Broceliande – Der Wald des kleinen Volkes Band 1

Brocéliande – Der Wald des kleinen Volkes; Band 1; Splitter Verlag

Brocéliande, ein mythischer Wald in der Bretagne, ist Schauplatz vieler Sagen rund um König Arthus und seine Tafelrunde. Außerdem ist er die Heimat einer Vielzahl märchenhafter Wesen, so auch des gelehrten Kobolds Orignace, der sich in einer misslichen Lage befindet: Zwei ungehobelte Korrigans sind in seine Baumhöhle eingedrungen und fordern, dass er eine Geschichte über sie schreibt; eine, in der ihnen — vollkommen entgegen ihrer Natur — heldenhafte Rollen zukommen. Orignace mangelt es verständlicherweise an Inspiration, und er sucht sie im Brocéliande, wo er den jungen Merlin beobachten kann, wie er der schönen Viviane den Hof macht. Durch eine List, in der ein weißer Hirsch eine zentrale Rolle spielt, will Merlin ihr näherkommen. Aber er hat die Rechnung ohne drei Jäger gemacht, die im Wald nach Beute suchen…

Ein modernes Comic-Märchen voller Magie, Feen und Kobolden, in dem bekannte Charaktere der Arthussagen neue Rollen einnehmen. »Brocéliande« gibt dem Sehnsuchtsort Wald einen mythologischen Anstrich, gespickt mit reichlich Action und Humor und präsentiert in zauberhaften Zeichnungen. (Verlagstext: Splitter)

Der Wald Brocéliande

Kamelot, Avalon, Tintagel – das sind alles Orte, die wir normalerweise mit König Artus und seinem legendären Hof in Verbindung bringen. Im Laufe der Zeit standartisierten Schriftsteller wie T. H. White den Mythos, indem sie verschiedene Landschaften und Kulturen Englands romantisierten.

Brocéliande; (c) Le Savoir Perdu Des Anciens

Großbritannien war einst die Heimat von Skandinaviern, Angelsachsen und Kelten, die sich alle die Sage um einen heroischen Herrscher erzählten, der an keine Zeit gebunden und an keinem bestimmten Ort zu lokalisieren war. Doch plötzlich tauchten Kamelot und Avalon in Glastonbury auf, die versunkene Stadt Lyonesse wurde zu den Cornish Isles of Scilly und der Heilige Gral in den Grüften der schottischen Rosslyn Chapel lokalisiert. Das verzauberte Albion begann sich mit der realen Welt zu vermischen, ähnlich wie das Reich des Rabenkönigs in Jonathan Strange und Mr. Norrell und die Zauberwelt Harry Potters.

Südlich des Kanals liegt die Bretagne, die genauso eine keltische Hochburg ist wie nur jede Region in Großbritannien. Und auch hier finden wir Spuren der Artus-Sage. Tatsächlich ist die Bretagne eine der drei Regionen mit einer nationalen Bardenvereinigung, bestehend aus modernen Barden und Druiden. Wie Cornwall stammt auch das Bretonische Gorsedd – wie diese Vereinigungen genannt werden – aus dem walisischen Gorsedd, das vom Antiquar und Kulturforscher Iolo Morganwg im achtzehnten Jahrhundert als Teil einer Wiederbelebung der keltischen Literatur und Mythologie begründet wurde.

Merlin und Viviane nach einer Illustration von Gustave Dore, 1868

Einst von Korrigans und anderen Märchenwesen bevölkert, findet man in der Bretagne noch immer den größten Teil ihrer ehemaligen Anziehungskraft vor.

Der Dichter Tennyson imitierte die Stimmung und die Hinweise der Romantiker Robert de Boron und Chrétien de Troyes, und teilte uns mit, dass der tiefe Wald von Brocéliande der Ort sei, an dem Merlin unter dem Einfluss seiner Schülerin und Geliebten Viviane sein Leben verlor.

Wer dem legendären alten Zauberer seinen Respekt erweisen will, kann dies an seinem Grab im Wald von Paimpont tun. Der nahe gelegene See, L’étang de Comper, soll auch der Wohnsitz der Dame vom See und die Ruhestätte von Excalibur sein.

Brocéliande scheint einen besonderen genius loci zu haben, einen Geist der Romantik und des Staunens, der sich von seinen nördlichen englischsprachigen Nachbarn unterscheidet. Vielleicht ist die Geschichte von Merlins Ableben durch Vivianes Magie nur eine Metapher für die bezaubernden Qualitäten des Waldes und entführt neugierige Passanten in eine zeitlose Dimension. Die volkstümliche Tradition sagt, dass die Person, die mit Feen kommuniziert, auf eine andere Ebene entführt wird, um nie wieder in die menschliche Welt zurückzukehren. Die Arthurianischen Fabeln sind noch immer von zentraler Bedeutung für die Kultur von Brocéliande. Die Feen haben den Zauber noch nicht aufgehoben.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum der französische Verlag Soleil diese jetzt bei Splitter erscheinende siebenbändige Ausgabe ins Leben gerufen hat, die in ihrer Aufmachung ein reiner Augenschmaus ist.

Das Kreativteam

Das Kreativteam des bereits erschienenen ersten Bandes besteht zum einen aus dem Autor und Zeichner Olivier Peru, der 1977 in Montpellier geboren wurde und in Loire-Atlantique lebt. Mit mehr als 500.000 verkauften und übersetzten Büchern in mehreren Ländern (Deutschland, USA, Italien, Spanien, Niederlande, Russland …) ist Olivier Peru ein Autor mit einem erstaunlichen Profil. Zahlreiche Comicserien und ein Roman gehen bereits auf sein Konto. Abgesehen davon arbeitet er als Drehbuchautor, Storyboarder und Designer in Film und Fernsehen.

Für die wundersam-märchenhafte Visualisierung zeichnet der in Deux-Sèvres lebende Zeichner, Illustrator, Konzeptkünstler und Kolorist Bertrand Benoit verantwortlich.

Die Quelle von Barenton

An einem schönen Frühlingstag traf Viviane in der Nähe dieser schönen Quelle mitten im Wald auf Merlin. Hier gab er dem schönen Mädchen seine erste magische Lektion. Der Legende nach lernte sie, einen Fluss aus einem trockenen Moorland entspringen zu lassen, bevor Merlin ohne ein weiteres Wort verschwand. So begann zwischen diesen beiden legendären Liebenden ein mächtiges Ballett der Nähe und Abwesenheit.

Im Comic sehen wir Merlin auch als weißen Hirsch erscheinen und Viviane bringt durch ihre erste magische Tat den Regen über den Wald, der sich nach dem Winter sehnt, um sein Laubkleid abwerfen zu können.

Brocéliande 01, Seite 2: Die erste Begegnung zwischen Merlin und Viviane, beobachtet von Orignace, dem Kobold, (c) Splitter

Warum der Winter nicht endlich Einzug hält, hat etwas mit dem Kobold und Geschichtsschreiber Orignace zu tun, der von zwei Korrigans erpresst wird.

Die Korrigans; (c) Splitter

In den reichen keltischen mythologischen Geschichten der Bretagne bilden die Korrigans eine Gruppe von weiblichen Wesen, die mit Flüssen und Brunnen in Verbindung gebracht werden. Manchmal werden sie als märchenhafte Kreaturen mit schönen goldenen Haaren beschrieben. In anderen Geschichten werden sie als Wechselbalge dargestellt (Gestaltwandler), oder auch als Druidinnen, die gegen die Christianisierung kämpften.

In unserer Geschichte sind sie jedoch männlich und ähneln durch ihre Streiche eher den Kobolden. An einer Stelle erklärt Orignace, der wirklich ein Kobold ist, dass die Korrigans etwas völlig anderes sind. Auch wenn es anfänglich nicht so aussieht, sind die Korrigans keine bösartigen Wesen. Sie wollen endlich einmal die Helden einer Geschichte sein, die Orignace für sie schreiben soll. Orignace wäre das wahrscheinlich nie im Traum eingefallen. Und so sehen wir die Korrigans zunächst in einer weniger vorteilhaften Rolle, als sie Orignace dazu zwingen, und dieser wiederum Vivian und Merlin beobachtet, um seiner Inspiration Vorschub zu leisten. Schließlich gilt es hier, Zeuge einer legendären Liebesgeschichte zu werden. Wenn wir es recht überlegen, haben wir es also dem Kobold zu verdanken, dass wir überhaupt davon Kunde bekamen.

Auch wenn die Korrigans eher Schelmen als Bösewichter sind, gibt es die Antagonisten in Form dreier Jäger tatsächlich. Schließlich ist es Merlin, der nicht nur Vivian ihre Lektion lehrt oder Orignace seine Geschichte gibt, sondern auch die Korrigans ihr Gewissen entdecken lässt. Und wie schließlich die drei Jäger, die nicht nur den Kopf des weißen Hirschs oder den ausgestopfen Kobold als Trophäe nehmen wollen, niedergerungen werden, solltet ihr dann selbst in Erfahrung bringen.

Die Korrigans und die drei Jäger; (c) Splitter

Olivier Peru bleibt sehr Nahe an der Sage und nimmt sich gerade so viel Freiheiten heraus, dass er seine eigene Erzählung unterbringen kann. Der Zauber entsteht durch eine eindrucksvoll gezeichnete Waldlandschaft und ist für jeden Liebhaber der Legende, aber auch für jene, die in eine Fantasywelt abtauchen wollen, die dem Märchen nahe steht. Dass es hier etwas naiver zugeht als in vielen modernen Ablegern, sollte vielleicht erwähnt werden, tut aber der Qualität keinen Abbruch.

Der zweite Band erscheint im Januar 2019 und wird garantiert ebenfalls auf unserem Tisch landen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon.

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