Black Hammer Band 1: Vergessene Helden

Black Hammer; Bd. 1; Splitter

Natürlich ist im Grunde schon alles über diesen Band gesagt worden. Jedoch erschien gerade bei Splitter mit „Sherlock Frankenstein & die Legion des Teufels“ quasi der dritte Band aus dem Black Hammer-Universum. Bereits im Januar folgt „Doctor Star“, und im April der dritte Hauptband. Das bedeutet dann also durchaus, dass auch wir im Phantastikon uns leisten können, von Anfang an dabei zu sein (auch wenn wir nicht gerade Neuigkeitenjäger sind).

Erschienen im Splitter-Verlag

Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass Black Hammer fast in jeder Review mit Alan Moores Watchmen verglichen wird. Wenn man das Comic liest, wird auch schnell klar, warum das so ist. Und dennoch ist es falsch. Black Hammer hat nicht viel mit Watchmen zu tun, auch wenn hier ebenfalls die Geschichte der Superheldencomics auf einer Metaebene kommentiert wird. Vergleiche sind oft unerlässlicher Bestandteil der Medien und nicht zuletzt eine Bürde, die zu Missverständnissen führen kann. Allerdings darf Black Hammer neben den Watchmen im Regal stehen. So einfach kann das sein.

Jeff Lemire liebt seine Superheldencomics, und wer weiß, wie Black Hammer ausgesehen hätte, wenn es 2008 schon erschienen wäre, als er seine ersten Skizzen davon anfertigte. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man sich in der Superhelden-Timeline befindet oder einen Kommentar über das Genre verfasst. Ich bin mir nicht sicher, ob die Metaebene je eine größere Rolle gespielt hat als in unserer Zeit, wo Referenzen das Salz in der Suppe sind. Man kann keine neuen Geschichten erzählen, sagt man. Was sich aber immer verändern wird, ist die Art und Weise, wie wir sie erzählen. Nun, das mag sein. Ja, es wird immer eine Heldenreise geben, und wir haben auch die letzte Intrige bereits aufgespürt; überhaupt dass eine Geschichte erzählt wird, ist allerdings ein Hinweis darauf, dass wir ohne Geschichten nicht überleben können.

Auf dem Lande

(c) Splitter-Verlag

In diesem Comicbuch begegnen wir einer Gruppe von Charakteren, die weder ein wirkliches Team, noch eindeutig Superhelden sind. Jeff Lemires und Dean Ormstons Figuren wurden vor zehn Jahren aus unbekannten Gründen aus ihrem eigenen Universum verbannt und kämpfen nun mit dem Alltag in einer kleinen, ländlichen amerikanischen Stadt, die buchstäblich im Nirgendwo liegt. Dort sind sie gefangen, und das ist aus ihrem Leben geworden. Einst waren sie Helden,  Abenteurer, Mystiker – vor allem aber waren sie schon damals Ausgestoßene. Da gibt es die Frau, die ihre Superkräfte nur nutzen kann, wenn sie sich in ein kleines Mädchen verwandelt. Jetzt ist sie in diesem jungen Körper gefangen, säuft, raucht und flucht – was nicht gerade zu wenigen Problemen führt, wenn es darum geht, unerkannt zu bleiben. Denn das muss ihnen neben ihrem Haushalt und der Landwirtschaft gelingen.

Dann haben wir Barbalien, einen Außerirdischen von einem kriegerischen Planeten, der zur Erde geschickt wurde, um ihm seine eigene Schwäche vor Augen zu führen.

(c) Splitter-Verlag; Gail gefällt das Ganze nicht

Sie alle waren Helden und opferten ihr Leben, um die Welt zu retten. Jetzt sind sie in einer Welt gefangen, in der es keine Helden gibt; es gibt nur die Kleinstadt und ihren Bauernhof. Abraham Slam ist nur allzu gerne bereit, sich niederzulassen und ein normales Leben zu führen, andere ehemalige Helden scheinen hingegen einen verlorenen Kampf – ihrer geistigen Gesundheit willen – zu führen, oder um einen Sinn in ihrem neuen Leben zu finden.

Was noch seltsamer ist, ist, dass sie aus unbekannten Gründen nicht in der Lage sind, die äußeren Grenzen der Kleinstadt zu überschreiten. Sie stecken fest. Alle anderen in der Stadt können kommen und gehen, wie sie wollen. Aber die Helden sind gezwungen zu bleiben und ein Leben in diesem seltsamen neuen Land zu führen. Sie haben ihre Grenzen abgesteckt, mit einem tragischen Ergebnis, das uns erst im Folgeband zuteil wird.

Jeff Lemire ist ein Meister der ländlichen Darstellung. Seine viel beachtete Essex County-Trilogie deckt in etwa die gleiche rurale Ebene ab. Nur die Hockeyspieler wurden durch Superhelden ersetzt. In ihrer Welt trugen sie Namen wie Golden Gail, Barbalien und Colonel Weird, in ihrem Haus sind sie seit zehn Jahren nur noch Gail, Mark und Randall. Lemire nimmt hier den Faden auf, Geschichten über Superhelden zu erzählen und verknüpft ihn mit seiner Gabe, Geschichten über Menschen zu erzählen, die müde und enttäuscht davon sind, was aus ihrem Leben geworden ist.

(c) Splitter-Verlag

In ihren Erinnerungen an bessere Zeiten, die aus Rückblenden bestehen und diese Frauen und Männer in der Blüte ihres Lebens zeigen, zollen Lemire und Ormston der Historie des Genres, seiner Vielfalt und sogar den Schöpfern dieser großartigen Geschichten, liebevollen Tribut. Hier finden sich Hinweise auf alles – von Adam Strange-artiger Science Fiction bis hin zu den Horrorgeschichten, an denen Len Wein und Bernie Wrightson gemeinsam gearbeitet haben. Dieser Genre-Mix schafft eine reiche Auswahl an klassischer Atmosphäre. Ormston und der Kolorist Dave Stewart bewegen sich hier zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Abenteuer, Horror und Science Fiction, ohne in diesen Momenten die tonalen Veränderungen wirklich spürbar werden zu lassen. Stilistisch gesehen gibt es da nämlich keine großen Veränderungen. Dies hier ist eben keine Sammlung von Pastichen und Hommagen; Lemire und Ormston verwenden diese verschiedenen Genres und Hinweise, um ihre eigene originelle Geschichte zu erschaffen.

Während die ehemaligen Helden versuchen, sich in das Bilder der Kleinstadt einzufügen, haben sie das äußere Bild einer Familie mit mehreren Generationen angenommen. Sie streiten und zanken sich, aber dieser zusammengewürfelte Haufen ist auch füreinander da, wenn es erforderlich wird. Die dysfunktionale Familie mag dabei ein bisschen klischeehaft wirken, aber Lemires Erzählung lässt das funktionieren, weil sein Fokus nicht auf der Dysfunktion liegt, sondern auf dem Preis, den alle zahlen, während die Trägheit des Landlebens sie mitschleppt.

Diese Verschmelzung von Phantastischem und Ländlichem schafft die faszinierenden Spannungen dieses ersten Bandes. Die Bilder, die Ormston zeichnet – von den vielfältigen Facetten des Multiversums bis hin zu einem Diner, in dem sich die Einheimischen nach einem Tag ehrlicher Arbeit versammeln – zeigen die verschiedenen Perioden des Lebens dieser Charaktere, und es ist dabei schwer zu verstehen, warum sie sich überhaupt nach der Vergangenheit sehnen. In ihrem früheren Leben war eben nicht alles eitel Sonnenschein. Sie haben ein Leben für ein anderes geopfert; es ist nicht besser oder schlechter, nur anders.

Splitter-Verlag
ISBN:978-3-96219-081-1
Autor: Jeff Lemire
Zeichner: Dean Ormston
Übersetzer: Katrin Aust
Hardcover, 184 Seiten
Preis: 19,80.-

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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