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Bathtime Stories (Kapitel 5: Daniel tut Dinge)

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Kapitel 5: Daniel tut Dinge

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Etwa eine halbe Stunde später beugte sich Miriam über Daniels bebenden Körper. Ihr Gesicht war aschfahl vor Entsetzen und sie schlug sich die Hand vor den Mund.

Was ist passiert?“, rief sie aufschluchzend. „Mein Gott, Daniel, was haben die mit dir gemacht?“ Doch mehr als ein ersticktes Wimmern wollte nicht aus Daniels aufeinandergepressten Lippen dringen. Es reichte allerdings völlig aus, um Miriams Frage zu beantworten.

Wer war es?“, wollte sie mit tränenunterlaufenen Augen wissen. Ihr Lidschatten verwandelte sich in groteske, schwarze Tränen, die zu Boden fielen und sich mit den Pfützen auf den Fliesen ver­mischten.

Es war Pascal“, flüsterte Daniel und sah sie mit rotgeweinten Augen an. „Der Geister-Mann hat gesagt, wir sollen sie alle zu ihm schicken. Er freut sich schon auf sie, hat er gesagt.“

Miriam nickte hastig und schniefend. „Dann müssen wir es tun. Komm… komm mit. Gehen wir zur Hütte. Ich habe alles vorbereitet.“

Sie half ihm, sich wieder anzuziehen. Unter Schmerzen schaffte es Daniel, seine Hose wieder an­zuziehen. Immer wieder mussten sie unterbrechen, weil er bisweilen, von Weinkrämpfen geschüt­telt, auf den Fliesen zusammenbrach. Sie hob ihn auf und ließ ihn wieder fallen, weil sie ihn nicht halten konnte. Endlich hatte sich der Junge wieder soweit gefangen, dass er mit Miriam nach drau­ßen stolpern konnte.

Niemand fand sich in greifbarer Nähe, der die beiden bemerkte. So liefen sie Arm in Arm durch den Haupteingang und mitten in den vom Abendrot durchleuchteten Wald hinein. Die Stille, die für ge­wöhnlich, von den üblichen Geräuschen der aufkommenden Nacht geprägt, in diesem Forst herrschte, wurde nun zusätzllich durch das Schluchzen und Schniefen Daniels unterbrochen. Doch Miriam hilet ihn fest in ihren Händen und richtete ihn auf, wenn er strauchelte und zu stürzen droh­te.

Die leise zirpenden Grillen zwischen den Wurzeln der Bäume klangen in Daniels Ohren wie das mystisch anmutende Raunen von…

Geistern. Wir können sie wieder hören. Sie scheinen sich zu freuen. Sie warten auf das Kom­mende. Auf den Moment, in dem Daniel endlich das tut, was ihm ihr Meister zu tun befohlen hat. Er wird Dinge tun. Sie werden manchen ungerecht und krank erscheinen, doch dienen sie der rei­nen Genugtuung für das, was Daniel an diesem Abend angetan wurde. Und sie dienen der Belusti­gung ihres großen Meisters. Er befiehlt die Stimmen und sie dienen ihm gleichermaßen als Konku­binen. Er benutzt die Kräfte der anderen Welt, um jene zu kontrollieren, die sich für seine Kontrolle eignen. Menschen wie Daniel. Und nun zeigt er ihm, was…

… wir zu tun haben“, sagte Miriam. Sie hatten sich etwa eine halbe Stunde durch den Wald ge­kämpft, ehe sie auf die Hütte gestoßen waren, die sie scheinbar schon lange entdeckt hatte, bevor die Jugendfreizeit überhaupt stattfand. Miriam hatte Daniel durch den Eingang der Hütte gedrängt und war ihm schließlich, mit traurig lächelnden Lippen gefolgt.

Der kleine Schuppen schien schon lange verlassen worden zu sein. Sie bestand nur aus einem einzigen Zimmer. Spinnweben umgarnten die Fenster und Türen und es roch nach Moder und Mottenkugeln. Etwas, das früher einmal ein Gewehr gewesen sein musste, hing träge an einem einzelnen Haken an der Wand. Lediglich der Lauf war noch ganz geblieben, während der Holzkol­ben sich langsam in alle Bestandteile aufzulösen schien. Trotz des eben erlittenen Traumas lichte­te sich Daniels nebelhafte Welt ein wenig, als er den traurigen Rest der Schusswaffe sah.

Das sollen wir benutzen?, fragte er sich zweifelnd und blickte seine Freundin an. Sie ließ ihn auf einem Stuhl Platz nehmen. Der Schmerz in seinem Gesäß ließ ein wenig nach, als er sich darauf niederließ.

Sie nickte, als habe sie seine Gedanken lesen können. Bei all den Verrücktheiten, die ihm wider­fahren waren, vom erstmaligen Kontakt mit dem Geister-Mann bis zum jetzigen Zeitpunkt, hätte Daniel auch dies nicht verwundert.

Miriam beugte sich zu ihm herunter und flüsterte leise Worte. Er drehte sich wie im Traum zu ihrem Gesicht und unterbrach sie mit einem sanften Kuss. Daraufhin verschwand ihr Antlitz und sie selbst in der Dunkelheit des Raumes.

Bald darauf nahm Daniel ein Geräusch war, als ziehe jemand eine schwere Tasche über den Grund. Er starrte in die Finsternis. Das Geräusch wurde immer lauter. Endlich löste sich aus dem Schatten die Silhouette Miriams in gebückter Haltung. Sie zerrte tatsächlich eine Tasche über die Holzbretter des Hüttenbodens. Es handelte sich um jene, die sie bereits bei sich getragen hatte, als sie sich das erste Mal begegnet waren. Daniel stand unter Schmerzschauern auf und ging vor der Tasche auf die Knie. Er sah Miriam in die Augen. Sie lächelte traurig und nickte.

Dann öffnete Daniel mit der einen Hand den Reißverschluss und fasste mit der anderen Hand hin­ein. Er spürte kalten Stahl und er erstarrte. Seine Finger nahmen Rohre wahr, die mit Schrauben und Nieten miteinander verbunden waren. Mehrere quaderförmige, Metallstangen rutschten ihm durch die Finger. Seine Hand streifte an kleinen Zylindern, deren eines Ende abgerundet war. Er begriff, was er ertastete und eine Mischung aus Schauer und Erregung überschwemmte seinen Geist…

Langsam bewegte er sich wieder und schenkte Miriam einen ausdruckslosen Blick. Dann stand er auf und hielt eine Pistole in der Hand.

Wo hast du die her?“, hörte er sich fragen.

Mein Dad“, antwortete sie. „Er hat vergessen, seinen Schrank abzuschließen.“

Wird er keinen Ärger bekommen?“, wollte Daniel wissen.

Das Mädchen stieß ein helles Lachen aus. „Darüber habe ich nicht nachgedacht. Ich habe es auf­gegeben, über solche Dinge nachzudenken.“

Daniel schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, so darf es nicht enden.“

Miriam blickte ihn scharf an. „Er hat es befohlen, nicht wahr? Wir werden frei sein, wenn wir es tun, Daniel. Wir werden… wir werden frei…“ Der Rest ihrer Worte ging in einem spontanen, mit hysteri­schen Lachanfällen gemischtem Weinkrampf unter.

Er hat dich gefickt, Daniel. Pascal hat dich gefickt“, schloss sie schließlich leise und schlug die Hände vor die Augen.

Hinter der Stirn des Jungen arbeitete es gewaltig. Er fühlte sich von inneren Krämpfen geschüttelt. Es war, als sträubten sich Wille und Verstand gegen den eigenen Geist. Schon stellte er sich inner­lich darauf ein, dass die Stimmen wieder redeten, angeführt von jenem, der Daniel und offensicht­lich auch Miriam mit seinen Worten marterte.

Doch der Geister-Mann schwieg. Er hatte dem nichts mehr hinzuzufügen.

Unter den aufziehenden Sternen schlichen sich zwei schattenhafte Gestalten durch das Unterholz des Waldes. Miriam, mit leuchtenden Augen, in denen der Wahnsinn immer stärker Einzug hielt und Daniel, der seinen nichtssagenden Blick gesenkt hielt und nicht einmal den klammen Seewind bemerkte, der seine bleiche Haut streifte. Alles war egal. Kein Gedanke huschte mehr durch sei­nen Kopf. Er nahm allerdings auch seine Umgebung nicht mehr wahr. Es schien, als schleiche er sich durch eine verschleierte Parallelwelt. Eine Spur von Unwohlsein schlich sich nach einiger Zeit doch wieder in die seltsame Gleichgültigkeit ein, die er empfand.

Miriam“, flüsterte er und bemühte sich, mit ihr schrittzuhalten. Doch so sehr er sich auch anstreng­te, schien sie immer den gleichen Abstand zu ihm zu halten. Er kam nicht näher an sie heran als etwa acht Schritte.

Miriam“, versuchte er es noch einmal.

Sie drehte sich nicht nach ihm um, sondern fuhr beständig fort, ihm in derselben Diskretion voran­zugehen wie bisher.

Daniels Unbehagen schlug nun langsam in Angst um, weil er merkte, dass er selbst die Kontrolle über seinen Willen zu verlieren schien. Er setzte einen Fuß vor den anderen, wieder und wieder. Die Zweige unter seinen Sohlen knirschten und knackten, während er sie belastete. Verzweifelt blickte er sich um und stellte fest, dass sich der Abendnebel über den Boden gesenkt hatte. Am liebsten wäre er weggelaufen. Die Zweifel in ihm tobten wie wilde Tiere. Nun waren sie wieder da, die Gedanken. Aber sie waren anderer Natur. Sie schrien zwar, jedoch in wahnsinnigen, ineinan­derfallenden Stimmen, die ihn in höchsten Tönen anflehten, nicht zu tun, was der Geister Mann von ihm verlangte. Noch immer schwieg dessen Stimme. Er schien genau zu wissen, dass Daniel parieren würde. Er hatte keinen Grund zur Sorge.

Die Stimmen verfielen in schrille Raserei, während der Schwarzhaarige seinen Weg fortsetzte. Doch sie konnten die unheimliche Macht nicht brechen, die den Jungen im Bann zu halten schie­nen.

Während Daniel gezwungenermaßen hinter Miriam herstapfte, hörte er hinter sich die Kirchenglo­cken von Archer’s Joy läuten.

Das Lager lag in tiefem Schlaf, als die beiden Jugendlichen zurückkehrten. Langsam gingen sie auf die Holzpalisade zu und allmählich fragte sich Daniel, wie lange dieser unheimliche Kontrollzu­stand noch anhielt. Würde er niemals mehr Herr seiner selbst werden? Panik begann in ihm aufzu­steigen, als er diese Mutmaßung verinnerlichte.

Noch einmal versuchte er, auf Miriam zuzugehen… und diesmal gelang es ihm. Immer näher kam er ihr und streckte den Arm nach ihrer Schulter aus. Dann legte er ihr die Hand auf die Schulter. Miriam blieb stehen. Für einige Sekunden wirkte sie wie erstarrt. Dann drehte sie sich um und Da­niel wusste auf einmal, warum der Geister-Mann während all der Zeit, in der er paralysiert war, nicht mit ihm gesprochen hatte. Der Junge blickte ihm nun ins Gesicht.

Miriams Antlitz war verschwunden. Ein anderes schien stattdessen seinen Platz eingenommen zu haben. Tiefe Furchen zogen sich durch mattgraue Haut und umgaben eine ausgetrocknete, zahn­lose Mundhöhle. Ein entsetzlicher Gestank drang aus dem tiefschwarzen Loch, während der Geis­ter-Mann stoßweise und gequält atmete. Es duftete nach süßlicher Verwesung und Fäulnis. Um das missgestaltete Gesicht wanden sich Miriams schwarze Haare, so dass die ganze Gestalt wie eine hässliche Parodie des Mädchens aussah. Nun war Daniel wieder gelähmt.

Der Geister-Mann hob die rechte Hand. Sie glich eigentlich weniger einer Hand, sondern einem unnatürlichen, bleichen Gestrüpp unterschiedlich langer Finger mit langen, gelben Fingernägeln. Er streckte sie aus und streichelte Daniel mit eigenartiger Sanftheit über die Wange.

Er hat dich gefickt, Daniel“, quakte das Wesen. „Du musst jetzt gehen und sie alle töten. Dann ge­hören sie alle mir, ich werde sie ficken und du, ohooo, bist frei. Deal?“

Daniel nickte langsam und sah der Kreatur fest in die gelben Augen.

Und was tun wir, um dafür zu sorgen, dass du mich nie wieder vergisst, Daniel?“, schnurrte der Geister-Mann.

Der Junge zuckte hilflos mit den Schultern.

Die Lippen des Wesens verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. Dann packte er mit wunder­samer Geschwindigkeit Daniels Kopf und presste seine Lippen auf seinen Mund.

Daniel hatte das Gefühl, er küsse einen nassen Hund auf die Schnauze. Ein unglaublich grausa­mer Geschmack lag nun auf seiner Zunge. Es schmeckte so ähnlich wie das Haggis, das seine Tante einmal im Monat auftischte.

Ohooooo…“, schrie das Wesen begeistert. „Du bist ein nettes Feinsliebchen, mein Sohn, nicht wahr?“

Daniel packte die dürren Handgelenke und riss dabei ein paar Hautfetzen von den morschen Kno­chen. Doch das schien dem Geister-Mann nichts auszumachen. Er ließ den Jungen los und drehte sich langsam wieder um. Dann deutete er auf das Betreuerzelt.

Hier fängst du an“, ächzte er. „Dann kannst du dort weiter machen.“

Mit diesen Worten zeigte er mit einem Finger, dessen Haut halb herunterhing, zum Schlafblock der Jungen.

Bevor er mit schlurfenden Schritten auf den Mädchenschlafblock zuging, warf er dem Jungen ein langes Messer zu. Daniel fing es auf.

Mach es leise und unauffällig!“, fauchte das Wesen und verschwand im Schatten des Blockhau­ses.

Zitternd stand Daniel vor dem Betreuerzelt. Es beherbergte nicht nur den Aufenthalts- und Bespre­chungsraum der Betreuer, sondern auch deren Schlafkabinen. Langsam löste er mit einer Hand die Schnüre, mit denen der Eingang verschlossen war. Als er den Kopf in den engen Raum dahin­ter steckte, schlug ihm der Duft von Frauenparfum entgegen. Mike schien also nicht allein zu sein.

Heuchlerischer Moralpisser, dachte Daniel und sah sich ein wenig um. Links und rechts von ihm befanden sich einzeln mit Reißverschlüssen abgeschottete Abteilungen. Er wandte sich erst der rechten zu. Seine Hand glitt an den Schieber und zog ihn nach oben. Mit einem sanften Schnurren öffnete sich das Schlaflager.

Dahinter lag Mike in seinem weißen T-Shirt auf einer Matratze. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Brille abzunehmen. Er hielt die Augen geschlossen und atmete ruhig. Wieder rühr­ten sich Gewissensbisse in Daniel. Der junge Mann war letzendlich sehr freundlich zu ihm gewe­sen. Doch der Junge hatte sich bereits entschieden. Kalter Stahl blitzte in Daniels Hand auf.

Verzeih mir“, flüsterte er und trieb dem Betreuer die Klinge in den Hals.

Mikes Reaktion war heftiger, als Daniel erwartet hatte. Der junge Mann riss die Augen auf und starrte Daniel direkt in die Augen. Blut spritzte fontänenartig aus seinem Hals und rote Bläschen bildeten sich vor seinem Mund. Der Betreuer versuchte, zu schreien, doch nichts als ein gequältes Gurgeln drang aus seiner Kehle. Er sprang auf und Daniel wich zurück.

Die schwarze Kleidung des Jungen war über und über mit Spritzern besprenkelt, als er sich wort­los aus dem Schlafabteil zurückzog, während Mike einen grotesken Todestanz aufführte.

Er drehte sich immer wieder mit tänzelnden Schritten um sich selbst, umgeben von fliegendem Blut. Verzweifelt versuchte er, mit einer Hand die klaffende Wunde abzudrücken.

Daniel betrachtete all das mit fesselndem Blick und seltsamer Faszination. Als Mike nach drei lan­gen Minuten des Todeskampfes endlich zusammenbrach, schloss Daniel leise den Reißverschluss und wandte sich der linken Schlafkammer zu.

Esther zu töten erwies sich hingegen als erstaunlich unspektakulär. Auch sie riss die Augen auf, als die Klinge ihre Halsschlagader durchtrennte. Doch als sie sich aufbäumte, warf sich Daniel auf sie und drückte ihr die Hand auf den Mund.

Ganz ruhig“, flüsterte er. „Gleich ist es vorbei.“

Sie schrie und gurgelte unter ihm und ihre Augäpfel drehten sich wild von links nach rechts. Erst als die Blutlache den gesamten Boden bedeckte, hörte sie auf zu zappeln und ihr Blick erstarb langsam. Tränen und Blut liefen ihr aus den Augenwinkeln.

Shhhhhht…“, machte Daniel. „Ist schon gut.“

Nach einer weiteren Minute lag er auf ihrem toten Körper. Zitternd stand er auf und eilte aus dem Zelt.

Ohooo… das hast du gut gemacht, mein lieber Junge. Braaaver Junge. Schon bald hast du dein Soll erfüllt, du Freude meiner Seele, lachte der Geister-Mann in Daniels Kopf.

Was soll ich jetzt tun?“, fragte Daniel laut und monoton. „Ich habe sie beide getötet.“

Dann erledige jetzt den Rest!, fauchte das Wesen kalt.

Der Junge zog die Pistole und betrachtete sie. Sie lag kalt und steril in seiner Hand. Dennoch machte sie ihn stark. Sie gehörte ihm. Sie gehörte zu ihm. Er befühlte die Unterseite des Griffs, um sicherzugehen, dass sich ein Magazin in ihr befand. Als er die glatte Fläche spürte, atmete er tief durch und ging festen Schrittes auf das Blockhaus zu, in dem die Jungen schliefen. Leise öffnete er die Türe, die mit einem sanften Knarren aufschwang. Er schlüpfte durch den engen Schlitz und schloss kurz die Augen, bevor er hinter sich abschloss.

Der Schein des Lagerfeuers drang sanft schimmernd durch die Spalten zwischen den Holzbret­tern, aus denen die Außenwände des Blockhauses bestanden.

Lächelnd hörte Daniel auf das leise Atmen der Jungen, die in ihren letzten Zügen lagen und es noch nicht einmal wussten. Der Junge richtete den Lauf der Pistole auf den ersten Schlafsack. Dann versank die Welt um ihn herum in brüllendem Lärm und rotem Nebel…

Der Schlafsack, auf den Daniel als erstes geschossen hatte, begann sich sofort zu winden. Sein Inhalt keuchte erstickt auf. Nun passierte alles gleichzeitig. Manche der Jungen sprangen sofort auf, andere keuchten mit einer Mischung aus Schlaftrunkenheit und Panik aus ihren Schlafsäcken. Alle schrien und manche begannen, lautstark zu weinen.

Daniels Arm und seine Hand waren nun zu einer zusammenarbeitenden Einheit geworden. Die Projektile durchdrangen Hälse und Beine, Gesichter zerbarsten.

Manche der Jugendlichen versuchten, sich an der Wand entlangzuschleichen, um hinter Daniel durch den Eingang zu entkommen.

Tu mir nichts!“, wimmerte einer der Jungen, dem Daniel ins Bein geschossen hatte und der es nun, von einer Blutspur gefolgt, hinter sich herzog. „Ich habe dir nie etwas getan!“

Daniel schüttelte perfide lächelnd den Kopf. In den Augen des am Boden kriechenden Jungen keimte wilde Hoffnung auf.

Die Pistole explodierte abermals und vertrieb das Leben aus dem jugendlichen Körper.

Plötzlich dröhnten harte Schläge an die Eingangstür. Die Nachtwachen mussten wohl endlich ge­merkt haben, dass etwas nicht stimmte. Daniel lud seine Waffe nach und gab drei Schüsse auf die Türe ab. Die Kugeln durchschlugen das Holz und beendeten das Klopfen. Dann trat der Junge zu und die Flügel schwangen auf. Hinter ihm stöhnten noch einige Jungen, die das Massaker überlebt hatten. Daniel feuerte noch ein paar Kugeln in den Raum hinter ihm und trat schließlich hinaus. Achtlos stieg er über die Körper der toten Jugendlichen, die versucht hatten, in das Blockhaus zu kommen.

Das ganze Lager glich einem Hexenkessel. Schreiende Jungen und Mädchen rannten panisch durcheinander. Manche von ihnen wurden einfach von den anderen niedergetrampelt. Bänke wur­den niedergestoßen und Campinggeschirr fiel klirrend zu Boden. Das Mädchenblockhaus brannte lichterloh. Es gab, von Daniel selbst abgesehen, nur eine Person, die still mitten in alle dem Trubel stand. Es war Miriam. Zumindest besaß die Kreatur ihr Gesicht. Sie hielt ein großes Gewehr im Anschlag und schoss. Brüllendes Mündungsfeuer durchleuchtete die Nacht in makaber-feierlicher Manier. Miriam lachte schrill und irre und schien mit dem Gewehrlauf eine Art grotesken Tanz auf­zuführen. Kinder und Jugendliche fielen wie achtlos fallengelassene Puppen.

Daniel verschoss noch ein paar Patronen, dann ließ er die Hand sinken und betrachtete grinsend Miriams Werk der Vernichtung.

Mit einem Mal fuhr ein furchtbarer Schmerz durch sein Handgelenk. Es wurde hochgerissen und brach mit einem hässlichen Knacken. Der Junge schrie überrascht auf. Die Waffe flog im hohen Bogen durch die Luft. Das Letzte, was Daniel in diesem Leben sah, war Pascal, der sich vor ihm bückte und die Pistole aufklaubte. Dann legte der blondhaarige Junge an und drückte ab. Die Waf­fe brüllte ein letztes Mal auf.

Daniel verspürte nurmehr einen sanften Schlag an der Stirn sowie an der Schläfe. Dann verengten sich seine Gedanken auf seltsame Art und Weise. Seine Umgebung begann sich in ein Gemisch aus seltsam verzogenen Linien und Schlieren zu verwandeln. Er versuchte, seinen Arm zu heben, doch dieser wollte seinem Willen nicht gehorchen. Stattdessen ruderte er wild durch die Luft, wäh­rend sich seine Finger in alle möglichen Richtungen verbogen.

Bunte Farben tanzten vor seinem rechten Auge. Seine linkes Gesichtsfeld war dunkel geworden. Blut, das er nicht wahr nahm, rann ihm über die Stirn und benetzte seine Lippen. Wasistloswasist­loswasistlos…, dachte er. Dann tauchten Bilder aus seiner Vergangenheit vor seinem inneren Auge auf. Seine Mutter, wie sie ihn traurig anlächelte, sein Onkel Barney, wie er im Garten arbeitete. Kant. Feuerbach. Nietzsche. Theorien. Alles war durcheinander gemischt.

Nach kurzer Zeit bemerkte er, wie seine komplette linke Körperhälfte langsam zu erschlaffen be­gann. Daniel stolperte lallend und sich wild um die eigenen Achse drehend auf das Haupttor des Lagers zu. Irgendwo stand sein Auto, dass wusste er.

Sein Oberkörper wippte unkoordiniert vor und zurück, während er die Palisade hinter sich ließ und richtung Parkplatz wankte. Als er beiläufig feststellte, dass man ihm offensichtlich die Reifen zer­stochen hatte, setzte er vor sich hin plappernd, strauchelnd und halluzinierend seinen Weg durch den Wald zu Fuß fort. Nun war er frei…

INTERMEZZO

Es ist nun über 20 Jahre her, seit ein einziger Tag das kleine Küstenörtchen Archer’s Joy für immer verändert hat. Seit dieser Zeit wurde hier nie wieder ein Jugendcamp organisiert.

Miriam Blackham wurde lebend gefasst und zu einer lebenslangen Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt. Nach zwei Monaten im Frauengefängnis wurde sie in eine Einzelzelle im geschlossenen Trakt des St. Paul Mental Hospital verlegt. Dort verbringt sie nun ihr restliches Leben damit, in einem sparta­nisch eingerichteten Zimmer durch vergitterte Fenster die Wolken und den Mond anzustarren, mit leeren Augen und einem unsicher wirkenden Lächeln auf den Lippen.

Jedesmal, wenn sich der Jahrestag des Amoklaufs wiederholt, gibt es eine kleine, stille Gedenkfei­er am Ort des Geschehens. Doch immer weniger der Überlebenden sowie der Angehörigen der Opfer nehmen daran teil. Zu stark ist der Schmerz in ihnen verwurzelt. Die meisten bleiben daheim oder nutzen die weite Küste Südenglands, um zu vergessen, während sie auf die sich sanft kräu­selnden Wellen starren. Sie lassen den rauhen Seewind über ihr Gesicht streichen, der verzweifelt versucht, die Trauer und die Tränen aus ihren Augen zu blasen.

Manche von ihnen haben das Örtchen ganz verlassen. Sie sind nach London oder Bristol gegan­gen, um dort still und friedlich zu leben und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Andere wiederum, haben England verlassen. Ihnen haben sich auch Barney und Margret MacArthur angeschlossen.

Pascal Corn ist ein Stück weiter gezogen. Er hat diesen Amoklauf beendet und seine Siegesfeier ist über die Maßen groß ausgefallen. Man hat ihn mit Ehrungen überhäuft und er hat das Privileg erhalten, bei der Königin selbst vorsprechen zu dürfen. Geschmückt mit Ehrenkreuzen und zivilen Auszeichnungen jeder erdenklichen Art war er wieder nach Archer’s Joy zurückgekehrt, um es kur­ze Zeit später wieder zu verlassen. Nun führt er ein Leben im Wohlstand in den Staaten. Er hat einen Posten im Vorstand eines Großkonzerns inne und ein Jahresgehalt von 250 000 Dollar auf seinem Bankkonto. Er wird es nie müde, mit seiner Heldentat zu prahlen. Er hat eine wunderschö­ne Frau kennengelernt, die sich zwar zunehmend von ihm distanziert, mit der er jedoch, ungeach­tet dessen, einen gesunden Sohn hat. Und er weiß nicht, dass sich die Vergangenheit rächen kann. Dass er Daniel MacArthur nicht erschießen hätte dürfen. Weil dies nicht Teil des Plans war. Er weiß nicht, dass Daniel MacArthur zurückkehren wird. Und schon gar nichts weiß er vom Geis­ter-Mann.

Wir gehen auf die Reise.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 6: Seattle – Ein Baseballspiel

Thomas Buckel
Über Thomas Buckel (10 Artikel)
1980 in Augsburg geboren. Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren. Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege. Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg. Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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