Bathtime Stories (Intro)

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Intro

Die wärmenden Strahlen der Sonne erheitern unser Gemüt. Frei wie die Vögel fliegen wir über die sanften Hügel und die wilden, zerklüfteten Küsten Südwestenglands. Wir verspüren einen unendli­chen Frieden. Unser Blick fällt auf die weiten Kornfelder, die von den Bauern der Region unter schweißtreibender Mühe angelegt und bewirtschaftet werden.

Schließlich, nachdem wir uns sicher sind, dass wir nichts Großartiges verpasst haben und das Le­ben auf dem Boden seinen gewohnten Lauf nimmt, schwenken wir ab und wenden uns der stürmi­schen Atlantikküste zu. Wir atmen die wohltuende, sauerstoffreiche und salzige Luft ein, die uns in die Nase dringt. Wir schließen für einen kurzen Moment die Augen und fallen beinahe in eine Art Trance. Die Geräusche der Natur auf dem Höhepunkt ihrer Blütezeit dringen schon beinahe auf­dringlich an unser Ohr. Dann können wir endlich die ersten Häuser des Küstenstädtchens Archer’s Joy ausmachen. Dieses bezaubernde, kleine Örtchen ist sogar von einer bescheidenen, histori­schen Mauer umgeben! Innerhalb dieser Mauer finden sich entzückende, kleine Häuser, etwa drei­ßig an der Zahl, sowie zwei eher geduckt und vereinsamt wirkende Pubs.

Bevor wir das Dorf erreichen, machen wir kehrt und wenden uns Richtung Osten. Dort erwartet uns ein Waldstück. Während wir die ersten Bäume passieren, stellen wir bereits die eigenartige Stimmung in dem eigentlich sehr gepflegten Gehölzes fest.

Kein Vogel zwitschert und nicht einmal das Flüstern des Windes in den Zweigen lässt auf eine Spur von Leben in den Blättern schließen. Nur das monotone Summen von Mückenschwärmen ist zu vernehmen. Die Stämme wachsen lang und dünn aus dem Waldboden und entladen sich in mächtigen Kronen. Spärlich fällt Sonnenlicht zwischen den Ästen hindurch und übersäht den von Kiefernzapfen bedeckten Waldboden mit hellen zahllosen Flecken. Als brenne das Laub. Als glim­me es zwischen den Gräsern und im Moos. Duftende Waldblumen in verschiedenartigen Farben tauchen vereinzelt zwischen den Wurzeln der Bäume auf. Wir können einen kleinen Waldweg aus­machen, der unter uns dahingleitet und entschließen uns, ihm zu folgen.

Die Straße wirkt alt und verbraucht. Ein einzelner Cabrio braust über den Waldweg und wirbelt den Staub dermaßen auf, dass die ganze Umgebung in einem undurchdringlichen Nebel aus Sand und Steinen versinkt. Wir haben große Mühe, mit dem Wagen schrittzuhalten. Winzige Kiesel schlagen gegen die Karosserie, als rassle die Orff-Gruppe eines Kinderhortes. Der Geruch von Abgasen be­nebelt unsere Sinne. Am Steuer sitzt eine junge Frau von etwa 20 Jahren. Sie ist sichtlich aufge­löst und wir hören sie immer wieder schluchzen und einen Namen rufen. „PASCAL! O MEIN GOTT! PASCAL!“ Nach etwa zehn Minuten hält der Wagen vor einer großen Holzpalisade an.

Summer Sky Youngster’s Camp“ steht über dem in die Holzmauer eingelassenen Tor. Die junge Frau steigt hastig, mit tränenunterlaufenen Augen, aus dem Cabrio und lehnt die Torfügel auf. Wir nutzen die Gelegenheit, um zwischen ihnen hindurchzufliegen.

Uns bietet sich ein ernüchternder Anblick:

Campinggeschirr liegt allerorten im Gras, zum Teil verdreckt und zerbrochen. Eine große Hüpf­schlange liegt, in Stücke zerrissen, am Boden und es stinkt entsetzlich nach irgendetwas Metalli­schem. Bänke, scheinbar von einer Axt oder einem ähnlichen Gegenstand zerhackt, liegen zwi­schen den Gläsern, Messern, Gabeln und Löffeln. Trunkene Gnitzen schweben in großen Trauben über dem Chaos.

Ein großer Kessel liegt träge vor einem großen Blockhaus. Er wirkt auf groteske Art und Weise wie ein dicker, eiserner Mann, der einen Happen zu viel erwischt hat und sich nun, aufgrund seiner Fettleibigkeit, nicht einmal mehr richtig hinlegen kann, um sein Verdauungsschläfchen zu halten.

Die Tür dieses Blockhauses ist herausgeschlagen. Die Scharniere sind noch am Türstock befes­tigt. Aus der Hütte dringt der süßlich- aufdringliche Geruch einsetzender Verwesung. Wir wollen uns den Anblick seiner Ursache ersparen und drehen ab, kurz bevor wir den Eingang erreichen. Nun erst fällt uns das matte Glitzern zwischen all dem Schutt auf. Wir gehen etwas tiefer und be­merken, dass es sich um Gewehrpatronen handelt. Nun können wir uns sicher sein, dass hier ein Massaker stattgefunden hat. Zu Hunderten liegen sie auf dem Boden verstreut, ohne Projektil, so dass man in ihre langen Messinghülsen starren kann. In finstere Löcher, aus denen es nach ihrer Treibladung riecht. Wir haben bislang noch keine Opfer gesehen und fühlen uns auch nicht ambi­tioniert, nach ihnen zu suchen.

Die junge Frau kommt uns entgegen, mit aufgelöstem, panischen Blick. Sie stolpert durch die Scherben. Fällt. Steht mit blutigen Knien und aufgeschlagenen Handballen wieder auf. Manche ih­rer Haare fliegen wirr durch die Luft, während andere an ihrer verschwitzten Stirn kleben.

Sie wankt wie im Traum auf das Blockhaus zu, vor dem der Kessel liegt. Wir sehen sie im Dunkeln verschwinden wie einen Geist in den Schatten. Wir sind jetzt ganz ruhig. Die Vögel um uns herum singen unbeeindruckt und auch der zuvor so schweigsame Wald kommentiert das Geschehen nun auf nahezu desinteressierte Art mit den Geräuschen, die ihm zueigen sind. Wir hören die Bäume im warmen Sommerwind rauschen und flüstern und bemerken auch schon das eine oder andere braune Blatt, das vom Wind erfasst, durch die Luft gaukelt.

Wir lassen uns auf einem zerbrochenen Fahnenmast nieder und schenken unsere Aufmerksamkeit wieder jener Hütte, in der das Mädchen verschwunden ist. Wir sehen in der Finsternis den Schein einer Taschenlampe aufglimmen. Er irrt ein paarmal umher und hält schließlich inne. Zwei Sekun­den später gellt ein infernalischer Schrei über den Campingplatz. Ohne weiter darüber nachzuden­ken, erheben wir uns mit flatternden Flügeln und brausen in blitzschneller Geschwindigkeit durch die beiden offenen Torflügel.

Nun wird es Zeit, die Menschen in Archer’s Joy zu besuchen.

Als wir uns wieder auf der staubigen Waldstraße befinden, liegt eine seltsame, unbehagliche Be­trübnis auf unseren Herzen. Die Strahlen der Sonne wirken aschfahl und werfen nunmehr seltsa­me, bleiche Gebilde auf den Waldboden. Zum Summen der Mückenschwärme hat sich nun noch das kontinuierliche Zirpen der Grillen hinzugesellt. Bleiche Motten umschwärmen uns wie…

Geister. Wir sehen Geister. Geister zwischen den Ästen und im frühen Herbstlaub. Sie lachen. Wir hören das fröhliche Gelächter von Kindern und das eher zurückhaltende der Betreuer.

Wir schließen ohnmächtig die Augen und öffnen sie gerade rechtzeitig genug wieder, um einer di­cken Eiche auszuweichen, die sich vor uns aufgebaut hat, in der Absicht, auch uns im Bruchteil ei­ner Sekunde das jugendliche Leben auszuhauchen. Sowie es Daniel MacArthur mit den Jungs und Mädels aus dem Sommercamp getan hat. Daniel MacArthur mit den geritzten Armen und Beinen, mit seinem langen Ledermantel, den er tagein, tagaus trug. Bei jedem Wetter, das ganze Jahr. Da­niel MacArthur mit dem bleichen, geschminktem Gesicht, mit schwarzem Lidschatten und diesen Augen, in denen sich Gleichgültigkeit und stete Trauer einten. Daniel MacArthur, dessen Gedan­ken so düster waren wie sein zerstörtes Leben selbst und der nur darauf wartete, jenen, die ihn missbrauchten, das ihre zu nehmen. Daniel MacArthur, der seinen Rachefeldzug nicht beenden konnte und schon bald zurückkehren wird, weil er noch eine Rechnung zu begleichen hat. Und Mi­riam, die ähnlich gesinnt und somit die Einzige war, mit der er sich jemals in diesem verdammten Leben hatte identifizieren können…

Wir überfliegen die kleine, aber dennoch robuste Mauer und direkt über die Köpfe der Menschen­menge hinweg, die sich auf dem kleinen Platz unmittelbar hinter dem Tor gesammelt hat. Wir kön­nen einzelne Gesprächsfetzen auffassen. Heute ist ein besonderer Tag. Heute ist ein anderer Tag. Nichts scheint so zu sein, wie es die Bewohner dieses doch eher verschlafenen Provinznestes ge­wöhnt sind.

Es befinden sich kaum jüngere Leute unter ihnen. Die meisten von ihnen haben die 40 überschrit­ten. Bei genauerem Hinsehen fällt uns auf, dass viele der Menschen weinen. Mütter schreien kurz und spitz auf oder lang und klagend. Väter raufen sich die Haare, geben sich selbst die Schuld an dem, was geschehen ist. Die wenigen Jungen, die noch da sind, stehen fassungslos um ihre Eltern herum und starren mit dumpfem Blick auf den Teppich von etwa zwei Dutzend meist jugendlichen Leichen, vor dem sie stehen. Sie sind die Geschwister der Opfer des Amoklaufs, die sie nun zu identifizieren gezwungen sind, und wir können die Tränen der Verzweiflung in ihren Augen glitzern sehen. Denn nun wissen sie, dass Archer’s Joy seine besten Jahre hinter sich hat. Nun wissen sie, dass sie die einzigen sind, die noch verbleiben. Nichts wird wieder so sein, wie es war.

Wir kreisen noch einen Augenblick über der schauerlichen Szenerie, um uns dann einem anderen Bereich des Dorfes zuzuwenden. Wir durchfliegen die Madison Lane, eine kleine Straße, die durch ein Spalier von niedrigen, grauen Häusern führt. Während des Fluges fällt uns eine dünne Blutspur auf, die von den Toten wegführt. Kurz bevor wir das Ende erreichen biegen wir, dieser Linie fol­gend, nach rechts ab und finden uns vor der Kirche wieder. Die entsetzliche, rote Linie führt zum Friedhof. Unser Herz beginnt schneller zu schlagen. Nun sehen wir eine Gestalt zwischen den Grabsteinen liegen. Wir flattern herab, um nachzusehen, um wen es sich handelt. Wir sehen ledig­lich einen schwarzen Ledermantel. Ein dünner, bleicher Körper ist davon umhüllt. Daniel MacAr­thurs geisterhaftes Antlitz wird von einem einzelnen Einschussloch verunziert. Man hat ihm mitten in die Stirn geschossen. Das Projektil hat sein Vorderhirn in eine breiige Masse verwandelt und ist oberhalb seiner Schläfe wieder ausgetreten. Wir können seine weit aufgerissenen eisblauen Au­gen sehen sowie lange, schwarze Haare, besprenkelt mit Blutstropfen und einer Mischung aus Schädelknochensplittern und Gehirnresten. Wir ertragen den Anblick nicht länger und verlassen Archer’s Joy auf dem nächstbesten Weg.

Als wir in die Abenddämmerung fliegen, können wir die beinahe klagenden Schreie der Seemöwen hören, die gedämpft an unser Ohr dringen. Der Sommer ist fast vorbei.


Morgen geht’s weiter mit Kapitel 1: Sommer 1992

Thomas Buckel

Thomas Buckel

1980 in Augsburg geboren.
Erste Schreibversuche im Alter von 10 Jahren.
Ausbildung zum Verkäufer und in der Altenpflege.
Zur Zeit Abendgymnasium in Augsburg.

Veröffentlichungen: Bathtime Stories beim AAVAA-Verlag/Berlin (erhältlich seit 01.09.2016)

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