Dark Land – Band 15, Arena der Monster

Nach Alfred Bekkers Kurzausflug in die DL-Serie übernimmt nun erneut das Urgestein Uwe Voehl alias Logan Dee das Zepter. Auf dem Programm steht ein Zweiteiler. Arena der Monster ist erste Teil der „Finsteren Legende“. Die Ausgangssituation hat sich trotz der Tiefenmahr-Episode nicht verändert: Marylyns Schwester Vicky gilt als verschwunden und ist laut Doktor Shelley wahrscheinlich im Sumpf von Deepmore umgekommen. Und Wynn hat die Leiche Noreks gesehen, was ihm die Grundlage entzieht, länger in dieser Anderswelt zu bleiben.

Übrigens hat Jörg Kleudgen hierfür eine kleine Zeichnung von Deepmore angefertigt, die auf der Leserseite abgedruckt wurde. Man könnte fast sagen, wo Uwe Voehl ist, da ist auch Jörg Kleudgen nicht weit – und der irrwitzige Gedanke, Jörg könnte ebenfalls für DL schreiben, drängte sich mir für eine kurze Sekunde auf, verging dann aber nicht zuletzt deswegen, weil Jörg sich ohnehin erst einmal eine Rughepause gönnen will. Aber der Gedanke hatte mich kurz gepackt.

Sehen wir uns lieber an, was uns Logan Dee für einen Leckerbissen beschert – und es ist einer, allerdings hat die Story so viel Speed, dass sie einen Gemütsleser zu sehr aufregen könnte.

Abby kommt bei ihrer Recherche im Twilight Evening Star in den Genuss der kurzen Bekanntschaft mit Nigel Night, dem geheimnisumwitterten Starreporter des TES; dieser ist auf eine freundliche Weise aufdringlich – da weiß sie noch nicht, mit wem sie da zussammengerempelt ist – und hat sich bereits eine Verabredung mit ihm eingefangen (die den Band beschließen wird. Nigel Night wird Abby nämlich helfen, Vicky zu finden). Ihr Chef Murbull schanzt ihr, Zufall oder nicht, den Fall Dr. Shelley offiziell zu. Sie soll zumindest den Gerüchten nachgehen. Etwas später sind die Akten, die Wynn ihr aus dem Archiv besorgt hat, verschwunden, er selbst ist verstimmt, war doch die Beschaffung etwas … ungewöhnlich.

Die Szenen im TES sind mir immer sehr lieb. Man darf nicht vergessen, dass dies eins der merkwürdigsten Gebäude in Twilight City überhaupt ist. Auch das Baldwin-Haus hat ein Eigenleben, aber das Archiv des TES scheint doch um vieles mysteriöser und gefährlicher zu sein; hier, wo die Schatten lebendig sind, Gänge abrupt enden, sich immer neu verzweigen, oder Regale sich zusammenschieben, Schächte sich öffnen, Lichter in die Irre führen und Hirnsauger auftauchen, die nach menschlichen Gedanken lechzen, um sie aus dem Körper zu saugen und dem Archiv einzuverleiben. In den Tiefen des Archivs gibt es Bücherwürmer, große Tausendfüßler, die sich den Inhalt der Akten einverleiben und nur noch weiße Blätter hinterlassen. Ein surreales Gruselkabinett ist das, ein Alice im Wunderland als gehobener Albtraum. In den besten Stellen der DL-Autoren schäumt deren Fantasie geradezu über und sie hinterlassen uns groteske Traumbilder als Leinwand, auf der die Handlung vonstatten geht.

Durch diese wilde innere Gebäudelandschaft verschlägt es Wynn durch die Hilfe der Dämoenenpuppe Mia, die ihm dabei behilflich sein will, die Akten über Dr. Shelley zu finden, in die tieferen Regionen, wo er auf den sagenumwobenen dunklen Archivar trifft. Logan Dee zeigt uns das in einer Rückblende, zeigt uns den Archivar in einen schwarzen Umhang gehüllt, aus dessen Kapuze mehrere Tentakel und Schläuche hervorsprießen.

Tentakel sind heutzutage in der phantastischen Literatur überall zu finden. Es scheint sogar, als haben sie längst die Allzeitfavoriten Vampire, Zombies und Werwölfe endgültig hinter sich gelassen – aber das täuscht, weil sie gegenwärtig so massiv auftreten und etwas viel Älteres repräsentieren als es die jüngeren Mythen tun. Tatsächlich ist für diese Allgegenwart der ungebrochene Hype H.P. Lovecrafts verantwortlich, aber selbst Wissenschaftler sind fasziniert von diesem Wesen, das Gene aufweist, die auf der Erde bei keinem anderen Tier vorkommen.

Der Archivar offeriert Wynn die Akten gegen Wissen. Das erscheint zunächst unsinnig, weil der dunkle Archivar alles weiß, inklusive Wynns wahrem Namen – Johnny Conolly –  aber er scheint eben dennoch nicht wirklich alles zu wissen.

Wynn erfährt hier zum ersten Mal von einem Consortium, und in einer weiteren Rückblende zeigt uns der Autor, was es damit auf sich hat. Dazu bohrt der Archivar seine dünnen Tentakel in Wynns Kopf und schickt ihm eine Vision.

Während eines Hexenprozesse fällen sechs der sieben Richter des Consortiums ihr Todesurteil, nur derjenige nicht, der ihnen vorsitzt und den sie den schwarzen Lord nennen. Er „rettet“ die Hexe – die tatsächlich eine ist, im Gegensatz zu vielen Unbescholtenen, die er Inquisition zum Opfer gefallen sind – durch einen Trick vor dem Scheiterhaufen. Nicht etwa, um sie wirklich zu retten, sondern um ihr im Dienste der Wissenschaft das Hexenfeuer zu entreißen.

Merryl wird also nach Blackstone Abby gebracht, wo sich der schwarze Lord als Roderick Blackstone vorstellt und ihr erläutert, was er von ihr will. Mithilfe einer Naturalis – eines Wesens, das im Grunde wie Esrath, der Diener Sir Baldwins geartet ist, schickt er Merryl die schlimmsten Qualen, die sich ein Mensch vorstellen kann.

Wynn rätselt natürlich über sie seltsame Entsprechung von Blakeston (dem Namen, den er sich aus einer Laune heraus gab) und Blackstone. Selbstverständlich dürfte das kein Zufall sein und man wird unweigerlich einen Hauch „Dämonenkiller“ verspüren, auch wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

Die eigentliche Geschichte und der Grund, warum dieser Band Arena der Monster heisst, ist aber eine Art Redneck-Story und dreht sich um die Geschwister Barnes, die auf ihrer Farm in Deepmor Nekrodil-Kämpfe veranstalten. Corey, der als „Muffy, das Sumpfmonster“ für „Indiana Stones Freakshow“ arbeitet, macht sie auf den Weg zur Bernes-Farm, um einen Teil seiner Schulden zu begleichen, aber die Geschwister haben die Schnauze voll von ihm und stecken ihn in einen Stall, wo auch die Nekros untergebracht sind. Und dort steckt in einer Nachbarzelle auch Vicky, die Totschwörerin. Nachdem Corey wider erwarten zwei Nekros in der Arena den Garaus gemacht hatte, gelang ihm auch noch die Flucht, bei der er Vicky mitnimmt.

Ich muss gestehen, dass ich mich zwischendrin ab und zu fragen musste, welche besonderen psychogenen Pilze Uwe Voehl wohl konsumieren könnte, um auf so kurzem Raum ein derartig abgedrehtes Szenario nebeneinander laufen zu lassen, so dass man – und das ist ja nicht gerade selten bei ihm – von einem regelrechten Feuerwerk sprechen kann. Allerdings – ich erwähnte es eingangs) – könnte das auch der Knackpunkt sein, an dem sich manche stören, die dadurch das Gefühl bekommen könnten, die Geschichte rase über sie hinweg.

 

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.