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Bathtime Stories (Kapitel 3: Nachtspaziergang)

Intro
Kapitel 1
Kapitel 2

Kapitel 3: Nachtspaziergang

Daniel wälzte sich unruhig auf seiner Matratze hin und her. Da waren sie wieder, die Gedanken, die ihm jedesmal wieder ins Gewissen riefen. Nachts war es schlimmer als tagsüber. Nun wurden die Gedanken harsch und befehlend. Sie befahlen ihm, dass er etwas tun musste. Nein, vielmehr wiesen sie ihn an, dass er etwas zu tun hatte! Es waren strenge Stimmen, die er nun nicht mehr ordnen noch kontrollieren konnte. Eine, die nun Jahren zu ihm sprach, schien einem Mann zu ge­hören, der etwa 50 Jahre oder ein wenig älter sein mochte. Er begleitete den Jungen schon seit dessen zwölften Lebensjahr. Anfangs war er sehr freundlich zu ihm gewesen und hatte ihm oft Komplimente gemacht, wenn er gerade etwas gut gemacht hatte oder wenn er ein gutes Zeugnis aus der Schule mitgebracht hatte. Doch mit der Zeit war die Stimme immer aggressiver geworden. Irgendwann hatte er dem Jungen seinen Namen verraten. Geister-Mann. Der Geister-Mann be­handelte Daniel wie einen ungewollten Sohn. Immer wieder sollte er Dinge tun. Er schalt ihn, ein Versager zu sein, der sich nicht wehrte, wenn man ihm weh tat.

Was hätte ich denn tun sollen? Wenn ich Pascal noch einmal schlage, weiß ich nicht, was weiter­hin passiert?, dachte Daniel hilflos zurück.

In diesem Moment mischten sich viele Stimmen ein, drohten, stänkerten, kommentierten und rede­ten wild durch- und miteinander.

Hört auf! Hört auf!, flehten Daniels eigene Gedanken.

Doch die Stimmen hörten nicht auf. Sie waren wie ein Heer von Dämonen. Sie gellten in schrillen Tönen in seinem Kopf herum und ließen kein gutes Haar an ihm.

Er ist so ein Pussyboy…

So wird er nie ein Mann…

Wir wären froh, wenn dieses Balg wenigstens einmal etwas tun würde!

Er muss gehorchen…

Untertan… untertan… er… ist… er ist untertan… uns untertan… er muss gehorchen…

Daniel keuchte auf und die Gedanken verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

Er öffnete langsam die Augen und starrte in die Dunkelheit. Er hörte das leise Atmen und das ge­dämpfte Schnarchen seiner unmittelbaren Nachbarn. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine Brust hob und senkte sich schnell und ruckartig. Unter unterdrücktem Stöhnen richtete er sich auf.

Ich muss aufstehen“, flüsterte er kaum hörbar.

Langsam richtete er sich auf und stand schon bald auf zittrigen Beinen. Seine Pyjamahose klebte schweißnass an seinen Oberschenkeln und fühlte sich an, als habe er sich gerade eingenässt. Der Geruch des Abendessens hing selbst in diesem Schlafraum noch in der Luft.

Es gibt nichts besseres als viel zu würziges Chili con Carne und die darauffolgenden Fürze, dachte Daniel zynisch und bewegte sich lautlos von seinem Schlaflager fort.

Er spürte den weichen Teppichboden unter den bloßen Füßen und schritt langsam vorbei an den schnarchenden Jungen. Der Eingang des Blockhauses kam immer näher.

Die Türe war nicht abgeschlossen. Daniel drückte die Türklinke herunter und sie öffnete sich mit ei­nem leisen Knarren. Ihm erschien das Geräusch allerdings furchtbar laut und er hielt kurz inne. Dann trat er durch den schmalen Schlitz und konnte nun das trockene Gras wahrnehmen. Er hörte leise Stimmen. Diesmal waren es nicht seine Gedanken. Die waren völlig verstummt. Es war, als gewährten sie ihm eine kurze Ruhephase für das, was er vorhatte.

Er ließ die Türe leicht angelehnt, so dass er später unbemerkt wieder zurückschleichen konnte. Dann überlegte er, wie er ungesehen aus dem Lager gelangen konnte. Während er um die Hütte herumging, um unauffällig an der Pallisade entlang bis zum Lagereingang zu schleichen, bemerkte er nicht, dass er von zwei listigen Augen beobachtet wurde. Ein Schatten folgte ihm wie ein Dieb in der Nacht.

Daniel hielt den Atem an, um über zwei gespannte Schnüre zu steigen, die ein kleines Igluzelt am Boden fixierten. Dennoch blieb er mit einem Fuß daran hängen und stürzte beinahe. Mit einem mühsam unterdrückten Fluchen rappelte er sich wieder hoch und schlich leise weiter.

Dann stockte ihm erneut der Atem. Das von schwachem Fackellicht erhellte Dunkel unmittelbar vor ihm nahm menschliche Konturen an. Dann stieß er erleichtert die Luft aus. Es war Miriam. Sie kam leise auf ihn zugeglitten.

Keinen Mucks!“, raunte sie.

Was du nicht sagst“, flüsterte Daniel zurück. „Was tust du denn hier draußen?“

Dasselbe könnte ich dich fragen.“

Der Junge schloss die Augen und öffnete sie wieder. „Ich konnte nicht schlafen. Ist noch zu viel los in meinem Kopf.“

Miriam nickte und drehte den Kopf beiseite. „Geht mir genauso. Was machen wir jetzt? Ich meine, jetzt sind wir beide hier. Und ich finde, wir sind schon ein wenig zu alt, um jetzt schon zu schlafen.“

Daniel zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich dachte, ich gehe ein bisschen in den Wald. Ein wenig Freiheit. Ich brauche ein wenig Freiheit.“

Kann ich mitkommen? Ich halte es auch nicht mehr aus. Wenn ich gewusst hätte, was hier drin abgeht, dann wäre ich zuhause bei meinem Dad und meiner Mum geblieben.“

Wieder einmal merkte Daniel, wie viel sie doch gemeinsam hatten. Er nickte zustimmend.

Beide schlichen Hand in Hand die Pallisade entlang. Sie verspürten beide die laue Luft auf der Haut. Es war warm und die Sterne über ihnen funkelten wie Silbertropfen am Firmament. Grillen zirpten allenthalben. Es dauerte länger, als Daniel gedacht hatte, als sie endlich das Tor erreicht hatten, über dem das große Schild mit der Aufschrift Summer Sky Youngster’s Camp hing. Sie blickten sich noch einmal verstohlen um und verschwanden im Dunkel der Nacht. Der Schatten glitt lautlos hinter ihnen her.

Pascal war nicht entgangen, dass sich sein Widersacher aus der Blockhütte entfernt hatte. Er hatte das Glück, seinen Schlafsack unmittelbar neben der Eingangstür platziert zu haben. So war es kei­nem weiteren aufgefallen, dass auch er seinen Ruheplatz verlassen hatte. Er war dem verhassten Freak unauffällig gefolgt und stand nun verunsichert vor dem großen Tor, hinter welchem die kleine Waldstraße nach Archer’s Joy verlief. Was würde geschehen, wenn er erwischt würde? Es würde seinen Rausschmiss bedeuten… und einen saftigen Brief an seinen Vater zur Folge haben. Dieser würde ihn vermutlich in Zukunft zweimal am Tag verprügeln anstatt, wie bisher üblich, einmal. Den­noch obsiegte seine Neugier über die Zweifel und drängte diese Befürchtung in den Hintergrund. Er atmete noch zweimal tief durch und ging festen Schrittes in die Finsternis.

Er war noch nicht lange gegangen, dann sah er das Fahrzeug. Es handelte sich offensichtlich um einen Pickup. Sein Gehirn arbeitete. Jeder Teilnehmer an diesem Camp war mit einem der drei Busse gekommen. Er hatte die anderen beobachtet. Aus keinem von ihnen war irgendein gottver­dammter Freak in Gothic-Kleidung ausgestiegen. Nur diese blöde Schlampe. Also musste dieser Pickup diesem dämlichen Daniel gehören. Seine Reifen schrien förmlich danach, aufgestochen zu werden. Er würde Augen machen, wenn er zu Fuß dorthin zurückgehen musste, wo er hergekom­men war. Er würde nicht einmal wissen, wer ihm das angetan hatte!

Pascals Hände glitten wie von selbst zu jenem Messer, das er seit jeher in seiner Tasche mitführ­te…

Kurz darauf fanden sich die Miriam und Daniel im dunklen Wald wieder. Sie waren, kurz nachdem sie das Camp verlassen hatten, nach rechts mitten ins Gehölz gegangen. Beide genossen sichtlich das vermeintliche Alleinsein. Daniel blieb kurz stehen und schloss die Augen. Er atmete die wohltu­ende, nächtliche Waldluft ein. Es roch nach Harz und dem sanften, kaum wahrnehmbaren Duft der Waldblumen. Die Bäume umgaben sie, scheinbar meilenweit aufragend und ließen den ganzen Forst wie eine riesige, säulengetragene Kathedrale der Natur erscheinen. Daniel konnte die Flora des Waldes beinahe spüren. Noch nie hatte er seine Umgebung in einer solch nahezu erschre­ckender Intensität wahrgenommen.

Dieser einzigartige, wahrhaftige Moment wurde jäh durch das Einfallen seiner wirren Gedanken beendet. Mit einem Schlag waren sie wieder da. Wieder wirbelten sie in seinem Kopf herum, schri­en und machten ihm Vorwürfe. Daniel riss vor Schreck die Augen auf und hielt sich kurz an Mi­riams Schulter fest. Er strauchelte. Die schwarzen Baumwände um ihn herum begannen sich zu drehen. Die Umgebung glich einem wilden Panoptikum des Schreckens. Er schien sich gleicher­maßen in einem sich um die eigene Achse drehenden Karussell absoluter Schwärze zu befinden.

Au!“, schrie sie auf. „Was ist denn los mit dir?“

Mit einem Schlag hörte sich die Welt um Daniel zu drehen auf und die wilden Stimmen in seinem Kopf verstummten.

Nichts. Es ist nur… ich bin gestolpert und habe wohl das Gleichgewicht verloren“, erwiderte er ton­los.

Miriam schüttelte wissend den Kopf. Doch sie sagte nichts, sondern nahm ihn bei der Hand.

Geht es wieder?“, wollte sie mit geheuchelter Besorgnis wissen.

Daniel nickte langsam. „Gehen wir weiter. Ich halte es schon noch ein paar Minuten aus. Die nächsten paar Tage werden ätzend genug.“

Ich denke, sie werden schneller vorbeigehen, als du es ahnst. Und glaube mir, dann werden wir beide frei sein“, erwiderte sie leise.

Der Junge blickte sie an. „Was willst du damit sagen? Eine Woche hat für mich sieben Tage. Und das ist eine lange Zeit, Miriam.“

Wieder verging eine lange Zeit ohne Worte. Sie hörten das Knacken von Ästen unter ihren Füßen und nahmen bewusst die Eindrücke wahr, die ihnen die Natur zuteilwerden ließ.

Bald näherten sie sich einer gewaltigen Lichtung. Sie glich einem See von verschiedenen Pflan­zen. Der Boden war übersäht mit winzigen blauen Blüten, die sie freilich im Dunkel der Nacht nur als schwarze, verschwommene Flecken wahrnehmen konnten. Brennessel und Disteln gingen Hand in Hand mit dem Schatten der Bäume. Bleicher Bodennebel kroch in sanften Bahnen durch das Kraut.

Ich könnte schwören, dass es hier tagsüber ein wunderschöner Ort ist“, flüsterte Miriam.

Sie setzten sich auf den weichen Boden. Daniel fröstelte es ein wenig. Er war es nicht gewohnt, länger als fünf Minuten außerhalb eines geschlossenen Raumes zu verbringen. Und nun fand er sich auf einer Waldwiese sitzend mit einem Mädchen, in welches er sich, ohne es sich eingeste­hen zu wollen, ein wenig verliebt hatte.

Kann sein“, brummte er unbeholfen.

Wieder verging eine Minute des Schweigens. Dann spürte er, wie Miriam einen Arm um seinen Hals legte. Der Nietenhalsring schien sie dabei wenig zu stören. Er erschauerte kurz unter ihrer Berührung, dann wurde sein Kopf sanft herumgedreht, bis er ihr ins Gesicht sehen konnte, näher und näher kam es und schließlich schloß er die Augen. Ihre Lippen berührten sich und öffneten sich leicht, während der Wind in den Baumwipfeln Worte sprach. Bedrohliche Worte.

Etwa eine halbe Stunde später lag Daniel wieder in seinem Schlafsack. Er starrte an die dunkle Decke und beobachtete die langen, ordentlich aneinander liegenden Bretter, die sich am oberen Ende mit dem Dachbalken vereinten. Er fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben frei. Selbst die immerwährenden Gedanken waren verstummt und machten einer friedvollen Ruhe platz. Es war nicht mehr als ein Kuss gewesen und dennoch verspürte er eine so tiefe innere Befriedigung, dass er hätte jubeln mögen. Als er gerade die Augen schließen wollte, um sich wenigstens dem Schlaf hinzugeben, nahm er einen heißen Atem neben seinem Gesicht wahr.

Miriam?“, flüsterte er schlaftrunken.

Iss habe eucs da draußen gesehen, Arsloch!“, antwortete Pascal lispelnd.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 4: Dämmerstunde der Tränen

Thomas Buckel
Über Thomas Buckel (10 Artikel)
1980 in Augsburg geboren. Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren. Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege. Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg. Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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