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Bathtime Stories (Kapitel 4: Dämmerstunde der Tränen)

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Kapitel 4: Dämmerstunde der Tränen

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Daniel wachte auf, als die hellen Sonnenstrahlen durch die Fenster des Blockhauses fielen. Er hat­te fest damit gerechnet, dass Mike ihn eine Sekunde, nachdem ihn Pascal angesprochen hatte, aus dem Schlafsack zerren und seinen Onkel anrufen würde. Nichts dergleichen war passiert. An­scheinend hatte sein Kontrahent dichtgehalten. Nun drängte sich dem Jungen die Frage auf, warum das so war. Er kämpfte sich noch ein wenig abgeschlagen aus dem Schlafsack und streck­te sich.

Die anderen waren scheinbar schon beim Frühstück oder gingen irgendwelchen Sportmöglichkei­ten nach, die in diesem Lager mannigfaltig geboten waren, wenn man dem Werbeflyer Glauben schenken mochte.

Er öffnete die Hüttentüre und sofort schlug ihm die Hitze des Sommertages entgegen. Das Son­nenlicht war gleißend hell und schmerzte ihm in den Augen.

Daniel sah mit der ihm so vertrauten Beiläufigkeit zu, wie die anderen Frisbee warfen oder über ei­nem gespannten Netz Beachvolleyball spielten. Offensichtlich hatte er das Frühstück verpasst. Egal, was machte das schon? Soetwas passierte ihm zuhause laufend.

Dennoch konnte er ein leichtes Knurren seines Magens nicht unterdrücken. Er presste diskret eine Hand auf seine Bauchdecke und konnte seine protestierende Magensäure brodeln spüren.

Als er an den Bänken am Lagerfeuer vorbeigegangen war und das am Vorabend zu Boden gefalle­ne Campinggeschirr hinter sich gelassen hatte, sah er Mike im Betreuerzelt sitzen. Er lächelte dem Jungen freundlich zu und gebot ihm mit einer leichten Handbewegung, zu ihm zu kommen. Daniel verdrehte seufzend die Augen. Er glaubte zu ahnen, wie dieses Gespräch verlaufen würde. Er resignierte und schlurfte auf den Betreuer zu.

Wie geht es dir heute?“, fragte Mike mit ehrlichem Interesse und bedeutete ihm, sich zu setzen.

Eigentlich ganz gut“, antwortete Daniel unsicher und nahm platz.

Der Betreuer schürzte die Lippen. „Hast du etwa nicht schlafen können?“

Daniel schüttelte den Kopf. „Es war zuviel los gestern. Ich habe fast kein Auge zugetan.“

Das kann ich mir vorstellen“, sagte Mike und Daniel erstarrte leicht. Das Brodeln in seinem Magen wich einem unangenehm drückenden Gefühl. Hatte Pascal etwa doch ausgeplaudert?

Ich verstehe, dass du nach dem Stress schlecht schlafen konntest“, meinte der Mann. „Aber heute ist ein neuer Tag, nicht wahr? Wagen wir doch noch einmal einen Neustart. Schade, dass du das Frühstück verschlafen hast. Du hast wirklich was verpasst.“

Ich habe keinen besonderen Hunger morgens“, meinte Daniel und trat von einem Fuß auf den an­deren. Warum war Mike auf einmal so scheißfreundlich zu ihm?

Ich habe gestern noch mit meiner Kollegin gesprochen. Diesen Zwischenfall von gestern bin ich zu vergessen bereit. Aber bitte versuche, dich am Riemen zu reißen, solange du hier bist. Ich möchte gerne, dass dieses Sommerlager eine Erholung für uns alle wird. Können wir uns darauf einigen?“

Daniel nickte langsam. „Ich denke schon.“

Damit du nicht denkst, ich hätte ausschließlich dich im Visier… ich beobachte Pascal in gleichem Maße“, fuhr Mike fort. „Ich sorge einfach dafür, dass ihr euch nicht öfters als nötig über den Weg lauft. Wenn irgendetwas los ist, dann kannst du jederzeit zu mir kommen, in Ordnung?“

Der Junge fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Geht in Ordnung.“

Heute Abend findet ein Fußballturnier statt“, meinte Mike. „Möchtest du mitmachen?“

Daniel lächelte höflich und hob ablehnend die Hand. „Vielleicht ein andermal.“

Der Betreuer nickte verständnisvoll und entließ ihn mit einem freundlichen Handschlag. Im tiefsten Innern war er unendlich froh über die Entscheidung dieses unheimlichen Jungen. Er war sich si­cher, dass ihn sowieso niemand in seiner Mannschaft haben wollte.

Daniel atmete tief durch und verließ mit gelöstem Herzen das Betreuerzelt. Nicht einmal Pascal, der wie immer hämisch grinsend an ihm vorbeiging und ihn anrempelte, konnte seine Laune in die­sem Moment trüben. Er machte nicht einmal einen Hehl daraus, seine frischgebackene Zahnlücke zu zeigen. Daniel vermutete, dass er schon den ganzen Vormittag damit durch das Lager stolziert war, um seinen Freunden diese neuerworbene „Auszeichnung“ zu zeigen. Je länger er diesem blonden Schwachkopf hinterhersah, desto mehr verabscheute er ihn.

Er ließ sich auf einen am Feuer stehenden Liegestuhl sinken und zog sich die Sonnenbrille über die Augen. Er beobachtete die Wolken und mithilfe seiner Fantasie bildeten sich die absonderlichs­ten Formen. Gewaltige Schiffe zogen am Himmel ihre Bahnen durch ein hellblaues Meer. Es ent­standen prächtige Schlösser und Tiere verschiedenster Art. Gesichter von Menschen, die keine Augen hatten. Schneebedeckte Berge und tiefe Täler. Und durch das ganze in sich chaotische Bild brachen die Sonnenstrahlen. Es war großartig.

Doch dann mischte sich etwas ein, was ihn beunruhigte. Die weißen Flocken nahmen die Silhouet­ten von unförmigen Dingen an. Und schon begann es in seinem Hinterkopf erneut zu flüstern.

Wieder ertönte die scharfe Stimme des Geister-Mannes. Tu Dinge, du Bastard. Verteidige dich!

…Untertan… er ist…er…unter… tan… er… ist… uns… Untertan…

Die wilden Stimmen nahmen wieder überhand und ihre Autorität überrollte seinen Geist. Daniel spürte heiße Tränen über seine bleichen Wangen laufen, während seine Gedanken immer heiserer bellten, was für ein Versager und Bastard er sei.

Verschwindet… bitte… , bat Daniels hilflos wispernde, innere Stimme. Verlasst mich…

Doch die Stimmen verhöhnten ihn nur noch lauter.

Jetzt schon bei Tag! Großer Gott, jetzt schon tagsüber… , dachte Daniel verzweifelt.

Dann tu endlich, was man dir sagt!, brüllte der Geister-Mann in seinem Kopf.

Nun begannen die Wolken, groteske Masken und verschobene Gesichter zu bilden. In den Fratzen waren unendliche Qualen zu lesen. Weiße Mundwinkel zogen sich auf abnorme Weise nach unten und entblößten hässliche, gewitterwolkengelbe Zähne. Augen rollten und quollen aus den Höhlen hervor. Eines löste sich und wurde in einer makabren Szene von einem plötzlich aufkommenden Ostwind abgetrieben, während der Rest des Gesichts an Ort und Stelle verblieb und breit auf den Jungen herniedergrinste. Daniel schloss hilflos die Augen.

Willst du, dass sie verschwinden, Daniel?, fragte der Geister-Mann erstaunlich ruhig.

Ja, mach dass sie verschwinden!, flehte Daniel.

Der Geister-Mann lachte. Dann mach deine Hausaufgaben, mein Sohn!

Was soll ich denn tun!, wollte der schluchzende Junge wissen.

Ohooo, das wirst du noch beizeiten sehen…

Den Rest des Tages verbrachte Daniel in umnachteten Zustand. Er stolperte ziellos von einer Bank zur nächsten und ging ein paarmal rauchen, um wenigstens ein paar Minuten Ruhe zu haben. Die Welt um ihn herum nahm mit einem Mal wieder den grauen Schleier an, der sich zwischen ihn und sein Leben gelegt hatte, seit seine Mutter tot war. Er fühlte sich, trotz der zweifelhaften Gesell­schaft Pascals und der mancher anderer, entsetzlich alleingelassen. Er hielt den Blick gesenkt und die Augen geschlossen. Er getraute sich nicht, nach oben in den Himmel zu blicken.

Dort waren böse Dinge. Dinge, die flüsterten und lachten. Hinzu kamen die Kommentare des Geis­ter-Mannes und der anderen Stimmen.

Das Abendessen, obschon er es mit Miriam in seiner unmittelbaren Nähe einnahm, schmeckte wie Pappe und er führte jede Bewegung auf merkwürdig roboterartige Art aus. Lustlos und neben sich stehend stocherte er in seinem Steak herum. Dies entging auch seiner Freundin nicht. Miriam legte ihm sanft die Hand auf die magere Schulter.

Was ist los mit dir?“, fragte sie. „Du wirkst total abgedreht!“

Ich hatte einen schlechten Tag“, antwortete Daniel matt. „Es wird schon wieder.“

Hat dich Pascal wieder geärgert?“, wollte sie wissen.

Daniel blickte zu dem blonden Jungen hinüber, der am Nachbartisch saß. Pascal erwiderte unver­sehens seinen Blick und starrte ihn an. In seinen eisblauen Augen lag keinerlei Hass und dennoch ein grauer Schimmer, der nicht von dieser Welt zu kommen schien. Er hatte den Mund leicht geöff­net und seine Lippen zitterten. Seine Wangen waren leicht gerötet.

Alles in Daniel spannte sich an- und doch gelang es ihm nicht, sich mit Gewalt von Pascals durch­dringendem Blick loszureißen. So musste er hilflos zusehen, wie Pascal wieder zu lächeln begann und seine Lücke wie ein dunkles Mal zwischen seinen makellosen Zahnreihen prankte. Selbst Da­niel, dem eigentlich so ziemlich alles gleichgültig war auf dieser Welt, erschauerte.

Endlich gelang es ihm, sich wieder loszureißen und sich krampfhaft auf sein Essen zu konzentrie­ren. Als er Pascal nach einer Weile noch einmal ansah, hatte sich dieser wieder mit seinen Freun­den ins Gespräch vertieft und warf ihm nurmehr die üblichen, hämischen Blicke zu. Alles schien wieder wie gewohnt abzulaufen. Dennoch fand Daniel keine Ruhe. Warum hatte Pascal ihn so seltsam angesehen? Es war fast, als hätte jemand anderes durch die Augen des Blonden geblickt. Irgendetwas Dämonisches. Irgendetwas, das Dinge vorhatte. Dinge mit ihm. Er schüttelte ener­gisch den Kopf.

Nein, hat er nicht“, antwortete er. „Mach dir keine Sorgen.“

Ich bitte dich, du hast ihn gerade angesehen wie ein Alien“, stellte Miriam fest.

Daniel wich aus. „Ich wollte nur sichergehen, dass er… ach vergiss es. Hast du morgen Zeit? Ich habe keine Lust, mehr als nötig davon mit diesen Idioten zu verbringen.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine schlechte Idee. Ich war heute im Wald.“

Auf unserer Lichtung?“, wollte Daniel wissen.

Sie nickte. „Ich habe dort ein wirklich nettes Fleckchen gefunden. Eine kleine Hütte. Du wirst schon sehen.“

Was wolltest du denn darin?“, wollte Daniel wissen.

Ich habe eine Kleinigkeit darin deponiert. Etwas, das im Lager nicht erlaubt ist. Hört sich doch spannend an, nicht wahr?“, flüsterte sie.

Was ist es denn?“, fragte der Junge.

Sie legte ihm den Zeigefinger auf den Mund. „Nicht so laut, Danny. Es ist… eine Überraschung. Du wirst es morgen schon sehen. Es soll dir nur eines gesagt sein…“ Sie bedeutete ihm, ihr sein Ohr zuzuwenden. Dann holte sie tief Luft und flüsterte. „Der Geister-Mann. Er will, dass ich Dinge tue. Das sagt er mir schon mein halbes Leben lang.

Daniel sprang zutiefst erschrocken auf und warf beinahe seine Sitzbank um. Dann packte er Mi­riam am Arm und riss sie mit sich. Sie schrie kurz auf. Marc eilte alarmiert hinzu, wurde jedoch von dem Mädchen mit einem Kopfschütteln davon abgehalten, einzugreifen. Daniel zerrte sie zum Lagerfeuer.

Warum hast du mir dass nicht gleich gesagt?“, fragte er sie atemlos und schüttelte sie.

Warum interressiert es dich überhaupt?“, konterte sie überrascht und riss sich von ihm los. „Was ist eigentlich in dich gefahren? Was glaubst du, was jetzt die anderen von dir denken?“

Daniel ließ sich auf eine Holzbank fallen und stützte den Kopf mit den Händen. „Ich höre ihn auch. Deswegen interressiert es mich. Er verlangt dasselbe von mir.“

Miriam setzte sich neben ihn und blickte ihn an. „Seit wann?“

Seit ein paar Jahren“, antwortete Daniel. „Er tut es immer wieder und wieder, beinahe den ganzen Tag. Er und andere. Andere Stimmen. Gedanken.“ Nun rannen ihm Tränen herunter. „Ich will, dass es aufhört!“

Miriam starrte wortlos ins Feuer, das sich in ihren dunklen Augen widerspiegelte. „Ich weiß, was er will. Ich weiß, wie wir es beenden können, Daniel. Und wie wir uns gleichzeitig an ihnen rächen können.“

Wen meinst du mit ihnen?“, wollte der Junge wissen.

Miriam lächelte traurig. „Du wirst es sehen.“

Irgendetwas an der Art, wie sie sprach, missfiel Daniel gewaltig. Doch er ließ sich nichts anmerken.

Mit einem Mal war Miriam verschwunden. Daniel hatte etwa zwanzig Minuten auf seine Freundin gewartet. Nachdem sie nicht aufgetaucht war, beschloss er notgedrungen, dem Fußballturnier bei­zuwohnen, das Marc angekündigt hatte. Langsam senkte sich der Abend über das Lager und tauchte all die Zelte, Hütten und Baracken in goldenes Licht. Kaum einer der jugendlichen Teilneh­mer ahnte, dass es für einige von ihnen der letzte Sonnenuntergang ihres Lebens sein würde. Da­niel blickte abwechselnd auf 44 rennende Beine, die einem Ball hinterherjagten und auf den Him­mel. Die bösen Dinge, die er am Nachmittag gesehen hatte, waren mit einem Mal verschwunden. Stattdessen zogen sich lilafarbene Schlieren am Himmel entlang, durchsetzt von einigen, blassgol­denen Sternen. Ein unendlicher Friede lag über dem Camp und durchströmte auch Daniels Geist. Er schloss die Augen. Er hörte nichts. Keine Stimmen, keinen Geister-Mann. Es war, als hätte er tatsächlich aufgegeben. Der Junge spürte eine heiße Freude in sich aufsteigen. Er konzentrierte sich nur noch auf seine eigenen, kontrollierbaren Gedanken. Nichts Unwillkürliches mischte sich dazwischen. Dann, mit einem Mal, wandelte sich Daniels Hochgefühl in Sorge um. Was hatte das zu bedeuten? Konnte es auch sein, dass sich das Puzzle nun zusammenfügte? Dass die Zeit nun reif war, die Dinge zu tun, die geschehen mussten?

Langsam begann Daniel zu begreifen, dass der Geister-Mann zufrieden war und nur auf den Mo­ment wartete, in dem Dinge geschehen würden. Schon bald würde der ausschlaggebende Punkt erreicht sein, der den Stromkreis schloss und die Zündung auslöste…

Daniel öffnete die Augen wieder und stellte fest, dass die Zeit in der Tat langsamer vergehen zu schien. In Zeitlupe wurde der Ball in ein improvisiertes Tor geschossen. Die Teenager der ersten Mannschaft hoben in unendlich langsamer Geschwindigkeit die Hände und begannen, in dunklen Tönen zu jubeln. Ihre Münder formten sich zu O’s der Freude und Daniel nahm jeden Speicheltrop­fen wahr, der dabei ausgespuckt wurde. Eines der Mädchen, mit schweißüberströmter Stirn, goss sich eine Plastikflasche mit Wasser über die Haare.

Es klang in Daniels Ohren wie das Rauschen eines gigantischen Wasserfalls. Wie im Traum hob er die Hände und schüttelte sie vor seinen Augen. Erstaunt stellte er hierbei fest, dass er als einzi­ger in der Lage schien, sich in normalem Tempo zu bewegen. Was ihn allerdings nun umgab, war nicht mehr die Realität, sondern ein wirres Theaterspiel, in dem sich unwirkliche Akteure ein gera­dezu halluzinatorisches Stelldichein gaben.

Wie sehr er sie alle hasste! Das waren nur törichte Bauernkinder, die wohl nur zu einem einzigen Zweck in zivilisierte Gefilde fuhren: Um herumzurandalieren, wenn ihre favouritisierte Mannschaft gewann oder auch verlor. Was nützte es schon, Fan von irgendeiner beschissenen Fußballmann­schaft zu sein? Was zur Hölle konnte man sich dafür denn kaufen?

Pascal foulte einen seiner Gegenspieler und Daniel konnte regelrecht sehen, wie dessen Haut an den Knien riss und feinste Blutpartikel durch die Luft stoben, gefolgt von Muskelfasern und verein­zelten Gefäßfetzen. Übelkeit stieg ihn ihm auf. Wieder fielen zwei Tore, beide waren von einem schweißgebadeten und spindeldürren Burschen geschossen worden. Wieder tönten langgezoge­ne, dunkle Jubellaute aus scheinbar zahllosen Kehlen und umgaben ihn wie das triumphierende Heulen von Wölfen, die ihr hilfloses Opfer gefunden hatten.

Nach schier unendlich langer Zeit drang ein zweimaliger Pfiff in Daniels Ohren, der sich anhörte wie der einer Hundepfeife. Ein scharfer Schmerz fuhr durch seine Gehörgänge und ließ ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenzucken. Nun bewegte sich die Welt wieder in ihrem ge­wohnten Tempo.

Dieses Spiel war aus und ein anderes begann.

Verschwitzte Mädchen und Jungen schlenderten schwer atmend an Daniel vorbei. Sie drängten und schubsten ihn und gaben zynische Kommentare von sich. Pascal blieb kurz vor ihm stehen, blickte ihn wieder mit jenem leeren Blick an, den er Daniel schon im Speisebereich hatte spüren lassen und ging dann langsam weiter. Daniel drehte sich um, um zu beobachten, wo die anderen hingingen. Die meisten von ihnen verschwanden in einer Barracke, über der deutlich das Wort „BATHROOMS“ stand. Auch Pascal war unter ihnen. Daniels erster Gedanke war von tiefer Abnei­gung geprägt, mit denselben Menschen unter der Dusche stehen zu wollen, die ihm das Leben schwermachten. Doch ein kurzer Atemzug an seiner Achsel überzeugte ihn davon, dass ihm dau­erhaft nichts anderes übrigblieb, wollte er nicht auch noch als ungepflegter Stinker gelten. Also machte er sich schweren Herzens auf, um ein Handtuch und ein wenig Badelotion aus seinem Ge­päck zu holen und den anderen zu folgen.

Als erstes fiel ihm auf, dass der Großteil seiner Bedenken scheinbar unberechtigt war. Das Wasch­haus war ordentlich nach Geschlechtern getrennt und die Duschkabinen waren einzeln voneinan­der abgeschottet. Jede einzelne von ihnen war großflächig genug gebaut worden, dass man sich bequem darin aus- und anziehen konnte. Daniel atmete erleichtert auf, lief in eine der Kabinen und begann die Kleidung abzulegen. Stück für Stück legte er sie ordentlich auf einen Stapel und plat­zierte sie auf ein Brett, welches an der Wand auf Schulterhöhe angebracht war.

Dann stieg er in die Dusche und zog den Duschvorhang zu.

Als der warme Wasserstrahl seine bleiche Haut traf, bemerkte er, wie sehr ihm das gefehlt hatte. Bei Onkel Barney und Tante Margret gab es einen Boiler, der meistens kein Warmwasser mehr spendete, sobald Daniel die Dusche betrat. Meistens war er doch derjenige, der als letzter auf­stand.

Das Wasser glitt über seine Schultern wie warmes, flüssiges Gold. Es glich einer wahren Meditati­on. Er spürte, wie sich seine Muskeln entspannten. Während er schon beinahe im Stehen einsch­lief, bemerkte er nicht, wie sich die Türe zu seiner Kabine langsam öffnete.

Pascal, ebenfalls unbekleidet, trat herein. Sein Gesicht war nun ebenso blass wie das Daniels und seine Beine zitterten heftig. Vier weitere Jungen folgten ihm. Dem zuckenden Augenlid des Jungen war zu entnehmen, dass es hinter seiner Stirn heftig arbeitete. Langsam schob er die Hände zwi­schen die beiden Duschvorhänge und zog sie schließlich mit einem Ruck auseinander…

Daniel schrie entsetzt auf, fühlte sich sofort von einigen Händen ergriffen und aus der Dusche ge­zerrt. Wieherndes Lachen umgab ihn, während er, völlig perplex und aus seinen Träumen geris­sen, von den anderen herumgewirbelt wurde.

HAFT DU FIE GEFICKT?“, johlte Pascal.

Und schooon, ohooo… hatter dich!, lachte der Geister-Mann in Daniels Hinterkopf.

IFF WERD‘ DIR TFEIGEN, WAF IHR GEMACHT HABT GEFTERN NAFFT!“, schrie der blondge­lockte Junge begeistert. „DU HAFT FIE VON HINTEN GENOMMEN, NIFFT WAHR?“

Die vier anderen Jungen drückten Daniels Arme auf den Rücken, so dass dieser keine Chance mehr hatte sich zu wehren…

Der Schmerz war so gewaltig, dass Daniel schwarz vor Augen wurde. Er wollte schreien, doch selbst dieser Hilferuf wurde ihm verwehrt, indem ihm einer der Burschen den Mund zuhielt.

FICK IHN! BESORG’S IHM!“, brüllten sie, immer wieder und wieder, während sich Pascal schwer atmend und mit hochrotem Kopf immer schneller bewegte und nach unendlich langer Zeit mit ei­nem Triumphschrei bekundete, dass er sein verabscheuenswertes Werk zur Vollendung gebracht hatte.

Dann ließen sie endlich von ihm ab und stießen ihn grob zu Boden. Pascal beugte sich noch ein­mal zu ihm herab und flüsterte ihm dennoch wie aus weiter Ferne etwas ins Ohr.

Weift du, iff habe keinen Vergleiff, aber du bift ficher die beffere Bitff alf deine Flampe, davon bin iff übertfeugt!“

Nach diesen Worten spuckte er dem hemmungslos weinenden Daniel ins Gesicht und wandte sich zum Gehen.

Doch noch einmal drehte er sich im Türrahmen um. „Wenn du Marc oder den anderen etwaf ert­fählft, dann bift du wirkliff ein toter Mann, Grufti!“

Zurück ließ er einen sich vor Schmerzen windenden Jungen, welcher zusammengekrümmt am Bo­den lag. Nun waren sie wieder da, die Stimmen und sie lachten, wieherten und spotteten. Daniel spürte noch nicht einmal die Eiseskälte, die sich langsam aber sicher über seiner Haut ausbreitete. Die einzige Stimme, die ihn nicht verspottete, war die des Geister-Mannes.

Ich werde dir jetzt sagen, was zu tun ist, mein Sohn!, sagte er ernst- und Daniel hörte zu.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 5: Daniel tut Dinge

Thomas Buckel
Über Thomas Buckel (10 Artikel)
1980 in Augsburg geboren. Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren. Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege. Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg. Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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