Batman (Der Dunkle Ritter)

Die Geschichte von Batman ist ein moderner Mythos: Der junge Bruce Wayne muss mit ansehen, wie seine Eltern vor seinen Augen ermordet werden. Er wรคchst mit dem festen Entschluss auf, das Verbrechen zu bekรคmpfen. Mit zunehmendem Alter erlernt Batman fast alle Kampfkรผnste, macht sich mit wissenschaftlichen Methoden vertraut, wird Detektiv und bekรคmpft immer grรถรŸere Bedrohungen in Gotham City, einer Stadt, die mittlerweile so legendรคr ist wie der Dunkle Ritter selbst.

Detective Comics No. 27
(c) DC

Batman betrat die Comicwelt im Mai 1939 mit Detective Comics Nr. 27, ein Jahr spรคter bekam der dunkle Ritter seine eigene Serie. Offiziell wurde die Figur von Bob Kane geschaffen, der vom Herausgeber Vin Sullivan den Auftrag erhalten hatte, eine neue Figur nach dem Vorbild des legendรคren Superman von Jerry Siegel und Joe Shuster zu schaffen. Die eigentliche kreative Kraft hinter vielen prรคgenden Elementen war jedoch ein bis in die 2010er Jahre kaum bekannter Autor: Bill Finger. Wรคhrend Kane das Grundkonzept – einen maskierten Detektiv – lieferte, war es Finger, der Batman seine ikonischen Merkmale verlieh: die dunkle Kapuze mit den spitzen Ohren, das dรผstere Cape, das Fehlen von Superkrรคften, den bรผrgerlichen Namen Bruce Wayne und die dรผstere Stadt Gotham als Handlungsort. Auch Batmans tragische Hintergrundgeschichte – der Mord an seinen Eltern in einer Gasse – stammt aus Fingers Feder. Trotz seiner wesentlichen Beitrรคge wurde Finger zu Lebzeiten nie als Mitschรถpfer genannt, da Kane sich vertraglich die alleinige Anerkennung sicherte. Erst 2015, Jahrzehnte nach Fingers Tod, erkannte DC Comics seine Mitautorenschaft รถffentlich an. Diese spรคte Anerkennung ist nicht nur ein kulturhistorisches Lehrstรผck รผber das Urheberrecht, sondern spiegelt auch das Thema wider, das Batman selbst durchzieht: die Suche nach Gerechtigkeit in einer Welt, die sie oft verweigert.

Und wรคhrend Superman mit Superkrรคften gegen die Korruption kรคmpfte, war Batman von Anfang an dรผsterer. Er war eine Figur, die direkt von den Pulp-Magazinen, von Zorro und dem Horrorfilm The Bat aus dem Jahr 1926 beeinflusst war: Batman war ein seltsames Wesen der Nacht, das anfangs nicht davor zurรผckschreckte, Verbrecher zu tรถten, wenn sie es โ€žverdientโ€œ hatten. Damit ist er bereits ein Spiegelbild seiner Zeit, die im Allgemeinen als positiv, aber angesichts des Zweiten Weltkriegs auch als desillusioniert beschrieben wird. Die Gesellschaft war zerrissen und zerbrechlich, weder gut noch bรถse, und so fรผgte sich ein vierfarbiger Blick auf einen wohlhabenden Rรคcher perfekt in die Kultur der Zeit ein.

Kane beschrieb das Vorgehen, Batman zu einem Waisenkind zu machen, so:

โ€œBill und ich haben lange darรผber nachgedacht, aber dann kamen wir zu dem Schluss, dass es nichts Traumatischeres gibt, als wenn deine Eltern vor deinen Augen ermordet werden.โ€

Indem sie ihren Protagonisten auf diese Weise von seinen Eltern befreiten, wollten die Schรถpfer von Batman bei den Lesern Sympathie wecken und der Figur einen tief verwurzelten, dunklen Gerechtigkeitssinn verleihen. Dieser Gerechtigkeitssinn treibt Batman dazu, โ€œder grรถรŸte Detektiv der Weltโ€ zu werden. Was seine Schรถpfer vielleicht nicht bemerkt haben, ist, dass sie darรผber hinaus eine starke Figur geschaffen haben, die das Pathos des Findelkindes ร  la Dickens mit dem Mythos des Selfmademan verbindet.

The Bat
The Bat alias „Das Rรคtsel der Fledermaus“

Was Batman so einzigartig macht

In einem Genre voller รผbermenschlicher Krรคfte ist Batman ein AuรŸenseiter: ein einfacher Mensch. Er besitzt keine Superkrรคfte, sondern kรคmpft mit Training, Intelligenz und unbeugsamem Willen gegen das Verbrechen. Diese menschliche Verletzlichkeit, gepaart mit รคuรŸerster Selbstdisziplin, unterscheidet ihn von fast allen anderen Comicfiguren. Seine einzige โ€žSuperkraftโ€œ ist seine Unnachgiebigkeit – eine innere Hรคrte, die aus dem Trauma seiner Kindheit erwรคchst. Batman ist nicht nur Kรคmpfer, sondern auch Denker. Als Detektiv analysiert er Tatorte, entschlรผsselt Rรคtsel und durchleuchtet die psychologischen Motive seiner Gegner. Seine Verkleidung ist nicht nur Tarnung, sondern Ausdruck seiner inneren Wandlung: Bruce Wayne ist die Maske, Batman ist die Wahrheit. Das Cape ist seine Haut geworden. Hinzu kommt seine unvergleichliche Ausrรผstung: der ikonische Utility Belt mit Werkzeugen fรผr jede erdenkliche Situation, das Batmobil, das Bat-Signal – all diese Artefakte machen Batman nicht nur zum Helden, sondern zum Mythos. Er ist eine lebende Legende, geschaffen aus Schmerz, Technologie und eiserner Selbstbeherrschung.

Batman im Silver Age

Adam West, Batman
(c) Warner Home Video: Das Clown-Spektakel mit Adam West

Die nรคchste Inkarnation des kostรผmierten Rรคchers kam seltsamerweise, als die Verkaufszahlen der Superhelden-Comics im Silver Age einbrachen. Batman bekam seine berรผhmte Fernsehserie, die eine ganz andere Seite von ihm zeigte. Der Batman, den wir hier sahen, war kitschig, aber auch lustig; er war kindgerecht und vor allem verรคnderte er das Bewusstsein. Wenn man sich an etwas aus den 60er Jahren erinnert, dann sind es – zu Recht oder zu Unrecht – die freie Liebe, die Drogen und die Hippie-Jugendkultur, mit denen man dieses Jahrzehnt verbindet. Diese Jugendkultur war offensichtlich frรถhlich, aber auch ziemlich verrรผckt und wie Adam Wests Darstellung der Batman-Figur ausgelassen und ziemlich skurril. Wรคhrend sich die Kinder an der witzigen Action, den ausgeklรผgelten Todesfallen und den brillant agierenden Bรถsewichten wie Riddler, Joker, King Tut und Egghead erfreuten, wurden die Erwachsenen auf die Schippe genommen. Fรผr Kinder war die Serie also perfekt. Gerade die Albernheit des silbernen Comic-Zeitalters machte Batman zu einer der grรถรŸten Ikonen der Popkultur vor Vietnam. Heute wรผrden sich die meisten weigern, Batmans Bedeutung fรผr diese ร„ra anzuerkennen, aber bei genauerem Hinsehen spiegelt Batman auch hier die Gesellschaft wider, wie sie sich 1966 offenbarte. Darin liegt eines der Geheimnisse seines รผberwรคltigenden Erfolgs, denn das galt fรผr alle Inkarnationen von Batman und gilt bis heute.

Nach den Eskapaden von Adam West wurde er vor allem in Zeichentrickfilmen zum Titelhelden und fรผr Interaktionen mit anderen Warner-Figuren wie Scooby-Doo eingesetzt, da Warner bis heute die Filmrechte an den DC-Figuren besitzt. Im Grunde war dies die dunkelste Zeit fรผr das gesamte Genre. Zwar kรคmpfte eine Handvoll DC-Helden gegen ihre Schurken, aber Batman wurde in dieser Zeit buchstรคblich lรคcherlich gemacht, zu einer โ€žkomischenโ€œ Figur.

Der Dunkle Ritter

Neal Adams war es dann, der Batman in den spรคten 1960er Jahren wieder dรผsterer erscheinen lieรŸ, sein detaillierter und realistischer Stil verlieh der Figur viel mehr Profil. Er ist bis heute einer der einflussreichsten Kรผnstler, die je an der Figur gearbeitet haben. Ihm gelang es, Batmans Aussehen fรผr eine neue Generation von Comicfans zu aktualisieren.

Doch in den Kรถpfen der Kinder und Eltern blieb Adam Wests Interpretation nur deshalb haften, weil das Medium Film schon damals eine grรถรŸere Strahlkraft besaรŸ und auch Menschen erreichte, die mit Comics nichts anzufangen wussten. Bis Frank Miller ihn in den 1980er Jahren entdeckte. Mit dem komplexen โ€žThe Dark Knightโ€œ definierte Miller neu, was ein Superheldencomic leisten kann und schaffte es, zusammen mit Alan Moores โ€žWatchmenโ€œ die Comicwelt fรผr immer zu verรคndern. Als Autor schrieb Miller Hardboiled-Geschichten, die in einer unglaublich dรผsteren Umgebung ihre Zรคhne zeigten. Zum ersten Mal seit den 40er und 50er Jahren wurde Batman wieder ernst genommen und ins Bewusstsein der Massen gerรผckt. Es gibt ein Muster in Millers Bรผchern, das weit รผber das Medium Comic und die Figur des Superhelden hinaus auf grundsรคtzliche Fragen verweist, weil in ihnen eine spezifische Erwartung der kommenden Katastrophe bereits als Wahrscheinlichkeit begriffen wird. Und diese ist 2001 tatsรคchlich eingetreten. Natรผrlich haben die Texte von โ€žThe Dark Knightโ€œ nichts mit irgendwelchen Terroranschlรคgen zu tun, aber sie treffen den Nerv des kulturellen Milieus, das die Bedeutung dieser Katastrophe hervorgebracht hat.

Frank Miller, The Dark Knight Returns
(DC)

Warum lieben Leser Batman?

Die Fangemeinde von Batman ist so vielfรคltig wie die Interpretationen der Figur selbst. Manche Leser fรผhlen sich von den dรผsteren Kriminalfรคllen angezogen, in denen Batman mehr Detektiv als Kรคmpfer ist. Andere fasziniert seine moralische Klarheit inmitten einer korrupten Welt. Und wieder andere finden sich in seiner psychologischen Komplexitรคt wieder: ein Mann, der sein Trauma nicht heilt, sondern kanalisiert – um andere zu retten. Nicht zu unterschรคtzen ist die Rolle der so genannten โ€žBat-Familieโ€œ. Figuren wie Robin, Batgirl, Nightwing oder Alfred Pennyworth bieten emotionale Anknรผpfungspunkte, Beziehungskonflikte und thematische Erweiterungen. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung von Tim Drake, dem dritten Robin, der 2021 in den Comics offen als bisexuell dargestellt wird – ein wichtiger Schritt fรผr Reprรคsentation und Vielfalt in Mainstream-Comics. Die Fans diskutieren auch lebhaft รผber Storylines, Zeichenstile und moralische Dilemmas. Klassiker wie The Killing Joke, Year One, Hush oder The Long Halloween sind nicht nur wegen ihrer Handlung von Bedeutung, sondern auch wegen der Fragen, die sie aufwerfen – รผber Wahnsinn, Gerechtigkeit und die Natur des Bรถsen.

Philosophische Dimensionen

Batman ist eine der philosophisch reichhaltigsten Comicfiguren. Er stellt zentrale Fragen der Identitรคt: Ist Bruce Wayne die Maske, die Batman trรคgt, um in der Gesellschaft zu funktionieren – oder ist Batman die Maske, hinter der sich ein traumatisierter Junge verbirgt? Diese Unsicherheit รผber das wahre Selbst zieht sich wie ein roter Faden durch die besten Geschichten. Zugleich ist Batman ein moralisches Paradox. Er lebt auรŸerhalb des Gesetzes, und doch hรคlt er sich an einen Kodex: Er tรถtet nicht. Diese Selbstbeschrรคnkung ist keine Schwรคche, sondern seine Form der Kontrolle – eine Absage an das Chaos, das er in sich spรผrt. Gerade deshalb steht der Joker, sein ewiger Gegenspieler, in so enger Beziehung zu ihm: Er ist die Entgrenzung, die Anarchie, der lachende Nihilist, der in Batman einen Bruder im Wahnsinn sieht. Diese Beziehung wirft die Frage auf: Wo ist die Grenze zwischen Ordnung und Wahnsinn? Zwischen Gerechtigkeit und Vigilantismus? Batman lebt in einer moralischen Grauzone – und zwingt den Leser, sich mit denselben Fragen auseinanderzusetzen.


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