Catweazle: Salmei, Dalmei, Adomei

Aufgespürt und für “wirklich richtig gut” befunden hatte ihn meine Mutter beim prinzipiell lästigen Bügeln im Esszimmer. Der Fernseher lief, es war Sonntagnachmittag, und plötzlich war Catweazle da. Gespielt von Geoffrey Bayldon, der stundenlang in der Maske saß, um so auszusehen, wie er für uns authentischer nicht hätte aussehen können. Ein spitzbärtiger, angeschmuddelter, so niedlich skuriller, überaus reizender schräger Vogel, ein einmalig unnachahmenswerter strubbeliger Kerl, der ungern badet, überall Dämonen und Teufelskram sieht und sich nichts sehnlicher wünscht, als fliegen zu können. Mit einem Trank aus Bilsenkraut, Schierling, Fingerhut und Butterblumen dürfte das auch hinhauen. Denkt er. Salmei, Dalmei, Adomei! Warum auch nicht?

Meine Mutter rief an diesem denkwürdigen Sonntagnachmittag sowas Tiefsinniges wie “Heureka!”, und wir vier Kinder gesellten uns im Eiltempo zu ihr, weil wir ahnten, dass dort auf dem Bildschirm Ungeheuerliches vor sich ging. Etwas, das wir lieben würden. Und das Ihr alle, die dafür entscheidend zu spät geboren wurdet, vermutlich irgendwie nicht so recht nachvollziehen könnt.

Tschäck! Nichts klappt!

Catweazle, copyright: Shutterstock

Vielleicht aber doch: Einmal Augen schließen und sich einen etwas spinnerten, konfusen Kauz im Kartoffelsack-Gewand vorstellen, der “Tschäck! Nichts klappt!” vor sich hin schimpft. Dabei allen technischen Schnickschnack der Moderne wegbeamen und sich in die Trickkiste der 1970er reindenken. Phantasie einschalten, Handy, Laptop, Stress und alles, was sich sonst so nennen will, ausschalten. Dabei hübsch die Nerven regenieren. Und dann grinsen und verklärt seufzen und eifrig nicken. So geht’s.

P.S.: Hier ist mal nicht unser aller Hund definitiv treuester Begleiter, sondern eine Kröte namens Kühlwalda, ein etwas kühler, nur scheinbar Undefinierbares quakender und ergo umso klügerer Hausfreund, dessen pockige Optik nicht von seinem besonderen magischen Charme ablenken sollte.

Kühlwalda, Touchwood im Original, ist die engste Vertraute des schrulligen angelsächsischen Hexenmeisters aus dem 11. Jahrhundert, der auf der Flucht vor den Normannen mit unfreiwilligem Köpper in einen Weiher unverhofft in der Neuzeit landet. , – also heute vor knapp fünfzig Jahren minus ein paar etwa – , natürlich nicht, ohne zuvor seinen Zauberspruch für sämtliche kritische Lebenslagen, – oder grad eben nicht- , aufzusagen: Salmei, Dalmei, Adomei. Der soll ihm dazu verhelfen, einfach davon fliegen zu können.

Das klappt nun nicht, Catweazle taucht in einem sumpfigen Tümpel irgendwo in England auf, – Drehplatz war die Grafschaft Surrey, Nähe Guildford – , und wirbelt fortan den Alltag des Farmerssohns Harold Bennet (Robin Davies) durcheinander.

Catweazle bleibt, starrt, staunt, erklärt Schampampurasch und sonst-noch-was-herrlich-Hanebüchenes zu geflügelten Worten und verschwindet vorerst auch nicht mehr. Teenager Harold, arg in Erklärungsnot für die Außenwelt, versteckt seinen kuriosen Freund aus der Vergangenheit vorerst einmal in der Scheune, kann aber nicht verhindern, dass die neue, phantastische Zeit, in die Catweazle geraten ist, diesen höchst neugierig, selbstredend meist unvorsichtig, oft völlig verstört, aber nie unbewaffnet, – seinen Dolch Adamcos führt er stets dabei – , auf Entdeckungsreise gehen lässt.

Unvergesslich seine Fassungslosigkeit über “moderne” Selbstverständlichkeiten wie Lichtschalter, Motoren und Küchengeräte: Für ihn hat das alles mit verblüffend hintergründiger Hexerei zu tun, das sind “Elektrick-Tricks” (electrickery), wie eben ein Telefonhörer ein “Zauberknochen”, ein “Telling bone”, ist, durch den man seltsame Stimmen aus dem Irgendwo raunen hören kann.

Elektrick-Tricks und Zauberknochen

Catweazle, copyright: ITV

In der zweiten Serien-Staffel des britischen Privatsendernetzwerks Independent Television, – Catweazle hat Harold überaschend letztendlich doch verlassen und ist in seine Zeit zurückgekehrt – , kommt er erneut in die Zukunft zurück und begibt sich mit dem jungen Lord Cedric (Gary Warren), den er wegen seiner Brille “Eulengesicht” nennt, auf Schatzsuche. Treffsichere Zaubersprüche mit im Gepäck: „Gab, Gabba, Aggabar!“ Alles klar?

Und wieder ist das köstlich Geniale an der Sache diese Tollpatschigkeit, dieses alles irgendwie versuchen und so recht nichts hinkriegen von Catweazle, dessen Scheitern zentrales Motiv jener Slapstick-Szenen sind, die uns gerade dann so herrlich erheitert haben, wenn der zeternde Kauz trotzig-zornig sein “Tschäck! Nichts klappt!” losließ.

Bedauerlicherweise wurden nur diese beiden Staffeln á 13 Folgen aus den Jahren 1970 und 1971 nach den Romanen, – “Catweazle” plus “Catweazle sucht das magische Zeichen” – , und der Drehbuch-Umsetzung des britischen Autors Richard Carpenter auf den Bildschirm gebracht. Erstmalig hierzulande zu sehen im April 1974, ZDF: Startschuß für eine zeitlich begrenzte Karriere, die mitzuverfolgen freilich grandios unterhaltsam war.

Ich fliiiege!

An eventuell schwindender Publikumsbegeisterung lag das mit Catweazles Flug in einem Heißluftballon, – “Ich fliiiege!” – , besiegelte Ende der Geschichte vom wuselig-witzig-wirren Hexenmeister aus dem 11. Jahrhundert nun wahrlich nicht. Regisseur Quentin Lawrence war verstorben, und das Projekt, eine dritte Staffel mit einem Mädchen an seiner Seite zu drehen, wurde nach diesem Verlust mit allseitigem Einverständnis auf Eis gelegt. Blieb dort, hätte vielleicht trotzdem wunderbar werden können, eben auch mit einem anderen Regisseur, hat aber vielleicht auch zur rechten Zeit so eben nicht mehr für das Team funktioniert.

Catweazle, copyright: Shutterstock

So wurde Catweazle schon in noch jungen Jahren absoluter Kult. Ist längst Nostalgie und hat seinen festen Platz als unsterbliche Fantasy-Figur mit Traditions-Beschwörungsformel in unserer Erinnerung: Salmei, Dalmei, Adomei. Ein Alles-oder-Nichts-Könner-Zauberspruch, den Geoffrey Bayldon im Interview schmunzelnd als “Rubbish” (Unsinn) entkräftete.

Um Catweazle zu sein, verwandelte sich der damals fünfundvierzigjährige Schauspieler in den gut neunhundert Jahre alten Zauselkopf. Im vergangenen Jahr, im Alter von dreiundneunzig, ist Bayldon gestorben. Ursprünglich war er ein Mann vom Theater, hat unter dem großen Sir Laurence Olivier gelernt, blieb aber Zeit seines Lebens der ewige Nebendarsteller, gern gebucht für unzählige TV-Krimi-Serien wie Mit Schirm, Charme und Melone, Simon Templer, Doctor Who, Inspector Barnaby

Schwer, zu sagen, ob wir ihn so ganz ohne Catweazle-Maske erkannt haben. Erkennen würden. Vermutlich aber will man an ihn sich aber auch gar nicht anders vorstellen. Wir sehen ihn vor uns mit seinem staubigen Wuschelkof, seinem rupfigen Ziegenbärtchen, sehen, wie er sich erwartungsvoll die Hände reibt und im nächsten Moment mit aufgekratzter Stimme ausruft: “Tschäck! Nichts klappt!” Und wir denken, dass es irgendwie alles richtig war. So, wie es war.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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