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Bathtime Stories (Kapitel 1: Sommer 1992)

Intro

Kapitel 1: Sommer 1992

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Der schlacksige, blasse, siebzehnjährige Junge lehnte am Pickup seiner Mutter und rauchte eine Zigarette. Er beobachtete die blauen Dunstwolken, die seinen Kopf umwallten und merkte, wie das Nikotin seine Gedanken ordnete. Dies waren die einzigen verdammten zehn Minuten, in denen er sich konzentrieren und entspannen konnte. Die übrige Zeit verbrachte er meist damit, zu lamentie­ren und den stets vergeblichen Versuch zu unternehmen, sich einen Überblick über seine wirre Gedankenwelt zu schaffen. Er dachte an alles. Politik, Ungerechtigkeit, Trauer, Euphorie und die heuchlerische Überbewertung seiner selbst. Er interessierte sich für alles und nichts. Naturwissen­schaften ließ er ein ebenso gesteigertes Interesse angedeihen wie der Welt des Paranormalen. Auch Sekten, Religionen, sowie Raumfahrt und Astrophysik genossen seine Aufmerksamkeit. Er informierte sich viel. Über die Glanzzeit des Atheismus und der Aufklärung Mitte des 19. Jahrhun­derts. Die großen deutschen Philosophen und Intellektuellen. Immanuel Kant. Ludwig Feuerbach. Friedrich Nietzsche. Und dann war da noch Charles Darwin. Er verschlang deren kontroverse Schriften ebenso wie die Bibel, den Talmud und den Koran, um einen Kontext zwischen Religion und wissenschaftlichen Erkenntnissen und Vermutungen zu finden.

Für viele seiner Schulkameraden galt er als Freak, als unberechenbarer Wirrkopf. Er wusste nicht, wo er eigentlich im Leben stand oder was seine persönliche Bestimmung war. Er hatte viel Unsinn angestellt und war einige Male beinahe straffällig geworden. Einige Gruppen diverser Art, zumeist politischer, waren auf ihn aufmerksam geworden. Er hatte sich manchen von ihnen zeitweilig ange­schlossen, hatte sich aber bald darauf wieder von ihnen distanziert. Nach einigen Jahren der Des­orientiertheit hatte er die Schnauze voll gehabt und beschlossen, nur noch sein eigenes Ding zu machen und das zu tun, was er persönlich für das Richtige hielt. Er hatte sich immer mehr zurück­gezogen und war kaum noch in Kontakt mit der Außenwelt getreten. Er hüllte sich in dunkle Klei­dung und war kaum noch zu Hause. Seine Mutter hatte sich immer sehr um ihn gekümmert, wo­hingegen sein Vater, ein rücksichtsloser Säufer, irgendwann mit irgendeiner billigen Schnalle das Weite gesucht hatte. Mary MacArthur war über die Maßen besorgt um ihren Sohn und verhätschel­te ihn, wo sie nur konnte. Ihr Herz war größer als ihr Portmonnaie. Eine tödliche Krebserkrankung beendete ihre Sorgen schließlich. Daniel hatte ihren Wagen, faktisch ihren einzigen wirklichen Be­sitz, geerbt und lebte nun bei seinem Onkel und seiner Tante in der Cranberry Street in London.

Die beiden verhielten sich eher reserviert und ihm gegenüber abweisend. Es war seinem Onkel Barney nicht ganz recht, einen solchen „Verrückten“ durchfüttern zu müssen, der in der Schule ge­nauso versagte wie im Leben. Schließlich war er Vorstandsmitglied eines führenden Londoner Lie­ferunternehmens und konnte sich solche familiären Härtefälle, wie sie Daniel offensichtlich darstell­te, nicht erlauben. Seine Tante Margret war vom selben Schlag. Stolz, selbstsüchtig und dennoch stets im Schatten ihres Mannes stehend, hielt sie ihm ständig vor, wie dankbar er ihnen doch sein könnte, dass sie ihn aufgenommen hatten. Den verkommenen Sonderling, der sich an Armen und Beinen ritzte, am Borderline-Syndrom litt und ständig vor sich hinbrabbelte. Den keiner verstehen konnte, weil er niemanden an sich heran ließ.

Dies war auch der Grund, warum ihm die beiden sofort, wenn auch mit einem gewissen Gefühl der Verwunderung, die Teilnahme an der jährlichen Jugendfreizeit der Church of England erlaubten. Onkel Barney war es zunächst schleierhaft, warum sich sein Neffe auf einmal für die Gesellschaft anderer interessierte. Andererseits war er aber auch froh, diese kleine Nervensäge wenigstens eine Woche nicht um sich herum zu wissen. Kopfschüttelnd unterzeichnete er das Teilnahmefor­mular und schickte es ab. Vier Wochen später fuhr Daniel bereits mit Zelt und Equipment ins weit entfernte Archer’s Joy.

In der Tat hatte er in den letzten Wochen versucht, seinen Unmut über diese schlechte Welt und seine unsteten Gedanken in eine brauchbare Form zu bringen. In ihm brannte der Wunsch und der Wille, endlich ein stückweit zur Normalität zu finden. Immerhin seine schwarze Melone hatte er zu Hause gelassen.

Doch schon während der Fahrt waren die vielen Eindrücke wiedergekehrt und er war in eine derart tiefe Depression verfallen, dass er mehrfach anhalten musste, um sich beinahe die Augen auszu­weinen. Während er auf der staubigen Straße fuhr, schien seine Umwelt in einer immer wiederkeh­renden Schleife zu beiden Seiten des Wagens vorbeizudriften. Jedes Feld sah wie das andere aus. Jeder Baum glich dem anderen bis aufs Blatt. Es war wie ein schlechter Film mit nur einer Szene, die sich stets wiederholte, immer weiter, immer weiter, immer weiter und noch einmal von vorn…

Er konnte sich nicht mehr an die Details seiner Fahrt erinnern, als er endlich, gegen vier Uhr nach­mittag jenen Wald erreichte, auf dessen großer Lichter sich das Sommerlager befand. Er parkte den Pickup auf einem kleinen Parkplatz etwa 400 Meter vor der Holzpalisade, die das Gelände umgab. Lustlos zündete er sich eine Zigarette an. Er ging davon aus, dass während der Dauer der Jugendfreizeit Rauchverbot herrschen würde. Also sog er nun so genussvoll wie möglich den Rauch in seine Lungenflügel. Als er ihn wieder ausstieß, stieg er in bläulich-weißen Schwaden vor seinem Gesicht auf und ließ seine dunkel umrandeten Augen tränen. Er spürte, wie er sich ent­spannte. Dann verlor sich der Dampf in der lauen, sommerlichen Luft und gab die Sicht auf die Straße frei.

Dann sah er sie zum ersten Mal. Sie war klein, ein wenig kräftig gebaut und trug schwarze Klamot­ten. Ein etwas zu knapp geratener Rock umschmiegte ihre Beine, die in schwarzen Netzstrümpfen steckten und in kniehohe Springerstiefel mündeten. Sie trug eine kleine Lederjacke und langes, pechschwarzes Haar fiel in sanften, langen Bahnen über ihre Schultern. Über je einer Schulter trug sie eine große schwarze Tasche und ihre Reisetasche. Sie ging wortlos an ihm vorbei.

Nichts, was ich nicht gewöhnt wäre, dachte Daniel sarkastisch.

Plötzlich geschah das Unglaubliche. Sie drehte sich nach ihm um.

Gehörst du auch zu den Teilnehmern?“, fragte sie.

Daniels Herz begann, wild zu schlagen.

Ich… ja. Ich wollte nur noch eine rauchen“, erwiderte er schüchtern.

Sie lächelte ihn frech an. „Dann komm schon mit. Ich gehe nicht gern allein. Ich muss es oft genug tun.“

Unsicher folgte Daniel ihr. Während er auf sie zuging, ließ er die Zigarettenkippe achtlos auf den Boden fallen.

Du solltest sie vielleicht wenigstens austreten“, meinte sie. „Es ist Sommer. Waldbrände und so. Du weißt schon.“

Sicher“, hüstelte Daniel verlegen. Wieder begann sich das Gedankenkarussell in seinem Gehirn zu drehen. Noch viel heftiger als sonst, wie er empfand. Noch nie hatte ihn ein Mädchen auf diese Weise angesprochen.

Du stammst nicht aus der Gegend, nicht wahr?“, fragte sie ihn.

Er verneinte. „Ich… glaube nicht, dass ich hierher passen würde. Jedenfalls nicht dauerhaft.“

Sie streckte ihm die Hand hin. „Miriam Blackham. Ich komme aus Archer’s Joy. Ich habe zwar kei­ne wirklichen Freunde, aber wollen wir doch mal sehen, was sich ergibt.“ Wieder lächelte sie kess.

Ich bin Daniel“, entgegnete der Junge und nahm ihre Hand. „Daniel MacArthur. London, ansons­ten dieselbe Geschichte.“

Oh!“, machte sie und musterte ihn, während sie auf das große Tor zugingen. „Sieht aus, als wür­den wir uns perfekt ergänzen, stimmt’s?“

In manchen Punkten definitiv“, murmelte Daniel und wandte rasch seinen Blick von ihr ab. Gedan­kenverloren starrte er in den von Sonnenstrahlen durchdrungenen Wald.

Er spürte den sandigen Grund unter seinen Stiefeln und spähte auf den von Tannennadeln und ersten rotgoldenen Blättern übersähten Weg.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 2: Konfrontationen

Thomas Buckel
Über Thomas Buckel (10 Artikel)
1980 in Augsburg geboren. Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren. Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege. Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg. Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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