Criminal Minds: Echt ist schlimmer

Krasse Krimiserie. Das sei betont. Stark umgesetzte Stories. Auch fett unterstrichen. Ganz furchtbar böse Ideen. Scheint so. Stimmt so aber nicht ganz.

Die Geschichten, die in Criminal Minds erzählt werden, basieren allesamt auf wahren Begebenheiten. Es sind reale Verbrechen, verfremdet zwar, aber durchweg ungezuckert, die wir uns bei Chips und Bier oder sonstwas profan Nettem seit der deutschen Erstausstrahlung 2006 auf den Bildschirm holen. Mich persönlich läßt das doch leicht schlucken und macht meine Augen noch etwas größer. Nicht, weil ich eben doch zu zartbesaitet bin. Keineswegs, keine wirkliche Chance. Was gut furchtbar ist, bleibt immer furchtbar gut. Wissen wir hier.

Vertrautes Team, krasse Jobs: Die Supervisory Special Agents von Criminal Mind
Vertrautes Team, krasse Jobs: Die Supervisory Special Agents von Criminal Mind

Freilich sind es schon teils wirklich abartige Hammerfälle, mit denen sich die Supervisory Special Agents, FBI-Profiler aus Quantico, rund um ihren Unit Chief Aaron „Hotch“ Hotchner beschäftigen müssen. Allesamt Routiniers, erfahren, abgeklärt, längst vertraut mit den tiefsten Abgründen menschlichen Denkens, Wollens und Handelns. Aber immer noch keineswegs immun dagegen, dass es einem die Nerven blank zieht. Dass es quält und schlecht schlafen lässt.

Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Friedrich Nietzsche, deutscher Philosoph, 1844 – 1900)

Die Special Agents sind im Regelfall den total Gestörten auf der Spur: Menschen, die sich grausam für Erlebtes oder Eingebildetes rächen, meist an Unschuldigen, die in ihrem kaputten Weltbild nichts verloren haben. Die aus Wut oder purer Lust peinigen und morden, die ihre Opfer einsperren, ihre perversen Phantasien und Wahnbilder an ihnen ausspielen, Gliedmassen amputieren, aus wissenschaftlicher Neugier oder weil sie dieses fremde Ästhetikempfinden haben, die sie zu Puppen oder Marionetten machen, indem sie ihnen Drogen geben oder im speziellen Fall an Schnüre hängen und sie bei vollem Bewußtsein abstrus verrenken; die im Schuppen und im Keller operieren, aufschneiden, abschneiden, Folterinstrumente und Bomben basteln.

Menschen, die andere entstellen, psychisch martern, verbrennen, ersticken lassen, die Kinder entführen und als Sexsklaven verkaufen, die auf das Abscheulichste misshandelt und letztendlich achselzuckend getötet werden. Menschen, denen das, was menschlich genannt wird, zuviel oder zuwenig, unbekannt oder einfach nur egal ist. Die Täter sind die, die in der Nebenstraße, im schlechten oder im besseren Viertel wohnen, die Unscheinbaren, die vom Leben selbst Gebeutelten, die simpel Strukturierten. Die Genialen. Die Hässlichen. Die Schönen. Alte. Junge. Alle. Überall. Überall ist Hölle. Überall ist hier.

Lasst jede Hoffnung hinter euch, ihr, die ihr hier eintretet. (Dante Aligghieri, italienischer Dichter und Philosoph, 1265 – 1321)

Laut dem Showrunner und Executive Producer für Criminal Minds, Edward Allen, Officer beim Chicago Police Departement vor seinem Einstieg in die Filmbranche, wurden die echten, die abartigen Originale im Drehbuch noch abgeschwächt. Das ist derbe. Vorstellungskraft schlägt Tatsache. Nicht ungewöhnlich. Natürlich nicht. Man darf, man sollte schaudern.

Der Glaube an eine übernatürliche Quelle des Bösen ist unnötig. Der Mensch allein ist zu jeder möglichen Art des Bösen fähig. (Joseph Conrad, britischer Schriftsteller, 1857 – 1924)

So ist das, war das, bleibt das. Mit klugen Worten genialer Köpfe aus dem Gestern und Heute startet und endet jede Folge der mittlerweile über 250 Episoden der US-amerikanischen Fernsehserie (Idee: Jeff Davis), die jetzt in die zwölfte Staffel geht. Erstmalig wurde Criminal Minds im September 2005 vom Sender CBS gezeigt und startete ein Jahr später in Deutschland.

Criminal Minds konzentriert sich gänzlich auf die Arbeit des FBI im Bereich der operativen Fallanalyse (Profiling) durch die BAU (Behavioral Analysis Unit = Verhaltenseinheit) mit primärem Augenmerk auf den Täter und nur abgeschwächt auf das Verbrechen allgemein. Als Vorlage dienen die realen Fälle, um den Kern herum sitzt Fiktion. Eigens ausgebildete Rechercheure sammeln die Fakten, die Schreiber erledigen den großen Rest.

Jim Clemente, der die Serie als kundiger Berater und Autor unterstützt, war vor dieser Tätigkeit Jurist und FBI-Profiler. Für ihn gilt, ein möglichst authentisches Abbild der BAU in der Öffentlichkeit zu zeigen, verstärkt auch unter dem Aspekt, dass dadurch andere, echte Polizeibehörden alarmiert werden, Hilfe von außerhalb in Anspruch zu nehmen für Aufklärungsarbeiten, bei denen wirklich jede Sekunde zählt. Sein statement dazu:

„Innerhalb einer Stunde kann die Serie 18 Millionen Menschen erreichen, wohingegen ich während meiner aktiven Karriere ungefähr 50.000 Polizisten und Experten auf der ganzen Welt helfen konnte.“

 

Nur diese eine als Nachtkino: In Florida verschwinden junge Frauen. Ihre verstümmelten Leichen tragen die Handschrift eines psychopatischen Serienkillers. Der Mann quält seine Opfer, eine der Frauen läßt er mit einer grausamen Botschaft an das FBI-Team zurück: In ihrem Magen befinden sich zehn Finger, die sie vor ihrem Tod hatte schlucken müssen. Die DNA ergibt, dass keiner von ihr stammt. Ihr Mörder will, dass man ihn kennt. Ihn und seine Gründe. Er tötet, friert die Frauen ein, taut Stücke auf, isst sie. Er hasst ohne Farben. Wenig erfolgreich wurde er in jungen Jahren psychiattrisch behandelt, entlassen ohne Chancen, Hilfe, ohne andere Perspektiven als seine eigenen furchtbaren Wege im Kopf.

Als er gefasst wird, kann sein letztes Opfer gerettet werden. Eine junge Frau aus dem Ort wird noch vermisst. Für sie fand im Vorfeld eine große Suchaktion statt. Alle Gemeindemitglieder hatten sich beteiligt, auch der Killer, der als dümmlicher, eigenbrötlerischer, aber harmloser Nachbar galt. Er half bei der Essenausgabe, spendierte Fleisch für den Eintopf. Nach seiner späteren Festnahme will er nicht sagen, wo er die Frau versteckt hat. Er starrt und schweigt nur. Letztendlich soll Profiler Derek den Pfarrer holen, ihm würde er es verraten.

Im kurzen, kalten Gespräch senkt der Pfarrer hilflos den Blick und sagt: „Gott ist in uns.“ Der Mann grinst. „Und sie (die Frau) ist jetzt in Euch allen.“

Gott schickt Fleisch und der Teufel die Köche.(Thomas Deloney, englischer Schriftsteller, 1543 – 1600)
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Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)