Charles de Lint / Grünmantel

Nimmt man die Bibel der europäisch-heidnischen Mythologie – Die weiße Göttin – von Robert Graves aus dem Bücherschrank und wirft sie zusammen mit Martin Scorseses epochemachenden Mafiastreifen Good Fellas in einen Mixer, hat man eine ungefähre Ahnung dessen, was in Grünmantel auf den geneigten Leser wartet. Dieses Buch taucht in unserer Bestenliste der Urban Fantasy auf, obwohl es genausogut zur Mythologischen Fantasy passen würde (an deren Liste wir ebenfalls schon arbeiten).

Charles de Lint, auch bekannt als der Vater der Urban Fantasy, ist der Auor dutzender Romane, die Fantasy mit der Mainstream-Literatur verbinden, wobei der künstlerische Wert seiner Bücher weit jenseits des Mainstream liegt. Grünmantel verlässt die urbanen Schauplätze seiner anderen Geschichten, um sich in einem Vorort von Ottawa anzusiedeln. Der Mainstream-Literatur treu bleibt er auch hier, um zu zeigen, wie reale Menschen mit realen Situationen umgehen – es ist nur so, dass diese Situationen manchmal fantastischer Natur sind. Ali, die jugendliche Protagonistin, verlässt die Stadt, nachdem ihre Mutter Frankie in der Wintario-Lotterie gewonnen hat. Alis Vorliebe für klassische Fantasy-Werke, von denen viele Leser noch nie gehört haben werden – und die Tatsache, dass sie in ihrer Kindheit mit ihrer Mutter häufig umgezogen ist, unterscheidet sie von anderen Teenagern. Während sie am Rande eines großen Waldes lebt, macht Ali die freundliche Bekanntschaft einer mysteriösen italienischen Nachbarin, während sie über die merkwürdigen, unheimlichen Klänge von Panflöten rätselt, die aus dem Busch kommen.

Dieser ruhigen, ja idyllischen Kulisse gehen intensive Szenen voraus, die direkt aus Der Pate zu stammen scheinen. Toni Valenti, ein Mitglied der sizilianischen Fratellanza, wird für den Mord an seinem Paten angeklagt – ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Er flieht aus Europa, um sich in einem sicheren Haus in Kanada zu verstecken. Und dieses liegt direkt neben dem von Ali und Frankie. In der Zwischenzeit versucht Earl, Frankies Ex, an das Geld aus der Lotterie zu kommen.

Allein diese Handlungsstränge könnten einen Thriller mit hohem Potenzial ergeben. Kombiniert mit der fantastischen Präsenz des Gottes Pan in den Wäldern hinter Ali und Frankies Haus, wird Grünmantel jedoch zu etwas mehr als das.

Dieser gehörnten Pan, wie er in Robert Graves Die weiße Göttin beschrieben wird, ist ein Wesen, das manchmal als Mensch, Hirsch, Satyr oder einer Mischung aus alldem erscheint. Das hängt von demjenigen ab, der ihn ruft. Gemeinsam ist allen nur, dass sein Erscheinen bei den meisten Menschen ein Gefühl der Hoffnung hervorruft. Das einzige Problem ist, so scheint es, dass ein Rudel von Jagdhunden ständig hinter dem großen Hirsch herjagt. Versagt hier die Macht des Geheimnisses in einer Welt, die kein Geheimnis mehr braucht? Nicht nur Grünmantel, sondern das gesamte Werk von Charles de Lint scheint diese Frage zu stellen.

Ohne die thematischen Zusammenhänge zwischen den drei ineinander verschlungenen Handlungssträngen zu verdeutlichen, stellt de Lint Frankie und Toni in die Rolle des gejagten Hirsches. Männer von der Fratellanza kommen, um Toni zu töten, so wie die heulenden Hunde Pan verfolgen, und Earl ist auf der Jagd nach Frankie. Ich hatte halb erwartet, dass Toni einmal der Hirsch wird, so wie in der griechischen Mythologie – speziell in Ovids Metamorphosen – Diana, die jungfräuliche Göttin, Actaeon in einen Hirsch verwandelt. “Der Jäger wird zum Gejagten” ist sowohl eine mythologische Troee als auch etwas, das man auf dem Cover eines Flughafenthrillers abbilden kann. De Lint schafft es irgendwie, seinen Thriller zur visionären Kunst zu erheben.

De Lint gibt als Hauptinspirationsquelle für Grünmantel Lord Dunsanys Roman The Blessing of Pan an, in dem ein christlicher Vikar versucht, neoheidnische Anbeter zu evangelisieren. Wolding, das heidnische Dorf in Dunsanys Geschichte, wird zu New Wolding in Grünmantel, nachdem die Bewohner des ehemaligen Dorfes eingewandert sind, um ein unabhängiges, versteckt liegende und autarkes Dorf in Ontario zu gründen. Diese Geste ist einer von mehreren Verweisen auf die historische Tradition der Fantasy, die im Roman selbst enthalten ist und die das Schreibbewusstsein von de Lint in einer Tradition offenbart, die lange vor Tolkiens Der Herr der Ringe zurückreicht. De Lint lebt in der “zweiten Generation” als Fantasy-Autor mit innovativem Anspruch.

Von diesem unsäglichen Cover der Heyne-Ausgabe sollte man sich nicht abschrecken lassen. Wahrscheinlich hat das Buch dort eh niemand gelesen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon.

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