Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London

dtv

Auf den ersten Blick scheint es hier keine besondere Neuheit zu geben. Die Fragen sind: Was wäre, wenn es Magie wirklich gäbe, wenn sie von einem geheimen Club kontrolliert und dazu benutzt würde, die Öffentlichkeit vor bösartigen Geistern und übersinnlichen Feinden zu schützen? Aber Ben Aaronovitch bietet etwas Neues, indem er die Metropolitan Police in den Mittelpunkt seiner magischen Welt stellt, und schon haben wir das Beste aus zwei Welten der Urban Fantasy, so nahe liegend, dass man glauben könnte, diese Art der Literatur gab es schon immer. Da mag man vor allem an die berühmten okkulten Detektive wie Hodgsons Carnacki, Blackwoods John Silence oder an LeFanus Dr. Hesselius denken, aber damit hat Peter Grant, der Held der Reihe, gar nichts zu tun (übrigens auch nicht mit Harry Potter, wie oberflächliche Rezensenten behaupten). Am ehesten ist noch die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde mit Peter Grant verwandt, aber auch die verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz. Wäre noch Harry Dresden, die Königsreihe der Urban Fantasy; das gilt aber nur, wenn man Kategorien unbedingt braucht. Und Scott Mebus mit seinen Gods of Manhattan.

Der neunte Band ist im Frühjahr 2020 erschienen und die Reihe ist so erfolgreich, dass sich auch bereits eine TV-Serie in Planung befindet.

Nach einer gespenstischen Begegnung in Covent Garden entdeckt der Polizeianwärter Peter Grant, dass die Met eine geheime Einheit hat, die sich der Magie und dem Übernatürlichen widmet. Grant wird zum Novizen unter der Leitung des rätselhaften Detective Inspector Thomas Nightingale und lernt bald ein oder zwei Beschwörungsformeln. Nightingale ist ein Zauberer, und er macht es sich zur Aufgabe, Londons unzählige übernatürliche Verbrechen zu untersuchen, von denen der Mord in Covent Garden ein besonders abscheuliches ist. Und das ist erst der Anfang der Schwierigkeiten, die noch kommen werden.

Der Rest des Buches dreht sich um zwei Fälle – die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen verschiedenen Flussgottheiten (einschließlich Vater Themse) und das Aufspüren eines bösartigen Geistes, zu dessen Hobbys es gehört, auf magische Weise die Gesichter von Menschen auseinander fallen zu lassen.

So bekannt sich vieles davon anhören mag, wird hier eine ausgezeichnete Weltschöpfungen offenbar. Die “Flüsse” des Titels beziehen sich auf eine Reihe von frechen Wassernymphen, deren Namen denen der Londoner Wasserläufe folgen – Fleet, Ty, Beverley Brook u.a. Die Mechanik der Magie ist faszinierend – wir bekommen in diesem Buch allerdings nur eine erste Kostprobe (in den Fortsetzungen wird diese noch besser erläutert), aber ein regelmäßiger Verweis auf die Gesetze der Thermodynamik untermauert das Unglaubliche mit einem plausiblen, wenn auch pseudowissenschaftlichen Rahmen, wie es sich für ein gutes Stück Literatur gehört.

Was sofort auffällt, ist die Art und Weise, wie die etablierten Tropen der Urban Fantasy hier runderneuert werden. Aaronovitchs London ist nicht mit Butchers Chicago zu vergleichen. Der Charakter der Stadt hat etwas an sich, das dicht und strukturiert und mit ihrer ältesten Vergangenheit eng verbunden ist. Der Roman zeugt von einem enormen Gespür für diese Metropole.

Mit jeder Seite wollen wir mehr über diese mysteriöse Geschichte erfahren, die sich in sehr vertrauten Straßen abspielt. Fans von realen Orten werden sich besonders freuen. Aaronovitch verwendet echte Londoner Pubs, Restaurants und Sackgassen, um seine Geschichte abzuspulen.

Trotz der phantastischen Elemente gibt es hier echte Polizeiarbeit zu bestaunen. Hier entsteht ein Strudel, der eigentlich im Chaos endet, gut ausbalanciert, vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Debüt handelt. Wieder einmal erlebt man hier einen beachtlichen Geschichtenerzähler in seinen Anfängen.

Nightingale trainiert Grant in grundlegenden Zauberkunststücken sowie in der Natur der verschiedenen Geister, die die Stadt bewohnen. Der Autor weiß Gott sei Dank, wie abgedroschen solche Meister-/Lehrlingsszenen sind, und geht nicht auf sie ein. Meistens stürzt er Grant kopfüber in zwei magische Krisen. Die eine ist der Mord, der sich schnell in eine Serie verwandelt, von denen jeder schrecklicher ist als der letzte. Wenn man bedenkt, dass der erste eine Enthauptung beinhaltete, ist das durchaus eine Ansage. Irgendein böswilliger Geist dringt in den Verstand und die Körper der normalen Bürger ein und treibt sie zu grausamen Taten, die sogar für den Besessenen tödlich sind. Aber was, oder wer, und warum?

Das zweite findet Grant beim Versuch, einen territorialen Streit zwischen Vater Themse und Mutter Themse, Gott und Göttin des großen Flusses, zu schlichten. Hier nimmt der Roman den außergewöhnlichen Multikulturalismus Londons als zentrales Motiv auf.

So wie Grant selbst einer der vielen gemischtrassigen Bewohner der Stadt ist, verkörpert der spirituelle Charakter des Flusses den globalen Charakter der Londoner Kulturlandschaft. Vater Themse repräsentiert die alte englische Garde, während Mutter Themse eine nigerianische Matriarchin ist, die von einer Vielzahl von Töchtern – gebildet, eigensinnig, fortschrittlich – begleitet wird, die die vielen kleineren Flüsse und Nebenflüsse der Stadt repräsentieren (von denen einige nach jahrhundertelangen Bauarbeiten nicht mehr existieren). Grants berufsbegleitende Ausbildung in übernatürlicher Diplomatie bringt ihn Mama Themses Tochter Beverley Brook sehr nahe.

Das Eröffnungskapitel ist so humorvoll, dass man sich vorstellen kann, dass es sich um einen gemeinsamen Spaß von Jim Butcher und Douglas Adams handelt. Das verflüchtigt sich, sobald sich die Handlung verdichtet und die Gewalt bösartig wird.