Bathtime Stories (Kapitel 2: Konfrontationen)

Kapitel 1

Kapitel 2: Konfrontationen

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Kurz nachdem Daniel und Miriam das Tor durchschritten hatten, sahen sie sich bereits misstraui­schen Blicken ausgesetzt. Die Mädchen und Jungen waren im Durchschnitt zwischen 12 und 19 Jahre alt. Als sie die Neuankömmlinge bemerkt hatten, begannen sie hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln.

…was ist das für’n Freak?“, konnte Daniel hören. „Die Fickwurst neben ihm ist mindestens hundert Jahre alt und stinkt. Asoziales Pack. Die rennen rum wie Idioten!“

Daniel biss sich auf die Zähne und versuchte, seine Wut zu unterdrücken. Energisch drängte er sich zwischen einer Gruppe älterer Jungen hindurch. Miriam folgte ihm, so schnell sie konnte.

Was für Arschlöcher!“, zischte sie verärgert.

Daniel blickte sie an und wollte gerade zustimmend nickte, als er etwas an seinem Fuß spürte. Keine Viertelsekunde später lag er schon längs auf dem Boden. Irgendjemand lachte hämisch. Da­niel drehte sich auf den Rücken und sah dem Jungen ins Gesicht, der ihm binnen vierundzwanzig Stunden zum Mörder werden musste. Er war schlank, trug eine verschlissene Lederjacke und kur­ze, blonde Haare hingen ihm ein wenig wirr ins Gesicht. Sein Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen. Er beugte sich zu ihm herab und packte ihn vorn an der Jacke.

Was glotzt du so, du Leiche?“, wollte er wissen und blickte ihn mit seltsam wässrig- grünen Augen an. „Willst du einen geblasen bekommen, oder was?“

Ich hätte gar nicht gedacht, dass du solche Hobbies hast“, gab Daniel trocken zurück.

Die Augen seines Kontrahenten kniffen sich zu engen Schlitzen zusammen.

Wir sehen solche Freaks wie dich hier nicht besonders gern!“, zischte er den Blondschopf an.

Was geht hier vor, Jungs?“, fragte eine schneidende Stimme. Die Jugendlichen wichen zurück und bildeten eine Gasse für einen etwa 35- jährigen Mann. Offensichtlich handelte es sich um einen Betreuer. Er packte den Jungen, der Daniel attackiert hatte, grob am Kragen und riss ihn hoch. Miriam schrie auf, wurde jedoch von anderen festgehalten.

Pascal Corn! Warum sehe ich jedesmal, wenn es irgendwo Ärger gibt, dein schäbiges Gesicht?“, wollte der Mann wissen.

Pascal blickte ihn mit empört hochgezogenen Augenbrauen an. „Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie sprechen, Mann?“

Mit einem kleinen verwöhnten Balg, das ein paar Ohrfeigen mehr ganz gut vertragen könnte“, ant­wortete der Mann unbekümmert. „Mit einem vollkommen verzogenen Rotzlöffel, der das Glück hat­te, nicht der Belastung durch diverse Geschwister ausgesetzt zu sein und mit ihnen teilen zu müs­sen, zumal dieses Synonym in deinem Wortschatz höchstwahrscheinlich nicht existiert. Küsst du etwa deine Freundin mit demselben Mund?“

Pascals Lippen zitterten. Nun war ihm deutlich anzusehen, dass er einige Worte aus dem vorletz­ten Satz nicht verstanden hatte, aber dennoch begriff, dass es sich kaum um ein Kompliment han­deln konnte. Wütend blickte er noch einmal auf Daniel herab.

Wir beide sind noch nicht miteinander fertig.“

Die Jugendlichen zerstreuten sich langsam. Der Mann streckte Daniel die Hand hin und er zog sich nach oben.

Danke, Mann“, flüsterte er, ohne ihn anzusehen.

Gern geschehen“, erwiderte der Betreuer. „Ich bin Mike.“

Daniel“, sagte der Junge und ließ seine Hand los.

Mike lächelte ihn freundlich an. „Dann bist du also der Nachzügler, den sie angekündigt haben. Die meisten sind schon in aller Frühe hier angekommen, weißt du? Ist das deine Freundin?“

Er deutete auf Miriam.

Daniel schüttelte den Kopf.

Ich bin Miriam“, stellte sich das Mädchen vor und streckte die Hand aus. Mike schüttelte sie und griff gleich danach in die Innentasche seiner beigefarbenen Jacke. Er zog eine kleine Liste hervor und studierte sie. Dann nickte er bestätigend.

Ihr dürft mir folgen. Ich zeige euch eure Blockhütten. Männlein und Weiblein getrennt.“, meinte er.

Und wieder einmal ein völlig nutzloser letzter Satz, spie Daniels Gedankenbrei aus. Allerdings hat der Typ dir auch den Arsch gerettet…

Ich weiß, ich weiß!“, murmelte der Junge.

Was?“, fragte Miriam.

Daniel winkte ab. „Ist schon gut. Ich habe nur mit mir selbst gesprochen.“

Kleiner Lügner. Lügner. Ohooo…Lüüüüügner!

Halt deine Fresse, dachte Daniel zurück und kniff krampfhaft die Augen zusammen.

Das tue ich auch oft, also denk dir nichts dabei“, meinte Miriam.

Endlich erreichten sie die Stelle im Lager, an der ihre Schlafblöcke standen. Sie erwiesen sich als robuste Konstruktionen aus dunklen, lasierten Holzbrettern und steinernen Fundamenten.

Zwischen ihnen stand ein großes Zelt.

Einer rechts, einer links“, meinte Mike und wies auf die beiden Häuser. „Wenn ihr wollt, könnt ihr eure Sachen ins Gemeinschaftszelt stellen. Behaltet eure Wertsachen bei euch.“

Können wir nicht beide im selben Blockhaus schlafen?“, warf Miriam ein. „Wir haben nicht gerade viele Freunde. Außerdem leben wir doch nicht mehr im Mittelalter.“

Mike lachte unsicher. „Also… es gibt geltendes Recht hier in England, falls es euch entgangen ist. Ich fürchte, da kann ich gar nichts machen.“

Daniel blickte Miriam an. „Das war ja wohl klar.“

Dann schlurfte er lustlos auf die linke Hütte zu, um sich häuslich einzurichten.

Schon als er das Gebäude betrat, wurde er von den anwesenden Jungen mit abwertenden Blicken bedacht.

Er sah einem von ihnen kurz in die Augen. Sie wirkten verschlagen. Die strohblonden Haare stan­den ihm in alle Richtungen ab.

Sag mal, bist du schwul?“, fauchte der Junge.

Daniel wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er wandte sich von ihm ab und schlurfte auf dem beidseits mit Matratzenlagern gesäumten Flur bis zum Ostende des Blockhauses. Dort lag noch eine einzige, unbenutzte Matratze. Blondschopf starrte ihm mit zornfunkelnden Augen hinter­her.

Er setzte sich auf seine Liegestatt und begann, seine Sachen auszupacken. Er würde seine Hab­seligkeiten definitiv nicht in dieses Gemeinschaftszelt stellen. Nicht in dieser Drecksumgebung. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sich bei einer solchen Sache anmelden zu lassen? Jede Se­kunde bei Onkel Barney und Tante Margret wäre erträglicher gewesen als die Gesellschaft dieser schwachmatischen Kleingeister.

Es ist, als wenn ich in einem Schweinestall schlafen müsste, dachte der schwarzhaarige Junge.

Er spürte, wie seine Hand etwas berührte. Sie befand sich unter seinem Kopfkissen. Er legte es beiseite und erstarrte.

Ein Erotikmagazin lag vor ihm auf der Matratze. Schon auf der Titelseite räkelten sich nackte Män­neroberkörper. Zorn glühte in seinem Geist auf. Er nahm das Heftchen und eine Sekunde später flog es auch schon, unter dem hämischen Gelächter der anderen, durch den Schlafraum.

He, Süßer!“, schrie Pascal. „Gab’s heute schon Frühstück?“

Mit diesen Worten ballte er die Hand zur Faust, führte sie zum Mund, blies seine Backen auf und machte eindeutige Schüttelbewegungen.

Fick dich!“, flüsterte Daniel.

Wie soll das gehen?“, spottete Pascal. „Ich habe meine Ladung schon in deiner Mum abgesetzt!“

Daniel sprang mit einer einzigen Bewegung auf und warf sich mit einem Wutschrei auf seinen Gegner. Wie im Traum nahm er seine Umgebung wahr, als er Pascals Gesicht mit Faustschlägen traktierte. Der Kopf des Jungen flog hin und her. Mit einem Mal brach etwas kleines, Weißes aus Pascals Mund, gefolgt von einem Blutschwall.

Er hat ihm einen Zahn rausgeschlagen!“, rief einer

Tut doch was, scheißenochmal!“, schrie anderer. „Dieser Freak wird ihn noch umbringen!“

Wo ist Mike?“, ein dritter.

Daniel hingegen konzentrierte sich momentan nur darauf, das Gesicht des Anderen in eine blutige Berg- und Tallandschaft zu verwandeln. Endlich wurde er am Kragen gepackt. Mike zog ihn hoch.

Bist du noch bei Trost?“, schrie er und schüttelte ihn. „Du glaubst wohl, ein Chaot reicht mir nicht! Komm auf der Stelle mit!“

Daniel zeigte Pascal den Stinkefinger und trottete mit beinahe gelangweiltem Gesichtsausdruck hinter dem Betreuer her.

Mike führte ihn in ein Zelt mittlerer Größe. Ein kleines Schild mit der Aufschrift Supervisor deutete darauf hin, dass es sich um ein Betreuerzelt handeln musste. Seine Plane war in ziemlich hässli­chem Grüngelb gehalten. Als die beiden es betraten, fand Daniel einen großen Tisch darin vor. An beiden Enden standen zwei Stühle. Mike bedeutete ihm, sich zu setzen. Dann ging er um das Mö­belstück herum und nahm auf dem gegenüberliegenden Stuhl platz.

Daniel blickte in die obere Ecke des Zeltes und war bemüht, so gelangweilt wie möglich dreinzu­schauen. Dies entging Mike natürlich nicht. Er wartete einige Sekunden und blickte seinem jugend­lichen Schützling an. Dann ließ er seine flache Hand auf den Tisch fallen. Daniel wandte ihm be­tont langsam sein Gesicht zu.

Das ist ein christliches Camp, Daniel“, begann der Betreuer und seufzte tief auf. „Wir haben hier bestimmte Regeln, die dir vielleicht nicht besonders geläufig sind. Zum einem Mal ist mir deine Kleidung aufgestoß… aufgefallen. Wir sind hier keine Satanisten, die eine Schwarze Messe oder sonst irgendetwas in der Art veranstalten. Das Ziel dieser Freizeitmaßnahme ist es, Jugendlichen gewisse Werte zu vermitteln. Und dein Verhalten widerspricht diesen Werten. Warum machst du Ärger, obwohl du noch nicht einmal zehn Minuten hier bist?“

Werte?“, lachte Daniel sarkastisch. „Bei diesen Wichsern habt ihr aber noch einiges zu tun, meinst du nicht? Was sollen das überhaupt für Werte sein? Christliche Werte? Du meinst aber nicht so et­was wie eine Rechtfertigung von Kreuzzügen oder Hexenverbrennungen oder?“

Das sind Dinge, die hier nicht hingehören!“, sagte Mike mit vor Ärger bebender Stimme.

Doch, das tun sie“, erwiderte Daniel mit einem wissenden Lächeln. „Ihr seid doch nur Heuchler, die religiös motivierten Hass unter dem Deckmantel der Menschlichkeit predigen! Wenn man sich in eine Kirche einschleicht und eine Hostie schändet, wird man doch sofort exkommuniziert, nicht wahr? Warum hat man Hitler nicht einmal post mortem exkommuniziert, obwohl er doch 6 Millio­nen Juden ermordet hat? Die sind immerhin der Ursprung des Christentums. Was ist mit den ka­tholischen Priestern, die er in die Konzentrationslager sperren ließ? Mike, du weißt doch nicht, was du da redest!“ Wieder lachte er wiehernd.

Wer sich versündigt, Daniel, exkommuniziert sich selbst.“, fuhr Mike fort und versuchte, sich wie­der zu beruhigen. „So will es die Kirche. Wenn du auch nur ein bisschen Ahnung von dem hättest, was deine blasphemischen Lippen verlässt, wüsstest du das.“

Weißt du eigentlich, woher Religion kommt, Mike?“, fragte Daniel, denn Mikes Einwand scheinbar völlig kalt ließ. „Und, nebenbei bemerkt, spreche ich von allen Religionen dieser Welt.“

Mikes Augen funkelten, als er sein Gegenüber fragend betrachtete.

Der Mensch ist ein Säugetier.“, fuhr Daniel unbeirrt fort. „Homo sapiens, Teilordnung Altweltaffen, Überfamilie Menschenartige, Familie Menschenaffen. Das Besondere an dieser Gattung Homo ist, dass er als einziger Affe in der Lage ist, reflektiv zu denken, sprich, sich seiner selbst bewusst zu sein. Somit ist er sich seiner Endlichkeit bewusst. Aus diesem Bewusstsein heraus machten sich die Menschen Hoffnung, dass es nach dem Tod weiterginge, verstehst du? Aber das tut es nicht und ich glaube, dass auch du dir im tiefsten Inneren diesen Fakten bewusst bist. Religionen und die meisten anderen Weltanschauungen, Mike, sind ein ebenso endliches Vergnügen wie das Le­ben selbst. Und in den meisten Fällen wurden sie mit Gewalt verbreitet oder geändert. Die Germa­nen glaubten schließlich auch nicht ewig an Odin, Freja und Baldur, oder?“

Dem Betreuer entgleißten alle Gesichtszüge. Er schlug mit der Faust auf den Holztisch. „Ver­schwinde aus diesem Zelt, Daniel. Und versuch mir nicht allzu oft über den Weg zu laufen! Ich werde dich in den nächsten Tagen sehr genau im Auge behalten.“

Doch Daniel dachte nicht daran, aufzustehen. Er verzog die Lippen abermals zu einem breiten Grinsen. „Die Bibel ist etwa 2000 Jahre alt. Weißt du, Mike, woran die Menschen, vom jetzigen Zeitpunkt aus gerechnet, in 2000 Jahren glauben werden?“

Der Mann schüttelte langsam den Kopf. Daniels Gesicht verlor jeglichen Ausdruck und glich nun­mehr einer Maske, die eine eisige Kälte ausstrahlte.

Sie werden glauben, dass es Mittelerde tatsächlich gegeben hat und einen Herrn der Ringe. Nur weil es durch Schriften belegt ist.“

Was willst du damit sagen?“, wollte Mike lauernd wissen.

Ich will damit sagen…“, sagte Daniel, stand auf und beugte sich langsam über den Tisch. Der Be­treuer tat es ihm gleich und ihre Gesichter berührten sich beinahe. Daniels gefasstes, ausdruckslo­ses Gesicht und das mühsam beherrschte von Mike.

… dass die Bibel genau das ist, was es ist. Ein von Menschenhand erschaffenes Kompendium er­fundener Stories. Ein Fantasyroman wie Tolkiens Herr der Ringe. Nichts weiter als ein perfides Hirngespinst zur Unterdrückung der Massen. Verstehst du das, Mike?“ Nun schmunzelte er wieder dünn. „Nun, an was glaubst du jetzt noch? Habe ich dir die Augen geöffnet?“

Nun wurde Mike klar, wen er vor sich hatte. Dieser Junge war ein Verführer. Der Herr der Lügen. Schweiß brach auf seiner Stirn aus.

Verschwinde aus diesem Zelt, Daniel“, stieß er mit glänzender Stirn aus.

Nun stand Daniel auf und bewegte sich leise um den Tisch, nicht ohne den Betreuer weiterhin süf­fisant anzulächeln.

Der Betreuer stieß hörbar die Luft aus, als der Junge hinter der Eingangsöffnung verschwunden war.

Miriam hatte indes ihren ersten Schreck überwunden und wartete nun vor dem Betreuerzelt auf Daniel. Sie lehnte an einer mobilen Toilette und rauchte, ohne sich um eventuell bestehende Ver­bote zu kümmern. Als sie ihn herauskommen sah, erwiderte sie sein Grinsen. Dann schlenderte sie lässig auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und griff nach seiner Hand.

Diese Bastarde!“, meinte sie. „Wird mit Sicherheit keine allzu angenehme Nacht für dich, nicht wahr?“

Daniel schrak vor der ungewohnten Berührung zurück. „Das kannst du laut sagen.“

Was hat er zu dir gesagt? Gab es Ärger?“, wollte sie wissen.

Sagen wir, das Gespräch hat nicht das Ende genommen, das er sich vorgestellt hat.“, meinte Da­niel grinsend.

Gehen wir ein stückweit“, meinte sie.

Daniel zuckte mit den Schultern und sie gingen zusammen quer durch das Lager, um sich an die Bänke rund um die Lagerfeuerstelle zu setzen. Sie waren allein.

Nachdem sie eine Weile still dagesessen waren, nahm sie plötzlich erneut seine Hand. Sie spürte, wie er sich verspannte.

Ich weiß, dass es dir genauso geht wie mir“, meinte sie. „Ich meine damit die Berührungen. Du bist sie ebensowenig gewöhnt wie ich, nicht wahr?“

Es ist schon lange her, dass mich jemand anderes berührt hat“, gestand Daniel leise. „Ich glaube, meine Mutter hat dies des Öfteren getan.“

Miriam sah ihn an. „Was bedeutet das? Liebt sie dich nicht mehr?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie ist tot. Krebs. Alles, was mich noch an sie erinnert, ist das Auto, dass sie mir vererbt hat.“

Das, mit dem du gekommen bist?“, fragte sie.

Welches denn sonst?“, lachte er. „Ich habe bestimmt nicht die Kohlen, mir noch eines leisten zu können. Den Sprit und die Versicherung bezahlt mein Onkel freiwillig. Ich glaube, er ist ganz froh darum, wenn er mich so wenig wie möglich zuhause zu Gesicht bekommt.“

Scheint ja nicht viel abzugehen bei dir zuhause, hm?“, hakte sie nach.

Du hast ja keine Ahnung.“

Miriam schaute ihn traurig an. „Dein Onkel schenkt dir wenigstens gar keine Aufmerksamkeit…“

Daniel blickte entgeistert zurück. „Was soll daran denn bitte gut sein?“

Miriam sagte nichts, sondern wischte sich mit einer Hand die gerade aufgetragene Schminke von den Augen. Daniel sah sie an und erstarrte.

Das Mädchen verdeckte mit ihrem Lidschatten ein gewaltiges, blau unterlaufenes Veilchen.

Das war mein Dad vor zwei Tagen. Er hatte getrunken wie beinahe jeden Abend. Er kam gegen zwölf nach Hause. Er ließ sich wie ein nasser Sack auf mich fallen, als ich die Tür öffnete. Ich half ihm lediglich, nach oben in sein Schlafzimmer zu gelangen. Als wir das Ende der Treppe erreicht hatten, drehte er sich auf einmal um und schlug mir seine Faust auf’s Auge. Dann wurde es dun­kel. Als ich aufwachte, lag ich im Bett. Ich muss wohl das Bewusstsein verloren haben. Das Erste, was ich sah, war das Gesicht meiner Mum. Auch sie hatten einen blauen Fleck im Gesicht. Und sie hatte rotgeweinte Augen…“

Die letzten Worte waren in einem Schluchzen untergegangen.

Das tut mir echt leid“, sagte Daniel hilflos. Dann tat er etwas, was er noch nie von sich aus getan hatte: Er nahm sie in die Arme. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

Wir sollten sie alle dafür büßen lassen“, flüsterte sie. So blieben sie noch etwa eine Stunde sitzen, bis sich die anderen Teenager durch lauthals gebrülltes Johlen ankündigten. Bevor die Meute die beiden erreichten, standen sie auf und suchten das Gemeinschaftszelt auf, um zu Abend zu essen.

Als Daniel im schließlich Schlafsack lag, ließ er den vergangenen Nachmittag Revue passieren. Die tobenden Gedanken in seinem Kopf wirbelten wie wild herum und hinderten die aufkommende Müdigkeit daran, ihn zu übermannen. Ihm war bewusst, dass er es in den nächsten Tagen nicht leicht haben würde. Und immer wieder peitschte ihn sein Gewissen dafür, dass er sich für diesen kurzweiligen Tapetenwechsel entschieden hatte. Immer heftiger drängte sich ihm die Frage auf, was er hier verloren hatte. Es handelte sich bei den ihm umgebenden Jungen um einen Haufen von Bauernjungs mit stockkonservativer Einstellung, beaufsichtigt von einem noch viel konservati­veren Betreuer. Dies war nicht seine Welt. Seine Welt gehörte allein ihm und er betrachtete dies al­les als eine Art Einmischung. Doch etwas anderes hatte sich in seine Vorstellung eingemischt, mit dem er nicht gerechnet hatte und das ihn umtrieb. Miriam. Dieses unscheinbare, scheinbar vom gleichen Schicksal, oder besser, dem schlimmeren, heimgesuchte Mädchen. Er verspürte ein Ge­fühl, dass er noch nie im Leben zuvor verspürt hatte. War es etwa Liebe? Sowie es in den zahllo­sen Horrorschmöckern bestenfalls als Nebenstory erwähnt wurde? Oder war es so etwas wie eine der vielen Emotionen?

Seine Gedanken wurden von keuchendem Atem und dem Rascheln von Polyester neben ihm ver­drängt. Irgend jemand masturbierte neben ihm. Daniel unterdrückte einen Würgereiz und konzen­trierte sich mehr auf seine wirren Gedanken, die durch Miriam noch mehr durcheinander gebracht wurden. Ein lautes Seufzen, etwa 15 Minuten später, ließ ihn schlussfolgern, dass, wer auch im­mer der Ekeltyp war, mit seinem Geschäft fertig war.

Ein weiterer Schauer überkam Daniel.

Ich halte es hier nicht mehr aus, dachte er. Was habe ich mir nur angetan? Ich gehöre hier nicht her, ich sollte…

…gehen!“, sagte Mike erregt. „Er wird die ganze Organisation in Verruf bringen. Wir haben sechs Jahre lang regelmäßig dieses Lager organisiert, um den Jugendlichen eine Alternative zu bieten. Um ihnen gewisse Sitten beizubringen, die das zwischenmenschliche Zusammenleben erleichtern. Und nun kommt dieser Außenseiter daher und macht uns das Leben schwer.“

Seine Kollegin Esther nippte an ihrem Tee und sah ihn durchdringend an. „Ich kann dich verste­hen, Marc. Andererseits haben manche eben Startschwierigkeiten. Ich will damit sagen, dass du die ganze Sache ein wenig… anders beleuchten solltest. Du weißt nicht, was der Junge durchge­macht hat. Soetwas kommt nun mal nicht von ungefähr. Gib ihm eine Chance.“

Mike schwieg eine Sekunde lang und schien über das Gesagte nachzudenken. „Es ist noch nie vorgekommen, dass einer unserer Jugendlichen schon Ärger hatte, obwohl er erst 10 Minuten hier war, Esther. Du kannst die Sache so schönreden, wie du willst. Wir werden unsere Schwierigkeiten mit ihm haben. Ich bin froh, wenn die Woche vorbei ist.“

Ich habe niemals irgendetwas schönreden wollen,Mike“, konterte Esther energisch und wischte sich die blondgelockten Haare aus der Stirn. „Ich sage nur, dass du es mit deinem pädagogischen Konzept oder was auch immer du dir zurechtgelegt hast, ein wenig übertreibst. So wie du reagiert hast… das war einfach nicht richtig. Wir sollten das sachliche Gespräch mit ihm suchen.“

Wer erzieht hier eigentlich wen?“, knurrte Mike. „Du mich oder wir die Kids?“

Esther seufzte tief und stellte ihre Tasse ab. „Auch von Erziehen kann keine Rede sein. Das ist we­der meine noch deine Aufgabe. Das ist allein den Eltern vorbehalten.“

Dann hatten seine ja wohl richtig Erfolg“, konterte der junge Mann sarkastisch.

Esther funkelte ihn wütend an. „Seine Mutter ist tot, Mike!“

Der Betreuer runzelte die Stirn, dann ballte er eine Faust vor dem Mund und hüstelte verlegen.

Das habe ich nicht gewusst.“

Dann weißt du es jetzt“, sagte Esther bestimmt. „Seine Tante hat es im Vorgespräch erzählt. Mög­licherweise wirst du ihn jetzt vielleicht ein wenig anders bewerten.“

Mike nickte und stand auf. „Ich werde ihn beobachten. Soviel Kontrolle muss erlaubt sein.“


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 2: Nachtspaziergang

Thomas Buckel

Thomas Buckel

1980 in Augsburg geboren.
Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren.
Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege.
Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg.

Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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