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Folge 12: Streifzüge durch die Unterwelt (1) – Dantes Inferno und Miltons verlorenes Paradies

Die Natur des Jenseits fasziniert und erschreckt die Menschheit seit Zehntausenden von Jahren. Was wartet nach dem Tod auf uns, vorausgesetzt, es wartet überhaupt etwas auf uns? Gibt es mehr als einen Ort, an den man gehen kann? Und was passiert, wenn man am falschen Ort landet?

Herzlich willkommen zu einer dreiteiligen Reise durch die Unterwelt. Heute mit Dantes Inferno und Miltons verlorenem Paradies.

Das Land der Toten ist zu groß, als dass man es durch eine einzige Reise erkunden könnte. Also werden wir uns auf die Hölle konzentrieren: Verdammnis, Verderben, Limbus, Fegefeuer, das Inferno, nennt es, wie ihr wollt. Begleitet mich auf eine Odyssee durch einige der besten Darstellungen dieses bösen fiktiven Ortes.

Die Mythologie sagt uns, dass es viele Ziele für böse oder unglückliche Seelen gibt. Diyu, Sheol, Hades, Hetgwauge. Einige davon sind Orte der Bestrafung für die Sünden im Leben und andere sind der eigentliche Ort, wo sich die Toten einfinden müssen.

Das Land der Toten ist zu groß, als dass man es durch eine einzige Reise erkunden könnte. Also werden wir uns auf die Hölle konzentrieren: Verdammnis, Verderben, Limbus, Fegefeuer, das Inferno, nennt es, wie ihr wollt. Es ist jener Ort der Bestrafung, der von den meisten abrahamitischen Religionen anerkannt wird. Begleitet mich auf eine Odyssee durch einige der besten Darstellungen dieses bösen fiktiven Ortes.

Unser erster Schritt ist einfach, wir brauchen nur unter die Erde zu gehen. Wir gehen also durch das fast schon eingefallene Tor, von merkwürdigen Schlingpflanzen umrankt, das mit folgenden Worten in schwarz-rot beschriftet ist:

“Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!”

Dantes Inferno

Dantes Inferno ist die erste eingehende Erforschung der Hölle in der westlichen Literatur und vielleicht die detaillierteste Beschreibung des christlichen Jenseits, die jemals privat und nicht als kirchliche Festschrift geschrieben wurde. Hier wird die Idee der Neun Höllenkreise begründet. Jeder von ihnen hat seine eigene Natur und wartet mit einer Reihe einzigartiger Bestrafungen auf.

Es ist zwar das einflussreichste literarische Modell der Hölle, aber wir können es nicht wirklich den endgültigen Reiseführer für unsere modernen Bedürfnisse nennen. Dante schrieb im Mittelalter, in Italien. Seine Version der Hölle ist stark von der klassischen Mythologie und Literatur beeinflusst, bis hin zum römischen Dichter Virgil, der als Dantes Führer durch die Höllenkreise fungiert.

Man kann sich fast vorstellen, dass Dantes Hölle auf den Ruinen der klassischen Unterwelt erbaut wurde (oder krebsartig aus dem kranken Fleisch des Ur-Tartarus erwachsen ist).

Hier einige Beispiele:

  • Die Grenze zur Hölle wird vom Fluss Acheron gestaltet und der Kapuzenmann, der die Seelen hinüber transportiert, ist Charon, der Fährmann.
  • Der Fünfte Höllenkreis, in dem die Zornigen dazu verdammt sind, sich für immer gegenseitig zu bekämpfen, ist eigentlich der Fluss Styx.
  • In den Tiefen dieser korrupten Unterwelt verurteilt noch immer Minos, der Sohn des Zeus, die Seelen der Toten, ohne den Wechsel des Managements zu bemerken oder ihn überhaupt zu erwähnen.
  • Zentauren leben glücklich im Siebten Kreis. Sie tragen ihren Teil dazu bei, sich unter die lokalen Teufel zu mischen, indem sie Pfeile auf die verdammten Seelen feuern, denen es gelungen ist, den kochenden Blutflüssen des betreffenden Kreises zu entkommen.
  • Griechische Helden und Bösewichte schmachten in verschiedenen Teilen des Infernos und leiden dort unter den heidnischen Pfaden, die sie zu Lebzeiten zu beschreiten hatten (es gab den Monotheismus zu ihrer Zeit ja noch nicht. Was für ein Pech für sie).
  • Der Minotaurus bewacht den Siebten Kreis und Medusa sowie die Furien sind bereit, jeden niederzuschlagen, der es wagt, sich den Mauern von Dis, der Hauptstadt der Hölle, zu nähern.

Den Dämonen von Dantes Hölle steht es eindeutig nicht an, ihre Taten auf andere mythologische Wesen übertragen zu sehen. Sogar Dis selbst hat seinen Namen von Dis Pater, dem römischen Titel für Hades oder Pluto, dem griechisch-römischen Gott der Unterwelt.

Dis ist ein faszinierender Ort; Dante schafft es mit seiner Beschreibung, die Hölle immer weniger wie die Erde erscheinen zu lassen. Auf der einen Seite hat die Stadt Mauern, Tore, Türme, Häuser und Straßen wie jede menschliche Stadt. Andererseits ist sie unmöglich groß und enthält drei der neun Höllenkreise, von denen der letzte und der unterste eine massive gefrorene Grube ist, in der die gewaltige und monströse Figur des Satans selbst im Eis gefangen liegt.

Dis betont auch die blasphemische, rückwärts gerichtete Natur der Hölle. Die Sterblichen suchen Hügel und andere befestigte Positionen auf, um ihre Städte aufzubauen; die Hölle dagegen ist ein umgekehrter Berg, in dem die Macht immer weiter nach unten fließt, hinab zu den größten und tiefsten Sünden.

Im Gegensatz zu vielen der neueren Kartographen der Hölle vertrat Dante die Ansicht, dass jeder, der in die Hölle kam, es auch verdient hatte, obwohl es viele verschiedene Abstufungen der Sünden mit ihren spezifischen Strafen gab. Diebe zum Beispiel werden hier bestraft, indem sie in einer Schlangengrube darben, deren Gift das Opfer dazu bringt, sich in irgendein Tier oder Objekt zu verwandeln. So wird ihnen ihre Identität genommen.

Es gibt auch eine sehr klare Struktur in dieser Hölle, die Bewohner des Infernos sind nämlich den himmlischen Heerscharen unterworfen. Das wird an einer Stelle ganz bsonders deutlich, wo ein Engel aus dem Himmel vorbeischaut, um mit einigen Dämonen und Monstern ein ernstes Wörtchen zu reden, weil sie sich Dante und Virgil in den Weg stellten.

Und die Horden der Hölle hören auf ihn und lassen die beiden Sterblichen durch! Nicht viele anständige moderne Unholde wären wohl so entgegenkommend gegenüber einem Vertreter der anderen Seite. Man wird heute wohl kaum mehr erleben, dass sich ein Unhold vor einem Heiligen verbeugt. es sei denn, der Heilige selbst ist – von zweifelhafter Natur, was, wie wir wissen, durchaus schon vorgekommen ist.

Einige der Sünden aus Dantes Hölle sind mittlerweile aus der Mode gekommen. Diejenigen, die Simonie (d.h. Verkauf von klerikalen Ämtern) begangen haben, werden bestraft, indem sie mit dem Kopf voran in den Boden gepflanzt und an den Füßen in Brand gesteckt werden. Für die meisten Hörer sollte es ein Leichtes sein, dieses Verbrechen in der heutigen Zeit zu vermeiden. Umgekehrt gibt es keine spezifische Strafe für Rassisten, Online-Betrüger oder Personen, die “Espresso” wie “Expresso” aussprechen.

Eine Sache, die Dantes Höllenvision aber besitzt, und die vielen späteren Versionen fehlt, ist die große Vielfalt an verschiedenen Klimazonen und Themen. Dante zeigt uns erwartungsgemäß das Land des Feuers und des Schwefelregens, aber es gibt auch einen Ort des endlosen, trüben Regens, eine Wiese, auf der die genannten Zentauren unter sich sind, einen Eissee, ein dunkles Land, das von heulenden Winden geplagt wird, und einen harpyischen Wald, in dem alle Bäume vergiftete Dornen tragen, die aus den Seelen der Selbstmörder entstanden sind. Es gibt sogar einen vergleichsweise angenehmen Bereich, in dem die Seelen der rechtschaffenen Heiden herum sitzen und sich wünschen, sie wären spät genug geboren worden, um auf den monotheistischen Zug aufzuspringen.

Alles in allem haben wir hier die würdige Version eines bahnbrechenden Dichters: Wenn man sich das Leben nach dem Tod vorstellt, dann bitte riesig und seltsam und fremd.

Verlassen wir nun die Göttliche Komödie und begeben wir uns auf die wegelosen Pfade von Chaos und Nacht, bis wir den Weg in eine gigantische Steinkammer finden, die nicht weniger verflucht ist wie der Ort, den wir gerade verlassen haben.

Natürlich bekommt ihr in diesem Podcast auch noch das Spektakel von Miltons verlorenem Paradies zu hören!

Shownotes:

  1. Intro (0:00)
  2. Dantes Inferno (2:08)
  3. Das verlorene Paradies (8:26)

Zum zweiten Teil geht es hier: Streifzüge durch die Unterwelt (2) – Terry Pratchett und Neil Gaiman

 

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