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Dark Land – Band 12, Priester der Verwesung

Dieser Artikel erscheint zeitgleich mit unserem Interview mit Michael Breuer.

Mittlerweile kann man Dark Land durchaus auch als Städteführer lesen. Die Autoren erkunden hier der Reihe nach die verschiedenen Stadtteile und führen uns in Versuchung, ihnen zu den meist äußerst merkwürdigen Hot Spots zu folgen, was wir bereitwillig tun. In einer Stadt wie Twilight City, in der nichts normal ist, dürfte klar sein, dass es dort eigentlich ganz besondere Friedhöfe geben wird. Es ist Michael Breuer, der heute seinen ersten DL-Band vorlegt und uns diesen Schauplatz etwas näher in Augenschein nehmen lässt, der uns schon das ein oder andere mal als Warbling Fields (zwitschernde Felder: die „Seelenzehrer“, die hier ihr Domizil haben, geben trillernde und sirrende Geräusche von sich) genannt wurde. In Twilight City trennt man die Friedhöfe der Menschen strickt von denen der Dämonen; und eine weitere Besonderheit gibt es: Die Erde in TC spuckt die Toten nämlich wieder aus, weshalb es keine Erdbestattung gibt, sondern Aufbahrungen. Kein uninteressantes Detail.

Der Kleinganove Dexter Williams versucht der Familie Krolovkin gestreckte Drogen zu verkaufen und wird dafür auf übelste Weise von den Vollstreckern der Familie, Schmerz und Pein, totgeschlagen. Er landet in der Pathologie, wird für die Bestattung freigegeben und … erwacht in einer Leichenkammer, selbst verwundert, noch am Leben zu sein. Als er sich noch fragt, in welch einem seltsamen Krankenhaus er da untergekommen war, geht die Tür auf und zwei Narden waren nicht weniger überrascht als Dexter, ihn lebendig zu sehen. Mit einem Wurfmesser töten sie ihn ein weiteres Mal. Doch wieder ist Dexter nicht etwa tot, nur vorübergehend ohne Bewusstsein. Er wird einbalsamiert und erwacht zum dritten Mal.

Die Narden sind in Twilight City so etwas wie Friedhofswächter. An einer Stelle werden sie „Totenschmecker“ genannt. Das Vorbild für diese Figuren sind eindeutig Ghouls, bestehend aus schleimiger Masse, die sich in Menschengestalt mit gelblicher Haut zeigen und sich von Leichen ernähren. Allerdings werden die Narden klüger und auch „kultivierter“ dargestellt, wenn man so will. Auch von ihnen hatten wir immer wieder gehört, aber nie mit ihnen zu tun.

Die Narden sind gar nicht erfreut, dass Dexter noch lebt, schließlich stört das ihren Totenkult. Aus einem Gespräch unter ihnen erfährt er, dass er das Blut der Dämonen in sich trägt. Und schon bekommt er Rachegelüste und wendet sich den Narden als erste Opfer zu.

Das ist der Zeitpunkt, wo durch den Lärm auf dem Friedhof auch die Polizei aufmerksam wird – und dadurch auch der Twilight Evening Star, besser noch: Abby, die Wynn gleich dazu nötigt, sich die Sache mal anzusehen, denn Abby hat wieder ihr berühmtes Bauchgefühl.

Mittlerweile schwenkt die Serie nach ihren furiosen Auftakt in das Gefilde aller Heftromane ein. Der rote Faden, der seit Marc Freunds Aussetzer völlig verloren wurde, ist erst einmal abgeschnitten, und auch hier gibt es jetzt solche unsäglichen „Fälle der Woche“. Das hatten wir natürlich trotzdem bisher auch, aber immer eingebettet in die sich rasant entwickelnde Grundstory. Ein neues Ermittlerduo namens Lieutenant Albert Fish und Tom Ramis sind zur Stelle, das natürlich gegen Kajahn und Bella Tosh völlig blass bleibt. Hier aber hat es einen Grund: Opfer. Michael Breuer benötigt ein paar „Dead Figures“, Personal, das eingeführt wird, um es draufgehen zu lassen.

Etwas über den Totenkult in TC zu erfahren, ist an sich gar nicht uninteressant, allerdings gibt die Story nicht viel her und zieht sich an vielen Stellen wie Kaugummi.

Bleibt die Frage zu klären, warum sich das Phantastikon überhaupt mit Groschenromanen herumplagt, um sie dann ohnehin mehr oder weniger ad acta zu legen. Die Antwort liegt in den ersten 9 Bänden. Nach dem Hexer und Torn gab es in diesem Sektor nichts mehr, das auch nur im Ansatz einer Erwähnung wert gewesen wäre. Dark Land war vielversprechend – und mehr als das. Aber überhaupt keinen Plan zu haben, wo die Reise hingehen soll, ist freilich keine Lösung, da hilft es auch nichts, dass die Autoren ihr Metier beherrschen. Und bevor wir jetzt alle zwei Wochen strafende Worte finden, steigen wir hier mit unserer Übersicht aus, verfolgen die Serie aber weiter um hier und da von Entwicklungen zu berichten.

Michael Perkampus
Über Michael Perkampus (129 Artikel)
Michael E. Perkampus ist Kulturanthropologe und der ehemalige Moderator der Literatursendung "Seitenwind" bei Radio Stadtfilter, Winterthur. Er ist Übersetzer, Hörbuchsprecher und Sammler von Phantastik. 2014 schuf er mit dem Phantastikon einen Ort im Netz, auf dem sich Erzählungen, Artikel, Interviews und Rezensionen rund um das Thema finden. Er lebt derzeit in Kempten, Allgäu und schreibt kurze Erzählungen, die sich um den Mythenkreis "Schwarzenhammer" drehen.

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2 Kommentare auf "Dark Land – Band 12, Priester der Verwesung"

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Doc Nachtstrom
Redakteur

Wenigstens ist „Priester der Verwesung“ ein grandioser Titel 🙂

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