Kategorie: Buchbesprechung

Reviews, Rezensionen und Buchbesprechungen zu unterschiedlichen Genres.

C.K. McDonnell – The Stranger Times

Der in Limerick geborene und in Dublin aufgewachsene Caimh McDonnell ist ein ehemaliger Stand-up-Comedian und schrieb hauptberuflich für das Fernsehen. Parallel dazu widmete er sich der Arbeit an seinen humorvollen Krimis und debütierte 2017 mit dem Roman “One of those Faces”.

Mit seiner Stranger-Times-Reihe vermischt er jedoch erstmals Urban Fantasy, Paranormales, Mystery und Humor.

Das erste Buch dieser Reihe – The Stranger Times – liegt jetzt also auch in Übersetzung im Eichborn-Verlag vor, von dem ich auch das Rezensionsexemplar habe. Der zweite Band ist im Original für Januar 2022 angekündigt. Gleich zu Beginn lässt sich sagen, dass McDonnell hier ein starkes Eisen im Feuer hat. Dieser dunkle Witz, gepaart mit dem Seltsamen und Wunderbaren schlägt oberflächlich betrachtet vielleicht in die Kerbe, die Terry Pratchett und Douglas Adams hinterlassen haben und mag wieder andere an Ben Aaronovitchs Die Flüsse von London erinnern, aber das ist nur eine ungefähre Markierung. McDonnells Ansatz und Weltenbau ist ein völlig anderer, nämlich der, dass die Realität seltsamer und befremdlicher sein kann als jede Fiktion.

The Stranger Times stellt uns eine Reihe von Charakteren in einer wunderbaren Mischung an Persönlichkeiten vor, von exzentrisch bis hin zu geradezu rüpelhaft und absolut allem dazwischen. Die Stranger Times ist eine Zeitung für das Seltsame und Wunderliche in Manchester und wird von dem völlig heruntergekommenen Alkoholiker Vincent Banecroft geleitet, einem ehemals ziemlich erfolgreichen Chefredakteur eines angesehenen Nachrichtenmagazins. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Nach dem Verlust seiner Frau geriet Vincents Leben in eine Abwärtsspirale. Er verlor jeden Respekt vor sich selbst und allen anderen und legt seitdem die Whiskyflasche nicht mehr aus der Hand.

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Folge 30: David Morrell: Der Opiummörder (De Quincey #1)

David Morrell hat in seinen drei De Quincey-Romanen den historischen Kriminalroman unendlich bereichert. Nicht nur, dass sie zum besten zählen, was es auf dem Sektor des viktorianischen London zu lesen gibt, es ist auch eine Meisterleistung der Recherche. Vater und Tochter De Quincey werden im Grunde nur von Sherlock Holmes selbst übertroffen, mit dem einen Unterschied, dass es De Quincey wirklich gab, und man ihn auch gelesen haben sollte.

Mord als große Kunst

Thomas De Quincey war einer der intelligentesten Autoren, die England je hervorgebracht hat. Im gewöhnlichen Lesebetrieb ist er heutzutage allerdings nicht mehr so bekannt wie etwa Baudelaire oder andere dekadente Autoren. Seine “Bekenntnisse eines englischen Opiumessers” von 1822 gehören dennoch zu jenen Büchern, die man gelesen haben sollte, und dabei ist es völlig unerheblich, was sonst noch auf dieser Liste stehen mag.

De Quincey bemühte sich nach Kräften, dem Opium zu widerstehen, konnte es aber nicht, weil es ein so wirksames Schmerzmittel war und er unter zahlreichen körperlichen Beschwerden litt. Seine psychologischen Theorien kamen über ein halbes Jahrhundert vor Freud auf den Markt (ähnlich früh war nur Poe, der allerdings auch von De Quincey beeinflusst war). Er war es, der den Begriff “Unterbewusstsein” erfand und er war es, der zum ersten Mal über Alptraum-Horror schrieb, unter der Prämisse, dass jeder eine schreckliche und fremdartige Version von sich selbst in einer verschlossenen Kammer seines Geistes vorfinden kann.

David Morrell hat nun einen genialen Schachzug gemacht und De Quincey in eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten gestellt, die als Ermittler fungieren. Man kann das fast schon als einen eigenen Zweig sowohl der historischen Romane als auch des Kriminalromans ganz allgemein sehen. Geht es um das Viktorianische London, ist die Figur des Sherlock Holmes so dominierend, dass es schwer fällt, eine Figur der damaligen Zeit zu finden, die ihm das Wasser reichen kann. Graham Moore ist dem ausgewichen, indem er Arthur Conan Doyle und Bram Stoker auf Ermittlungsreise schickte.

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Alex Beer – Der letzte Tod (August Emmerich #5)

Der letzte Tod ist der mittlerweile 5. Band der August-Emmerich-Reihe von Daniela Larcher alias Alex Beer, die ihren Kommissar in der bei deutschsprachigen Autoren seit Volker Kutschers “Der nasse Fisch” hochbeliebten Ära zwischen den beiden Weltkriegen ermitteln lässt. Im vorliegenden Roman befinden wir uns im Jahre 1922 in Wien, einer Stadt, die von Hungersnot und Teuerungsaufständen gebeutelt wird. Während die einen in der Gosse verrecken, lassen es sich Kriegsgewinnler gut gehen und profitieren von diesem unsagbaren Elend. So war der Mensch schon immer, so ist er auch heute noch, auch wenn man sich kaum vorstellen mag, wie aussichtslos und düster für die Bevölkerung der damaligen Zeit die Gegenwart als auch die Zukunft ausgesehen haben mag.

Alex Beer hat es bisher in allen Bänden mit wenigen Pinselstrichen geschafft, die Atmosphäre äußerster Not so zu skizzieren, dass sie die eigentliche Geschichte nicht damit erstickt wird und deshalb Platz für situativen Humor bleibt. Gerade in der Figur des August Emmerich lässt sie hinter der rechtschaffenen Wut, die in ihm wohnt, die tiefe Essenz der Menschlichkeit walten.

Auch wenn alle Bände leicht einzeln gelesen werden können, empfiehlt es sich, von vorne zu beginnen; es gibt nämlich durchaus einen roten Faden, vor allem, was das Privatlebens des Kriminalinspektors betrifft, der sich aktuell mit drei Kindern und einer ehemaligen Nackttänzerin, die er als Kindermädchen anheuert hat, durchs Leben schlagen muss. Das ist das Kapitel, das direkt aus dem “dunklen Band” in den vorliegenden Roman überführt wird. Während er jetzt zumindest weiß, wer seine Mutter war, ist die Frage nach seinem Vater noch ungeklärt. Und dass alles darauf hindeutet, dass Emmerich sogar adliges Blut in sich fließen hat, kann dem Grantler nicht schmecken.

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