Bathtime Stories (Kapitel 6: Seattle – Ein Baseballspiel)

Intro
Kapitel 1
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Kapitel 3
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Kapitel 5

Kapitel 6: Seattle – Ein Baseballspiel

Mahr zum Buch

Die Größe der Wolkenkratzer der Stadt verlangen uns Ehrfurcht ab. Die gewaltige Skyline zwi­schen dem Lake Washington und dem Puget Sound wirkt wie ein riesiger Garant für wirtschaftli­chen und politischen Erfolg. In fantastischem Tempo rasen wir durch die Vororte. Dort fallen uns die kleinen Grundstücke auf, welche die Vororte Seattles prägen. Wir bewundern die kleinen Gär­ten, Pools und Blumenanlagen. Kinder spielen auf der Straße, fahren mit Inline-Skates, Boards und Fahrrädern. Sie lachen, springen und spielen Räuber und Gendarm. Uns wird warm um’s Herz, als wir die Vorfreude in ihren Gesichtern sehen. Denn heute ist Freitag, der 4. Juli, der Unab­hängigkeitstag. Heute abend werden sie allesamt Hotdogs und Coleslaw essen, Softdrinks trinken und an einer der zahlreichen Festivitäten teilnehmen, die in der ganzen Stadt, ja, im ganzen Land veranstaltet werden.

Eines der kleinen Anwesen interessiert uns besonders. Es ist das der Familie Corn. Alabasterfar­ben getüncht sticht es ein wenig zwischen den anderen heraus. Zwei großzügig verstuckte Säulen begrenzen den blumengesäumten Eingangsbereich. Ein gewaltiger Straßenschlitten parkt vor der Garage. Pascal verlässt gerade mit seinem zwölfjährigen Sohn Marc das Haus. Heute nachmittag hat dieser sein großes Baseballspiel. Auch er grinst bis über beide Ohren und zeigt uns zwei Rei­hen strahlendweißer Zähne, die nur durch eine Lücke unterbrochen werden. Ganz der Vater, den­ken wir sarkastisch und amüsiert zugleich. Sein Trainer hat der Mannschaft versprochen, nach dem Sieg die Nacht von Samstag auf Sonntag in einem kleinen Zeltlager auf James Island zu ver­bringen. Marcs Erzeuger hat sich, als pflichtbewusster Amerikaner, freiwillig als Betreuer gemeldet.

Die Dame des Hauses, Mrs. Helen Corn, ist zu einer Wohltätigkeitsgala geladen worden. Wir wun­dern uns ein wenig, warum man eine solche Aktion, erstens, ausgerechnet am 4. Juli veranstalten muss und, zweitens, warum sie bereits um zwei Uhr nachmittags beginnt. Doch wir verschwenden keine Überlegungen über Sinn oder Unsinn einer solch profanen Angelegenheit und wenden uns interessanteren Dingen zu.

Pascal, der seinem Sohn nun unmittelbar folgt, ist kaum wiederzuerkennen. Sein Gesicht wirkt auf­gequollen und sein Bauch ebenso. Er trägt seinen Geschäftsanzug. Die grauen Nadelstreifen sind allerdings ein mehr als kläglicher Versuch, seine Korpulenz zu kompensieren. Eine Brille mit di­cken Gläsern lassen seine eher kleinen Augen wie die einer Amphibie aussehen. Als wir sein Ant­litz näher betrachten wollen, schrecken wir vor dem Gestank des Whiskeys zurück, der aus jeder einzelnen Pore seiner Haut dringt. Nun wissen wir, dass es ihm schwerfällt, seinen stressigen Job ohne Alkohol zu ertragen. Auch die vor einem Jahr gestellte Diagnose von Diabetes Mellitus Typ II hindert Pascal offensichtlich nicht daran, weiterhin den Freuden des flüssigen Glücks zu frönen. Wir schütteln uns angewidert und fliegen an ihm und seinem Sohn vorbei. Nun befinden wir uns im Flur des Hauses. Wir nehmen die Tür zur Linken und nehmen mit flatternden Flügeln auf der Herd­platte platz. Nun haben wir einen Überblick über die Küche gewonnen. Mercedes Cortoja steht vor dem Mikrowellenherd. Sie ist die Zugehfrau der Corns. Vor zwei Jahren ist sie aus Bolivien in die Staaten immigriert und hat Pascals Stellenangebot angenommen.

Ihre Augen wirken dunkel und ihr rechtes ist von einem dunklen Schatten umgeben, den sie wohl mit einem Sturz begründen würde, wenn man sie darauf anspräche. Mrs Cortoja scheint oft sehr ungeschickt zu sein…

Sie wärmt Popcorn auf. Sie muss sie warmhalten, bis Familie Corn wieder nach Hause kommt. Nebenbei schneidet sie Paprika, um das Abendessen vorzubereiten. Dabei kommt sie mit dem Messer aus und steckt sich, eine leise Verwünschung ausstoßend, den blutenden Zeigefinger in den Mund.

Wir haben genug gesehen und verlassen die Küche, um ins Wohnzimmer zu fliegen. Als erstes sticht uns ein großes Banner ins Auge, das an der rechten Wand wie ein Gobelin herunterhängt. Es handelt sich um die Staatsflagge der Vereinigten Staaten. Mitten auf den Streifen prangt über­trieben groß der blau-weiß-rote Elefant der Republikanischen Partei, deren Ortsgruppenvorsitzen­der Pascal Corn ist.

Zur Linken fällt uns ein kitschiges Bild von Mickey Mouse und Goofy auf, während in einer großen Glasvitrine eine ziemlich marode Keramikfigur eines dümmlich grinsenden Uncle Sam steht. Das Anwesen der Familie Corn deckt mit seiner Inneneinrichtung sämtliche Klischees ab, die einen wahren Amerikaner ausmachen.

Die halbleeren Whiskeyflaschen und die angerissenen Chipspackungen lassen auf den eher unge­sunden Lebensstil der Corns schließen. Der Flachbildfernseher ist stets auf Stand-By geschaltet. Wer hat, der hat.

Wir verlassen das Wohnzimmer durch die Hintertür und finden uns im protzigen Garten wieder. Er wird von einem Pool mit Whirlpoolecke dominiert. Allerorten blühen Rosen, Nelken, Krokusse, Cal­las, Fliederbüsche und Buchsbäume. An einem ausladenden Apfelbaum hängen noch etwas unrei­fe Früchte. Außerdem sehen wir eine Hängematte, auf der wir uns niederlassen, um uns ein wenig von unserer Entdeckungstour zu erholen.

Der Garten ist begrenzt durch hohe Gartenlauben. Efeuranken winden sich an den Gittern entlang. Der Geruch von Barbeque lässt darauf schließen, dass ein Nachbar seinen Grill angeworfen hat. Wir hören das sanfte Brutzeln der Spare-Ribs und uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Der Hunger lässt uns die Müdigkeit vergessen. Wir flattern auf und begeben uns auf die Suche nach der Nahrungsquelle, während sich Pascal und Marc Corn auf den Weg zum Safeco Field machen, wo heute eine große Begegnung stattfinden wird…

Hallo, Seattle! Es ist wieder soweit! Heute, am 4. Juli 2012 feiern wir den alljährlichen Unabhängig­keitstag! Die Außentemperatur beträgt angenehme 82,2 Grad Fahrenheit bei einer Luftfeuchtigkeit von 15 %. Wir erwarten heute strahlenden Sonnenschein, kaltes Bier und heiße Girls! Die Cock­tails stehen bereit.

Gegen 12:00 erwarten wir die Ansprache des Präsidenten.

Pascal schaltete genervt das Radio aus.

Freust du dich schon?“, fragte er seinen Sohn beiläufig und dennoch mit ehrlichem Interesse.

Marcs Augen leuchteten. „Sicher. Heute machen wir sie platt.“

Gegen wen spielt ihr heute?“, fragte Pascal.

Madison Junior High“, antwortete sein Sohn kurz. „Nur unsportliche, fette Idioten. Das wird ein Schlachtfest.“

Fettige Finger tippten nervös auf das Lenkrad, während das Cabrio mit überhöhter Geschwindig­keit über den Asphalt brauste. Pascal war, seit er in die Staaten emigriert und nach Seattle gezo­gen war, bei seinen Nachbarn nicht eben für seine besondere Rücksichtnahme auf andere be­kannt.

Er machte sich noch nicht einmal die Mühe, Kindern auszuweichen, die auf der Straße spielten. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als rechtzeitig zur Seite zu springen. Pascal nahm die Hasstira­den, die ihm seine Nachbarn nun hinterschrien, mit einem selbstgefälligen Lächeln zur Kenntnis.

Sein Sohn zog die Luft mit einem scharfen Zischen ein, als sein Vater mit dem fröhlichen Ausruf Cheeriooooh!! über einen Fußball rollt. Es gibt einen kurzen, heftigen Knall, als sei sein Reifen ge­platzt.

Warum musst du alles kaputtfahren, Daddy?“, fragte Marc und sah ihn etwas vorwurfsvoll mit sei­nen hellblauen Augen an.

Warum müssen die hier Fußball spielen?“, konterte Pascal. „Scheiße, wollen die mich hier verar­schen? Ich dachte, das hier wäre das gottverdammte Amerika! Fußball spielt man da, wo ich her­komme. Du machst es schon richtig, Junior.“

Marc runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

Na, Baseball, Schnellspanner“, sagte Pascal spöttisch. „Ich möchte nicht, dass mein Sohn so ein verweichlichter Tommy-Pisser wird, verstehst du? Du glaubst nicht, in welchem Land ich aufwach­sen musste. Als umtriebiger Versager bin ich großgeworden…“

… und als Held bist du hierher gekommen, ich weiß“, fuhr Marc genervt fort. „Du erzählst das, seit ich mich erinnern kann.“

Man kann soetwas gar nicht oft genug erzählen. Sonst erinnerst du dich vielleicht irgendwann nicht mehr daran, warum es dir heute eigentlich so gut geht“, meinte Pascal und grinste noch brei­ter. Er liebte es, seinen Sohn mit immer derselben Geschichte zu ärgern. Mittlerweile musste er sich allerdings eingestehen, dass er es nur tat, um sich fortlaufend selbst zu profilieren.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreichten sie das gewaltige Safeco Field. Seine Größe forderte selbst dem sehr von sich selbst überzeugten Pascal Respekt ab. Das Stadion fasste gut 45 000 Zuschauer und war, schon von außen betrachtet, ein beeindruckendes Bauwerk. Es glich einem gewaltigen Palast aus Beton und Stahl. Über der gewaltigen Sportanlage spannte sich ein noch viel gewaltigeres, bewegliches Dach.

Pascal stellte den Wagen ab und betrachtete mit unterdrückter Verachtung die Reihen von Eltern, die sich vor dem Eingang drängten. Er wartete, bis Marc seine Ausrüstung aus dem Kofferraum geholt hatte und bald darauf schlenderten sie über den sonnenbeschienenen Parkplatz auf den VIP- Eingang zu. Pascal zog mit schweißnasser Stirn ein Brillenetui aus der Tasche und tauschte seine Nickelbrille gegen eine optische Sonnenbrille aus.

Zwei Männer in Anzügen begrüßten die beiden. Einer der beiden, Mr. Stephen Parkhurst, gab Pas­cal die Hand und fuhr Marc flüchtig durchs Haar.

Einen schönen 4. Juli, Mr. Corn“, sagte er lächelnd und zwinkerte Marc zu. „Mary wird sich um Sie kümmern und dafür sorgen, dass Sie einen guten Logenplatz erhalten. Ich werde den jungen Herrn zu den Umkleideräumen geleiten.“

Pascal zuckte ein wenig zusammen, als er den letzten Satz hörte.

Ich weiß, was du vor 20 Jahren getan hast, glaubte er eine fiese Stimme in seinem Kopf zu hören. Womöglich mache ich dasselbe mit deinem Sohn! Was willst du jetzt dagegen machen, Fettsack?

Er schüttelte energisch den Kopf und kniff die Augen zusammen. Parkhurst sah ihn ein wenig be­sorgt an.

Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Mr. Corn?“

Pascal sah ihm etwa drei Sekunden lang in die Augen, dann stürmte er an den beiden Männern vorbei und stieß dabei beinahe Mary Greyson, die Servicefachkraft, um.

Er würde seine Loge schon allein finden. Schnaufend erklomm er die steilen Stufen, die in die Zu­schauerränge führten.

Endlich hatte er sein Ziel erreicht und blickte nun auf den sauber geschnittenen Rispengras- Ra­sen herab, auf dem sein Sohn heute vor etwa 2000 Zuschauern spielen würde. Er kämpfte sich durch kreuz und quer liegende Beine, um die Logen zu erreichen. Getränke wurden umgestoßen und Popcorn ergoss sich über den Grund, als sich sein dickes Gesäß durch die engen Reihen quälte. Er hörte Eltern fluchen und machte sich dennoch nicht die Mühe, sich bei ihnen zu ent­schuldigen.

Die Loge erwies sich als großzügige Kabine mit gepolsterten, von rotem Samttuch überzogenen Sitzbänken. Ein breites Glasfenster ermöglichte den Zuschauern eine hervorragende Aussicht über das gesamte Spielfeld. Keuchend und mit feuchten Flecken unter den Achseln nahm Pascal platz. Neben ihm saßen John Schwarzfeldt und Patrick „Pazzy“ Benson, zwei seiner Parteifreunde. Sie begrüßten ihn mit einem beiläufigen Kopfnicken. Pascal nickte mit schweißglänzender Halbglatze zurück und erwartete den Start des ersten Innings. Dabei blickte er mit mäßigem Interesse auf die Spielfläche, während die Marching Band der Madison High das Tournier mit der lebhaften Num­mer Onward Redfield Braves einläutete. In langen Reihen marschierten sie auf dem Rasen auf und ab, umgeben von Cheerleaderinnen mit wirbelnden, silbrigen Pompons in den Händen. Nach einigen weiteren Nummern verließen sie das Fair Territory und gaben den Platz für die Spieler frei.

Plötzlich fiel Pascal etwas Merkwürdiges auf. Ein Zuschauer mit schwarzer Lederjacke saß in den Massen unmittelbar unter ihm. Es handelte sich augenscheinlich um einen Jugendlichen. Pascal wusste nicht, warum seine Aufmerksamkeit eben auf diesen Jungen gerichtet war. Er konnte sein Gesicht nicht erkennen. Doch eine rostbraune Spur zog sich von der Schulter quer über die Rück­seite der Jacke. Pascal kniff die Augen zusammen, weil die Sonne ihn blendete. Wer war dieser Kerl? Wusste der etwa nicht, dass es so etwas wie einen Reinigungsservice gab? Allmählich kam ihm der Verdacht, dass es sich nur um einen asozialen Teenager handeln konnte, der seinen päderastrischen Gelüsten frönte und sich das Geld für die Eintrittskarte irgendwo zusammengeschnorrt hatte, nur damit er kleinen Jungen beim Baseballspielen zusehen konnte. Pascal schürzte verächtlich die Lippen.

Als der Zuschauer sich umdrehte, schlug seine Verachtung in blankes Entsetzen um. Es war Da­niel MacArthur.

Ein Projektil hatte die Stirn des Jungen gesprengt. Blut und Hirnmasse sickerten aus dem Loch hervor. Seine Augen wirkten ausdruckslos und dennoch verzogen sich seine Lippen zu einem fie­sen Grinsen, als er Pascal direkt in die Augen schaute. Dieser stieß ein panisches Quieken aus und wollte aufspringen. Doch der Schreck hatte ihn völlig paralysiert. Es war wie in einem Alp­traum, in dem man einem Wesen zu entfliehen versuchte und sich nicht von der Stelle rühren konnte.

Die anderen Zuschauer schienen Daniel gar nicht wahrzunehmen. Sie jubelten auf, als einem der Jungen auf dem Spielfeld ein perfekter Run gelang. Daniel drehte sich langsam wieder um und fiel in den Applaus ein. Zwei große, bleiche Hände mit Schmauchspuren an den Fingern klatschten seltsam abgehakt. Pascal schloss ohnmächtig die Augen. Als er sie angsterfüllt wieder öffnete, war Daniels Platz leer.

Ist alles in Ordnung mit dir, Pascal?“, wollte Pazzy wissen.

Als sein Freund nicht sofort reagierte, fasste er ihn an der Schulter an. Pascal fuhr herum.

Was… was ist los?“, fragte er geistesabwesend.

Ich habe keine Ahnung- du hast vor zwei Sekunden geschrien wie ein Schwein“, meinte Pazzy.

Diese Information jagte Pascal einen weiteren Schauer über den Rücken. Während Daniel dages­essen war, schien keinerlei Zeit vergangen zu sein.

Vermutlich bin ich eingeschlafen und habe irgendetwas… ich weiß es nicht“, murmelte er und stand auf. „Lass mich durch. Ich muss zur Toilette.“

Pazzy schüttelte den Kopf und zog seine ausgestreckten Beine an. Mit blassem Gesicht stolperte Pascal vorbei, verließ die Loge und warf die Türe ungestüm zu.

Abermals kämpfte er sich durch die Reihen der Zuschauer, die sein vorheriges Ungeschick mit bö­sen Blicken quittierten. Seine Augen waren starr nach vorn gerichtet und er nahm seine Umgebung nurmehr schleierhaft war. Die Sonne prallte auf seine Glatze und sein Hemd klebte wie eine schlabbrige, zweite Haut an seinem adipösen Oberkörper.

An der breiten Treppe, die man zum Verlassen des Stadions erklimmen musste, wendete er sich nach links und befand sich nun vor dem Eingang zu den Mannschaftskabinen. Dort befanden sich die Toiletten für die Spieler und deren Angehörige. Energisch schob er die Türe auf und trieb einem der Ersatzspieler den Türknauf ins Kreuz. Dieser schrie empört auf, wagte aber, als er sah, mit wem er es zu tun hatte, keinen Einspruch.

Pascal murmelte ein kurzes „Entschuldigung“ und drängte sich in die dritte der sechzehn Reihen­toiletten.

Die Rückwand des Abteils war mit Fliesen verkleidet, während die Seitenwände aus simplem, weißem Kunststoff bestanden. Pascal überflog flüchtig die darauf mit schwarzem Permanentmar­ker hingeschmierten Sprüche, während er sein Geschäft verrichtete.

Diverse, zotige Angebote mit den dazugehörigen Mobiltelefonnummern gaben sich mit obszönen Diffamierungen von Gastmannschaften und Privatpersonen ein Stelldichein. Die Trennwand zu sei­ner Linken war mit einem etwa vier Zentimeter großen Loch auf Hüfthöhe perforiert. Pascal verzog angewidert das Gesicht. Wenn seine Partei die regierenden Demokraten in Seattle einmal abge­löst hatte, würde sich einiges diesbezüglich ändern. Dergleichen Verschandelungen stellten für ihn ein Zeugnis verwahrloster amerikanischer Kultur dar.

Seine Gedankengänge wurden jäh unterbrochen. Er spürte eine sachte, aber kalte Berührung an seinem Gesäß, begleitet von einem platschenden Geräusch. Erschrocken sprang er auf. Für einen Moment war er wie erstarrt und stierte schockiert die Toilettentür an. Dann drehte er sich langsam um und blickte in die Schüssel.

Die Wasseroberfläche war in Bewegung, als hätte jemand einen Gegenstand hineingeworfen. Pas­cal lauschte. Doch nichts war zu vernehmen. Es war totenstill. Er wandte sich wieder um und öff­nete die Türe.

Vor ihm reihten sich die Waschbecken, etwa ein Dutzend an der Zahl. Er zog sich, sozusagen un­verrichteter Dinge, die Hose hoch und trat aus der Kabine. Er war so durcheinander, dass er ver­gaß, die Türe hinter sich zu schließen. Dies wurde ihm zum Verhängnis.

Während er langsam herausstolperte, nahm er ein kontinuierliches Rieseln und Tropfen von Was­ser wahr. Abermals erstarrte er und ein leises, angsterfülltes Wimmern verließ seine Lippen. Wie ein Roboter drehte er sich um, langsam und mechanisch, mit reiner Panik in seinen Gedanken. Was war nur los? Wurde er verrückt? Diese Überlegungen wurden bald von der erschreckenden Erkenntnis entkräftigt, dass dies alles hier sehr real war. Der Schweiß rann ihm nun in Strömen den Rücken herunter. Doch es war nicht der Schweiß des Sommers und der Hitze. Es waren die Ausdünstungen reiner Angst. Der Anblick der Toilettenschüssel ließ sein Herz aussetzen.

Bleiche, widernatürlich lange Finger mit von Nagelpilz befallenen Nägeln krochen über ihren Rand. Sie tasteten und bewegten sich. Dann kam die ganze Hand herausgeglitten. Sie wirkte knochig und blutleer. Ein weiteres, gewaltiges Platschen erklang und die Schüssel lief über. Sturzbäche von Wasser, vermischt mit einer roten Flüssigkeit, ergossen sich über den gefliesten Boden.

Pascal wich mit einem entsetzlich lauten Schrei zurück, die Augen entsetzt auf das Geschehen ge­richtet. Der Hand folgte nun ein blasser, dünner, langer und tastender Arm. Gleichzeitig war ein langgezogenes menschenähnliches Stöhnen zu hören, welches in monotonem Gelächter verklang.

Ohooo, jetzt werden wir sehen, wer hier wen fickt, Pascaaaal Corrrrrrrn., knurrte eine dunkle Stim­me in Pascals Kopf, die ihm schier den Verstand raubte.

Mit einem weiteren Jammerlaut stürmte er aus dem Toilettentrakt und warf die Türe hinter sich mit einem lauten Knall ins Schloss.

Das Safeco Field war völlig leer. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, musste es etwa sechs Uhr nachmittags sein. Die Zeit, die während seiner ersten Begegnung mit Daniel im Publikum nicht vergangen war, schien nun übermäßig schnell verstrichen zu sein. Wieder wurde ihm schwummrig zumute und der Schreck saß ihm tief in den Knochen.

Er schaute auf das große Spielfeld herab und konnte, von dem Dutzend Rasenmähern abgese­hen, keine Menschenseele mehr auf ihr erblicken. Er hörte ihre Motoren grollen, während die Son­ne mit einer Intensität herabprallte, die ihresgleichen suchte. Seine Lippen waren trocken und auf­gesprungen, als habe er tagelang keinen Tropfen Wasser mehr getrunken.

Mühsam torkelte er aus dem Stadion. Der Hausmeister hatte ihn gerade noch bemerkt und ihm mit einem missbilligenden Blick, doch ohne ein Wort zu sagen, das Eingangstor aufgesperrt.

Auch der gewaltige Parkplatz war nahezu leer. Nur sein eigener Wagen und ein gutes Dutzend an­dere standen noch vereinzelt herum. Vermutlich handelte es sich um die Autos jener, die nach dem Spiel noch ins benachbarte Bowlingcenter oder ins Fastfood- Restaurant gegangen waren. Die Hit­ze flimmerte über dem Asphalt und ließ die Umgebungskonturen unwirklich verschwimmen. Pascal ging mit langsamen, unsicheren Schritten und weichen Knien auf sein Cabrio zu, vor dem sein Sohn mit einer Wasserflasche und ziemlich missmutigem Gesicht wartete.

Wo bist du denn gewesen?“, maulte er. „Ich warte schon seit zwei Stunden und Mum hat schon angerufen. Sie ist schon längst von ihrer Wohltätigkeitsveranstaltung zurück und wartet auf dich. Das Essen muss sie jetzt auch aufwärmen, weil Mercedes schon Feierabend hat!“

Tut mir leid, Marc“, flüsterte Pascal leise und mit abwesendem Blick. „Ich hatte… mir ist was da­zwischen gekommen und ich musste gehen. Na, habt ihr gewonnen?“

Marc nickte langsam. „Ist alles in Ordnung? Du siehst seltsam aus.“

Pascal zwang sich zu einem Lächeln. „Alles in Butter, Filius. Es tut mir wirklich aufrichtig leid, dass ich nicht bis zum Schluss bleiben konnte. Ich mach’s wieder gut, ja?“

Marc streckte ihm auffordernd die Hand hin.

Sein Vater verzog verwundert das Gesicht- und wollte ihm die Hand geben.

Ah-ah“, machte Marc, zog seine Hand schnell zurück und streckte sie gleich darauf ein zweites Mal aus.

Pascal seufzte und zog seine Geldbörse. Dann kramte er ein paar Dollarnoten heraus und drückte sie seinem Sohn in die Finger. „Du weißt schon, wie man es anstellt, nicht wahr? Komm, steig schon ein. Wir fahren nach Hause in die Höhle des Löwen.“

Marc lächelte leicht amüsiert, während er die Geldscheine einsteckte.

Entgegen seiner Gewohnheit, für gewöhnlich nach Hause zu brausen und dabei sämtliche bekann­ten Verkehrsregeln zu brechen, wenn er es eilig hatte, fuhr Pascal heute extrem langsam. Dies fiel auch seinem Sohn auf, der ihn ungläubig ansah.

Leg einen Zahn zu, Dad. Mum ist sowieso schon angefressen genug“, meinte er mahnend.

Pascal nahm Marcs Worte nicht auf. Zu verstört war sein Geist von den verrückten Dingen, die ihm soeben widerfahren waren.

Hast du es etwa eilig?“, fragte er mit leicht bebenden Lippen.

Ich habe einfach nur Hunger“, gab Marc zurück und verschränkte trotzig die Arme. „Ich habe ziemlich lange gespielt im Safeco, auch wenn du nichts davon mitbekommen hast. Wenn man sich viel bewegt, wird man irgendwann hungrig.“

Wer hätte das gedacht?“, flüsterte Pascal und überfuhr eine rote Ampel.

Sofort hörte er eine Polizeisirene hinter sich. Marc atmete scharf die Luft ein.

Was zum Teufel ist los mit dir?“, wollte er wissen, während sein Vater seufzend den Wagen anhielt und der Dinge harrte, die da kommen mochten.

Hör zu, Junge. Ich hatte ein etwas… stressiges Gespräch während deines Spiels“, sagte Pascal sichtlich erschöpft und wahrheitswidrig. „Ich bin etwas müde. Ich glaube nicht, dass ich heute län­ger als bis elf wachbleibe.“

Nachdem Pascal einen nur bedingt erfolgreichen Beschwichtigungsversuch gegenüber dem Offi­cer unternommen hatte (er konnte die Verwarnungsgebühr immerhin auf 35 Dollar senken), senkte sich eine blutrote Abendsonne über Seattle. Die Straßen, auf denen die ersten Betrunkenen torkel­ten und die Stimmung am Überkochen war, wurden in unnatürliches, goldenes Licht getaucht. Als Pascal seinen Blick in der Umgebung herumschweifen ließ, kam ihm alles seltsam traumartig vor. Er schaute Marc an, der sich, vermutlich gelangweilt aufgrund der Fahrweise seines Vaters, we­nigstens schlafend stellte. Eine merkwürdige Ruhe lag auf den Gesichtszügen seines Sohnes, die Pascal eigentlich nicht von ihm gewöhnt war. Marc war ein sehr aufgeweckter Junge. Doch nun er­schien seinem Vater sein Gesicht in der Abenddämmerung wie eine strahlende rötlich-gelbe Mas­ke.

Pascal erschauerte kurz und zwang sich, wieder auf die Straße zu blicken.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 7: Pascals Visionen

Thomas Buckel

Thomas Buckel

1980 in Augsburg geboren.
Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren.
Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege.
Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg.

Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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