Christman Gniperdoliga: Böse muss man Böses vertreiben

Wie war der Mann, der fast 1000 Menschen getötet hat? Ohne eine Horde mordlustiger Spießgesellen im Rücken, ohne eine Schlacht auf blutbesudeltem Feld zu schlagen, einfach aus kaltschnäuzigem Eigennutz heraus? Wahrscheinlich war er ein simpel gestrickter, selbstgefälliger Kerl, voller Gier auf den Besitz anderer, voller Gleichgültigkeit dem Leben außerhalb seines eigenes abscheulichen Seins gegenüber.

Vermutlich sah Christman Gniperdoliga in seinem Wams, den gepufften Hosen und dem steifen Barett mit Feder auf dem Kopf, – eben, wie man sich üblich als einfacher Mann des Volkes zu seiner Zeit kleidete – , prinzipiell völlig normal aus. Mag auch sein, dass sein Mantel zerlumpt, seine Zähne verfault, sein ehemals weißes Kittelhemd vor Dreck stand. Das hätte ihn nicht auffälliger gemacht. Er war wohl nach außen hin irgendein Gewöhnlicher von hunderten Gewöhnlichen.

Kein Serienkiller, – und Gniperdoliga war einer der widerwärtigsten und schrecklichsten der europäischen Geschichte – , hat ein drittes Auge auf der Stirn. Fangzähne. Klauenhände. Hufe anstelle von Füßen. Erkennungszeichen des Bösen, des Abnormen tragen sie nicht, all diese Gewissenlosen, die völlig Abgebrühten, die unbarmherzigen Totschläger, die von Schuld und Reue erst in der Hölle Gezeichneten. Vielleicht noch nicht mal dort.

Schatten der Armut und Härte

Christman Gniperdoliga lebte im 16. Jahrhundert im Rheinland, in einer Zeit, die das Mittelalter als finsterste Epoche knapp hinter sich gelassen hatte, noch deutlich zu früh, um es nicht in jedem Winkel, jedem Stein, jedem düsteren Augenblick wittern zu können. Die Schatten der Armut, Hässlichkeit, Härte und Erbarmungslosigkeit schwebten weiterhin über dem Land.

Einigermaßen gut zu überleben beherrschte auch Gniperdoligas krankes Denken und Sinnen. Und das Bestreben, nie erwischt, erkannt, bestraft, dem Teufel übergeben zu werden. Er hielt sich wohl im Regelfall geschickt im Verborgenen auf. Weit abseits gelegen von dem Städtchen Bernkastel, gut eine Meile von Köln entfernt, hatte er unter der Erde eine Höhle, eingerichtet wie eine Wohnung mit Kammer und Stube, in der er hauste, wenn er nicht auf Menschenjagd war.

In der Nähe seiner Höhle, auf einer Anhöhe mit Sicht ins Tal, lag er auf der Lauer, wartete auf nichtsahnende Krämer und Wandersleute, von denen er sich einträgliche Beute versprach. Gnadenlos tötete er alle, die das Pech hatten, von ihm gesichtet zu werden, raubte die Leichen aus und brachte das Diebesgut in seine unterirdische Behausung.

Das Gemetzel ging über dreizehn Jahre. Hatte es sich gar so zugetragen, dass Gniperdoliga für die Menschen in Bernkastel ein völlig Unbekannter war, zumindest lediglich ein spinnertes Phantom, ein absonderlicher Typ, dem niemand Aufmerksamkeit schenkte, weil man nichts von ihm wusste?

Wie sonst wäre es für ihn möglich gewesen, für den grausamen Tod so unglaublicher vieler verantwortlich zu sein, ohne über einen derart langen Zeitraum hinweg tatsächlich verdächtigt zu werden? 964 Opfer, schriftlich fixiert, sollen es gewesen sein, spurlos vermisste und bestialisch ermordete Menschen, eine derartig unglaubliche Menge, dass man nicht fassen kann, wie sicher und mutmaßlich selbstzufrieden Gniperdoliga sich gefühlt haben muss. Und wie schaurig es wahrhaftig war, dass da jemand in nicht vergleichbarer Serie tötete, ohne irgendeinen Hinweis, ein Indiz, ein Motiv zu haben. Allein die Bereicherung kann nicht als die eine erkennbare Absicht stehen. Was im Kopf eines Schlächters wie Gniperdoliga abgelaufen ist, bleibt Vermutung derjenigen mit den eiskalten Fingern, die in den alten Büchern blättern.

Wie schaurig es wahrhaftig war

1581 wurde Gniperdoliga letztendlich doch festgenommen. Eine Frau verriet ihn, die er ursprünglich hatte umbringen und ausrauben wollen, die er dann aber wegen ihrer Schönheit verschonte und als Gefangene mit in seine Höhle nahm. Angeblich wurde sie mehrmals schwanger von ihm, – den Neugeborenen soll er umgehend das Genick gebrochen haben, in einer zeitgemäßen Schauermär heißt es gar , er habe ihre Herzen gegessen – , und er kettete sie an, wenn er auf seine mörderischen Raubzüge ging. Irgendwie schaffte sie es doch einmal in die Stadt, – ob tatsächlich mit seiner von ihr abgebettelten Erlaubnis oder auf dem von Angst und Verzweiflung gezeichneten Fluchtweg, wer weiß es schon? – , und dort erzählte sie zum allgemeinen Entsetzen Ungeheuerliches. Wer oder auch was dort im Wald war: Es war satanisch.

Mörder wie Gniperdoliga erwarteten in jenen Tagen Hinrichtungen scheußlichster Art, die als einzig wahre Ahndung, irdische Gerechtigkeit und göttlicher Wille galten. Dem gesellschaftlichen und sozialen Chaos auf’s Schärfste die Stirn zu bieten war so verpflichtend wie des Scharfrichters Aufgabe: Mit Bösem das Böse zu vertreiben. Nur so konnte man läutern, strafen, das Schlechte vernichten. Und dabei dem Guten dienen.

„Darumb muß man reder haben, galgen, rabensteyn, thurn, gefencknuß, hencker und stockmeister, damit man den bösen buben were“. (Johannes Agricola, dt. Reformator, 1494 – 1566)

Kein dreimal lebenslang im Kerker für die schlimmsten Schwerverbrecher, kein Gift, kein Schafott, kein Galgen: Sie sollten so richtig leiden.

Christman Gniperdoliga wurde am 17. Juni 1581 gerädert, – eine damals recht übliche, aber schier unerträglich schmerzhafte und grausige Hinrichtungsart – , und überlebte mit zerschlagenen Knochen, durchbrochen und zerschmettert der ganze Körper, mit Bier und Brot versorgt noch einige Tage am Pfahl. Bei der Urteilsverkündung soll er geprahlt haben, dass man ihn ohne die Aussage der „Verräterin“ nie gepackt hätte. Und dass er nach dem 1.000sten Mord aufgehört hätte.

Nun, so steht es geschrieben. So glauben wir es mal. Scheußlich genug, die ganze böse Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.