steckt das Tentakelwesen seine Kontaktschläuche in ihn hinein, ein weiteres Mal lässt er Wynn eine Akte zukommen, die exakt dort weitermacht, wo die Visionen endeten – und ein drittes Mal lässt er Wynn die Fortsetzung der Geschichte über Blackstone und Esrath auf einer Kinoleinwand sehen. Dieses Instrumentarium, um uns und Wynn in Kenntnis zu setzen ist zwar originell, wirkt aber an manchen Stellen etwas deplatziert und konstruiert – was es aber nicht ist, denn dahinter steckt ein größerer Plan, der Wynn aus dem Archiv holen und zu einem Reporter machen wird, als der sich nämlich – in der Absicht, mit einem Paukenschlag zu kündigen – in Murbulls Abteilung schleicht, um die Geschichte, die er vom dunklen Archivar erfahren hat, zur Gänze niederzuschreiben. Es ist keineswegs klar, ob es sich dabei um Fiktion handelt, dass der Hexenjäger Blackstone mit der Hexe Merryl zwei Kinder zeugte: den Sohn Windham und eine unbekannte Tochter, die den Hexen in Witchmoor übergeben wurde. Merryl selbst nimmt sich das Leben, damit ihre Tochter in Sicherheit gebracht werden kann, denn Blackstone hate angekündigt, die eigene Tochter zu töten, wenn sich herausstellen sollte, dass sie Hexenkräfte besäße. Murbull – der die Geschichte zwar für Fiktion hält, Wynn aber einen herausragenden Stil bescheinigt, befördert Wynn daraufhin zum Reporter, er tritt somit also endlich in die Fußstapfen seines Vaters Bill Conolly, wenn auch in einer anderen Welt.

Doch noch eine weitere Erkenntnis wird uns überbracht: Abby selbst ist eine Hexe. Zwar nur zur Hälfte, weswegen sie auch nicht in Witchmoor bleiben kann, als sie dort auf der Suche nach Vicky der alten Frau wieder begegnet, der sie in Dead End Asylum kurz begegnet war, aber immerhin. Der Roman krankt etwas an seiner Stückelung. Liest der erste Teil sich noch furios, wird hier deutlich die Geschwindigkeit herausgenommen. Mit zukunftsweisenden Neuigkeiten werden wir zwar versorgt, aber über die Art und Weise könnten wir diskutieren.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.

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