Christopher Fowler / Der Höllen-Express

Fowlers Roman ist eine Geschichte in einer Geschichte. 1966 fragt der Dramaturg Shane Carter in den Hammer-Studios nach einem Job. Er hat bereits für Roger Corman gearbeitet und will nun sein Glück in England versuchen. Das Studio sucht händeringend nach neuen Stoffen. Filme mit Vampiren, Werwölfen und Mumien finden kaum mehr ihr Publikum. Carter ist mehr als erstaunt, als man ihm spontan anbietet, ein Drehbuch zu schreiben. Noch erstaunter ist er allerdings über den vorgegebenen Zeitrahmen: in weniger als fünf Tagen soll er das Script fertig haben. Als Vorgabe erhält er lediglich eine unheimlich-dramatische Handlung und den Ort. Einen alles andere als gewöhnlichen Zug.
Carter macht sich sofort an die Arbeit und entwirft ein Szenario, das sich 1916 irgendwo im fiktiven Land Karpatien abspielt. Verschiedene Menschen besteigen einen Mitternachtszug, um nach England oder einfach nur aus dem vom Krieg zerrütteten Land zu kommen. Da ist zum einen der Londoner Nicholas Castleford, der eine hübsche Wirtstochter zur Flucht aus ihrer Heimat bewegen konnte. Mit an Bord ist auch der Landpfarrer Thomas Wellesley und seine Frau Miranda. Unter den Fahrgästen befindet sich auch eine geheimnisvolle Rote Gräfin, die dem Landpfarrer schon beim ersten Zusammentreffen die Sinne raubt. Die unheimlichste Gestalt scheint aber der Zugführer zu sein. Er verlangt von den Fahrgästen kein Geld oder Fahrscheine, sondern ganz besondere Gefälligkeiten, um sich die Reise zu verdienen. Gleichzeitig schärft er allen ein, den Zug keinesfalls vor Erreichen des Ziels zu verlassen. Wie genau dieses Ziel heißt, verrät er jedoch nicht. Der Name des Zielbahnhofs lässt sich auch auf keiner der Fahrpläne entdecken. Sehr schnell entdecken die Reisenden, dass sie sich in keinem gewöhnlichen Zug befinden. Jeder Passagier wird einer individuellen Prüfung unterzogen. Besteht er sie nicht, ist nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele verloren. Die Chancen stehen für alle sehr schlecht, denn Ghule, Vampire, Massenmörder und wandelnde Seuchen schleichen von Abteil zu Abteil.
Man darf nicht den Fehler begehen, die Handlung des Romans allzu ernst zu nehmen. Das Buch ist eine augenzwinkernde Hommage an die klassischen Grusel-und Horror-Filme der Hammer-Strudios. Fowler hat selbst viele Jahre im Filmgeschäft gearbeitet und Drehbücher für Kino- und Fernsehproduktionen verfasst. In »Der Höllen-Express« lässt er diese Insider-Erfahrungen mit einfließen und verbeugt sich gleichzeitig ironisch lächelnd vor der Hochzeit des englischen Pulp-Horror-Films. Es ist diese Gebrochenheit, diese bewusst übersteigerte Form der Inszenierung, die den Reiz des Buches ausmachen. Gelingt es dem Leser, diese Perspektive einzunehmen, dann erhält er einen düster-blutigen Horror-Streifen in Buchform, bei dem sich Christopher Lee und Peter Cushing ein imaginäres Stelldichein geben.
Die gewohnt hochwertige Präsentation mit Klappbroschur und das stimmungsvolle Cover von Mark Freier lassen das Buch zu einem Schmankerl für Horror- und Film-Fans werden.

Christopher Fowler: »Der Höllen-Express« (»Hell Train«)
Luzifer Verlag, 2014
Pb., 360 Seiten, € 13,95
ISBN: 978-3-95835-026-7
Aus dem Englischen von Stefan Mommertz

Andreas Wolf, im April 2015

Andreas Wolf

Andreas Wolf

Geboren im Jahr des Tigers und Sternzeichen Löwe, schreibt unter Pseudonym düstere Erzählungen und Romane und unter seinem bürgerlichen Namen Rezensionen für das Magazin "phantastisch!".

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