Dark Land – Band 10, Sie kommen

Zwei Anmerkungen sind von vorneherein zu machen. Erstens: Das weiße Schiff, das da in den Hafen Twilight Citys segelt und dann in aller Stille, ohne dass man etwas von der Besatzung zu sehen bekäme, dort auf irgendetwas zu warten scheint, ist nicht der Aufhänger des Romans. Hier wird nur etwas vorbereitet, von dem wir dann wahrscheinlich bald erfahren, was es ist. Die mysteriöse Aura, die mit dem Eintreffen dieses weißen und großen Seglers, begleitet von ebenfalls weißen Vögel, die an Adler erinnern, ist durchaus gelungen und stellt so etwas wie eine weitere, übergeordnete Handlung dar. Zweitens: Es sind Marc Freund hier ein paar Nachlässigkeiten untergekommen, die zwar spitzfindig sein mögen, die aber gerade deshalb überhaupt auffallen, weil sie bisher nicht vorgekommen sind. Von Fehlern zu sprechen, wäre zu viel des Guten, aber es sind kleine störende Formulierungen, die darauf schließen lassen, dass Marc die Arbeiten seiner Vorgänger etwas schlampig rezipiert hat. Nun geht es hier nicht um den Nobelpreis (das wäre dann nämlich wirklich entsetzlich), aber bei unserer Gesamtschau spielen natürlich auch derlei Kleinigkeiten eine gewisse Rolle, und sei es nur, dass sie Erwähnung finden.

Der Titel ist etwas irreführend, denn was da kommt, ist ein Schiff. Sonst nichts. Keine Schiffe, keine (bisher) irgendwie gearteten Wesen. Oder meint man die Vögel? Nein, natürlich nicht. Man meint damit die Henker, die im nächsten Band eine Rolle spielen. Glaube ich zumindest.

Obwohl also die Ankunft des Schiffes ein wichtiges Ereignis markiert, wissen wir nicht, welches das sein könnte. Aber es scheint doch erheblich neugierig zu machen, denn Massen von Menschen und Dämonen strömen zum Hafen, um sich das Schiff anzusehen. Hier hat Reverend Winter seinen großen Auftritt. Irgendwie scheint der Mann entweder seinen Verstand verloren zu haben oder aber von den Impulsen, die das Schiff aussenden, besessen zu sein. (Diese Impulse spürt übrigens auch Norek, der noch in Sir Rogers Kerker sitzt, wenn auch er in diesem Band zu seinem nächsten Auftritt kommt).

Halleluja, was ist hier eigentlich los?

Kritteln wir aber erst noch ein wenig herum. Reverend Winter also fühlt sich berufen, den versammelten eine Predigt zu halten, sie aufzufordern, TC, diesen Sündenpfuhl zu verlassen und an Bord des Schiffes zu gehen. Für ihn steht nämlich fest, dass dieses weiße Schiff von Gott gesandt ist. Von welchen Gott? Und hier beginnt das, was ich – abgesehen von einigen oben erwähnten unglücklichen Formulierungen – wirklich nicht verstehe. Ein „Reverend“ ist ein Geistlicher in englisch sprechenden Ländern. Natürlich wird es in TC Priester geben. Man kann davon ausgehen, dass eine spirituelle oder religiöse Gruppe bei allen höher entwickelten Lebewesen vorkommt. Aber aus welchem Grund greift Marc Freund auf die christliche Symbolik zurück? Vielleicht ginge der Begriff „Reverend“ – ähnlich wie „Priester“ – noch durch, aber dass er „Halleluja“ ruft, legt den Schluss nahe, dass er hier eben jene Gottesmythologie bedient, die wir aus unserer Welt eindeutig dem Christentum zurechnen. Wie aber geht das? Finden diese Lobpreisung des (christlichen!) Gottes etwa auch die Vampire und Dämonen schick? Oder welche ethische Begründung mag da mitspielen? Hat der Autor dafür ein Argument oder hat er einfach nicht nachgedacht? Zu sagen, das ganze sei nicht wichtig, hielte ich für einen fatalen Fehler des Gesamtkonzepts, so gering es auf Anhieb auch scheinen mag.

Wo wir nun schon einmal dabei sind, machen wir uns über die erwähnten kleineren Fehler her. Damit soll aber keineswegs gesagt werden, dass der Roman nicht greift oder die Spannung in irgendeinem Fall nicht funktioniert. Marc Freund beherrscht dieses Element, und alle Punkte verketten sich auf fast magische Weise. Um die Kritik nicht ausufern und gar zu negativ erscheinen zu lassen, gehe ich nur kurz auf die kleinen schlampigen Formulierungen ein:

  • Der „Kraak“ sei ein sogenannter Schnabeldämon. Falsch. Denn nur Wynn nannte ihn eine Zeitlang so, weil er noch nicht wusste, dass es sich um einen Kraak handelt. „Sogenannt“ weist aber auf eine grundsätzliche und breite Akzeptanz hin, die nicht gegeben ist.
  • Der dämonische Gnom Eddrbrynn wird von allen der Einfachheit halber „Eddy“ genannt. Falsch. Im letzten Band erfahren wir, dass Norek ihn so nennt, weil er seinen wirklichen Namen nicht aussprechen kann. (Ich gebe zu, dass es sich hier durchaus um eine zulässige Erweiterung handelt, das ändert aber nichts an der Erwähnung.).
  • „Tastenhocker“ habe Bill Brody den Gnom manchmal scherzhaft genannt. Warum scherzhaft? Ebenfalls im letzten Band erfahren wir, dass Eddy tatsächlich ein „Tastenhocker“ ist. Halb Legende, halb Gerücht, aber weit von einem Scherz entfernt.

Bis auf diese Kleinigkeiten besteht der Roman aus handlungstechnischen Finessen, auf die ich aber nicht eingehen will, weil das, zusammengefasst, nicht möglich ist, ohne den Vorkommnissen die Spannung zu nehmen. Was noch Erwähnung finden sollte, ist die bis jetzt immer schon geahnte Niederträchtigkeit Sir Rogers, wenn es darum geht, seine eigenen Ziele durchzusetzen; aber diesmal haben wir durchaus ein Beispiel, dass der Mann wahrlich über Leichen geht. Es mag zwar in diesem Fall den Abschaum treffen, ändert aber nichts an der Tatsache.

Holen wir uns diesmal eine zweite Stimme ein:

[stextbox id=“zusatz“]Das Gleichgewicht meint:

Dark Land ist eine sonderbare Serie, Twilight City eine exotische Stadt. Vielleicht sollte man im Autorenkollektiv nicht nur über die Handlungen reden, sondern auch einige feste Regeln bestimmen. Es gibt immer wieder Details, die einfach nicht ins Bild passen. Warum braucht es in Twilight City einen christlichen Reverend, der vom Herrgott redet? Soll das heißen, die Bewohner der düsteren Welt glauben an den bekannten Gott mit seinen Geboten und dem ganzen Engelkram? Das halte ich schlichtweg für Unsinn. Wenn Marc Freund unbedingt einen Prediger einbauen möchte, dann hätte er sich Gedanken für eine eigene Glaubensrichtung machen sollen. Das ist aber nur ein Beispiel, ich würde es begrüßen wenn man allgemein für die Serie so wenig wie möglich vertraute Elemente aus unserer Welt einbaut. Schließlich ist die Stadt durch eine Nebelwand von allen anderen Dimensionen abgeschnitten. Wenn ich direkt auf die Schreibe des Autors schaue ist mir etwas anderes aufgefallen. Er muss genauer durchdenken, was er geschrieben hat, damit er sich nicht wiederholt. Mehrmals hat mich das im Heft gestört. Da sagt Abby in der Bar, von welcher Zeitung sie kommt und wird von ihrem Gesprächspartner zwei Sätze später genau danach gefragt. Oder Sir Roger, der vermutet dass Garouze „seine Finger im Spiel hat“. Nur wenige Sätze später vermutet Esrath mit exakt der gleichen Phrase, dass Garouze vielleicht „seine Finger im Spiel haben könnte“. Im ersten Roman von Marc ist mir das nicht aufgefallen, vielleicht weil es nicht wie hier mehrmals passiert ist. Ansonsten aber eine interessante erste Hälfte mit den Dingen, die in Bewegung gesetzt werden. Dafür hätte ich wieder eine sehr gute Lesespaß-Wertung vergeben. Später krankt die Handlung dann wieder daran, dass „versprochene“ Dinge nicht ausgebaut werden. Das Schiff ist auf dem Cover abgebildet und läuft im Prolog in den Hafen ein. Man erwartet also, dass es der zentrale Storypunkt ist. Aber bis zum Finale passiert außer viel Aufregung nichts mehr. Es dümpelt da am Pier vor sich hin und Leute versammeln sich in gespannter Erwartung davor. Erst zum Schluss wird es aktiv, als sich an der Bordwand ein schwarzes Loch auftut. Ich hatte das Gefühl, dass selbst das nicht wegen dem Schiff geschrieben wurde, sondern wegen Marcs persönlicher „Handlung der Woche“. Die gibt es auch wieder und nervt mich immer mehr. Bei Logan war der krimilastige Fall wenigstens noch unterhaltsam. Hier gleitet sie mir zu sehr in ausgelutschte Klischees ab. Henry Garouze weckt anfangs noch Interesse, wird aber nur zum platten Bösewicht ausgebaut. Ein fieser Verbrecher, der viel flucht und seiner Frau eine scheuert, wenn er den obligatorischen Wutanfall auf sie hat. Der Abby gefangen nimmt, um Sir Roger damit zu erpressen, etwas für ihn zu erledigen. Und dann muss er auch noch sein Haus mit klassischem Dynamit wegsprengen, um alle Spuren zu verwischen. Es gibt sogar die bildhafte Szene, als Wynn und Bella dazustoßen, die Sprengsätze gerade zünden und die Druckwellenszene im Geiste in Zeitlupe abläuft. Da hätte ich auch eine Folge „Walker Texas Ranger“ oder sowas aus den 90ern sehen können. Heutzutage sprechen solche Copypaste-Plots einfach nicht für Qualität. Außerdem ergibt es für mich so überhaupt keinen Sinn, warum man Norek befreit. Beschissener Plan. Er wird von allen für tot gehalten und weggesperrt. Vor allem Wynn darf ihn auf keinen Fall sehen und vielleicht erfahren, dass der Schnabeldämon noch lebt. Ihn jetzt also frei zu lassen, damit er Garouze für Sir Roger killt, ist ein unverhältnismäßiges Risiko, selbst wenn er eine Killermaschine ist. Ich muss zugeben, große Stellen der zweiten Hälfte habe ich einfach nur lustlos weggelesen, damit ich endlich fertig bin oder Absätze erreiche, wo wieder etwas Interessantes passiert. Das Schiff wird, wie anfangs erwähnt, nochmal wichtig und verschluckt Garouze. Jetzt wird es wohl die nächsten Wochen weiter lustlos vor sich hin schaukeln, bis die Story wieder aufgegriffen wird. Logans Geschichte war durchweg zufriedenstellend und hat vor allem wegen dem „eigenen Fall der Woche“ nur eine mittlere Note bekommen. Die Konsequenz daraus ist im Vergleich eine schlechte Wertung für dieses Heft. Gute erste Hälfte, für mich sehr enttäuschende zweite Hälfte. Schreib- und Logikfehler über den Roman verstreut. Das kann er doch viel besser.[/stextbox]

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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