Da war die Gruselmär von der “Braut auf der Stulle”

Carl Großmann war ein Frauenmörder. Ein hässlicher, ungepflegter, gerissener, kaltschnäuziger Kerl. Ob er auch Kannibale war und Würstchen aus Menschenfleisch am Schlesischen Bahnhof in Berlin verkauft hat, war und ist und bleibt ein Gerücht. Wahrlich gruselig, so was in Erwägung zu ziehen. Aber man munkelte so allerlei, damals, als Anfang der 1920er die böse Geschichte von einem perversen Schänder und völlig gefühlsrohem Killer die Runde machte, dessen Greueltaten Anlass für allerlei finstere Vorstellungen boten.

Gaststätten hätte er gleichwohl beliefert, so erzählte man sich angewidert, freilich sensationslüstern und schwarzhumorig genug, um von der „Braut auf der Stulle“ zu sprechen. Da schüttelte man sich und dachte an Großmanns bedauernswerte Opfer: Mittellose, alleinstehende Frauen, die ihm den Haushalt machen wollten, mit ihm tranken, sich vergaßen oder längst vergessen hatten, in sein Bett stiegen, ihn und ihr eigenes Los ertrugen, auf das Scheußlichste, Schmerzhafteste behandelt wurden und qualvoll starben, um anschließend zerstückelt im Wald oder im Kanal entsorgt zu werden. Einzelne Leichenteile, – und derer recht viele – , waren gefunden worden, aber wer sagte denn, dass einige nicht doch in der Wurstmaschine und letztendlich Pfanne gelandet waren?

Ihn und ihr Los ertragen müssen

Klingt alles fürchterlich. Wohlgemerkt, bewiesen wurde das nie. Und vielleicht ist es nur eine Schauermär von dieser speziellen Sorte, die eine ungeheuerliche Mordsache noch unglaublicher macht. Bemerkenswert, freilich im so krank wirkenden Kontext umso verstörender allemal: Großmann, dessen Taten ausschließlich im Zusammenhang mit sexueller Abartigkeit und grausamster Gewalt stehen und die bei ihm selbst im Nachhinein weder Reue- noch Mitleids- noch echte Schuldgefühle erzeugten, soll stets völlig klar im Kopf gewesen sein. Keine auffällige psychische Störung wurde bei ihm erkannt, und trotz schlechtester Voraussetzungen in der Kindheit, – der Vater ein gewalttätiger Schwerstalkoholiker, die Mutter nicht bei gesundem Verstand – , sah man daraus resultierend keine Nachwirkungen.

Raffiniert, aufbrausend, misstrauisch, egoistisch, verachtend, rechthaberisch war er. Aber eben auch clever und sich seiner Art bewusst. Für eine (Un-)Schuldfrage, gar Unzurechnungsfähigkeit aufgrund eines verkorksten Geisteszustandes war da nichts gegeben. Darauf setzte Großmann vergebens. Es hätte keine Hinrichtung für ihn bedeutet.

Lässt man seine Gründe gelten, so war es im Regelfall eine für Großmann völlig nachvollziehbare reine Wut auf ihm angetanes Unrecht, die ihn veranlasste, Frauen mit Küchengeräten zu malträtieren und ihnen die Finger in den Rachen zu stecken, um sie a) am hysterischen Schreien zu hindern und sie b) prinzipiell überhaupt mundtot zu machen. Wohl denn auch definitiv.

Die aufgrund einer Prozessbeschleunigung nur drei eindeutig bewiesenen Morde an Johanna Sosnowski, Albertine Asche und Marie Nitsche, dem letzten Opfer vor seiner Verhaftung in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1922 definierte Großmann selbst als Totschlagsdelikte. Er habe schließlich nie direkt getötet, die Frauen seien langsam gestorben ohne tatsächlichen Vorsatz seinerseits, Mord sei das wohl nicht. Großmann war gewitzt vorbereitet, – er hatte bereits viele Jahre im Zuchthaus verbracht und juristisch nützliche Informationen gespeichert – , denn eins wollte er nicht: Die Todesstrafe. Davor hatte er Angst. Dann besser ins Irrenhaus, wie er erklärte, damit wieder Ruhe für alle einkehren könnte.

Dorthin sollte er aber eben nicht, dieser abartige Kerl, der schon seit 1913 immer wieder in Argwohn geraten war. In diesem Jahr schob man ihn nach fünfzehnjähriger Gefängnisstrafe, – er hatte zwei blutjunge Mädchen vergewaltigt und schwer verletzt, die Kleinere starb – , von Bayern aus nach Berlin ab. Großmann war jetzt ein fünfzigjähriger Mann, der sein halbes Leben wegen brutaler Sexualdelikte im Knast verbracht hatte. In Berlin arbeitete Großmann als Kramwarenhändler, der von Tür zu Tür ging, lebte allein und suchte wohl immer wieder offiziell eine Haushälterin.

Frauen verschwanden, nach denen niemand suchte, weil sie keinen festen Platz im Leben anderer hatten. Leichenteile wurden in Wasserläufen in der Nähe von Großmanns Wohnungen gefunden, die nicht zugeordnet werden konnten. 1921 untersuchte die Berliner Kripo allein 13 ungeklärte Morde an obdachlosen Frauen, die mit Großmann in Verbindung gebracht wurden. Er hätte sehr viele Wirtschafterinnen gehabt, so Großmann achselzuckend, die Anzahl, geschweige denn die Namen wüsste er nun wirklich nicht mehr.

Keine Reue, keine Schuld, nur Wut

Großmann hatte ansonsten ein verblüffend gutes Gedächtnis, er lieferte auch eine detailgetreue Beschreibung seiner Begegnung mit der 35jährigen Köchin Marie Nitsche, die nackt in seinem Bett starb, weil sie ihn angeblich bestohlen hatte. Sie muss in einem fürchterlichen Zustand gewesen sein, grausam verletzt und verstümmelt im Intimbereich, der Kopf blutig geschlagen. Von seiner entsetzlichen Brutalität wollte Großmann nichts hören, er rechtfertigte seinen Zorn und schob die Schuld auf das Opfer. Überhaupt fühlte er sich unfair behandelt von all den „verlogenen Biestern“, die nur Geld und Schnaps und, so kam es ihm wohl immer vor, Sex mit ihm haben wollten.

Carl Großmann, 1921 im Alter von 58 Jahren gefasst und nach zehnmonatiger Untersuchungshaft lediglich wegen dreifachen Mordes angeklagt, – die Staatsanwaltschaft wollte den Prozess schnell über die Bühne bringen, obgleich die Kriminalpolizei von mindestens zwei Dutzend Morden ausging – , entzog sich seinem Urteil durch Selbstjustiz. Am dritten Verhandlungstag verkündete das Gericht, dass der Angeklagte sich in seiner Zelle mit einem Bettlaken erhängt hätte.

Der kleine Zeisig Hänseken, den Grossmann sich als Haustier gehalten und nach seiner Verhaftung in „liebevolle Hände“ gegeben hatte, verbrachte die letzten zwei Jahre seines Lebens im Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Eine gute Zeit für ihn. Irgendwann war dann alles vorbei. Und die „Braut auf der Stulle“ verstaubt mit der Erinnerung im Archiv. Da schluckt man noch einmal. Und klappt die Akte zu.

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