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Dark Land – Band 11, Die Henker

Dieser Beitrag erscheint zeitgleich mit unserem Interview mit dem Autor des vorliegenden Bandes, Rafael Marques.

Wie zu erwarten, gibt es hier keinerlei Hinweis auf das gewaltige und rätselhafte Geschehen, das Marc Freund sozusagen unter der Hand und ohne Not im letzten Band installiert hat. Die Geschichte, die Rafael hier zu erzählen hat, kommt ohne diesen Tatbestand aus und nimmt die Fäden aus seinem Band 6: Verlorene Seelen um die Figur Rakk wieder auf. Rakk ist zweifelsohne eine Bereicherung für sie Serie – und Marques zeigt auch diesmal, warum er im Augenblick zu den führenden Heftroman-Schmieden gehört. Aus diesem Grund ist es schade, dass ich an dieser Stelle darauf hinweisen muss, dass durch die nicht vorhandene Koordination – denn anders ist dieser Schlamassel nicht zu erklären – Dark Land als Serie nicht unerheblichen Schaden genommen hat. Wem das nicht bewusst ist oder an dieser Stelle nur abwinkt, hält die Leser für Idioten. Es kann auch gar nicht den Autoren – hier insbesondere Marc Freund – die Schuld in die Schuhe geschoben werden, denn es zeichnet sich längst ab, das hier jeder wild drauflos schreibt, ohne das Ganze überhaupt im Auge zu haben. Das Ergebnis sind hervorragende Einzelabenteuer, aber kein Serien-Charme. Hätte Marc das weiße Schiff weggelassen – oder gleich den nächsten Band hinterhergeschoben, wäre überhaupt nichts passiert. So aber bleibt ein verdammt übler Beigeschmack, denn wozu sollen Autorenkonferenzen gut sein, wenn sie das gleiche Ergebnis zeitigen, als gäbe es gar keine? Man mag an dieser Stelle meine Reaktion für überzogen halten, aber mir ist meine Zeit zu schade, mich Dingen zu widmen, von denen ich als Leser nicht ernst genommen werde.

Nichtsdestotrotz macht das vorliegende Heft zu Beginn wieder enorm Spaß. Wie schon erwähnt ist unser Reptil, gekleidet in bester Marlowe-Manier, wieder unterwegs. Und gleich stürzt ein U-Bahn-Tunnel ein. Dort nämlich, wo sich vor 50 Jahren ein schreckliches Zugunglück ereignete, möchte sich einer mit ihm treffen, der zu den wenigen gehört, die dieses Zugunglück überlebt hatten. Dylan Fairbanks, dem der Echsendämon das ein oder andere Mal lebensentscheidend geholfen hatte. Dieser Auftragskiller hat nun die schlechte Nachricht, Rakk um die Ecke bringen zu sollen – was er aber nicht tut. Seine Auftraggeber dachten sich das allerdings schon und regeln das auf ihre Weise, indem sie Dylan vor Ort niederschießen. Rakk allerdings überlebt diesen Anschlag, bei dem der stillgelegte U-Bahn-Schacht, ausgelöst vom Dynamit der Henker, in sich zusammenfällt. Zuvor aber konnte Dylan Rakk noch mitteilen, dass nicht nur er umgebracht werden soll, sondern auch ein gewisser Wynn Blakestone. Tja, und diese beiden sollten sich ohnehin wiedersehen, denn Wynn hat noch einige Fragen im Tornister, gerade was die roten Kugeln betrifft, mithilfe derer Rakk Wynn schließlich retten konnte.

Es scheint zunächst nicht so, als ließe sich dieses Geheimnis klären, denn Rakk versichert Wynn, dass er selbst nichts darüber wisse und der einzige, der dazu etwas zu sagen hätte, Sir Hugo Tyrone – seinerzeit ein ähnlicher Strippenzieher in Twilight City wie jetzt Sir Roger – sich das Leben genommen hatte. Als Rakk erklärt, dass Sir Hugo der Vater Sorajas ist, rasten einige leerlaufende Räder bei Wynn ein. Selbstverständlich besitzt Rakk noch einen Schlüssel zu Tyrons Anwesen, und die beiden begeben sich stracks dorthin, um nach weiteren roten Kugeln zu suchen. Sie finden die einzigen sechs verbliebenen dann auch in einem geheimen Zimmer nebst Brief an Rakk. Doch woher die Dinger stammen, wusste auch Tyrone nicht. Die einzige Information, die er hinterließ, ist die, dass Tyrons Großvater sie einmal als Götterblut bezeichnete.

Die Henker, mit denen wir es hier zu tun bekommen, entpuppen sich als eine zweite Garnitur der Jäger, wie wir sie aus dem Schiff der Toten kennen. Allerdings sind sie wohl nur das Kanonenfutter des Richters, wenn auch ein mächtiges. Ziel des ominösen Richters ist es nach wie vor, Zwietracht unter Mensch und Dämon in TC zu säen, um nicht weniger als einen Krieg zu provozieren. Weiterhin unklar bleiben die Motive dieses – wie es scheint – fanatischen Wesens, das diesmal nicht selbst in Erscheinung tritt. Sollte Wynn aber jetzt zu einem Jäger oder zu einem Henker werden? In Band 6 sollte er ein Jäger werden, der Anführer der Henker, Damian Carlisle, bietet ihm an, an seiner Seite ein Henker zu werden. Nunja.

Zumindest bedienen sich die seltsamen Vollstrecker ganz irdischer Methoden, mit denen sie Zwietracht säen wollen: mit Bomben, und ich muss sagen, auch wenn der Roman durchweg solide geschrieben wurde, ist mir das alles etwas zu albern. Rakk geht bei einer Explosion als Figur zu schnell verloren, der Naturalis Esrath ist ein Alleskönner und Phänomen an sich, wird hier aber unglaubhaft eingesetzt (mit unglaubhaft ist in diesem Fall natürlich unstimmig gemeint), gerade wie er Abby und Wynn vor der Explosion rettet.

Im Augenblick bin ich mir etwas unschlüssig, wohin die Serie, die nach ihrem furiosen Start gegenwärtig ihre Mängel aufweist, will. Was als Entdeckungsreise begann, erweist sich allmählich als unkoordinierte Schreibe. Das ist schade.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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