Bathtime Stories (Kapitel 8: Anthony Quinn’s Ausweg)

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Kapitel 7

Kapitel 8: Anthony Quinn’s Ausweg

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Der Himmel ist bewölkt, als wir Archer’s Joy erneut besuchen. Die regennassen Straßen glitzern im trüben Licht, als bestünde das Kopfsteinpflaster aus mattem Silber. Kein Mensch traut sich auf die Straße, denn es ist ein frühherbstlicher Sturm angesagt, wie er an der rauhen Küste nur allzu oft tobt. Die Läden sind geschlossen und der Wind biegt die Bäume. Sie ächzen und stöhnen unter der Kraft der Natur und lassen sich von ihr nur ungern die ersten dunkelroten und gelben Blätter des Jahres abringen. An den Gartenzäunen sind einige Plakate angebracht, die uns wissen las­sen, dass das diesjährige Summer Sky Youngster’s Camp seit etwa zwei Wochen vorüber ist.

Wieder sticht uns ein gewisses Haus ins Auge, in dessen Fenster das Licht wesentlich verhaltener leuchtet als in den übrigen Gebäuden.

Wir lassen uns auf dem Fenstersims nieder und spähen ins Innere des Hauses. Dort sitzt Anthony Quinn an einem Holztisch. Seine Miene wirkt leer. Aus seinen Augen können wir nichts herausle­sen, das auf seine Gefühlslage schließen lässt. Er trägt einen schmuddeligen Pullover und seine Haare, sonst gepflegt und ordentlich, stehen in wilden Strähnen von seinem Kopf ab. Sein Gesicht wirkt mit einem Mal alt und ausdruckslos. Nichts mehr ist geblieben von seiner ehemals jugendli­chen Erscheinung.

In den zitternden Händen hält er einen Brief, dessen Umschlag uns schon sehr offiziell anmutet.

CORNWALL COUNTY steht auf dem Briefkopf geschrieben und wir können uns vorstellen, was Anthony so altern lässt.

Minuten vergehen, die wir selbst in Schrecken und erwartungsvoller Erregung erstarrt verbringen. Langsam steht Anthony auf und wankt durch sein Wohnzimmer, welches im Übrigen ebenso ver­lottert und verwahrlost aussieht wie sein Eigentümer. Bierflaschen liegen überall herum und der Fernseher gibt nurmehr ein sanftes Rauschen von sich, während ein Gewimmel schwarzweißer Ameisen über den Bildschirm krabbelt.

Fruchtfliegen säuseln durch die Luft. Er scheint schon seit einigen Tagen nicht mehr geputzt zu ha­ben, denn ein dünner Staubfilm bedeckt all die durcheinandergeworfenen Gegenstände, lässt sie alt aussehen und ebenso vergeudet wie Anthonys vergangenes und zukünftiges Leben.

Der alte Mann stolpert zu einer Schublade und kramt darin herum. Schließlich, nachdem er den halben Inhalt (einige Messer und Löffel, vermutlich versilbert, mindestens aber vernickelt) über den Fußboden verteilt hat, fördert er ein kleines Päckchen zutage.

Er schiebt es in die Hosentasche und schwankt durch einen kleinen Durchgang, der zunächst in den Hausflur führt. Dann wendet er sich wie mechanisch nach links und betritt sein Badezimmer. Er lässt die Türe einen Spalt offen, als wolle er uns einladen, Zeuge des letzten Aktes zu sein, be­vor der Vorhang fällt.

Wir verzichten dankend und bevorzugen es, dem Geschehen von der kleinen Anrichte im Flur aus zu folgen.

Das Rascheln von Kleidung, die förmlich vom Leib gerissen wird sowie das leise, helle Schluchzen und Schniefen verraten uns, dass nun ein neues Kapitel beginnt.

Wasser läuft schnell und dünnstrahlig aus dem Wasserhahn der Badewanne und seine Wärme wird vom Zimmer absorbiert. Wir hören ein lautes Aufschluchzen und dann zwei platschende Ge­räusche. Nicht einmal eine Minute später nehmen wir mehrere helle, halb verbissene Schmerzens­laute wahr. Dann nur noch laufendes Wasser, welches, nachdem wiederum einige Minuten ver­gangen sind, mit rotem Blut vermengt langsam und träge als Pfütze unter der Türe hindurchsi­ckert.

Der Geister-Mann hat die Bühne betreten.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 9: Pascal tut Dinge …

Thomas Buckel

Thomas Buckel

1980 in Augsburg geboren.
Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren.
Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege.
Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg.

Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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