Cristie, der Böse von London: Grausige Funde am 10 Rillington Place

Der junge Waliser Timothy Evans, wohnhaft 10 Rillington Place im nördlichen Teil Londons, war keine menschliche Bestie. Aber er starb als Mörder am Galgen, weil sein Nachbar John Cristie, der nur drei Jahre später, 1953, als „Frauenwürger von London“ in die Kriminalgeschichte einging, zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung noch als ehrbarer Mann galt. Unsympathisch. Überheblich. Aber grundsätzlich ein respektabler Bürger. Für die Öffentlichkeit. Für die Justiz. Für den Henker Albert Pierrepoint, der den verurteilten Evans hinrichtete und damit nicht mehr und nicht weniger als seinen Job machte in dem Glauben, einzig der Gerechtigkeit und dem Vaterland seinen Zoll zu leisten. Wie in all den vielen Jahren davor.

„Es ist nicht Albert Pierrepoint, der in die Todeszelle hineingeht, sondern nur das Werkzeug des Staats. Ich lasse alle persönlichen Gefühle und Empfindungen draußen vor der Tür.“ (Pierroint in einem Interview)

(c) Columbia Pictures Corporation

Timothy Evans wurde am neunten März 1950 wegen Mordes gehängt. Ein fataler Justizirrtum. Die Exekution fand im alten Pentonville-Gefängnis in London statt, das heute hauptsächlich als Untersuchungsgefängnis dient. Sein Henker Pierrepoint, der mit rund 450 Vollstreckungen der meist herbei zitierteste und wohl prominenteste seiner Zunft in England gewesen ist, distanzierte sich später von der Todesstrafe als „letztendlich nur ein antiquiertes Relikt des primitiven Verlangens nach Rache.“
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2005 kam sein Leben in die Kinos: The last hangmanDer letzte Henker, mit Timothy Spall als Pierrepoint. Auch über Evans, den 26jährigen Chaffeur aus Wales von schwachem Gemüt und schlichtem Geist, der hilflos wirres Zeug redete und dem wegen des gewaltsamen Todes seiner Frau Beryl und seiner kleinen Tochter Geraldine, ermordet 1949 in 10 Rillington Place in London, der Prozess gemacht worden war und der als Unschuldiger am Galgen sterben musste, wurde ein Film gedreht:

Frauenleichen im Schrank

Gnade für Timothy Evans ein unter die Haut gehendes dokumentarisches ZDF-Fernsehspiel von 1969 mit Josef Fröhlich als Evans, – der 1966, zwei Jahre nach der faktischen Abschaffung der Todesstrafe in England, posthum rehabilitiert worden war – , und Friedrich Georg Beckhaus in der Rolle des wahren Täters:

 

John Christie, ein optischer Biedermann, als aufdringlich und arrogant beschrieben, ein unangenehmer, aber prinzipiell nicht speziell auffälliger Mieter im Haus 10 Rillington Place. Zumindest keiner, dem man eine definitiv grausame Wesensart unterstellt hätte. Bis er im März 1953 recht eilfertig auszog, irgendwo in den Straßen Londons untertauchte und dem nichtsahnenden Nachmieter seine Leichen überließ. Der fand zu seinem Entsetzen drei tote Frauen in einem vernagelten Schrank und eine unter den Dielenbrettern. Zwei waren im Garten vergraben.

(c) Columbia Pictures Corporation

Die grausigen Funde brachten Christie’s Gesicht in alle Zeitungen. Der war jetzt Englands meistgesuchter Verbrecher, ein Mann Mitte fünfzig, Brillenträger, schlank, mit kahler hoher Stirn, der sich gern im Anzug mit Krawatte ablichten ließ und der seine Opfer, während er sie vergewaltigte, mit bloßen Händen erwürgte, um sich an ihrem Todeskampf zu ergötzen.

Am Todeskampf ergötzt

Der Serienkiller John Cristie wurde schnell gefasst. Als „Frauenwürger von London“, nachweisbar verantwortlich für die brutale Ermordung von sieben Frauen, darunter Beryl Spall und die eigene Ehefrau Ethel, ging er am 15. Juli 1953 in den Tod. Geständig in allen Fällen, die ihm zur Last gelegt werden konnten. Einzig die kleine Geraldine, die nur ein Jahr alt wurde und deren Leiche neben der ihrer Mutter im Waschhaus im Garten hinter dem Mietshaus gefunden wurde, habe er nicht erdrosselt. Eine nicht mehr auf Wahrheit oder Lüge prüfbare Behauptung, – Evans war längst hingerichtet, weitere Zeugen gab es nicht – , die zu glauben freilich allzu blauäugig gewesen wäre angesichts der Kaltschnäuzigkeit, die Christie über Jahre hinweg seine Gefühlswelt hatte bestimmen lassen.

John Reginald Halliday Christie, geboren 1899 in Yorkshire, heiratete 1919 Ethel Simpson aus Sheffield, suchte dann Arbeit in London und ließ seine Ehefrau in ihrem Elternhaus zurück. Für Ethel war John, Zeit seines Lebens mit Potenzproblemen behaftet, nicht nur eine absolute sexuelle Enttäuschung. Ihr war sehr wohl bekannt, dass er sich in London im Kleinkriminellenmilieu bewegte und immer wieder Prostituierte aufsuchte, um sich selbst seine Männlichkeit beweisen zu können. Mit einer lebte er sogar zusammen, bis er die Frau mit einem Kricketschläger attackierte und 1929 für sechs Monate hinter Gitter kam. Vier Jahre später stahl er einem Priester das Auto, wurde erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und besann sich im Gefängnis darauf, in Sheffield immer noch eine Ehefrau zu haben.

(c) Polyband

Er schrieb ihr, dass er sie vermisse. Und die arme Ethel, sehr einfältig und noch viel einsamer, fuhr zu ihm und verbrachte die nächsten Jahre an der Seite ihres charakterlich höchst unerfreulichen Gatten in London, von 1938 an im Haus am Rillington Place in Notting Hill, wo er sie 1952 erwürgte und unter der Diele versteckte.

Esther war nach Ruth First, Muriel Eddy, Beryl Evans und der kleinen Geraldine sein offiziell fünftes Opfer. Ruth und Muriel ermordete Cristie noch in den Kriegsjahren. Beide erwürgte er, während er sie vergewaltigte, – seinen abartig nekrophilen Neigungen stets gerecht werdend -, und begrub die Leichen im Hintergarten. 1949 tötete er die schwangere Beryl, die eine Abtreibung wollte und der Christie erzählte, er verstünde etwas davon und könne diese bei ihr durchführen. Allein mit ihm, schlug Christie sie nach einem missglückten Betäubungsversuch bewusstlos, erwürgte sie, während er sich an ihr verging, und tötete anschließend Geraldine. Vor Gericht sagte er als Hauptbelastungszeuge aus, dass sein Nachbar Timothy Evans Frau und Kind brutal ermordet hätte. Man glaubte dem so seriös und überzeugend auftretenden Christie, nicht dem jungen Analphabeten auf der Anklagebank, der sich nur schwer, zudem wirr erklären konnte.

Man glaubte dem Killer: Er mordete weiter

Christie, rundum zufrieden mit dem Ausgang des Prozesses, – ein Unschuldiger wurde an seiner Stelle gehängt, er fühlte sich sicherer denn je – , mordete weiter. Er schaffte sich im Dezember 1952 die unglückselige Ethel vom Hals, erzählte den Nachbarn, sie sei nach Yorkshire gegangen, und tötete in der Folgezeit drei Prostituierte, Rita Nelson, Kathleen Maloney und Haroldina McLennan, die er zu sich nach Hause holte, auf die für ihn übliche abscheuliche Art ums Leben brachte und im zugenagelten Kasten versteckte, in dem der schockierte Nachmieter sie schließlich nach Christie’s überstürztem Auszug und kurzfristigem Abtauchen fand.

Vor Gericht plädierten die Verteidiger auf Unzurechnungsfähigkeit. Damit kamen sie nicht durch, John Christie galt als in vollem Umfang schuldig und wurde am 15. Juli 1953 als kaltblütiger Mehrfachmörder gehängt.

John Christie (Archiv-Bild)

Der Fall Christie/Evans trug nicht nur dazu bei, dass die Todesstrafe einige Jahre darauf in England nicht mehr zur Debatte stand, auch das Abtreibungsgesetz änderte sich. Verzweifelten Frauen wie Beryl Evans das Schicksal zu ersparen, in ihrer Not an die definitiv Falschen zu geraten, war nach Veröffentlichung der Geschehnisse im Haus 10 Rillington Place mit wesentlicher Grund für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

1971 drehte Richard Fleischer den Film „John Christie, der Frauenwürger von London“ (10 Rillington Place) mit Richard Attenbrough als Christie und John Hurt als Timothy Evans. BBC One produzierte 2016 die Mini-Serie „Rillington Place – Der Böse“ mit Tim Roth in der Rolle des Killers, dessen genaue Opferzahl bis heute nicht bekannt ist.

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