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Bela Lugosi

belasmokeEr war eine spektakulär gekleidete Leiche. Elegant, aber denkwürdig. Sollte so sein. Vielleicht regnete es ausnahmsweise in Kalifornien am 16. August 1956, und die aufgespannten Regenschirme waren solidarisch schwarz und glänzten wie sein Umhang. Wie der Lack seines Sarges. Vermutlich erklang düstere Trauermusik. Mozarts Requiem oder Wagners Schwere hätten gepasst. So schaurig gut. Das eine Lied, sein Lied wurde erst dreiundzwanzig Jahre nach Bela-Draculas Tod geschrieben. Hätte ihm (auch) gefallen.
The bats have left the bell tower, the victims have been bled, red velvet lines the black box… (Bauhaus, 1979, Bela Lugosi’s Dead)

Weltruhm erlangte Béla Ferenc Dezső Blaskó (1882 – 1956) als erster offizieller Bram-Stoker-Vampir: Dracula , 1931 von Tod Browning, Regie, verfilmt, mit Bela Lugosi (Blaskó leitete seinen Künstlernamen von seinem ungarischen Geburtsort Lugos ab), als legendärer Fürst der Nacht, der in diesem Ton-Sensationserfolg tatsächlich kein einziges Mal seine Fangzähne zeigt. Die sieht man nicht, Bisswunden auch nicht. So richtig Blut fließt, streng betrachtet, ergo nicht. Das mag den vom optischen Wahnsinn verwöhnten Cineasten enttäuschen, irritieren, amüsieren gar, schön schrecklich-dunkel und düster-gut ist der Horror-Klassiker allemal. Zudem gilt Dracula als wertvolles Erinnerungsstück, wurde als „kulturell, geschichtlich und ästhetisch bedeutend“ im Jahr 2000 in das National Film Registry der Library of Congress, USA, aufgenommen.

plakatgelbDie erste Wahl war Lugosi für Browning nicht, obwohl er Ende der 1920er bereits am Broadway den Stoker-Vampir spielte und phantastische Kritiken bekam. Für die geplante Verfilmung kamen zahlreiche der damaligen Leinwand-Helden in Betracht und sprachen vor, darunter eben auch der attraktive, exotisch aussehende, zu dem Zeitpunkt freilich immerhin schon fast Fünfzigjährige, aber den wollten die Universal Studios (hier konkret Produzent Carl Laemmle), warum auch immer, partout nicht. Man entschied sich für den absoluten Favoriten, den Man of a thousand Faces, Lou Chaney sen. (1883 – 1930), der damals ein ganz Großer des Genres war. Famos fürchterlich: Chaney als Phantom der Oper (1925). Sein Sohn, Lou Chaney jun. (1906 – 1973), trat als Darsteller in Horror-Filmen in seine Fußstapfen, kam aber an seinen Ruhm nie heran.

So wäre denn Filmgeschichte anders verlaufen, und der Walk of Fame hätte einen Stern weniger. Etwas herzlos formuliert. Es kam aber anders. Lugosi, der vor seiner Emigration in die Vereinigten Staaten 1921 in Deutschland/Berlin auch unter Friedrich Wilhem Murnau gedreht hatte, blieb nach dem plötzlichen Tod des Kollegen umso beharrlicher, er wollte diese Rolle. Unbedingt. Auch mit bescheidener Gage. Als dann ein zweiter Hochgehandelter, Ian Keith, das Angebot ablehnte, machte er das Rennen, und die Universal Studios hörten rasch und angenehm überrascht auf, mit den Zähnen zu knirschen. Punktgenau gesagt:

„Weil Channey vor Drehbeginn starb, ergatterte ein Ungar mit kommunistischer Vergangenheit die Rolle des adligen Blutsaugers. Er nannte sich Bela Lugosi und wurde mit diesem ersten Dracula-Tonfilm unsterblich.“ (Cinema)

Tatsächlich hatte sich Lugosi in Ungarn Jahre vor seiner Einreise in die amerikanische Wahlheimat nicht nur als Schauspieler einen Namen gemacht: Er war Gewerkschaftsgründer, führte Protestmärsche gegen die Republik an und stand auf der „Schwarzen Liste“; das ist lästig Biographisches, über das er ungern, unvollständig und anfangs vor allem wohl aus Angst vor Berufsverbot und Ausweisung im Nacken sprach. Mag sein, dass sein politischer Background einigen Studio-Bossen nicht gefiel, mag auch sein, dass es an seinem schlechten Englisch lag. Vielleicht sprengte er einfach nur ein ursprünglich festgelegtes stures Konzept. Darunter fiel beispielsweise auch, dass der Vampir keine Männer beißen sollte, – er biss aber doch, aus logischen Gründen -, weil das zu homoerotisch wirken würde. Gleichzeitig wollte man die Frauenrolle (Mina, gespielt von Helen Chandler) nicht mit der vorgeschlagenen, einzigartigen, wunderbaren Bette Davis besetzen, weil sie nicht genügend Sexappeal hätte. Das darf man anders sehen.

belakissEin Glückstreffer wurde der Film für die Kino-Geschichte allemal. Und Lugosi gab ihm mit seiner „finsteren Würde“ (Reclams elektronisches Filmlexikon) seine Einmaligkeit. Mit Dracula saß er fest im Sattel der Metropole Hollywood. Da oben hielt er sich aber nicht: Die sagenhafte Gruselmär, ursprünglich vorgesehen als Big-Budget-Projekt, das an den Finanzen scheiterte, – es war die Zeit der Großen Depression (Weltwirtschaftskrise) -, wurde (wie) vor Theater-Kulisse gedreht, was tatsächlich perfekte Schauerstimmung erzeugte. Sie wurde Lugosis eine ganz große Geschichte. Er war zwar auch in den Folgejahren in etlichen bekannten Filmen des Horror-Genres dabei, oft als Bösewicht oder halt Monster, aber er schaffte es nie wieder, so gut, gar besser noch als der eine, der erste, der große Vampir zu sein. Seine Karriere verblasste, zumal das ehemals so populäre Feld der finsteren Hollywood-Träume in den 1940ern langsam verdorrte. Der Grusel nahm an Beliebtheit ab, und Lugosi, jahrelang drogenabhängig, hielt sich und seine Familie, – er hatte viermal geheiratet -, mit Auftritten in B-Movies über Wasser. Einmal noch konnte er trumpfen als Dracula in der Horrorkomödie „Abbot und Costello treffen Frankenstein“(1948); in „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ (1956) spielte er einen Stummen. Extra für ihn hatte man den Part umgeschrieben, weil er nicht mehr in der Lage war, sich den Text zu merken. Am 16. August 1956 wurde Lugosi tot in seinem Bett gefunden. Die Bestattungskosten übernahm Frank Sinatra.
Niemand weiß wirklich, ob er selbst ernsthaft auf dem Friedhof „Holly Cross Cemetry“ im Dracula-Kostüm beerdigt werden wollte, aber es geschah auf Wunsch seines Sohnes und seiner Frau, sie mögen es in seinem Sinn erbeten haben. Immerhin war Lugosi mit den Jahren schon recht merkwürdig geworden. Er lag durchaus auch schon mal in einem Sarg, während er Interviews gegeben hat, und am Schluss soll er die feste Überzeugung gehabt haben, Dracula leibhaftig zu sein. Man glaubt halt so manches, wenn Drogen die fruchtigsten Kirschen an den Bäumen sind.

Die Rolle, welche die zweite Mega-Chance seines Lebens war, hatte er aus Eitelkeit abgelehnt: Er, der einzigartige, phänomenale Dracula wollte sich nicht in Frankensteins Monster als Ungeheuer verunstalten lassen, er wollte erkannt werden. Und anerkannt als Mime mit Gesicht. Boris Karloff schlug beim Angebot ungeniert zu. Wurde Weltstar. Und lief Lugosi den Rang ab. Karloff sagte später:

„Der arme alte Bela. Es war schon seltsam mit ihm. Er war ohne Frage ein scheuer, empfindsamer und begabter Mann, der in Europa hochwertiges klassisches Theater gespielt hat. Aber er machte einen fatalen Fehler. Er unterzog sich niemals der Mühe, unsere Sprache richtig zu lernen.“

Ob’s daran gelegen hat oder ob Frankensteins Monster sein fataler Irrtum gewesen ist oder ob es einfach ganz andere Gründe gab, die im Keller liegen und dort bleiben…wer weiß das schon? So genau niemand. Aber was war? Ganz simpel: Lugosi war Dracula. Über Nacht. Blieb Dracula. Bis zu seinem Ende. Ein Mythos. Ein Maskenmann. Geschminkt, gegelt, gelackt, gemacht. Anders kennt die Nachwelt ihn kaum. Das ist vielleicht auch richtig so.
„The Virginal brides file past his tomb, strewn with time’s dead flowers, beneft in deathly bloom, alone in a darkened room. The count: Bela Lugosi’s dead. Undead.“ (Bauhaus)

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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