Die unendliche Bibliothek,  Phantastik und Fantasy

Carlos Fuentes: Unheimliche Gesellschaft

Als einer der grundlegenden Autoren des “Booms” hat der Mexikaner Carlos Fuentes in seinen wichtigsten Romanen – “Nichts als das Leben” (1962), “Terra Nostra” (1975), “Die Jahre mit Laura Diaz” (1999) u.a. – eine interessante Reflexion über die kulturelle Vielfalt und Geschichte seines Landes angestellt. Gleichzeitig hat Fuentes, wie jeder Autor von Rang, mit Erzählungen wie jenen, die in seinem ersten Buch “Verhüllte Tage” (1954) dargeboten werden, den Kurzromanen “Aura” (1962) und “Das gläserne Siegel” (2001), die Phantastik in seine Erzählungen einfließen lassen.

In diesem Sinne ist “Unheimliche Gesellschaft” (2004) eine Sammlung von Rätsel- und Horrorgeschichten, ein Band mit sechs Geschichten und einer Schlüsselfrage: “Ist Leben diese kurze Spanne, dieses Nichts zwischen Wiege und Grab?”

Das Ergebnis spaltete die Kritiker in jene, die sagen, die Sammlung sei nicht mehr als “ein Haufen mittelmäßiger Geschichten” (vornehmlich aus dem Schubladenlager des bürgerlichen Realismus), und jene, die sie als Beispiel für technisches Können, poetisches Staunen und nicht immer gelinden Horror sehen, und das – mit Verlaub – sollten alle sein, die zumindest ein kleines bisschen im Bilde sind.

Die sechs Geschichten in diesem Buch gehen von alltäglichen Situationen aus, um ins Unwirkliche zu führen, aber nicht in der Art der Phantastik von Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, sondern durch die Aktualisierung der alten Tradition der Schauergeschichte mit seinen Villen, Gespenstern und düsteren Geheimnissen.

In guter Gesellschaft

Hier kehrt Alejandro de la Guardia – ein in Europa lebender Mexikaner – in seine Heimat zurück, um das alte und große Familienhaus seiner Tanten María Serena und María Zenaida zu erben. Es sind so seltsame alte Frauen, so weit entfernt von der heutigen Welt, dass Alejandro sie für zwei Gespenster hält. Sehr spät entdeckt er, dass die alten Frauen echt sind, dass aber etwas anderes ganz und gar nicht stimmt.

Diese Geschichte – die den Erzählungen von Poe und Lovecraft nahe kommt – wird von Fuentes unter Beachtung der Regeln des Genres erzählt (in einem dunklen Ton, wobei er Elemente in der Zweideutigkeit belässt und das Innere des Hauses detailliert beschreibt), aber er fügt ihnen einige der Themen seiner “anderen” Erzählungen hinzu: die Übel der mexikanischen Bourgeoisie (Besitzer großer Villen), die Mischung aus Katholizismus und vorspanischem Glauben in der Volksreligiosität seines Landes, die rassistischen und sexuellen Vorurteile.

In der Geschichte “Die Katze meiner Mutter“, dreht sich das Spiel um die Verachtung einer alten Dame für ihre Haushälterin (die in Mexiko abfällig “gatas” – also Katzen – genannt werden, die indigene Guadalupe). Die Geschichte endet mit der Rache der Reinkarnation einer Hexe, die Jahrhunderte zuvor geopfert wurde.

Fuentes geht über das Altbackene und Immergleiche hinaus, indem er der klassischen angelsächsischen Gotik seine zeitgenössische und lateinamerikanische Version und einen didaktischen Hintergrund verpasst.

In der Geschichte “Calixta Brand” vollzieht ein Mann, der die intellektuelle Überlegenheit seiner Frau nicht ertragen kann, sobald sie im Rollstuhl sitzt und sich nicht mehr bewegen kann, einige erniedrigende sexuelle Praktiken. Sie wird schließlich von einem jungen Mann arabischer Herkunft gerettet, der sich als Engel entpuppt.

Das Herzstück dieser Sammlung ist jedoch “Vlad“, das zwar Teil dieser Sammlung ist, aber noch einmal als eigenständige Veröffentlichung kurz vor Fuentes Tod erschienen ist (2010). Wie unschwer am Titel zu erkennen ist, handelt es sich hierbei um eine Neuerzählung der Geschichte des Grafen Dracula, die in Mexiko-Stadt spielt. Die Metafiktionalisierung ist durch viele Details klar umrissen (Knoblauch, zugemauerte Fenster usw.) und beinhaltet auch die unschuldigen Figuren, die der Graf schließlich beherrscht. Sogar das Zitat “Ich trinke niemals … Wein” fehlt nicht.

“Vlad” verschiebt sich trotz solcher persönlichen Momente unweigerlich in Richtung des Grand Guignol und der Dekadenz. Eine Mahlzeit aus Innereien, die flüchtigen Überreste eines “riesigen, unbeschreiblichen Tieres” und ein Versteck von unterirdischen Särgen sind allesamt Vampirklischees, aber Fuentes gelingt es, den abgedroschenen Bildern frisches leben einzuhauchen. Der Kurzroman ist wirklich beängstigend.

Der “Theaterliebhaber” ist ein weiteres Kabinettstück, das die Finesse lateinamerikanischer Literatur aufzeigt. Hier treffen wir auf Lorenzo O’Shea, einen in Kino und Theater verliebten Mexikaner, der in London lebt. Doch schon bald wird sein ruhiges, eintöniges Leben in Frage gestellt und nimmt eine unerwartete Wendung, als er seine neu eingezogene Nachbarin durch das Fenster beobachtet. Er lässt sich von seinem Job beurlauben und geht auch nicht mehr ins Theater, nur um sich seiner neuen Passion zu widmen. Darüber hinaus erfahren wir einiges über die Unterschiede der mexikanischen Welt (seine Vergangenheit) und der angelsächsischen Welt (seine Gegenwart). Über mexikanisches Denken erfahren wir überhaupt in allen Geschichten eine ganze Menge, das ist ein Hauptaspekt, den Fuentes in all seinen Werken verfolgt, und darin gleicht er Octavio Paz, der das allerdings in Essays und Gedichten abhandelt. Die Geschichte hat einen ruhigen Ton, bis sie dann doch eine gewisse Nuance annimmt. Wir kennen den träumenden Lorenzo, der in London nach großen Zielen sucht; wir kennen den Lorenzo, der sich an ein ruhiges Leben gewöhnt hat, in dem seine Ziele nicht mehr die gleichen sind wie früher, in dem er resigniert und es schafft, die kleinen Freuden des Lebens zu genießen. Doch in dem Moment, wo wir dem verliebten Lorenzo begegnen, treffen wir auf einen leidenschaftlichen Abenteurer, der nicht mehr weiß, was er tun soll. Ein Wahnsinn bildet sich in ihm heran, spätestens in dem Augenblick, als Lorenzo herausfindet, dass seine unbekannte Liebe eine Schauspielerin ist. Er kann sie weiter studieren, erkennt aber bald, dass der Regisseur die Rolle seiner Geliebten herabsetzt. Fuentes lässt die ruhige Geschichte dann in ein Crescendo laufen.

Die letzte Geschichte des Bandes, “Die schlafende Schöne“, ist in seiner Konzeption etwas verwirrend – oder sagen wir avantgardistisch – angelegt und nimmt sich die Idee Dornröschens zur Grundlage. Es gibt nicht gerade wenige Autoren, die sich dieses Themas angenommen haben. Hier verschwimmen die Ebenen der Zeit, der Lebenden und der Toten und sogar der Personen. Es gibt zwei Möglichkeiten, über diese Geschichte zu sprechen: ausführlich, denn die Hintergründe führen bis in die Konzentrationslager der Nazis, oder nur angerissen, weil die Irritationen, mit denen Fuentes hier arbeitet, enorm sind. Für diesen Artikel kann ich nur letzteres geltend machen. Es ist sicher nicht die beste Erzählung des Bandes, aber durchaus die verstörendste.

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