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Dark Land – Band 14, Der Tiefenmahr

Alfred Bekker ist dem Publikum vor allem durch seine bis 2008 währende Beteiligung an der Heftromanserie Sternenfaust bekannt. Anderen dürfte er aber auch durch seine Fantasy-Bücher ein Begriff geworden sein. Der Tiefenmahr ist sein erster und bisher einziger Beitrag zu Dark Land. Bekker beginnt seine Geschichte im Hafen von Twilight City und lässt dort den Tiefenmahr zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ein Opfer finden. Irgendetwas scheint dieses legendäre Wesen geweckt zu haben – und der Panthermann Kajahn erkennt in der sich bietenden Zerstörung und der Art, wie sich das Opfer präsentiert, was die Stunde geschlagen hat.

In diesem Band füllt sich eine weitere weiße Stelle auf der Landkarte Twilight Citys, denn von der Tiefenstadt haben wir allenthalben munkeln hören, wenn es um das Vampirblut-Syndikat ging, mehr aber auch nicht. Von dieser unter TC gelegenen Stadt unter der Stadt wusste niemand so genau, wie weit das Geflecht aus U-Bahn-Schächten, Abwasserkanälen und Tunneln tatsächlich hinabreichte. Es war ein Reich der Schatten, in dem die Syndikate Jagd auf Vampire machten, um an ihr Blut zu kommen.

Vampirblut (auch: Droge des Lebens) ist eine in Twilight City weit verbreitete Droge unterschiedlichster Qualität. Es wird unter anderem verdünnt in kleine Flaschen abgefüllt und verkauft. In kleinen Dosen hilft es, wach zu bleiben. Außerdem hilft es gegen Beschwerden wie Rheuma. In größerer und konzentrierte Dosierung verlängert es das Leben, weist aber auch unkalkulierbare Nebenwirkungen auf, die den Konsumenten selbst zum Untoten machen könen. Aus diesem Grunde ist der Handel mit Vamirblut illegal.

Allerdings hat die Droge auch noch andere Eigenschaften; eine von ihnen wird am Ende dieses Bandes von entscheidender Bedeutung sein.

Der Tiefenmahr tötet seine Opfer allerdings nicht ausnahmslos. Jene, die nicht getötet wurden, sondern nur gezeichnet, haben keinen eigenen Willen mehr. Sie haben den Drang, in die Tiefenstadt zu gehen. Dort dämmern sie als Mitglieder des Schattenvolks in den Höhlengängen und dienen dem Tiefenmahr als Nahrungsreservoir. Das Problem an der Sache ist: Abby ist verschwunden und Sir Baldwin glaubt, dass sie vom Tiefenmahr gezeichnet wurde. Er setzt Wynn – der jetzt, da Norek tot ist, eine neue Aufgabe braucht – darauf an, sie zu finden.

Als Wynn sich im Ripp Tide umhört, schneien auch die beiden Polizisten Tosh und Kajahn herein. Alles könnte so schön sein, wenn jetzt nicht eine Passage folgen würde, aus der hervorgeht, dass Alfred Bekker die Romane, die seinem vorangingen, wahrscheinlich gar nicht gelesen hat. Es sieht nämlich nicht so aus, als könne sich der Panthermann Kajahn auch nur im Ansatz daran erinnern, Wynn damals höchst persönlich zu Sir Baldwin geschleppt zu haben, in dessen Haus er ja nach wie vor wohnt. Daraus muss man keine große Sache machen, stört aber den Serienfluss ungemein. Das wäre mit wenig redaktionellem Aufwand leicht auszumerzen gewesen, aber was das betrifft, redet man bei Bastei ohnehin an eine Wand.

Informationen bekommt Wynn dennoch, und die sind nicht von schlechten Eltern.

„Vor vielen Jahren behauptete eine Frau, vom Tiefenmah angegriffen worden zu sein. Es war der erste Fall seit unvorstellbar langer Zeit und vielleicht hat man ihr deshalb nicht geglaubt. Diese Frau trug den Namen Fitzroy.“

„Abbys Mutter?“

Da sind wir wieder mittendrin in dem Rätsel, das Abbys Vater Sir Baldwin-Fitzroy betrifft, der ja ohnehin überall seine Finger im Spiel zu haben scheint, dem Geheimnis, das sich um das Verschwinden der Mutter rankt, dem Abby selbst auf die Spur kommen will – und auch das um Norek, der irgendetwas zu wissen scheint, weshalb er ja … doch, wir können es so nennen: vorerst ausgeschaltet ist.

Als Wynn das Ripp Tide verlässt, bekomt er die Information zugespielt, sich an den Dämon Kelbadras in der Tiefenstadt zu wenden. Eigentlich ein Söldner, Vampirkiller und Gnomentöter, macht er jedoch einen kumpelhaften Eindruck. Zumindest sieht das – bedingt durch die Dialoge – nicht selten so aus, als er mit Wynn durch die Tiefenstadt stiefelt. Weniger charakteristisch als seinerzeit Rakk tendiert die Figur dennoch in diese Richtung. Selbstverständlich ist dieser gehörnte Dämon, aus dessen Augen grüne Lichtschranken fahren, gefährlich – das zeigt er allein schon durch seine Schnelligkeit, als sie von einer Horde Gnome angegriffen werden – aber er wirkt auch etwas naiv. So gesehen ist Wynn, der ja trotz seiner 25 Jahre hier und da recht einfältig wirkt, bei ihm in bester Gesellschaft.  MIt Geld will sich Kelbadras nichts vergüten lassen, insistiert auf eine Gefälligkeit. Das bedeutet in Wynns Fall Einfluss auf Sir Roger zu nehmen, was, zugegeben, mehr wert ist. Unter Dämonen scheinen solche Zahlungsmethoden ohnehin mehr Gewicht zu haben.

Während der Dämon nicht besonders dreidimensional gezeichnet ist, ist es die Tiefenstadt umso mehr mit ihren dunklen Gängen und permanenten Gefahren. Im Grunde gehört es zu jeder ordentlichen Dystopie, die in einem urbanen Umfeld spielt, dass die Untergrundbahnen (eigentlich ist die Tiefenstadt nichts anderes als das, was sich um die Subway-Linien TCs gebildet hat) mehr als nur Schienen und Tunnel beinhalten. Die Tiefenstadt geht jedoch nicht in die Breite oder Länge, sondern mit ihren unzähligen Ebenen in die Tiefe – was Raum für wirklich dunkle Machenschaften lässt.

Der Panthermann Kajahn vermutet längst schon, dass der Grund, warum der Tiefenmahr vor der Zeit erwacht ist, mit dem mysteriösen Schiff zusammenhängt, das seit längerem im Hafen liegt. Mir wurde das ja zum Aufreger, der mich der Serie erst einmal den Rücken kehren ließ. Das lag vor allem daran, dass die Folgebände so getan haben, als wäre gar nichts passiert. Gut, so lange hat es dann auch nicht gedauert, bis heute der Hinweis auch vom Tiefenmahr selbst kommt: Das Schiff … Alles ist in großer Gefahr … Die Zukunft … ich sehe die Möglichkeiten … die verschlungenen Wege … ich habe sie alle geträumt … Und jetzt schließe ich die Wege aus, die in mein Unglück führen …

So weit der Mahr in einer telepathischen Verbindung mit dem von ihm gezeichneten Lieutenant Bondy. Denn eines muss man sagen: das Tentakelwesen geht taktisch vor. Auch hier hatte die Spürnase Kajahn schon vermutet, dass sich der Tiefenmahr Personen des öffentlichen Dienstes zu nutze machen könnte.  Lieutenant Bondy beauftragt den Informanten Etzkali (Ätzkali? Freilich!) dann auch, Wynn und den Dämon Kelbadras zu töten.

Nachdem der Tiefenmahr selbst einen Angriff auf die beiden startet, sind Sätze wie: Der Tiefenmahr weiß, dass wir da sind, etwas redundant, würde ich sagen. Es sind immer mal wieder ein paar Schlampigkeiten bei Bekker auszumachen, die den Roman im Ganzen nicht schmälern, aber etwas ärgerlich sind.

Knapp entgeht Wynn selbst dieser enorm starken Einflussnahme des Tentakelwesens und schließlich finden sie auch Abby unter den schattenhaften Gestalten, deren Blick starr ins Leere blickt. Der Dämon zögert nicht lange und schlägt Abby k.o., bevor er sie sich über die Schulter wirft. Als die Gezeichneten auf die Retter losgehen, trabt ein Gnomenstamm an, der sie alle hinmetzelt. Zum Glück handelt es sich um einen jener Stämme, die denen, die Wynn und der Dämon in die Flucht geschlagen haben, feindlich gesinnt sind. Und sie wissen, wie man den Tiefenmahr wieder in den Schlaf versetzen kann: mit einem magischen Dolch, dessen Klinge in Vampirblut getaucht wurde.

Besiegt ist das Wesen, das Wynn in der Folge wieder schlummern lässt, nicht – es hat ja nicht einmal wirklich angefangen. Und so bleiben viele Fragen offen. Abby selbst bringt es am Ende jedoch auf den Punkt:

„Es müssen nicht alle Geheimnisse an einem Tag gelüftet werden“.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.

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