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Blind Date

Seit einiger Zeit bin ich in diesem speziellen Forum. Ich schreibe manchmal etwas andere Kurzgeschichten, und hier kann ich sie veröffentlichen. Außer mir sind etablierte Schriftgelehrte zugange, besser gesagt, Leute der Feder, die geniale Geschichten zum besten geben. Einer ist Redakteur, der andere liefert mir einen Verriss nach dem anderen. Ich bin leicht deprimiert. Es gibt mehrere Platzhirsche, die geschliffen argumentieren, dass ich blaß und klein werde. Aber ich habe auch schon freundliche, wohlwollende Kommentare erhalten und zwei “Daumen hoch.” Einige haben sogar Bücher geschrieben, für die hier geworben wird. Darunter sind überwiegend Frauen. Eine hat es mir besonders angetan, Karola Reichert, die Horrorspezialistin. Vor der habe ich einen Heidenrespekt, sie hat schon einige meiner Stories einer Kritik für würdig befunden, die mich mal etwas kleiner, aber auch manchmal größer werden ließ- die kann nicht nur genial schreiben, hat viele Bücher veröffentlicht- nein, dazu sieht sie auch noch verdammt gut aus. Sie spricht mich als Frau sozusagen an.

Wie sage ich das elegant, um es exakt auf den Punkt zu bringen und dabei nicht in zu seichte Gefilde abzugleiten? Also, da gibt es Frauen, die nehme ich kaum wahr. Dann gibt es Frauen, die nehme ich wahr- aber die interessieren mich nicht, weil ich sie sofort unsympathisch finde. Und dann ist da die restliche Fraktion, die ich blitzschnell wahrnehme, sympathisch finde auf Anhieb oder besser gesagt begehrenswert oder noch genauer gesagt, mit denen ich … na, auf die ich neugierig bin, wie die so sind, besser wären, wenn wir … also das machen würden, wofür Adam und Eva aus dem Paradies flogen. Und diese Fraktion ist immer gestylt, sexy, hat irgendwas, das ich sofort gut finde, sie sind immer verdammt hübsch. Und diese Karola raucht auch noch Pfeife. Kurz, ich bin geplättet von so viel Power-Frau auf einmal. Also studiere ich ihre website und lese in ihren Werken, dann schaue ich mal auf facebook rein. Natürlich ist sie dort präsent und noch hübscher.

Aber das sind Bilder und dann Vorstellungen, die in meinem Kopf existieren- die echte Karola ist sicher anders und hat Facetten, die ich nicht mal ahne, da bin ich mir sicher.
Wie riecht sie? Wie fühlt sie sich an? Aus Erfahrung weiß ich, dass meine bevorzugte Frauen-Fraktion gespickt ist von egoistischen, emanzipierten Mädels, manche sind Wildkatzen, andere wieder echte Zicken und dabei raffiniert und hinterhältig. Nahezu allen war ich hoffnungslos unterlegen. Aber der Sex mit ihnen war echt gut und jede hatte andere Vorlieben. Doch das ist Schnee von vorgestern … Derzeit habe ich andere Passionen.

Nach drei Tagen schaffe ich es, mit ihr über die PN-Funktion in Kontakt zu kommen, und weitere zwei Tage später machen wir ein Date aus- auf halbem Weg, schlage ich vor. Ich buche ein gutes Hotel und bin gespannt. Am vereinbarten Tag mache ich mich bei Anbruch der Dunkelheit auf den Weg und bin kurz darauf im Hotel-Restaurant. Der Tisch ist hübsch dekoriert und die Speisekarte umfangreich. Mit zwanzig Minuten Verspätung erscheint dann Karola- sie sieht noch umwerfender aus als ich gehofft habe. Dezentes Kleid, das die wohlgeformten Beine betont, elegante Pumps und erst das Gesicht: Sie ist einfach bildschön. Sie kommt- nein, sie schreitet hoheitsvoll auf mich zu, ich springe auf und begrüsse sie mit Handkuß. Sie schaut leicht irritiert, aber dann erfreut. “Na, aus welchem Jahrhundert bist denn du?” sagt sie sanft- und ich bin begeistert von ihrer Stimme. Nach einem opulenten Mahl, begleitet von anregenden Gesprächen über das Schreiben, Hunde und Horror-Ideen landen wir schließlich gegen elf Uhr auf meinem Zimmer.

“Was erwartest du nun?” Karola gibt sich spöttisch-elitär. Ja, was wohl, denke ich. Sie ist leicht angesickert, wir haben beide etwas viel getrunken. “Das, was ich erwarte, ahnst du nicht im mindesten,” gebe ich lässig zurück. “Ey, jetzt wird es aber spannend,” scherzt Karola. Es findet also der übliche Dialog statt, der unter zivilisierten Mitteleuropäern dem Koitus vorangeht. Wir sitzen auf der Couch, trinken noch etwas Schampus und fechten mit Worten noch etwas- die Spannung zwischen uns steigt, Karola hat leicht gerötete Wangen, was sie noch schöner macht. “Jetzt muß der Mann die Offensive ergreifen”, denke ich und tue es. Ich rutsche an sie heran, umarme sie sanft, wobei ich ihre Arme bewußt an ihren Körper presse. Dann ist sie wie in einem Schraubstock gefangen. Ich suche ihren Hals, sie riecht betörend. Karola ahnt, daß es anders ablaufen wird- wie oft hat sie schon horrormässige Szenen erfunden und erfolgreich zu Papier gebracht- und versucht sich verzweifelt zu wehren. Zwecklos, ich habe übernatürliche Kräfte. Dann setze ich meine Beißerchen an und- es knirscht, es hört sich an wie wenn etwas reisst- und beisse mich an ihrem Hals fest. Ich geniesse es, sie auszusaugen. Karola zappelt ein wenig, ihre Augen sind entsetzt aufgerissen, kein Schrei kommt aus ihrem Mund, denn ein Vampirbiß lähmt wie eine Injektion. Ihre Gesichtshaut wird langsam weiß, die Augen rot, und ich sehe langsam ihre Eckzähne wachsen. Sie gibt ihre Gegenwehr auf und jetzt kommt der Höhepunkt: Sie ist ausgesaugt und gehört mir für alle Ewigkeit … Sie lächelt jetzt gelöst, ich grinse teuflisch-schief und lecke mir das Blut von den Lippen.

Morgen stelle ich diese Story in meinem Forum ein und amüsiere mich über die Kritiken wie “Oh, schon wieder diese Vampir-Masche, wie originell!” Oder “Oh nein, grottenschlecht!” Doch was wissen die schon, wie gut Blut schmeckt, echtes, meine ich. Nicht dieses Fantasieblut. Und in einem hatte Karola recht: Ich stamme aus dem Jahre 1798; dank Internet geht das heute leichter als früher vonstatten. Also Mädels, seid vorsichtig, wenn ihr ein Blind Date ausmacht …

Robby Ritzmann

Robby Ritzmann: Ex-Banker und Extremsportler sowie Hobby-Autor; schreibt als “Schwarzer Graf” mit düsterem Augenzwinkern; übt sich seit 35 Jahren in täglicher Zen-Meditation und schwört auf vielschichtige Interessen: Politik, knappes aber gutes Essen, dunkle Schokolade, Gothicszene, Dark music, PC & smartphone, schnelle Autos und täglich fünfzig Minuten Konditionstraining- gnadenlos …^^

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