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Dan Simmons – Sommer der Nacht

Liest man sich etwas in die Reviews zu Summer Of Night ein, wird man immer wieder auf die Vergleiche mit Stephen Kings ES stoßen. Sollte der Vergleich gerechtfertigt sein, ist Simmons mit diesem Roman gescheitert. Betrachtet man Summer Of Night für sich und sieht die Parallelen als im Horror-Genre übliches Setting an, liest man dieses Buch nicht ohne Gewinn, auch wenn es gegenüber anderen Simmons-Büchern durchaus abfällt.
Nach eigenen Angaben ging es Simmons nicht so sehr um „Monster“ als um die Geheimnisse einer Kindheit in Elm Haven, Illinois um 1960 herum. Eine Zeit, die für Kinder eine relative Unschuld bedeutete, mit langen Sommertagen und vergessener Freiheit, einer Zeit, in der man morgens sein Fahrrad nehmen und erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren konnte, ohne sich irgendwelche Sorgen zu machen.

In dieser Absicht zeigt der Roman das, was auch ES und andere Romane, die eine verlorene Kindheit zum Thema haben, vereint: das verlorene Paradies, das allein schon aus psychologischen Gründen in jedweder Kindheit verortet wird. Es ist die Herangehensweise der glasklaren Erinnerung, der sich nahezu jeder Autor einmal stellen wird. Man hat dieses Genre nicht zu Unrecht Coming-of-Age genannt.

Um seine Wahl zum Papst und den Aufstieg des Hauses Borgia zu feiern, gab Calixtus eine große Glocke in Auftrag, die am 7. August 1458 in Rom eingeweiht wurde. Die Legende behauptet, diese Glocke hing in einem Turm, den nur die Borgias betreten durften. In diesem Turm wimmele es von Bildern, die Bullen zeigten, dem Opfertier des Osiris, dem ägyptischen Totengott. Ausgerechnet diese Glocke soll in der Old-Central-Schule von Elm Haven unter dem Dach hängen, einem alten, zerfallenden Bunker, der sich für das verschlafene Nest nicht mehr rentiert und deshalb abgerissen werden soll. Merwürdiges geschieht dort. Am letzten Schultag verschwindet ein Junge spurlos und ein pubertierendes Grüppchen macht sich auf, die Wahrheit darüber herauszufinden. Das geht nicht ohne Verwicklungen, Reibereien und einer Menge kindlicher Gemütsdarstellungen einher. Das ist der Aufhänger.

An manchen Stellen wirkt der Roman unbeholfen, ein wenig wie Bastelwerk. Andere Stellen sind wiederum hinreißend. Und wieder andere nerven in ihrer Plumpheit. Zum Beispiel wurde Aleister Crowleys Buch des Gesetzes etwas krude in die Geschichte hineingebastelt. Mit Schusswaffen können die kleinen Scheißer ebenfalls gut umgehen. Vielleicht werden Amerikaner aber auch mit diesem Talent geboren.

Eine Empfehlung kann ich persönlich nicht aussprechen, davon sollte man sich allerdings nicht beeindrucken lassen. Sollte es jemanden geben, dem ES zu komplex erschien (und ich weiß, daß es Leser gibt, die das tatsächlich so empfinden), das Setting aber mochten, dem mag Summer Of Night durchaus gefallen. Wer aber keine Zeit hat, etwas Halbgares zu lesen, weil es so viele Bücher gibt, die sich wirklich lohnen, der lasse es links liegen.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.

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