Daefelia

Im Jahre 1974 veröffentlichte die englische Sussexmedia Corporation einen experimentellen Zeichentrickfilm, der eigentlich für Kinder konzipiert war, aufgrund seiner drastischen Symbolik und subtilen Weltuntergangsszenarien vier Jahre später aber vom British Board of Media Control indiziert und vom Markt genommen wurde. Der Film trug den Titel Daefelia. In diesem Schwarzweißfilm ging es um eine Katzenfamilie, deren Junges, Felicia, nachts davon träumt, wie der vorhandene Vorrat an Milch aufgebraucht wird und wie die Gemeinschaft der Katzen beginnt, sich stattdessen von Menschenblut zu ernähren. In einem sich anbahnendem Überlebenskampf entwickeln die Katzen immer perfidere Methoden, um an Menschenblut zu gelangen. Die Menschen ihrerseits wiederum versuchen Hunde, Füchse, Vögel und sogar Schweine auf das Töten von Katzen abzurichten und so den Erhalt ihrer eigenen Spezies zu gewährleisten. In einem apokalyptisch anmutenden Entscheidungskampf sterben schließlich die letzten Vertreter der Gemeinschaft der Katzen und Felicia, der einzigen Überlebenden, wird die Legende von Daefelia, dem Katzenparadies, anvertraut. Am nächsten Morgen, aus dem Albtraum erwacht, macht Felicia sich allen Unkenrufen zum Trotz auf die Suche nach Daefelia. Eine Odyssee homerischen Ausmaßes schließt sich an, in der Felicia erkennt, dass sowohl die Menschen als auch die anderen Tiere in Wirklichkeit nur ein Spiegel ihrer Selbst und daher Freunde sind.

Grace, zu der Zeit, als der Film verboten wurde, vier Jahre alt, liebte Daefelia.

„Wir ziehen zurück!“
Es war 1979. Graces Mutter und Graces Vater gaben die Wohnung in Brighton auf und zogen nach Deutschland. Da Grace keine Vorstellung von diesem Land auf der anderen Seite des großen Flusses hatte, versuchte die Mutter, ihr das Land zu erklären.
„Wir ziehen in das Land von Frau Holle, das Land von Rumpelstilzchen und Dornröschen. Es gibt dort Schlösser und Burgen und dunkle Wälder, in denen du dich verläufst, wenn du dir den Weg nicht merkst!“
Grace freute sich. Es war, als ob all die Geschichten, die ihre Mutter ihr bis dahin vorgelesen hatte, nun wahr werden würden. Daefelia, dachte Grace. Wir fahren nach Daefelia.
Am Abend vor der Abreise konnte sie vor Aufregung nicht schlafen. Ihre Mutter musste sie in den Schlaf wiegen. Sie sang:

Ba-Ba-black sheep, have you any wool,
Yes, sir, yes, sir, three bags full,
One for the master,
One for the dame,
One for the little boy
Who lives down the lane.

Ba-Ba-black sheep, have you any wool,
Yes, sir, yes, sir, three bags full!

Graces Vater war Deutscher. Er hatte an der 1961 in Brighton gegründeten Universität von Sussex gearbeitet und kehrte nun nach Heidelberg zurück. Auch die Mutter von Grace freute sich auf Heidelberg, schließlich hatte sie ihren Mann 1965 dort kennen- und lieben gelernt. Sie hielt Heidelberg für einen der wenigen Orte in Deutschland, in dem die alte und glorreiche germanische Tradition noch existent war. Sie empfand Heidelberg als eine Insel inmitten eines Meeres der Zerstörung. Auch wenn die fleißigen Deutschen viele Städte schon lange wieder aufgebaut hatten, sprach Graces Mutter immer von den Trümmerstädten, wenn sie von Köln, Hamburg oder Dresden redete. Für sie war Heidelberg eine Zeitmaschine, mit der sie sich in die von ihr innig geliebte Vergangenheit katapultieren konnte. Mindestens einmal pro Woche stieg sie mit Grace auf den Vorsprung des Königstuhls, um vom Schlosshof aus auf den Neckar und die umliegenden Gebirge zu schauen. Grace selbst glaubte dann jedes Mal, im Schloss von Dornröschen zu sein, das nun, alt und verwittert, das letzte Zeugnis dieser märchenhaften Geschichte war.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter lernte Grace sehr schnell das deutsche Idiom. Da Grace mit jeder Sprache eine feste Bezugsperson verband – das Queen’s English mit ihrer Mutter und den preußisch-deutschen Tonfall mit ihrem Vater – kam es auch nie zu irgendwelchen Komplikationen, wie sie in anderen, bilingualen Familien häufiger auftreten. Grace wechselte ohne Probleme vom Deutschen ins Englische, nahm in beiden Sprachen einen authentischen Akzent an und wurde folglich sowohl von Deutschen als auch von Briten für eine Einheimische gehalten. Auch intellektuell gesehen ermöglichte diese Kombination zweier Kulturen Grace ein schnelleres Voranschreiten im schulischen Bereich. Es wäre vermessen, sie als überbegabt zu bezeichnen – ihre mathematischen Fähigkeiten ließen beispielsweise sehr zu wünschen übrig – aber sie war doch ein wenig offener, kreativer, phantasievoller und aufgeweckter als ihre Grundschulkameraden.

Eines Tages kaufte Graces Vater einen Malkasten mit Acrylfarben. Er gab seiner Tochter eine Leinwand und einen Pinsel und ließ sie dann alleine in ihrem Zimmer. Er selbst schloss sich für drei Stunden in seinem Arbeitszimmer ein um ungestört eine Biographie über Generalfeldmarschall Erwin Rommel lesen zu können. Da Graces Vater selbst im deutschen Afrikakorps gedient hatte, verschlang er das Buch geradezu. Bestens im Bilde über die Vorgänge in Afrika zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, meinte Graces Vater, einige Ungenauigkeiten und sogar grobe Unwahrheiten in dem Buch entdeckt zu haben. Die Buchstaben und Bilder des Buches erweckten einige schöne und einige weniger schöne Erinnerungen wieder zum Leben, und Graces Vater erwischte sich in den drei Stunden ein ums andere Mal dabei, wie er vom Buch aufschaute, aus dem Fenster in die Ferne sah und einen glasigen Blick bekam. Er dachte an den großen Krieg, an die Kameraden, die er verloren hatte, an Artillerie, Schrapnell und Streufeuer, an die sandigen Dünen und die wilde Wüste, an El Alamein und die sengende Hitze der satten Sonne. Er musste unweigerlich an Sand denken, aber nicht an gewöhnlichen Sand, sondern an von Blut verfärbten Sand, in dem die Stiefel keinen Halt fanden und in dem man das Gefühl hatte, beständig tiefer zu versacken, bis man schließlich durch den Sand hindurch fiel.
Als Graces Vater die letzte Seite des Buches zu Ende gelesen hatte und das Buch schweren Herzens wieder zuklappte, merkte er, wie durstig er war. Er hievte seine müden Knochen zurück in die aufrechte Position und machte sich auf den Weg in die Küche. Als er an Graces Zimmer vorbei kam, horchte er an der Tür. Für einen Moment meinte er, das Miauen von Katzen zu hören.

Als er die Tür öffnete, quietschte diese aufs Grässlichste.
Grace saß auf dem Boden. Um sie herum lagen etliche Maltuben verstreut und einige Farbspritzer hatten den Teppich bereits verunstaltet. Da Grace mit dem Rücken zur Tür saß, konnte ihr Vater zuerst nicht sehen, was sie in den drei Stunden seiner Abwesenheit zuwege gebracht hatte. Und weil Grace trotz der quietschenden Tür sein Hereinkommen nicht bemerkt hatte, schaute sie auch nicht auf. Sie schien immer noch ganz versunken in ihrer Arbeit und emsig ließ sie den Pinsel über die Leinwand fahren.
Behutsam trat Graces Vater näher auf seine Tochter zu. Langsam eröffnete sich ein Winkel über Graces Schulter, aus dem heraus der Vater einen Blick auf die Leinwand erhaschen konnte. Auf der überwiegend in schwarzen und weißen Tönen gehaltenen Leinwand erkannte der Vater die rudimentären Schemen einer Katze. Er erkannte das für Katzen typische kurze Gesicht und einen breiten, kleinen Schädel. Der Backenbart mit den feinen Härchen, die nach links und rechts abstanden, war das sicherste Indiz dafür, dass es sich bei dem abgebildeten Wesen um eine Katze handeln sollte. Auch die leicht grün gemalten Augen hatten die typische Form von Katzenaugen.
Die Katze auf dem Bild leckte sich die Pfoten. Vor der Katze befand sich eine kleine Schüssel, darin war eine rote Flüssigkeit.
„Katzen trinken Milch, Liebes!“, sagte Graces Vater.
Grace drehte sich zu ihrem Vater um.
„Diese Katze trinkt Blut!“

An dem Tag, als Grace acht Jahre alt wurde, starb eine Frau, die Graces Mutter sehr mochte, obwohl sie sie nicht kannte. Diese sehr berühmte Frau war bei einem Autounfall in Frankreich vierzig Meter einen Hang hinab gestürzt. Ihr Name war auch Grace.
„Grace wird sterben!“, hatte Graces Mutter gesagt.
„Ich werde sterben?“, hatte Grace verwundert gefragt, als sie in die Küche kam.
„Nicht du!“, hatte die Mutter erwidert.„Grace Kelly. Die Fürstin. Deine Namenspatronin. Die schönste Frau der Welt. Sie war auf dem Weg nach Monaco. Mit dem Auto. Sie liegt im Krankenhaus. Aber sie hat so schwere Verletzungen, dass sie die Nacht wohl kaum überleben wird.“
Sie sollte die Nacht überleben, aber mehr auch nicht. Sie starb tags darauf.
„Grace ist tot“, dachte Grace.
Nur die Tochter, die kleine Stephanie, hatte den Unfall überlebt.
Tagelang war in den Nachrichten von nichts anderem die Rede. Man zeigte den Fürsten, der seine Fürstin verloren hatte. Man zeigte seine Tränen, seine Trauer. Man zeigte seine für alle Welt sichtbaren Schmerzen. Er hatte seine Fürstin verloren. Nun war er alleine.
„Grace ist tot“, dachte Grace. Dann ging sie auf ihr Zimmer, um zu malen.

Grace malte immer besser. Sie gab sich viel Mühe, verwendete viel Zeit fürs Detail, belegte einen Malkurs für Kinder und erlernte verschiedene Techniken. Sie stieg von Acryl auf Öl um und ließ sich von ihrem Vater immer bessere Leinwände schenken. Die Motive blieben jedoch gleich: Katzen. Sie malte die verschiedensten Rassen: Perserkatzen, Abessinier, Türkische Angora und Tonkanesen. Je ausgereifter ihr Stil wurde, desto ehrgeiziger wurde sie. Sie konnte sich stundenlang über einen verpatzten Pinselstrich oder über eine falsche Farbmischung aufregen. Einmal malte sie eine schottische Faltohrkatze, die deshalb schwierig zu malen war, weil ihr Fell kurz, dicht und weich ist. Eine solche Beschaffenheit des Fells ließ sich malerisch nur schwer umsetzen, da es dann schnell so aussah, als habe die Katze kurze schwarze Borsten anstatt weicher Härchen. Als nach einer Woche das Gemälde immer noch nicht fertig war, übermalte Grace kurzerhand das Bild. Statt eines Katzenmotivs versuchte sie nun, einen blauen Himmel zu malen. Doch die schwarze Farbe, die sie für das erste Motiv verwendet hatte, vermischte sich mit der hellblauen Himmelsfarbe. Aus dem blauen Himmel wurde schließlich eine große, graue Regenwolke, die trübselig am Horizont entlang zog und irgendwie toxisch wirkte.

Als Grace zwölf Jahre alt wurde, musste sie den ganzen Tag zuhause verbringen. In den Nachrichten war von einer großen, grauen Wolke die Rede, die über ganz Deutschland hinweg zog und die Menschen krank machte. Grace verbrachte den Tag damit, in den Himmel zu gucken, und nach der grauen Wolke Ausschau zu halten. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien und der Himmel war fast wolkenlos. Vögel flogen vergnügt umher und zwitscherten so vergnügt, dass es eine reine Freude war ihnen zuzuhören. Dennoch baten Graces Eltern sie unablässig, alle Fenster zu verschließen und auf keinen Fall nach draußen zu gehen.
„Aber dann kann ich die Vögel nicht mehr hören“.
„Wenn du jetzt raus gehst“, meinte der Vater, „wirst du vielleicht nie wieder etwas hören können“.
Graces Mutter schaute den Vater darauf skeptisch und leicht entnervt an.
„Verschreck das Kind nicht so“, sagte sie. „Du musst immer alles so dramatisieren. Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme“.
„Wann kommt die graue Wolke?“, fragte Grace.
„Die Wolke ist nicht wirklich grau“, sagte der Vater. „Das sagen die Leute nur, damit wir ihre Gefährlichkeit besser verstehen. In Wirklichkeit ist die Wolke unsichtbar. Wer weiß, vielleicht schwebt die Wolke schon über unseren Köpfen, jetzt, in diesem Moment“.
Grace bekam eine Gänsehaut. Sie schaute in den blauen Himmel, der so friedfertig und fröhlich wirkte, und glaubte nun tatsächlich, so etwas wie eine Bedrohung zu verspüren. Sie fühlte, wie der Himmel sie betrog, wie er versuchte, sie mit seinen bunten Farben und seinem strahlenden Lachen zu täuschen.
„Du täuschst mich nicht“, sagte Grace herausfordernd in den Himmel. „Ich weiß, wer du wirklich bist“.

Im Jahr darauf wurde Grace plötzlich krank. Zuerst muteten alle ihre Symptome wie eine harmlose Grippe an. Doch als Grace insgesamt zwei Wochen mit Fieber und Schüttelfrost im Bett gelegen hatte, wurde Graces Mutter unruhig.
„Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen“, sagte sie.
Der Vater, unschlüssig darüber, was zu tun war, meldete zuerst Bedenken an, lenkte schließlich aber ein.
„Vielleicht ist es das Beste!“. Er war sich relativ sicher, dass es nichts Ernstes war. Was einen nicht tötete, so glaubte er, machte einen hart.
In der Notfallambulanz des Krankenhauses nahm man Graces Fall auch nicht besonders ernst. Es waren zu wenige schwerwiegende Symptome, um eine schnelle und bevorzugte Behandlung zu rechtfertigen. Grace musste zwei Stunden in einer Sitzecke der Notfallambulanz ausharren, bevor eine Ärztin sie mit ihrer Mutter in den Behandlungsraum bat.
„Wo tut es dir denn weh, Kleine?“, fragte die Ärztin.
„Im Kopf“, erwiderte Grace.
Die Ärztin fühlte Graces Stirn und nickte.
„Du hast ein bisschen Fieber“.
Dann, zu Graces Mutter gewandt, sagte sie, dass sie ein Blutbild und eine Generaluntersuchung machen wolle. Graces Mutter gab ihr Einverständnis.
„Tun sie das!“, sagte sie.
Grace und ihre Mutter kehrten nach der Blutabnahme in die Sitzecke der Ambulanz zurück. Sie sahen, wie ein blutender Mann auf einer Tragbahre hineingeschoben wurde. Sie sahen, wie eine verstört wirkende Frau mit einem dicken Bauch im Eingangsflur zusammenbrach. Sie sahen, wie ein kleiner Säugling auf den Armen seines Vaters herein getragen wurde. „Er atmet nicht mehr“, schrie der Vater. Dann wurden sie wieder in das Behandlungszimmer der Ärztin gerufen.
„Das Blutbild lässt keine genaue Schlussfolgerung zu“, sagte die Ärztin zögerlich. „Es passt zu keinem bekannten Krankheitsbild. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Grace eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen aufweist. Außerdem ist ein Anstieg von Glukocortikoiden und eine gleichzeitige Reduktion der Lymphozytenpopulation zu verzeichnen. Aber das zusammen ergibt, wie schon gesagt, kein eindeutiges Krankheitsbild“.
„Was sollen wir also tun?“, fragte Graces Mutter.
Die Ärztin zuckte mit den Schultern.
„Warten“, sagte sie.

Grace und ihre Mutter fuhren wieder nach Hause. In den folgenden Tagen ging es Grace etwas besser. Das Fieber ließ nach und Grace begann wieder, zu malen. Der Vater, erleichtert über ihre Genesung, kaufte ihr eine Leinwand, die fünf- bis sechsmal so groß war wie die Leinwände, die Grace vorher bemalt hatte. Grace freute sich.
„Ich werde die Katzen aus Daefelia malen“, sagte sie stolz.
Übereifrig machte sie sich ans Werk. Da Sommerferien waren, stand Grace jeden Morgen um acht Uhr auf und malte emsig an ihrem opus magnum. Sehr bald schon hatte sie Felicia, die Katzenheldin aus Daefelia, fertig gemalt. Auch die anderen Figuren aus dem Film fanden einen Platz auf der Leinwand. Als Graces Vater nach Wochen einmal in ihr Zimmer kam, fiel es ihm nicht schwer, das Gemälde seiner Tochter zu bewundern.
„Man mag kaum glauben, dass du erst vierzehn bist“, sagte er erstaunt. „Du malst mit einer Liebe fürs Detail, das ist unglaublich“.
Grace lächelte.
„Ist das Gemälde denn fertig?“, fragte der Vater weiter. „In der Mitte ist noch Platz. Was kommt denn da für eine Katze hin?“
Grace schaute auf die Leinwand. Sie hatte insgesamt sechs Katzen gemalt, die alle in einem Kreis saßen. In der Mitte der Leinwand war noch eine große, weiße Stelle, die noch nicht mit Öl bearbeitet worden war.
„Das ist mein Platz“, sagte Grace.

Im August desselben Jahres fuhr Grace mit ihren Eltern zu einem amerikanischen Freund ihrer Mutter. Sie fuhren ungefähr zwei Stunden mit dem Zug, dann kamen sie an einem Bahnhof an, an dem der Freund der Mutter sie abholte. Er war Soldat und sprach mit einem komischen Akzent, den Grace vorher noch nie gehört hatte.
„And you’ve got to be Grace“, sagte er. „I’ve heard a lot about you”.
Gemeinsam mit dem amerikanischen Soldaten fuhren sie zu der air base. Es war ein sonniger Tag und viele, viele Menschen befanden sich auf dem amerikanischen Militärgelände.
„Today’s a very special day“, sagte der Amerikaner. „There’s gonna be an air show”.
Und tatsächlich, als sie auf dem Flughafengelände der Kaserne ankamen, sah Grace viele Flugzeuge, vor allem Jets. Menschen liefen um diese Maschinen herum, kletterten in das Cockpit und sprachen mit den Piloten.
Dann begann die Show. Die vielen Menschen verteilten sich auf die Tribünen, oder stellten sich in sicherer Entfernung zu der Rollbahn auf die grünen Wiesen. Da der amerikanische Freund von Graces Mutter im Tower arbeitete, durften Grace und ihre Eltern sich das Spektakel von dort anschauen. So hatten sie eine gute Sicht auf das Spektakel.
„The Italians are the best“, sagte der Amerikaner. „It’s their turn now”.
Grace sah zehn italienische Düsenjets in den Himmel steigen. Zuerst flogen sie in Pyramidenformation über den Köpfen der Zuschauer hinweg. Aus ihren Düsen kamen die Farben Grün, Rot und Weiß, die Farben der italienischen Nationalflagge. Dann stiegen die zehn Düsenjets senkrecht in den Himmel. Als sie eine gute Höhe erreicht hatten, scherten fünf Jets nach links aus und vier nach rechts. Ein einzelner Jet flog in einem Bogen nach unten. Grace sah, wie die Flugbahn der Jets ein Herz formte. Langsam schloss sich das Herz an dem Punkt, an dem alle Jets wieder zusammentreffen sollten.
Dann sah Grace wie der einzelne Jet mit zwei Jets in der Luft zusammenstieß und wie ein Düsenjet in einem riesigen Feuerball in die Zuschauermenge raste. Eine unglaubliche Hitze entwickelte sich und drang selbst zu ihnen durch das dicke Glas im Tower durch.
Für eine Minute schien die Zeit stillzustehen. Obwohl ein riesiger Feuerball die Menschenmenge auf dem Rollfeld unter sich begrub, hinderte ein lähmendes Entsetzen die Menschen im Tower daran, zu handeln. Grace, die nicht sogleich verstand, dass dort unten Menschen starben, fand das gigantische Feuer unbeschreiblich schön.
Um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern verließen Grace und ihre Eltern die air base. Als sie wieder zurück in Heidelberg waren, liefen im Fernsehen die Bilder der Katastrophe. Über sechzig Menschen waren bei lebendigem Leib verbrannt. Mit dem Himmel hatte etwas nicht gestimmt, dachte Grace.

Eine gute Woche später wurde Grace wieder krank. Die Symptome waren die gleichen wie beim ersten Mal, mit der Ausnahme, dass sie dieses Mal stärker ausgeprägt waren. Vor allem morgens, also kurz nach dem Aufstehen, lag Grace jedes Mal erschöpft in ihrem Bett. So, als hätte sie die Nacht nicht im Bett verbracht.
„Meine arme Grace“, sagte die Mutter.
„Es geht mir gar nicht so schlecht“, protestierte Grace. „Ich fühle mich viel leichter als sonst. Mir ist nur ein bisschen heiß“.
Grace litt jedoch nicht nur an Fieber, sondern auch an Appetitlosigkeit. Sie stand zwar auf und lief herum, aber sie wirkte dabei sehr gebrechlich. Graces Mutter machte sich ernsthaft Sorgen.
„Wir müssen wieder ins Krankenhaus“, sagte sie.
„Noch nicht!“, erwiderte Grace. „Ich möchte noch eine Nacht hier bleiben“.
Graces Mutter lenkte nach reiflicher Überlegung ein. Sie sorgte sich um ihre Tochter, aber das Fieber war noch nicht lebensbedrohlich. Außerdem war das Fieber beim letzten Mal auch quasi über Nacht verschwunden.
Bevor Grace in ihrem Zimmer das Licht ausmachte, bat sie ihre Mutter, die Leinwand mit den Katzen aus Daefelia in ihr Zimmer zu stellen. Graces Mutter tat ihr den Gefallen. Sie lehnte die übergroße Leinwand vor den Schrank, so dass Grace sich nicht bewegen musste, um sich ihr Gemälde anzusehen.
„Da ist mein Platz“, sagte Grace und zeigte auf den weißen, unbehandelten Fleck im Gemälde.
Graces Mutter lächelte gequält. „Dein Platz ist hier. Hier bei uns. Du kannst weiter malen, wenn es dir wieder besser geht“.
Die Nacht über blieb es ruhig. Graces Mutter horchte mehrere Male in die nächtliche Stille hinein, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Die Stille beunruhigte sie ein wenig und sie fühlte sich ein bisschen in die Zeit zurück versetzt, als Grace noch ein Baby gewesen war. Damals hatte sie die große Stille auch als trügerisch empfunden, und war in Graces Zimmer gegangen, um nach ihr zu sehen. Aber jedes Mal hatte sie nur eine friedlich schlummernde Grace vorgefunden. In der Gewissheit, dass es diesmal nicht anders war, blieb Graces Mutter im Bett liegen, und versuchte, einzuschlafen.

Um sieben Uhr in der Früh wurde Graces Mutter von einem lauten Schrei wach. Sie sprang aus dem Bett und stürzte in Graces Zimmer. Doch Grace lag ruhig und zufrieden in ihrem Bett.
„Hast du so geschrieen?“, fragte Graces Mutter.
Grace zeigte auf die Leinwand.
„Die Katzen waren es. Sie haben nichts mehr zu trinken.“
Graces Mutter fühlte die Stirn ihrer Tochter. Sie war kochend heiß.
„Kind, du glühst ja“, sagte die Mutter. „Du musst ins Krankenhaus“.
Sie fuhren ohne Umschweife los.
Im Krankenhaus wurden sie wiederum nicht sofort drangenommen, da eine Assistenzärztin beschied, dass Grace nicht als dringender Fall zu bewerten sei. Graces Mutter machte eine fürchterliche Szene, aber es half alles nichts. Sie mussten warten.
Als sie schließlich an der Reihe waren, fiel der behandelnden Ärztin erneut nichts Besseres ein, als ein Blutbild zu machen. Nach einer dreiviertel Stunde lagen die Ergebnisse vor.
„Ihrem Kind fehlt eigentlich nichts“, sagte die Ärztin. „Alle Blutwerte sind normal. Außer der Anzahl von weißen Blutkörperchen. Darüber hinaus ist ein Anstieg von Glukocortikoiden und eine gleichzeitige Reduktion der Lymphozytenpopulation zu verzeichnen, was aber keine lebensbedrohlichen Symptome sind. Es sind ungewöhnliche Werte, das ist alles.“
Als die Ärztin erneut vorschlug, Grace wieder mit nach Hause zu nehmen und abzuwarten, protestierte Graces Mutter.
„Das werde ich nicht tun. Ganz gleich, was sie sagen, mein Kind ist krank. Ich bin die Mutter, und ich fühle, dass mein Kind etwas hat! Ich verlange, dass mein Kind zur Beobachtung hier bleibt.“
Die Ärztin versuchte eine kurze Weile, die Mutter vom Gegenteil zu überzeugen, merkte aber bald, dass an der Entschlossenheit der Mutter nicht zu rütteln war. Nach kurzem Zögern rief die Ärztin also in der Kinderstation an, befehligte die Oberschwester in die Ambulanz und trug ihr auf, sich um Grace zu kümmern und sie in ein Einzelzimmer zu verfrachten. Graces Mutter bedankte sich.
Eine knappe halbe Stunde später lag Grace in einem Bett auf der Kinderstation. Die Oberschwester maß ihr Fieber und gab ihr ein Medikament.
„Das ist ein Sedativ“, sagte sie. „Damit schläfst du besser“.
Graces Mutter gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, drückte ihre Hand und verabschiedete sich.
„Ich komme morgen wieder“, sagte sie.
„Mach dir keine Sorgen, Mama“, sagte Grace. „Wir werden uns wieder sehen“.

Als Graces Mutter nach Hause kam, fand sie ihren Ehemann vor dem Fernseher. Er schaute eine Reportage über die STS-26, die erste amerikanische Space-Shuttle Mission nach der Challenger Katastrophe von 1986. Sie sollte am folgenden Tag starten. In der Reportage erklärte ein Fachmann der NASA gerade die Auswirkungen von Schwerelosigkeit auf Astronauten. Er redete von leichtem Fieber, einer erhöhten Anzahl von weißen Blutkörperchen und einer rapiden Abnahme der Lymphozytenpopulation. Immer wieder zeigten sie die Bilder von der Challenger, die zwei Jahre zuvor dreiundsiebzig Sekunden nach dem Start explodiert war. Als Graces Vater seine Frau erblickte, schaute er sie fragend an.
„Wo ist Grace?“, sagte er.
„Sie bleibt über Nacht im Krankenhaus. Zur Beobachtung“, sagte Graces Mutter.
„Es wird schon nichts Schlimmes sein“, versuchte Graces Vater zu beruhigen.

Sie gingen zeitig zu Bett. Graces Mutter fiel erschöpft und gottergeben ins Bett. Sie schlief sofort ein und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf.

Als sie aufwachte, tastete sie nach ihrem Mann. Doch das Laken neben ihr war zurückgeschlagen. Ihr Mann war schon aufgestanden. Während die Mutter sich aufrichtete und sich den Schlaf aus den Augen rieb, hörte sie plötzlich einen lauten Schrei. Sie wusste augenblicklich, dass es ihr Mann war, der geschrieen hatte.
Hastig lief sie in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Sie vermutete die Quelle in der Nähe von Graces Zimmer. Als sie dort ankam, sah sie ihren Mann im Zimmer stehen. Er hatte die Hand vor dem Mund und in seinen Augen spiegelte sich das blanke Entsetzen.
„Was ist los?“, fragte Graces Mutter.
Statt einer Antwort hob Graces Vater nur die Hand. Er zeigte auf die Schranktür, an der die Leinwand gelehnt war, die Grace in letzter Zeit so fiebrig bearbeitet hatte. Graces Mutter schaute in Richtung des Gemäldes. Auch sie bekam einen Schock.

Auf dem Gemälde waren sechs Katzen. Alle sechs Katzen hatten ihre Krallen ausgefahren und waren dabei, wie große Raubkatzen einen jungen Menschen zu reißen. Zwei der sechs Katzen hatten dem Menschen schon große, klaffende Wunden beigefügt, und leckten begierig das aus dieser Wunde hervor sprudelnde Blut. Der junge Mensch aber schien keine Schmerzen zu empfinden. Im Gegenteil, es schien, als ob die Katzen die stillschweigende Erlaubnis hatten, dem Menschen wie Egel das Blut abzusaugen.
„Das ist Grace“, schrie die Mutter entsetzt. „Das ist Grace“.

Im gleichen Moment klingelte das Telefon. Es schrillte in lautem Ton durch die ganze Wohnung.
„Das muss das Krankenhaus sein“, sagte der Vater geistesgegenwärtig.

C.P. Heynk

C.P. Heynk

C.P. Heynk wurde 1978 im Münsterland geboren und stammt aus einer deutsch-irischen Familie. Er hat im Rahmen seines Fremdsprachenstudiums (Englisch/Französisch auf Lehramt ) das erste Mal an einem Seminar für Kreatives Schreiben teilgenommen und bisher drei Kurzgeschichten in Anthologien des Dr. Ronald Henss Verlages und des Anglistischen Seminars der Universität Bonn veröffentlicht.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Kommentar verfassen

wpDiscuz