Book Of The Dead

Titel wie Friss mich, Speisesaal und Die besten Stücke haben eins gemeinsam: Sie klingen, – gut düstere Phantasie vorausgesetzt -, nach untoten Helden mit eigenwilligem Verhalten und großem Appetit. Kurzum versprechen sie Ordentliches. Davon die geballte Ladung, präsentiert von der dunklen Meisterklasse, erhält der erwartungsvolle Leser auch. Wenn er sich traut. Gewappnet für Mögliches, gerüstet für Unmögliches, begierig auf Horror. Bereit, Grenzen zu öffnen. „Um den Horizont zu erweitern. Um zu weit zu gehen.“ (Book of the Dead, John Skipp/Craig Spector).

Das Book of the Dead (1989), in der deutschen Übersetzung ärgerlich einfallslos als Das große Horrorlesebuch (1991, W. Goldmann Verlag) erschienen, ist die literarische Hommage an einen Meilenstein in der Film-Branche und damit an einen Mann, der Pionierarbeit geleistet hat: George A. Romero bannte 1968 in Die Nacht der lebenden Toten (Night of the Living Dead) Zombies auf die Leinwand, die sich erstmalig nicht mehr durch Voodoo-Zauber als willenlose Sklaven vom Leichentisch erheben, sondern aus eigener Kraft durch die Gegend laufen und Grauen verbreiten. Sie sind gefühlskalt, brutal, böse und verfressen. Sie sind Romero-Zombies, die Väter und Mütter der entsetzlichen Wiederkehrer. Und die sind de facto nicht wegzudiskutieren, die sind, tja, eben da. „Sie laufen überall herum, wo sie gerade die Lust dazu haben.“ (George A. Romero) Na Hallelujah, das ist mal ein Wort.

„Was soll nur aus den Leuten werden, die glauben, > Die Nacht der lebenden Leichen< wäre noch nicht genug?“ (Robert Bloch) Er fragte (vielleicht) etwas scheinheilig, grinste dabei eine Spur zu schräg, mag sein, besorgt, mag eher sein, zynisch. Er wusste es natürlich, der Macher von Psycho: Diese Leute, die noch mehr Schritte riskieren, weil ihre Vorstellung die Nüchternheit sprengt, weil ihre Visionen an die Luft müssen, um tief und abgründig tiefer noch eingeatmet zu werden, sind die, denen wir zustimmen. Weil sie echt sind. Und weil sie zudem so verdammt gut sind, diese Spitzenköche am Herd des Teufels, die ihre Messer weiter wetzen, so, wie sie es für das Book of the Dead getan haben. Dafür konnten Skipp und Spector sie alle zusammen trommeln, – Ramsey Laymon, Robert R. McCammon, Joe R. Landsdale, Douglas E. Winter, Stephen King… -, dafür konnten die Herren der Dunkelheit begeistert werden: Ein Buch im Namen Romereos, in dem einer Nacht gehuldigt wird, in der für das unbekannte Böse seine ganz spezielle Sonne aufgeht. Ein Buch, das nur in seiner Ursprünglichkeit, als schauderhaft-schönes Original ohne ein jemals zu befürchtendes Remake zählt. Literatur wird nicht renoviert, das Book of the Dead bleibt so alt oder jung, wie seine Leser. Und die dürften das zu schätzen wissen.
Diese Sammlung von finsteren, apokalyptischen, hammerharten Stories ist einmalig auf dem Sektor. Es geht genial an das unfassbar (Un-)Wahre, an handgemachte Alpträume, an eingemachte Ängste, es geht exakt so zur Sache, wie wir es erwarten (dürfen!). Die Sprache? Unnachahmbar. Die Ideen? Beneidenswert. Die Moral? Oh Mann.

„(…) Die Zombies in ihr grunzten und zerrten. Martha spürte die anderen, die vielen anderen, die um sie herumstanden. Blicke aus toten Augen ruhten auf ihr, die nicht sahen – nie gesehen hatten. Ihr schwanden die Sinne. Die Zombies kamen näher……und näher. Bloß eine einzige Kugel, dachte Martha. Eine.“ (Edward Bryant)
„(…) Inzwischen war von seinem Körper nicht mehr genug übrig, als dass es hätte aufstehen, laufen oder irgend jemanden fressen können. Die Einzelteile lagen zuckend auf dem Fußboden, spürten das erste Nagen eines neuartigen Hungers, unirdisch und unersättlich. (…)“ (Chan McConnell)
„(…)Plötzlich kam ihr Toms Körper wie ein großer Sack mit zuckendem Fleisch, feuchten, rinnenden Löchern vor; eine häßliche, organische Maschine, in die nichts hinein- und aus der auch nichts Richtiges herauskam. Sie stand da und sah zu, wie diese Maschine sich fütterte und übergab, abtastete und Geräusche von sich gab, während der Kopf völlig autonom in seinem Nein, nein, nein hin und her zuckte. (…)“ (Steve Rasnic Tem)
„(…)In ihnen sammelten sich Gase und unverdaute Nahrung an, bis sie an den kritischen Punkt gerieten, und dann Krawumm – lag die ganze Gegend voller brauner Brocken.
Das Leben war so seltsam. (…)“ (David J. Schow)

Seltsam. Genau. So ist das eben, mal ganz leger formuliert. Seltsam, sonderbar, bemerkenswert, wie auch immer, mag es gleichsam anmuten, dass es ein Film, der als Freizeitprojekt, in Schwarz-Weiß und ohne teuren Schnickschnack gedreht, mit gesellschaftskritischem Seitenhieb, grundsätzlich ohne moralischen Zeigefinger und ohne Happy-End (logisch) versehen, zudem ein Machwerk, das Ekel, Panik, Fassungslosigkeit, Entsetzen und Würgereiz mit Gütsesiegel erzeugte, sich in die absolut oberste Liga katalputierte. In der noch jungen Zeit der Deutlichkeit, die das Film-Genre zu prägen begann, wurde festgelegt, was den einen feinen (oft so fiesen) Unterschied ausmacht: Der Zuschauer kann weggucken, die Kamera nicht. Ergo wurde/wird drauf gehalten. Und ergo war es somit Romeros eigene (Ehren)Sache, „uns ein junges symphatisches Liebespaar vorzuführen, es mutig der Gefahr auszusetzen und in brennende Einzelteile zu zerlegen. Er ließ die Kamera weiterlaufen, als halbverweste Jungs und Mädchen aus der Nachbarschaft ihre knusprigen Innereien auffrassen.“ (Skipp/Spector)
Night of the Living Dead war ein Risiko, zweifellos, da ohne die treffsicheren Gut-Böse-Klischees, mit einem farbigen Helden, der den sinnlosesten Tod im Film erhält, alles gezeichnet von einer rationell schwer fassbaren Ausweglosigkeit. Eben kein amerikanischer Traum, sondern eine schmerzhafte, schonungslose Weltsicht, die zur Legende, zum Genre-Muss wurde, gewürdigt als Ausstellungsstück im Museum of Modern Art in New York, als erhaltenswertes Kulturgut auf ewig eingetragen im National Film Registry. Klar ist: Die Nacht der lebenden Toten hat einen Stein ins Spiel gebracht, den sich Romero-Nacheiferer dankbar vor die Füsse rollen liessen und fortwährend lassen. Um ihn nach ihrer Fasson, ihrem Anspruch, ihrem Talent und, wichtig, der jeweiligen Mode entsprechend weiter zu kicken.
So manche der in der heutigen Zeit von noch mehr und immer noch mehr Blut, Gewalt und Grausamkeit voll gesaugten Cineasten mögen über diese eine weltberühmte Nacht leichtfertig ihre Achseln zucken und müde, wenn auch nicht gänzlich unberührt lächeln. Sie sind verwöhnt, auch bedenklich verzogen und kennen längst schon die besseren Shows. Neue Entertainer gibt es reichlich auf dem Gebiet, Lernstoff ist gut vorhanden. Aus erster Hand: Die Zombie-Schule eröffnet hat Großmeister Romero.

Das Book of the Dead zieht davor seinen Hut, die Elite-Autoren standen stramm. Was für ein Szenario! Romero selbst, – und nicht nur der -, war auf jeden Fall restlos begeistert von dem Ergebnis, zumal er mit derart Gewaltigem so nicht gerechnet hätte.

„Ich hatte angenommen, dass nur wenige Leute über herumspazierende Leichen Bescheid wüssten und dass sich die wenigen bedeckt halten würden, wenn man sie darauf anspräche. Ich war erstaunt über die lange Liste der Nekrophilen, die bereit waren, einen Beitrag zu diesem Buch zu leisten. Ich bedaure sehr, dass sich diese tapferen Seelen dem Spott aussetzen, weil sie ihr Wissen über die Dinge jenseits des Grabes preisgeben. Aus Erfahrung weiß ich, dass es Menschen gibt, die sie entweder für verrückt halten oder glauben, sie seien mit dem Teufel im Bund. (….) Sie haben mir das Gefühl gegeben, nicht ganz allein dazustehen.“ (George A. Romero)

Allein? Mit Sicherheit nicht. Wir sind auch noch da. Und machen, denken, träumen, spinnen, spuken, sehen, lesen weiter. „Horror ist das, womit wir uns noch nicht abgefunden haben.“ (Ramsey Campbell) Punktgenau zitiert im Book of the Dead. Besser kann und will es nicht gesagt sein.

„Es ist das mit Abstand beste Buch mit Zombie-Geschichten. Wir würden sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dies die freizügigste Anthologie von Horror-Literatur in Originalausgaben ist, die je zusammengestellt wurde. Klingt das selbstzufrieden?“ (Skipp/Spector)

Aber sicher. Und das ist auch gut so. Immer noch.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)