Bathtime Stories (Kapitel 7: Pascals Visionen)

Intro
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Kapitel 7: Pascals Visionen

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Helen war, wie die beiden es nicht anders erwartet hatte, mehr als aufgebracht über die Verspä­tung. Sie stand, einem Racheengel in wallendem, blauem Cocktailkleid gleich, in der Haustür, als das Cabrio vorfuhr. Ihre Augen waren zornesrot und ihr kastanienbraunes Haar lag, in einen lan­gen Zopf endend, über ihrer Schulter. Als Pascal ihr kurz und schuldbewusst ins Gesicht sah, konnte er die tiefe Enttäuschung in ihren Augen sehen. Herrgottnocheins, wenn er eines nicht aus­stehen konnte, dann war es dieser verdammte Blick und dieses vermaledeite Schweigen.

Wie war deine Gala?“, murmelte er, während er sich an ihr vorbeischob und sein Sakko auf einen Kleiderbügel aufhängte.

Helen nickte ansatzweise und stumm, während sie sich nach ihm umdrehte. Dann verschränkte sie die Arme und sah ihn vorwurfsvoll an.

Wo zum Geier seid ihr gewesen?“, fing sie an und Pascal verdrehte unmerklich die Augen. „Ich habe mir Sorgen gemacht, Pascal! Weißt du, wer um diese Zeit draußen auf der Straße herum­läuft? Die kennen kein Halten, wenn sie besoffen sind! Denk doch mal an unseren Sohn!“

Hör zu, Helen…“

Nichts da!“, unterbrach sie ihn energisch. „Setzt euch, damit wir unser aufgewärmtes und daher ziemlich geschmackloses Essen zu uns nehmen können. Ein reizendes Festmahl für den 4. Juli, nicht wahr?“

Pascal kochte innerlich vor Wut. Das Einzige, was Helens Gebaren entschuldigen konnte, war ihre Unkenntnis über das, was er in diesem verdammten Stadion, in diesem verdammten Scheißhaus erlebt hatte. Nun war es an ihm, diesen Zorn nicht ausbrechen zu lassen. Er verschwand mit eiser­nem Blick und zusammengepressten Lippen im Wohnzimmer, um sich einen Whiskey einzu­schenken.

Das übliche Schwindelgefühl stellte sich schließlich ein, als die sanft brennende Flüssigkeit ein drittes Mal seine Speiseröhre herunterrann. Sie trübte seine Gedanken und ließ ihn die beunruhi­genden Ereignisse dieses entsetzlichen Nachmittags vergessen. Dennoch konnte er den Ge­schmack des Bourbon nicht zelebrieren. Noch immer mischte sich ein tiefes Gefühl des Unbeha­gens unter die Wonnen seines aufkommenden Rausches. Helen musste ihn schließlich nicht weni­ger als vier Mal bitten, endlich am Essenstisch Platz zu nehmen.

Sie hatte nicht übertrieben, als sie von der nun eher schalen Qualität des Essens geredet hatte. Wie Pascal nun feststellen konnte, nahmen seine Geschmacksrezeptoren, welche durch den Alko­hol ohnehin schon sehr entkräftet waren, die Mahlzeit nicht mehr als solche wahr.

Die Kartoffeln und das Gemüse mundeten wie eine interessante Mischung aus Wollfäden und Pappkartonstreifen, während das Fleisch so trocken und zäh war wie die Sohlen der Halbschuhe, die er in diesem Moment noch immer trug.

Mit einer Todesverachtung würgte er die gastronomische Zumutung herunter und nahm es seinem Sohn noch nicht einmal übel, dass dieser ein flachsiges Stück argentinisches Rumpsteak zurück auf den Teller spuckte.

Helen hingegen aß schweigend und ohne ihren Mann eines weiteren Blickes zu würdigen, wäh­rend sich die Nacht über Seattle senkte und der Lärm auf den Straßen des kleinen Vororts über­hand nahm.

Marc und Pascal wagten es nicht, ihrem gesenkten Blick zu begegnen, noch sie in gleichwelcher Art anzusprechen. Sie wussten genau, wann der Mist am Dampfen war und bevorzugten es, ihr keine Beachtung zu schenken.

Nach dem Abendessen bat Marc seinen Vater darum, mit Freunden auf eine Party im Jugendzen­trum gehen zu dürfen. Pascal erlaubte es ihm unter der Voraussetzung, dass er von von zu Hause abgeholt wurde und vor 11.00 wieder zuhause war. Schließlich würden sie am nächsten Tag früh mit dem Bus in den Norden tingeln, um auf James Island zu zelten. Marc tätigte einen kurzen Anruf und eine halbe Stunde später war er fort.

Helen, abendlichen Vergnügungen durch den Ärger über die Verspätung der beiden einigermaßen abgeneigt, ging schon bald nach oben ins Schlafzimmer.

Einzig Pascal blieb so noch im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen und starrte still auf den laufen­den Flachbildfernseher. Er hielt eine Flasche Bier zwischen seinen warmen Händen und nahm ab und an einen Schluck.

Die zweitklassigen Vorabendserien um diese Zeit rundeten diesen miserablen Tag auf herausra­gende Weise ab. Pascals Welt versank in einem Meer der Platitüden und seichtem Witz.

Ohne von den berieselnden Bildern aufzublicken, griff er nach seiner kleinen schwarzen Tasche und holte seinen Insulinpen heraus. Er drehte zweimal den beweglichen, hinteren Teil des Injekti­onsgeräts und verabreichte sich die Medikation. Schließlich schaltete er auf CNN um. Dann ent­spannte er sich und lehnte sich zurück. Er goß sich noch einen Bourbon ein und schloss die Au­gen. Die nun schon beträchtliche Benebelung seines Geistes ließ ihn die Erlebnisse des Tages verharmlosen.

Du bist einfach überarbeitet. Deswegen hast du dir das alles vielleicht nur eingebildet. Was auch immer du ihm damals angetan hast… er ist tot. Immerhin hat er danach zwanzig von deinen Freun­den umgenietet. Er kann dir nichts mehr…

Ein keckerndes Lachen aus dem Fernseher riss ihn aus seinen sich selbst vorgebrachten Recht­fertigungen.

Pascal riss die schweren Augen auf und starrte wieder auf den Fernseher. Sein Herz zog sich zu einem krampfenden Klumpen zusammen, als er sah, was sich auf dem Bildschirm abspielte. Ein zu einer hässlichen Karikatur eines alten Mannes verzogenes Gesicht füllte jeden Zoll der Plasma­fläche aus. Seine Augen waren zu kleinen Schlitzen zugekniffen und sein Mund hatte sich zu ei­nem breiten Lachen geöffnet. Gelbe, faulige Zähne vollendeten das übrige, grausige Erschei­nungsbild.

Haaallo, Pascal!“, lachte das Ding. „Freut mich, dich wieder zu sehen, ohooo, das tut es wirklich! Hat’s dir heute gefallen ihm Safeco? Als ich dich beinahe gevögelt hätte, hm? Gott, dieser herrli­che, junge Arsch! Auch wenn er mittlerweile etwas fetter ist. Merkwürdig, ich verstehe nicht, warum du es so eilig hattest! Du warst echt schnell wieder fort! Hattest mich wohl in schlechter Erinne­rung,was? Es beleidigt mich ja beinahe! Aber du warst schon damals so frigide, als ich dich hatte!

Pascal brachte nicht einmal mehr ein entsetztes Pfeifen durch die breiten Lippen.

Nun ja“, fuhr das Gesicht grinsend fort, während ihm die eigene, breiige Gehirnmasse in den Mund lief. „Das, was du danach mit mir getan hast, fand ich weniger nett. Wer verpfeift schon sei­nen Liebhaber? Aber andererseits kann ich auch sagen, dass mir noch keine Droge und kein Scotch das Bewusstsein so… getrübt hat, wie ein paar Rasierklingen und ein warmes Bad! Vielen Dank auch, Passy-Oh!

Pascals Gesicht wurde zu einer Tragödienmaske der Todesangst. Er spürte den eigenen, heißen Urin seine Beine herunterlaufen.

Die Fratze blickte ihn fast mitleidig an. „Ich bitte dich, Pascal, du bist ein erwachsener Mann ge­worden. Hoffentlich beweist du mehr Mumm, wenn du morgen auf James Island bist. Ohooo, glaub mir, das wird wieder wie früher! Scheiße, wie ich mich auf dieses Wochenende freue! Ich werde Dinge tun, ohooo, jaaa, ich werde Dinge

Lass meinen Jungen in Ruhe, bitte tu ihm nichts“, wisperte Pascal erstickt, während ihm die Trä­nen der Verzweiflung über die fetten Wangen liefen.

Das Antlitz lachte noch einmal hell auf und dann verzerrte sich das Bild. Innerhalb einer halben Se­kunde liefen wieder die abendlichen Nachrichten mit der Nervensäge von einem Moderator na­mens Henry Layden. Pascal schlug mit solch brachialer Gewalt auf die Fernbedienung ein, dass sie in tausend Teile zerbrach. Der Bildschirm flackerte zwar kurz auf, doch der Fernseher schaltete nicht ab. Spitze Splitter drangen in seine Finger ein und so hinterließ Pascal einen blutigen Hand­abdruck auf dem Sofa, als er aufsprang und nach oben rannte, um sich wie ein kleiner Junge an die Seite seiner Frau zu drücken. Selbst in dem Wissen, dass auch sie im Grunde seine Familie und besonders ihn selbst nicht vor diesem Wesen und seinen Dingen schützen konnte, hegte er doch einen winzigen, wilden Funken Hoffnung: Was auch immer geschah, er durfte seinen Sohn morgen auf keinen Fall auf James Island fahren lassen! Sie würden einfach hier bleiben, in Seattle. Er würde es schon wieder gut machen. Sie würden zusammen auf Nassau fliegen, wo er in drei Monaten einen Geschäftstermin hatte. Er würde ihn einfach vom Unterricht freistellen lassen und sie würden drei wunderschöne Monate am Strand verbringen. Doch sofort, nachdem diese Notlö­sung der Verzweiflung entwachsen war, verwarf er sie wieder. Was, wenn es sie selbst dort auf­spüren konnte? Das Ding war kein Mensch. Er war etwas Anderes. Etwas Diabolisches. Oder zu­mindest damit im Bunde.

Mühsam und roboterartig stieg er die Stiege hinauf zum Schlafzimmer. Er hörte Henry Laydens fröhlich-nervige Stimme aus dem Wohnzimmer dröhnen, dass es bis zum Obergeschoss hinauf­hallte.

Liebes Volk der Vereinigten Staaten von Amerika, ich hoffe, Sie erleben heute abend noch jede Menge Spaß und würdige Feiern anlässlich des 236. Jahrestages unserer Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft. Wäre es nicht dazu gekommen, würde es heute in den Staaten wohl nur lau­warmes Bier und Fritten in Essig geben! Bah! Nun haben wir Burger und Coke, mit denen wir uns unseren Herzinfarkt stilvoller anfressen können! Spaß beiseite: Im ganzen Land finden heute Ge­denkfeiern und Parties statt, auf die Sie nicht verzichten sollten. Verpassen Sie nicht die große Pa­rade vor dem Washington Monument mit dem anschließenden Brillantfeuerwerk, live übertragen nur auf CNN! Leben Sie Amerika! LIEBEN SIE AMERIKA! Und erleben Sie morgen, gewisserma­ßen als Höhepunkt der Festivitäten zum 4. Juli…“ nun änderte sich die Stimme. Pascal erstarrte. Sie hörte sich an wie die jenes alten Mannes, als sie hüstelnd und schwer atmend fortsetzte, was sie begonnen hatte, „…den Tod von KINDERFICKER PASCAL CORN! Ohooo, das wird ein Ver­gnügen, meine Lieben!“

Pascal quiekte wie ein Schwein und rannte ins Schlafzimmer. Er warf die Türe mit einem Schlag hinter sich ins Schloss. Die Angst zerfraß seine Gedanken, erfüllte ihn in ganzer Fülle. Alles, was ihm an Emotionen geblieben war, zog sich zu einem einzigen, brüllenden Punkt der Panik zusam­men, der aus ihm ausbrechen wollte. Er konnte kaum atmen, weil ihm ein Kloß im Hals saß, der ihm alle Luft nahm. Wie schon zuvor im Safeco floss ihm der Schweiß herunter und er riss sich das Hemd vom Leib, dass die Knöpfe nur so durch den Raum flogen.

Helen war bereits aufgewacht, als ihr Mann die Türe zugeknallt hatte. Kerzengerade saß sie nun in den Kissen und blickte ihn mit vor Aufregung geweiteten Augen an.

Was ist denn eigentlich in dich gefahren?“, verlangte sie zu wissen. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

Sag das nicht zu laut“, flüsterte Pascal atemlos.

WAS IST NUR LOS MIT DIR?“, schrie sie und atmete heftig. Ihre Brüste hoben und senkten sich schnell.

Ich kann morgen nicht auf James Island fahren“, wisperte ihr Gatte.

Helen blickte ihm geradewegs in die Augen. „Du kannst… wie bitte? Warum denn nicht?“

Ich… ich…“ Pascal suchte nach passenden Worten und fand sie nicht. „Mir… ist… nicht besonders gut. Ich glaube ich werde morgen krank sein. Siehst du? Ich habe… Schweißausbrüche…“

Red’ keinen Quatsch, Pascal Corn!“, knurrte Helen und ihre Augen wurden zu Schlitzen. „Ein Ka­ter gilt nicht als Krankheit! Du wirst Marc mit morgen auf diese Insel fahren und du wirst ihn beglei­ten und deiner immerhin freiwillig gewählten Aufgabe als Betreuer gerecht werden! Hast du mich verstanden?“

Pascal zitterte am ganzen Leib. „Ich… ich kann nicht. Ich werde mir etwas anderes für ihn einfallen lassen. Wie wäre es mit einem Ausflug nach… nach Disneyworld oder ich nehme ihn mit auf Nassau…“

Seine Frau blickte ihn gefährlich an. „Du wirst mir jetzt ganz genau zuhören, Pascal. Du wirst dich morgen in dein gottverdammtes Cabrio setzen und Marc wird seine Campingausrüst…“

Pasadena!“, probierte es ihr Mann erneut. „Oder L.A. Das… das wird er doch… doch sicher mö­gen. Es wird ihm gefallen, Helen!“

Sie grinste böse. „Du wirst mit ihm auf die verdammte Insel fahren und ihr werdet sehr viel Spaß miteinander haben, ist das klar?“

Yellowstone! Niagara Falls?“, wagte Pascal einen letzten, hoffnungsschwangeren Versuch.

Doch Helen blieb unbarmherzig. „James Island, mein Gutester!“

NEIN!“, brüllte Pascal und stürmte aus dem Raum. Er hinterließ seine völlig perplexe Ehefrau in ihrem Schlafzimmer.

Mach doch was du willst!“, keifte sie ihm nach. „Du bist ein Arschloch, hat dir das schon einmal je­mand gesagt? Was bedeuten dir schon Versprechen? Du kümmerst dich doch nur noch um deine Partei und deine Scheißfreunde! Wann hast du mir und Marc das letzte Mal gesagt, wie sehr du uns liebst? Du liebst nur dich selbst! So sieht es aus! Selbst sein Baseballspiel hast du verpasst, weil du vermutlich wieder irgendeine ach so wichtige Besprechung hattest! WEIßT DU WAS? ICH WERDE MIT IHM MORGEN AUF DIESE INSEL FAHREN! WOLLEN WIR DOCH MAL SEHEN, WIE SICH DEINE SPONTANE GEGENENTSCHEIDUNG AUF DIE NÄCHSTEN WAHLUMFRA­GEN NIEDERSCHLÄGT, BLÖDARSCH!“

Die letzten Worte hatte sie geschrien.

Fröstelnd stand Pascal im Flur. Helen hatte aufgehört, herumzuplärren und er spürte, wie das schlechte Gewissen seine Eingeweide zu einem unangenehm drückenden Etwas zusammen­presste. Er drehte sich zur Badezimmertür. Sie stand offen und dahinter herrschte Finsternis. Pas­cal fühlte sich sofort wieder an das Safeco Field erinnert und schloss die Lider. Daraufhin erwachte das geistige Auge und er sah sich…

…wieder im Summer Sky Youngster’s Camp. Er war wieder ein zwölfjähriger Junge und würde Daniel MacArthur in exakt fünf Jahren töten. Er war mit vielen anderen Kindern hierhergefahren und hatte sich schon seit Monaten auf dieses Camp gefreut. Heuer war er das erste Mal dabei. Sie würden einen Geisterpfad haben… jaaa, Geister… und er würde jede Menge Rugby und Cricket spielen. Er würde zwei Wochen seiner Sommerferien im Summer Sky verbringen, weg von seiner doofen Schwester und seinen spießigen, hart arbeitenden Eltern. Sie würden Wanderungen unter­nehmen und ins Landesinnere fahren, zum Colliford Lake… wie er sich auf diesen See freute…

Gut gelaunt schlenderte er auf das Betreuerzelt zu, in dem Anthony Quinn, der freundliche, vierundfünfzigjährige Erzieher, residierte. Er war bereits seit wenigstens zwanzig Jahren dabei und genoss bei den Jugendlichen und deren Eltern großes Ansehen. Und das brauchte niemanden zu wundern. Er war trotz einiger Fältchen junggeblieben und zeigte ehrliches Interesse an seinen Schützlingen. In sämtlichen Ballsportarten machte er den meisten Jungs in Pascals Alter so eini­ges vor und er hatte immer die lustigsten Ideen, wie man gemeinsam seine Betreuerkollegen so richtig ärgern konnte. Pascals ältester Freund hatte ihm einmal erzählt, dass sie vor zwei Jahren mehrere tote Ratten in den Eintopf der Betreuer geworfen hatten, weil Anthony sie dazu angestif­tet- und dann auch noch für sie gebürgt hatte.

Auch mit der Nachtruhe hielt Anthony es nicht so genau, wie es seine Kollegen gern hätten. Oft genug saßen er und ein paar älter Teenager noch bis in die frühen Morgenstunden am Lagerfeuer, erzählten sich irgendwelche schmutzigen Witze und hielten durch exzessives Lachen das ganze Lager wach.

Pascal freute sich schon darauf, den berühmt- berüchtigten Anthony kennenzulernen und öffnete den Eingang des Betreuerzelts.

Ein älterer Mann saß ihm mit dem Rücken zugewandt auf einem Stuhl. Der Oberkörper war unbe­kleidet und er nestelte an irgendetwas herum. Vor sich war eine Art Koffer, den er aufgeschlagen hatte. Als sich Pascal räusperte, schrak er auf und schlug mit einer Hand energisch den Koffer zu.

Junge, du musst dich schon bemerkbar machen, wenn du hier reinkommst. Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt!“, meinte er und schnaufte laut hörbar auf.

Pascal wich erschrocken zurück. „Tut mir leid, Sir. Sind Sie Anthony? Der Betreuer, meine ich?“

Der Mann drehte sich nicht um. „Warte einen Augenblick, Junge.“

Er verschloss den Koffer und stellte ihn neben sich auf den Boden. Dabei fiel, ohne dass er etwas bemerkte, ein kleines Foto heraus. Pascal sah es auch nur im Augenwinkel und konnte somit nicht feststellen, was genau sich darauf befand.

Der Mann drehte sich um und blickte ihm ins Gesicht. „Freut mich, deine Bekanntschaft zu ma­chen. Du warst noch nicht besonders oft in einem Feriencamp, oder?“

Pascal nickte und lächelte höflich. „Das ist mein erstes Mal.“

In Anthonys Augen brach ein eigenartiges Funkeln aus, das den Jungen aus irgendeinem Grund beunruhigte. „Das kenne ich. Irgendwann hat jeder sein erstes Mal, nicht wahr? Wie heißt du, Klei­ner?“

Pascal stellte sich namentlich vor…

und riss schweißgebadet die Augen auf. Hatte er dies alles wirklich erlebt oder spielte ihm sein Unterbewusstsein nun schon im Wachen Streiche? Wieder fror es ihn und er überlegte sich, wo er wohl heute nacht schlafen würde. Wenn er ins eheliche Bett zu kriechen versuchte, würde er ver­mutlich noch nicht einmal über die Türschwelle treten können, ohne von fliegenden Schuhen ge­troffen zu werden. Das Wohnzimmer fiel wegen des unheimlichen Fernsehprogramms aus dem Rahmen. Ebenso schwierig würde es sein, Marc zu erklären, warum er in seinem Bett schlief, wenn dieser um elf nach Hause kam. So blieb also nur das Gästezimmer übrig. Er seufzte auf. Lei­se, um Helen nicht noch mehr zu provozieren, schlich er auf Zehenspitzen die Steintreppe zum 2. Stock hinauf. Die erste Türe rechts war sein Ziel. Als er sie aufstieß, knarrte sie leise, als seien ihre Scharniere schon länger nicht mehr geölt worden.

Er schaltete das Licht an und fand zu seiner großen Erleichterung alles in dem Zimmer so vor, wie er es in Erinnerung hatte. Kein im Bett liegender Daniel MacArthur mit geplatztem Kopf und fie­sem Lächeln auf den Lippen. Keine Geister. Keine mysteriösen Lichterscheinungen in den Nischen außer jenen, die der Schein der kleinen Deckenlampe an die Wände warf. Dennoch brauchte es eine ganze Weile, bis sich Pascal in der Lage sah, die angehaltene Luft mit einem leisen Pfeifen auszustoßen. Zitternd zog er sich aus und legte seine Kleidung auf dem neben dem Bett stehen­den Stuhl ab. Seufzend und dennoch ein wenig erleichtert streckte er sich nun auf der Matratze aus, zog die Decke über den Kopf und schloss abermals die Augen…

nur um sich kurze Zeit später auf dem Rücksitz des Busses zu finden, der sie zum Colliford Lake bringen wird. Seine Mutter, obschon eher bescheiden bemittelt, hat ihn eigens mit neuen Ba­desachen ausgestattet. Pascal hat in diesem Lager schnell Freunde gefunden. Mit zweien von die­sen hat er sich gestern vor dem Lagergottesdienst gedrückt und keiner hatte etwas gemerkt! Sie waren einfach im Wald spazierengegangen und irgendwann zum Abendessen wieder aufgetaucht.

Nun blickt er aus dem Fenster und sieht die grünen Flecken des Waldes an ihm vorbeiziehen. Die Kornfelder sind in sonniges Gold getaucht und am Himmel sieht er so manchen Mäusebussard seine Kreise ziehen. Verhalten kann er die leise, wummernde Musik aus den Walkmans der ande­ren Jungen und Mädchen wahrnehmen.

Dann bemerkt er, dass Anthony in seiner unmittelbaren Nähe sitzt. Dieser dreht sich nach ihm um und wieder kann der Junge ein seltsames Leuchten in seinen Augen sehen, welches sie starr und trüb wirken lässt. Pascal blickt zurück und ihm ist, als blicke er in tiefe Brunnen, in denen neben der Erfahrung des Alters auch etwas Anderes, für ihn selbst nicht Greifbares, zu lesen ist. Wilde Gier. Es handelt sich um ein tiefes Verlangen nach jener sexuellen Abart, vor der allenthalben, ins­besondere im Kontext zu männlichen Erziehern, gewarnt wird. Doch Pascal ist noch nie in eine solche Situation geraten und so schöpft er keinerlei Argwohn. Er lächelt höflich, teißt sich irgend­wann von Anthonys durchdringendem Blick los und schaut wieder aus dem Fenster. Die Sonne heizt den Bus auf und verstärkt so den aufdringlichen Geruch von alten Sitzbezügen, Mottenku­geln sowie einer Mischung aus präpubertärem Schweiß und verschütteten Orangensaft. Doch all das macht ihm nichts aus. Dies ist sein Geruch. Und es ist mehr als ein Duft. Dies ist der Stoff, aus dem der Sommer gemacht ist!

Irgendwann kommt Peter Cunningham, ein schwarzhaariger, dürrer Bursche vorbei. Die beiden Jungen kennen sich seit dem Kindergarten. Auch Peter ist mit einem Schicksal geschlagen, wenn­gleich es nicht ganz so tragische Auswirkungen hat wie Pascals chronische Armut. Er stottert. Und er redet sehr viel. Dem Junge fällt auf, dass der Platz neben Pascal noch frei ist und bittet ihn, platznehmen zu dürfen.

Pascal nickt.

Hast du dein Schlauchboot dabei?“, will Pascal wissen.

S…s…sicher“, antwortet sein Sitznachbar. „G…g…g…glaubst du v…v…vielleicht, ich la…la…lasse es zu Ha…ha…hause, wenn ich an einen See f…f…fahre? Wann ka…ka…kaufst du dir a…a…a…ei­nes?“

Pascal ärgert sich. Er hasst nichts mehr, als wenn man auf seiner Armut herumhackt.

D…d…dein G…g…gesicht und m…mein A…a…arsch, Junge“, äfft ihn Pascal mit unterdrückter Wut nach.

Peter lacht wiehernd und schlägt sich auf die Oberschenkel. Pascal fällt in dieses Lachen ein und kann seinem Freund nicht mehr böse sein.

Schließlich vertiefen sie sich in jene Gesprächsthemen, für die sich diejenigen interessieren, die sich auf der Schwelle zum Erwachsenenleben befinden. Dies sind die Themen, die den Sommer ausmachen. Es geht um Currywurst. Um die erschreckende Erkenntnis, dass die Mädchen in letz­ter Zeit nicht mehr ganz so doof sind als noch vor zwei Jahren. Um das erste, zarte Prickeln im Bauch, wenn man einem bestimmten von ihnen begegnete. Es geht um die Ergebnisse des letzten Cricketturniers gegen die Elvis Presley Middle School. Es gibt soviel zu besprechen, zu lachen und zu erzählen. Und, bei Gott, dieser Sommer ist noch endlos lang.

Für Pascal allerdings (doch davon hat er noch keine Ahnung) endet er, genauso wie seine trotz al­ler widrigen Umstände einigermaßen unbeschwerte Kindheit, in zwei Tagen.

Während die beiden Jungen lachen und schäkern, entgeht ihnen völlig, wie Anthony sie mit seinen seltsam glasigen Augen betrachtet und heftig zu schwitzen beginnt…

Etwa eine Stunde später erreicht der Bus den See. Die pralle Mittagssonne scheint auf die ganze Gegend und lässt sie so paradiesisch erscheinen, wie sie nur Jugendlichen vorkommen kann, die sich auf die beste Zeit im regengebeutelten Vereinigten Königreich freuen. Der Colliford Lake wiegt vor ihren Augen in sanften Wellen wie mit flüssigem Gold vermengt. Glänzende Ähren stehen in breiten Feldern rings um das Gewässer. So gleicht es einer Oase inmitten einer ländlichen Einöde.

Der Bus hält mitten auf einem kleinen, eigens ausgewiesen Parkplatz. Nicht auf einem langweili­gen Asphaltplatz, sondern inmitten der Wiese, was die ungewohnt fröhliche Einstellung auf einen grandiosen Badetag bei allen Beteiligten fördert.

Pascal und sein Freund steigen mit glänzenden Augen aus und Peter macht sich sofort daran, sein Schlauchboot aus dem Kofferraum zu holen.

Nicht einmal eine Viertelstunde später sind sie bereits auf dem See, weitab von den anderen und strecken sich auf der breiten Liegefläche des Bootes aus.

Pascal blickt in den Himmel und ihm ist, als umgäbe ihn ein Frieden, dem er nicht entfliehen woll­te. Als träume er einen Traum unendlicher Schönheit. Vom Ufer her tönen sanft und dennoch durchdringend die Schreie der Haubentaucher und Flugenten an sein Ohr. Sie kommen dem Jun­gen vor wie eine Art musikalische Untermalung seines in diesem Moment empfundenen, unbe­schreiblichen Freiheitsgefühls.

Ihre Gespräche sind verstummt und sie geben sich beide der friedvollen Empfindung hin, die ihren kindlichen Geist erfüllt.

Anthony steht auf der Pier, von der das kleine Boot losgefahren war und kann die Augen nicht von ihnen lösen.

Ein seltsames Gefühl, beobachtet zu werden, reißt Pascal aus seinen Gedanken. Er richtet sich in Sitzposition auf und blinzelt mit zusammengekniffenen Augen um sich. Er sieht Anthony am Ufer stehen und zu ihnen herüberblicken. Dann schüttelt er gähnend den Kopf und lässt seinen Blick auf das gegenüberliegende Ufer schweifen. Dort sieht er jemand anderen stehen…

Der Junge mag vielleicht etwas über 16 Jahre alt sein. Er passt auch nicht so recht in das idylli­sche Bild. Er trägt einen langen, schwarzen Mantel. Er betritt den See und watet auf das Schlauchboot zu. Seine Haut wirkt merkwürdig blass. Ihn seinen Augen liegt ein unendlich tiefer Schmerz. Als er etwa zwanzig Meter vor den Jungen hüfthoch und mit schwimmenden Mantelsäu­men im Wasser steht, blickt er Pascal direkt in die Augen. Ein lautes Aufplatschen lässt erkennen, dass Peter das Boot verlassen hat.

Du hast Dinge zu tun“, flüstert der ältere Junge im schwarzen Mantel und tritt noch näher an das schwankende Boot heran. „Denn der Geister-Mann hat Dinge mit dir getan.“ Pascal erschauert, er­kennt ihn…

und begriff, dass er geträumt hatte. Er riss die Augen auf und fand sich nun wieder im Gäste­zimmer seines Hauses in Seattle. Was war geschehen? Dieser Traum war eine Erinnerung gewe­sen, dass wusste er. Doch was hatte Daniel MacArthur darin verloren? Was hatte Daniel MacAr­thur im Stadion verloren? Und wer war der Geister-Mann? Pascals Augen waren wieder weit auf­gerissen und das Entsetzen lähmte ihn, versetzte ihn praktisch in eine Paralyse, in der man sich für gewöhnlich befand, wenn man einen Wachtraum im Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen erlebte.

Dieses zweite Einschlafen gestaltete sich als wesentlich weniger angenehm als das erste. Pascal war es, als würde sein Geist in tiefe, dunkle Sphären gezogen und so glitt er wieder ab in eine dunkle, unterbewusste Welt, in der ihm Dinge widerfahren würden.

Frierend, zitternd und bis auf seine Badeshorts unbekleidet findet sich Pascal im Bus wieder. An­thony sitzt ihm gegenüber. Blickt ihn mit glasigen Augen an. Atmet. Schwitzt.

Nun wird die Umgebung um den Jungen herum dunkel und löst sich in grauen Nebelschlieren auf. Jetzt steht er inmitten unsicher lachender Jungen im Wald, welcher das Summer Sky Youngster’s Camp umgiebt. Allerorten brennen Fackeln am Wegrand. Der Geisterpfad hat begonnen und sie stehen nun zusammen am Anfang des Weges, den die Betreuer für sie erfunden und ausge­schmückt haben. Pascal, nun wieder voll in seiner Eigenschaft als Zwölfjähriger versunken und sich nicht der Tatsache bewusst, nur eine Erinnerung eines vor Angst zitternden Mannes zu sein, freut sich bereits auf dieses Abenteuer.

Sofort blickt er sich nach seinem Freund um und findet ihn nicht. Offensichtlich ist er schon längst unterwegs, um diese langweilige Kindergartenscheiße, wie er es unlängst charmant bezeichnet hat, schnellstmöglich hinter sich zu bringen.

Pascal blickt auf den von Fackeln gesäumten Weg, der tief in die Wälder hineinführt. Ein leises Grauen umfasst sein Herz wie ein unangenehm kühler Griff, der langsam, aber sicher immer kälter wurde. Kalter Schweiß rinnt seine Stirn herab aufgrund der Panik, die sich nun schleichend und langsam seiner bemächtigt. Energisch schüttelt er den Kopf. Hier gibt es nichts, was ihm etwas antun könnte, nicht wahr? Das hier ist nichts weiter als eine doofe Tradition, die man wenigstens einmal durchmachen muss.

Na komm schon, Pascal! Du bist doch sonst kein derartiges Weichei!“, schreit ihm einer der Grö­ßeren zu.

Sollen wir dir einen Schnuller besorgen?“, ein anderer. „Deine Mum ist wohl schon zu arm, um dir einen zu kaufen, Lollipop-Baby!“

Halt’s Maul!“, brüllt Pascal zurück und setzt einen Fuß vor den anderen, um seinen Weg anzutre­ten.

Uääähhh, uääähhh!“, plärrt ihm ein weiterer Junge hinterher.

Mit gesenktem Kopf und trotzigem Blick stapft der blondgelockte Junge weiter, während die Fa­ckeln links und rechts von ihm den Waldpfad in heimeliges Licht tauchen. Er lauscht den noch im­mer von hämischen Spottrufen übertönten Geräuschen im Dickicht. Ein Specht klopft im Stakkato auf einen Baumstamm ein, in der Hoffnung, in der Dunkelheit das ein oder andere Würmchen hin­ter der Rinde zu erhaschen. Der Himmel über den Bäumen ist klar bis auf ein paar wenige Wol­kenfetzen, die von einem sanften Sommerlüftchen vorangetrieben werden. Mit einem Mal ist dem Jungen etwas wohler als zuvor. Es kommt ihm bald so vor, als ginge er spazieren und die Schreckgespenster, die von den älteren Jugendlichen und deren Betreuer dargestellt würden, er­scheinen ihm nunmehr wie angenehmer Zeitvertreib.

Nachdem er etwa 600 Meter weit gegangen ist, hört er einen Schrei über sich, der ihn bis ins Mark erschüttert. Im selben Moment fällt ein Körper an einem Seil vor ihm herab. Unwillkürlich keucht er auf. Der Leib schaukelt hin und her, während „Eingeweide“ in Form weichgekochter Spaghetti mit Tomatensoße aus seinem Bauch baumeln.

Pascal lacht erleichtert auf und ist sich sicher, dass das noch ziemlich spaßig werden könnte, egal was man ihm Interessantes vom Geisterpfad erzählt hat. Nun ziemlich gut gelaunt eilt er weiter.

Im weiteren Verlauf des Weges erlebt der Junge immer mehr lustige und gruselige Umsetzungen der fantasievollsten Szenen. Einer der Betreuer lässt sich von seiner Kollegin scheinbar das Bein abhacken und führt einen grotesken Hüpftanz auf.

Wandelnde Leichen, Köpfe und Gliedmaßen unter den Armen tragend, torkeln trunken zwischen den Baumstämmen hin und her und versuchen den lachenden Jungen mit ungelenken Bewegun­gen zu fangen.

Ein buckliger Freak macht sich mit sichtbarem Appetit über einen Korb voller Knollenblätterpilze her, um sich im Anschluss daran würgend und schreiend am Boden zu winden.

Während all dieser witzigen Einlagen fällt Pascal nicht auf, wie ein schattenhafter Mann hinter ihm herschreitet, stets weit genug entfernt, um nicht bemerkt zu werden aber nah genug, um den Jun­gen nicht aus den Augen zu verlieren.

Nachdem ein Zombie mit erschreckend lebensechter Schminke im Gesicht aus dem Gebüsch ge­sprungen ist, um Pascal einen letzten Schreck einzujagen, endet der Pfad. Die Strecke mit den Fackeln ist nun vollständig dunkel und nur das Licht der Sterne beleuchtet den weiteren Weg.

Pascal runzelte die Stirn und wendet sich um. Hinter ihm steht das Spalier von Lichtern, doch scheint ihm überraschenderweise niemand von den anderen gefolgt zu sein. Er war doch nicht der Letzte gewesen, der den Pfad betreten hatte, oder?

Er kommt nicht mehr dazu, diesen Gedanken noch weiter zu verfolgen, denn unversehens legt ihm jemand von hinten die Hand auf die Schulter. Pascal fährt herum und blickt Anthony ins Ge­sicht.

Hallo, Pascal“, sagt er atemlos.

Der Junge grinst. „Schlechter Effekt, muss ich sagen. Wenig erschreckend. Und nicht sehr unter­haltsam.“

Anthony blickt ihn ernst und mit seltsam leuchtenden Augen an. „Das kommt ganz darauf an, für wen, mein Junge.“

Dann packt er ihn grob am Arm und schüttelt ihn grob.

Pascal schnauft vor Schmerz auf. „Was soll das, Anthony? Du tust mir weh!“

Ich mach’s gleich wieder gut, mein Junge. Ich werde dir was zeigen. Ohooo, wir werden Spaß ha­ben. Ich bin ein ganz besonders fieser Geist, Kleiner! Ich bin ein ganz besonders fieser Geister-Mann!“

Er wirft den sich nun panisch wehrenden Jungen zu Boden und beugt sich über ihn, um ihn mit ei­nem Ruck die Hose herunterzuziehen.

Bitte, Anthony!“, jammert der Junge. „Das will ich nicht!“

Es wird dir Spaß machen, ohooo, das wird es, mein Herzblatt!“

Dann beginnt der Geister-Mann, ihn vom Weg ab ins Dickicht zu ziehen. Er weiß, dass der Junge sich nicht wehren kann und wenn er auch noch so sehr zappelt. Heute würde er Spaß haben. Und vielleicht schenkt er dem armen, kleinen, süßen Würmchen ja sogar das Leben.

Pascal weint und schreit, weint und schreit, weint und ehe sich ihm die Sinne verfinstern, nimmt er silhouettenhaft den Schatten eines Jungen wahr. Dieser bricht mit einem gequälten, hellen Schrei aus dem Busch hervor, hinter welchem der Geister-Mann seinen Spaß mit Pascal haben wird.

Anthony grinst fies und blickt dem davonrennenden Jungen nach.

Du gehörst mir auch bald, mein Jüngelchen, ohooo, du gehörst mir auch bald!“, schreit er ihm be­geistert hinterher und zerrt Pascal hinter das Gestrüpp. Pascal hört und sieht nicht mehr, wie der andere kleine Junge rennt und schreit, rennt und…

schreit. Pascal war nun hellwach und sah wieder die Decke des Gästezimmers über sich. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt und so konnte er die Konturen der Holzbalken nurmehr ver­schwommen wahrnehmen.

Sein gesamtes Denken wurde von Vorwürfen gegenüber sich selbst und entsetzlichen Erkenntnis­sen überrannt. Ihm wurde auf so schmerzhafte Weise bewusst, was er Daniel angetan hatte, oder besser, was Anthony getan hatte, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Er erinnerte sich an den Zu­stand geistiger Umnachtung, den er verspürt hatte, als er den Jungen vor mehr als zwanzig Jahren vergewaltigt und ermordet hatte. Er wusste mit einem Mal, dass nicht er all diese schrecklichen Dinge getan hatte. Er begriff, dass der Geister-Mann nicht nur ihn in seiner Gewalt hatte, sondern auch jene, die Daniel festgehalten hatten, als er die widerliche Schandtat vollzogen hatte. Auch An­thony selbst war sein Leben lang von seiner perversen Begierde besessen gewesen und auch über den Tod hinaus hatte er sie nicht ablegen können. Nun weilte er nicht mehr unter den Leben­den, wenigstens nicht physisch, und Daniel auch nicht. Pascal begriff, dass nur er diese Sache, diese Linie der Vergeltung durchbrechen konnte.

Er wusste, was er für Dinge zu tun hatte.

Doch wusste er nicht, wer der seltsame, schreiende Junge gewesen war.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 8: Anthony Quinn’s Ausweg …

Thomas Buckel

Thomas Buckel

1980 in Augsburg geboren.
Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren.
Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege.
Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg.

Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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