Böse Zeit, böses Sein, böser Tod

Gewissenlose Killer, die sich einzig um den eigenen Trieb, Leib, Geldbeutel und Seelenfluch scheren, – vom ewigen Heil wird ja trotzdem immer hübsch blauäugig geträumt – , gab es bekanntlich immer schon. Männer, die ausschließlich Frauen umbringen, sind und waren dabei nicht die bescheidene Minderheit.

Wir erzählen von Bundy, Christie und all den vielen anderen. Menschliche Abgründe. Von sich selbst Besessene. Bestien, denn ein vergleichbares Wort finden wir nicht.
Mörder wie Paul Reiniger, die vor hunderten von Jahren getötet haben, unterscheiden sich nicht von den Schlächtern der Neuzeit. Die Motive sind die gleichen geblieben. Lust, Wahnsinn, Habgier, Kaltschnäuzigkeit und doch immer wieder diese böse Angst, gleichwohl diese Abgestumpftheit dem Leben anderer gegenüber führen die Tabelle an.

Mehr Blut und Geschrei

Freilich wurden die alten Kriminalfälle mit deutlich mehr Blut und Geschrei geschrieben. Es graust einen, wenn man liest, was verbrochen wurde, es graust noch etwas mehr, wenn man erfährt, was mit denen gemacht wurde, die es verbrochen hatten.

Die Folter, die zu Geständnissen manchmal fragwürdig wahrer Natur führte, war überaus grausam. Die Hinrichtung war oft ein schauriges Spektakel für die Öffentlichkeit, teils als Abschreckung und Mahnung, teils auch als furchtbare Unterhaltung für die zahlreichen Schaulustigen. Man fand es in Ordnung, dass Verurteilte auf ihrem Transport zum Henkersplatz böse mit Zangen ins Fleisch gezwickt wurden. Ausgesprochen schmerzhaft war das. Klingt zudem äußerst makaber nach einem pseudo-neckischen Vorgeschmack auf zu erwartende Höllenpein.

Man fand es völlig korrekt, dass die Übeltäter für ihre Vergehen von den Füßen an langsam bis nach oben, – unvorstellbar qualvoll – , gerädert wurden, – alle Knochen wurden zerschmettert, die Organe zerquetscht – , also guckte man auch in Übereinstimmung mit der ganzen scheußlichen Angelegenheit zu. Und ging danach zur pflichtgetreuen Tagesordnung über.

Oder ins Wirtshaus, um gratis großzügig bewirtet zu werden, wie es nach altem Brauch der Bürgermeister, die Gerichtsherren und die Magister nach den Exekutionen „prominenter“ Verbrecher praktizierten. Dazu zählte beispielsweise der mehrfache Raubmörder Jaspar Hanebuth aus dem Raum Hannover, der 1653 als Pferdedieb erwischt wurde und unter androhender Folter nicht nur verwerflichen Pferdehandel, sondern neunzehn Morde gleich mit gestand. Nach seiner Hinrichtung, – Tod durch Rädern – , ging es in den Ratskeller. Man hatte mächtig Hunger und vor allem Durst nach der ganzen Anstrengung.

1573 wurde in Ferrara in Oberitalien ein 70jähriger Frauenmörder, – seine sechzehn Opfer hatte er in ihren Häusern aufgesucht, ihnen Briefe übergeben und sie dann heimtückisch mit einem Beil erschlagen – , drei Stunden lang mit glühenden Zangen gerissen, bevor man ihn vierteilte. Für ihn, dessen Name nicht bekannt ist und dessen finstere Psyche nur ein leeres Blatt fand, letztendlich wohl eine Erlösung. Eine ganz und gar grausame.

Furchtbares Volksfest

Eine Vierteilung hatte für die Menschen damals so was wie Volksfestcharakter. Das Publikum blieb bis zum Ende. Bedeutete: Erst, als die Gliedmaßen, zuvor an Stricke gebunden und von in alle vier Richtungen getriebenen Pferden gezogen, völlig abgerissen waren, – manchmal musste der Scharfrichter mit dem Beil nachhelfen – , und der Verurteilte seinen letzten Atemzug von sich gegeben hatte, war das Horror-Spektakel aus. In besonderen Fällen wurden dem Verfehlten zuvor innere Organe aus dem Brustkorb gerissen, der johlenden Menge gezeigt und in den Dreck geworfen. Aber nur so viel, dass es ausreichte, um den Täter seine Vierteilung noch miterleben lassen zu können. Fürwahr, es war diese Zeit…es schien alles richtig und verdient.

Würden wir den Fall des Italieners in unsere Zeit verlegen, säße der Mann gut beobachtet, aber auch wohl gepflegt in einer psychiatrischen Abteilung mit Gittern vor den Fenstern. Als abgründig kompliziertes Studienobjekt. Ein Mörder, der Briefe benutzte, um brutal töten zu können. Sein noch so irrer, kranker Beweggrund bleibt indes für die Nachwelt unwichtig. Es war eine andere Sichtweise, die zählte.

Auch Paul Reiniger, ein sechsfacher Frauenmörder aus Kindberg in Österreich, sollte mit heißen Zangen „gezwickt“ und anschließend von unten herauf gerädert werden. Aber er wurde auf Geheiß von kaiserlicher Stelle aus auf gewisse Art begnadigt. Heißt freilich nicht, dass ihm sehr viel Besseres widerfuhr. Scheußlich quälen wollte man ihn schon, den armen Sünder. Man schrieb das Jahr 1786. Goethe war siebenunddreißig. Grundsätzlich nebensächlich, freilich kaum zu glauben: Die mittelalterlichen Gepflogenheiten waren auch seine Epoche.

Begnadigung bedeutete in Reinigers Fall: Er wurde auf beiden Wangen gebranntmarkt, dann mit dreimal täglich einhundert Stockschlägen gezüchtigt. Eine entsetzliche Tortur, die im Regelfall nicht überlebt wurde. Dreißig Stöcke insgesamt mussten ausgewechselt werden, weil der Scharfrichter sie an dem mittlerweile schwer Verwundeten kaputt geschlagen hatte. Reiniger muss erbärmlich geschrien haben, bis Ohnmacht ihn umfing. Aber der Tod holte ihn noch nicht.

Der Herzlfresser

Reiniger starb im Kerker an den Folgen seiner Prügelstrafe, die ihm zwar das Todesurteil für sechs gestandene Morde erspart hatte, die ihn aber tatsächlich drei Monate länger dahin siechen ließ. Im August 1786 wurde er, geschunden und ausgezehrt, in das Grazer Schloßberggefängnis gebracht, angeschmiedet in einem dunklen Loch bei Wasser und Brot, wo ihm alle drei Monate weitere fünfzig Stockstreiche verabreicht werden sollten. Er starb im November. Reiniger wurde zweiunddreißig.

Sieben Jahre vor seiner Verurteilung hatte er seinen ersten Mord an einer jungen Bauernmagd begangen, die sich von ihm verführen ließ und der er anschließend die Kehle durchschnitt, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. In den Folgejahren tötete er ein achtjähriges Mädchen und vier weitere Frauen, darunter eine junge Braut, hauptsächlich aus Geldgier, weil er ständig abgebrannt war wegen seiner Spielsucht. Reiniger führte stets ein Messer bei sich, damit erstach er seine Opfer, nachdem er sie mit Versprechung jeglicher Natur in den Wald gelockt hatte.

In den Kriminalakten wird er „Der Herzlfresser von Kindberg“ genannt, weil er zwei der Frauen die Herzen heraus gerissen hatte, um sie zu essen. Irgendwo hatte er wohl gehört, dass das Glück im Spiel bringen sollte und ihm zudem die Fähigkeit schenken würde, bei Bedarf unsichtbar zu werden. Unsinniger Aberglaube, natürlich. Funktioniert hat da gar nichts. Aber wer auch immer ihm diesen Bären aufgebunden haben mag, hat vermutlich auch geschworen, dass in der Passauer Kunst jede Menge Wahres stecke. Darüber kann man lesen, wenn man sich, – ein Beispiel von vielen – , intensiver mit dem just genannten Raubmörder Jaspar Hanebuth beschäftigt.

Dieser hatte, als auf gefährlichem Fuß lebender Kerl seiner Zeit, – der lange Krieg war seit 1648 vorbei, sein Schrecken nicht – , der sich und seinesgleichen schützen musste, an diese „Kunst“ geglaubt. Zettelchen mit geheimnisvollen Zeichen waren damals im Umlauf, die man entweder hinunter schluckte oder in einem Beutelchen bei sich trug. Sie sollten einen unverwundbar, die Haut stramm und undurchlässig machen, zumindest dem gewünschten Zweck dienen,  nicht so leicht oder eben kaum verletzt, erschlagen, durchstochen, erschossen werden zu können. Man nannte das “festmachen” gegen Attacken von außen.

Ob’s nützte? Zumindest die siegreichen Soldaten von Matthias II. in der Schlacht um Böhmen während des 30jährigen Krieges schworen darauf. Die Zettelchen, so wurde behauptet, hätten ihnen kaum Verluste in den eigenen Reihen geschenkt. Nun denn. Wahrlich doch ein anderes Thema. Später vielleicht. Der Magen sollte sich zuerst einmal vom großen Rest erholen dürfen. Wenn er denn muss.

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