Böser Mann

Kortenjahns Brille saß vorn auf der Nasenspitze, seine Augen schienen neugierig über die Gläser zu klettern, der Kerl ihm gegenüber wollte wachsam wirken. Sympathisch vermutlich auch. Er lächelte Martin an. Es war kein echtes Lächeln. Natürlich war es ein wirklich ernstes Lächeln, Martin hatte Redel und die anderen hübschen Mädchen getötet, er hatte es auf eine sehr unschöne Art getan, das war keine heitere Angelegenheit.

„Nun? Ich warte. Komm schon.“ Kortenjahn nickte Martin zu, der Bluthund mit diesen verarschenden Engelslöckchen sollte endlich das Maul aufreißen. Seine linke Hand ruhte auf dem Schreibblock, die rechte spielte herum. Da lag dieser froschgrüne Kugelschreiber, Kortenjahn schnippte ihn mit dem gekrümmten Zeigefinger in Martins Richtung, holte ihn mit dem Mittelfinger wieder ein, zog ihn zurück, schnippte, stoppte, zog, schnippte. Stoppte. Zog.

Vollidiot, dachte Martin, immer die gleiche öde Geschichte. Schnauze voll. Er grinste ihn gequält an, dann kam die Wut. Wieder mal, große Güte, wie oft denn noch? Er fegte das grüne Ding vom Tisch.
Kortenjahn reagierte nur unmerklich überrascht, er war an eine gewisse Zurückhaltung gewohnt, die Martin ausmachte, das hier war anders. Er ermahnte sich zu mehr Aufmerksamkeit, gleichzeitig verspürte er das Gefühl, sich ängstigen zu müssen. Lächerlich. Grundsätzlich lächerlich. Trotzdem.

Martin starrte ihn an. Regungslos. Kalte Augen. So ein warmes Braun, so kalt. Erstaunlich. Kortenjahn faltete die Hände, fühlte sich ertappt. Ausgerechnet von dem da, dachte er, Scheißkerl, der. Er sah ihn streng an.
„Das musste jetzt nicht sein, Martin.“
„Warum nicht?“
„Weil du mir sagen kannst, wenn dich etwas stört.“
„Mich stört, dass Sie in mir den Mörder sehen.“
„Bist du denn keiner?“
„Lassen Sie mich zuerst eine rauchen, Doktor, dann sag ich Ihnen was.“
Kortenjahn schüttelte den Kopf, wandte seinen Blick zur Seite, dort stand die Vase mit der Lilie, sie welkte. Birgits Lilie. Er sah flüchtig hin, bedauerte kaum, es war an der Zeit, sich von dieser Frau zu trennen. Sie wurde alt und zusehends unangenehmer.
„Du kennst meine Einstellung.“
Martin zuckte mit den Schultern.
„Sie kennen meine. Quid pro quo, Doktor.“

Kortenjahn betrachtete seine gefalteten Hände, schien zu überlegen, entschloss sich, sie voneinander zu befreien, aber nicht völlig. Er legte die Fingerspitzen ordentlich aufeinander, lehnte sich zurück.
„Nun. Verbleibt die Frage, wer hier die Regeln aufstellt.“
Martin beugte den Oberkörper nach vorn, sah ihm direkt ins Gesicht und spuckte auf die Tischplatte.
„Das wäre wohl ich.“

Kortenjahn atmete tief durch. Ruhig, Junge, ganz ruhig dachte er, dieser miese kleine Bastard wird dir den Wochenendwhiskey nicht versauen. Auch nicht den Plan mit Birgit. Baden in Hollunder, saufen, ficken, gefressene Scheiße auskotzen und wieder vergessen, so lautete der Plan. Grundsätzlich immer. Birgit war immer noch gut genug, das konnte warten.

„Kein Einwand, Doktor?“
Martin sah in an. Kurz nur. Abwartend. Lauernd. Triumphierend, doch, auch, Kortenjahn entdeckte diesen kranken Triumph in Martins Blick, hätte ihm jetzt gern mit dem Kugelschreiber in die Augäpfel gestochen. So und so und fertig.
Martin fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. So unschuldig. So gespielt. So überlegen. Eklig überlegen, dachte Kortenjahn, ich könnte ihm die Eier abreisen, korrigiere, sollte ich nicht, ich habe den Dreck studiert, ich bin Kontrolle. Locken hatte der. Blonde. Mörder. Blonder. Blutendes Weichei, schwul war der , schwuler Mörder, der.
Warum schwul?
Der Name war es.
Martin. Mördermartin. Er hatte mal von einem gehört. Ihn behandelt. Vermutlich.

Kortenjahn schwitze, fingerte in seiner Hosentasche nach einem Tuch. Heiß war das hier. Gefährlich heiß. Da saß dieser Martin. Redel fiel ihm ein. Dann Alice. Ruth. Die fette Fanny. Aufgeschlitzt. Die Eingeweide.
Er keuchte, fing sich, schob ihm seinen Kaffeebecher zu. Er war leer, er brauchte ihn nicht mehr. Gut für die Asche.
„Wenn du rauchen musst, bitte.“
„Sie haben doch selbst mal. Oder nicht?“

„Als Kind hab ich Regenwürmer zerschnitten, um zu sehen, ob die Einzelteile ganz allein für sich krepieren. Taten sie nicht. Nicht sofort. Sie bewegten sich in verschiedene Richtungen, aber Leben, Martin, ist das nicht. Und ja, ich habe mal geraucht. Das ist lange her.“
„Schneiden Sie noch, Doktor?“
„Nein. Ich hatte Mitleid.“
„Mit den Würmern? Mehr nicht?“ Martin klang amüsiert. Tatsächlich waren es scharfe Worte. Kortenjahn war sich dessen bewusst, er war Profi, er kannte sein Gegenüber.
„Ich kann Dich berechnen, Martin. Vergiss das nicht.“

Martin ließ das Zippo aufschnappen, unverwechselbar, dieses Geräusch, es erinnerte.
„Böse Menschen haben kein Mitleid. Zumindest nichts, was sich so nennen darf. Ihre Worte, Doktor.“
„Falsch. Deine Worte, Martin. Und Du bist böse. Nur böse. Da war die Sache mit den Kaninchen. Erzähl sie mir noch einmal, Martin. Die Kaninchen. Sie haben gestunken. Sie hatten Namen. Du hast ihnen Namen gegeben. Du hast ihnen den Kopf abgerissen und sie gefressen.“
Martin inhalierte, stieß den Rauch aus, sah Kortenjahn an. Ein sanfter, milder Blick.

„Natürlich. Aber das war nicht ich. Das waren Sie. Sie haben geheult, weil man um Freunde heult. Ihr Großvater hat Sie sie mich noch einmal streicheln lassen, bevor er sie schlachtete. Er war nicht der Schlechteste. Sagen Sie.“

Kortenjahn grinste. „Dramatisch. Wie das klingt. Fast schnulzig. Das aus deinem Mund, Martin, bitte, wann hörst du auf, zu verharmlosen?“
„Die Kaninchen waren der Sonntagsbraten. Das ist die Rechtfertigung. Ihre Großmutter hat sie in Buttermilch eingelegt, das gibt zartes Fleisch. Vorher bluteten sie aus, kopfüber im Stall mit gebrochenem Genick. Sie rochen faul und nach Tod. Aber sie schmeckten gut. Ihr Großvater sagte, gib ihnen keine Namen, dann leidest du. Das ist unnötig. Sie, Doktor, sprechen von Mitleid. Was ist mit Redel und den anderen? Sie wissen ihre Namen.“

Kortenjahn nestelte an seinem Halstuch. Altmodisch gepunktet. Aber irgendwie chic. Keine Luft. Der Kerl war anstrengend. Mieses Dreckstück. Eine Zigarette könnte auch er jetzt vertragen. Durfte nicht. Scheiß-was-drauf.
„Gib mir eine.“
Kortenjahn wirkte verärgert. „Redel hast du allein auf dem Gewissen, Martin. Du warst das. Vergessen, verdrängt? Weißt du noch, wie du sie im Stich gelassen hast? Keine Einsicht? Keine Reue? Von oben bis unten aufgerissen. Abscheulich.“

Martin lachte. Unfreiwillig. Kehlig. Kein wirkliches Lachen. Er schnippte die Asche auf das lausig verlegte Laminat, wunderte sich erneut darüber, dass das nicht fachmännischer gemacht worden war, grad im Knast, Korrektur, Anstalt, dachte er, da sitzen doch auch gute Handwerker. Der eine oder andere hat vielleicht mal einen Bauch aufgeschlitzt oder eine 11Jährige gefickt, aber zum Verlegen von Laminat ist man doch trotzdem noch zu gebrauchen. Lenkt ja auch von Scheiße ab, mal die Hemdsärmel hochkrempeln zu dürfen. In die Hände gespuckt und ran, man ist nicht von Grund auf nur böse.

Martin trat die Kippe aus. Mit der Schuhspitze. Orangefarbenes Laminat. Hässlich. Kein Geschmack. Die Glut hinterließ einen kackbraunen Kreis. So sollte das sein. Er dachte an Kortenjahns Patientin. Zuvor war sie bei ihm gewesen.

„Redel war ein großes krankes Mädchen, Doktor, das Hilfe brauchte. Aber mit Sicherheit nicht Ihre. Meine wollte sie nicht. Ihre war schlecht. Ganz schlecht. Das haben wir gelernt, Doktor, das haben wir doch nicht vergessen?“
Kortenjahn zuckte zusammen. Wie plump vertraulich der sprach. Furchtbar. Man könnte Angst kriegen, aber nicht hier, war alles sicher, alles, draußen stand einer. Er beugte seinen Kopf vor, räusperte sich.
„All die schönen Frauen.“
„Ja?“
„Du hast sie gehäutet. Haben sie das verdient, Martin? Du hattest sie betäubt, mein Segen, Martin, immerhin hast du mitgedacht. Mitgelitten?“
„Als ich es gehört habe. Ja, natürlich. Jeder hat mitgelitten. Und Sie, Doktor? Waren Sie nicht dabei?“
„Nein. Wie?“

Ohne zu fragen fingerte Kortenjahn sich eine Zigarette aus Martins Schachtel, die lag leicht zerknüllt neben seinem Wasserglas, natürlich, wenn man die Packung in die Gesäßtasche steckt, zerknüllt sie, einige brechen durch, was für eine Verschwendung. Er nahm das Zippo, es schnappte auf, er sah in die Flamme, komisch, dachte er, dieses Geräusch wird immer geil sein. Dazu ein Single Malt. Highland, was sonst. Aber Whiskey war nicht. In seinem Mund fühlte sich alles so trocken an, und da saß dieser Martin mit seinen blonden Engelslöckchen, dieses schwule Stück Dreck. Grinsend. So verflucht schwul.

„Wann hast du gehasst, Martin?“
„Niemals wirklich, Doktor.“ Er machte eine Pause, starrte aus dem Fenster, da war dieser Baum, so völlig nackt, der Herbst hatte ihm sein Schamgefühl zurück geschenkt. Keine Blätter, kahle Äste. Unattraktiv.
„Sie hasse ich. Vielleicht. Sollte ich nicht. Aber Sie sind ein böser Mensch.“
„Ich?“
Kortenjahns Stimme überschlug sich. Unfreiwillig. Er hörte sich selbst, er mochte das nicht. Er war Arzt, da war Kontrolle Gebot. Beherrsche dich, Kortenjahn, dachte er, da ist dieser böse Mann. Er schnappte nach Luft. Er hatte nicht vergessen. Nichts. Es war drin. Es war da. Dort saß die Bestie, mit der er sprechen musste. Sie fixierte ihn.

„Wissen Sie noch, Doktor? Wissen Sie noch, was Sie getan haben? Doktor?“
Kortenjahn starrte ihn ungläubig an. „Was? Was? Genug jetzt. Ich will meinen Kugelschreiber. Ich brauche meine Notizen. Sofort, Martin. Meine Geduld erschöpft sich. Ich warne vor. Warne nur vor, Martin.“
„Selbstverständlich.“
Martin bückte sich, guckte nur flüchtig, es bestand kein Anlass, das grüne Ding, das er vom Tisch gefegt hatte, zu suchen. Er griff in die Brusttasche seiner Jacke, gab Kortenjahn seinen eigenen. Rotsilber. Kortenjahn kniff die Augen zusammen.
„Der gehört mir nicht. Das geht nicht. So geht das nicht, Martin. Du musst dich an die Ordnung halten.“
„Wer bestimmt das? Wollen Sie entscheiden, Doktor? Immer noch?“
Martin fuhr sich erneut durch die blonden Locken, schwule Locken, dachte Kortenjahn, durchweg schwul, dieses elende Sackgesicht, gehört gevierteilt, kastriert vorweg, klare Sache, zuerst das Gedöns da unten ab, dann die Augen, die Zunge, wie schön, sich das vorzustellen.

Da lag dieser rotsilberne Kugelschreiber. Kortenjahn schnippte ihn mit dem gekrümmmten Zeigefinger in Martins Richtung, holte ihn mit dem Mittelfinger wieder ein, zog ihn zurück,
schnippte, stoppte, zog, schnippte. Stoppte. Zog. Hörte auf. Sah Martin an. Lächelnd. Was für ein Lächeln.
„Die Therapie ist aus. Finito. Was für den Eimer. Ich spucke hinein, und du säufst mich. Du schwuler Sauhund hast Redel und Alice und Ruth und die fette Fanny getötet. So war das. Du hast ihn nicht hoch gekriegt und die Kaninchen gefressen.“

Sein Blick wanderte wieder zu Birgits Lilie. Er flüsterte. „Auch sie lebt nicht mehr. Ich will hier raus.“
Martin holte tief Luft. Raus. Das wollte er auch. Exakt jetzt. Die Zeit war um.

Es klopfte. Da stand Stephan in seinem grünen Kittel, unsicher, flackernde Augen, die Lippen zitterten etwas. Er war noch so verdammt jung.
„Doktor Wiese, ist das in Ordnung? Jetzt?“
Martin nickte.
Stephan zögerte, blickte ihn fragend an.
„Immer noch nichts?“
„Nein. Ich bin der Mörder.“
Stephan lächelte scheu, schüttelte den Kopf. „Was es so gibt.“
Martin lächelte fast gelangweilt zurück. „Oh ja. Was es so gibt.“
An der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Sie sind ein schlechter Spieler, Herr Kollege. Wir sehen uns morgen, Kortenjahn.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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