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Bartholomäus geht zum Wirt

Ich kannte niemanden, der sich so wie er eindringlich damit beschäftigen konnte, den Boden abzusuchen, als ob dort im Dreck die Handform einer Luke zu finden wäre, eine bestimmte Unebenheit, verräterisch, nur einmal auffindbar und danach für immer verloren. Seine Reise war zu Ende, sein Kummer im Schnnupftuch verborgen, das noch aus dieser Zeit stammte, die er auf der Haut trug, in den Eingeweiden, in den Knochen, die keine Stauchung mehr ertrugen, weshalb er weite Hosen trug, weite Hemden, aufgebläht wie ein frisch befüllter Ballon, und sich dann bückte, weil er einige Zigarettenkippen um die Telefonzelle herum gefunden hatte, die er in einen Plastikbeutel steckte, den er in seiner Manteltasche verbarg, nur ein Transportgerät, die Ladefläche des Gefallenen, um sie später zu rauchen, nachdem er den Tabak getrocknet hatte.
Man konnte nie voraus sagen, wann der Mann durch seine Bewegung log, wann er vorhatte, der eine zu sein, der ihn vom anderen unterschied. Die Luft war kalt und alles, was er fand, war nass, ein Argument, die beheizte Hütte an den Geleisen aufzusuchen, auch wenn er Feuer verabscheute, die mangelnde Existenz flackernder Feuerflügel. In seiner eigenen Kate hatte er nichts davon, zitterte sich dennoch selten in den Schlaf, der aus vergangenen Brosamen bestand, Bilder, die ihn stets dorthin riefen, wo er gerade nicht war oder sein wollte. Er hatte etwas Entscheidendes vergessen, auch wenn er die Hälfte davon nie erlebt hatte, die nachlassende Wut, die ihn zu einer Rache zwang, die er sich auch jetzt noch zu äußern vorstellte, als segenspendender Fluch, immer im Wege, aber so weit entfernt wie ein entflohener Geist. Der Schnee schmolz und wurde zu Regen, die Monate fielen aus den Fenstern, die er passierte, ohne sich selbst dahinter zu erkennen, in den trockenen Räumen fremder Geheimnisse, die ihn baten, zu bleiben, wo er jetzt war. Ich könnte mich bemerkbar machen, dachte er sich, einen Stein nehmen und mich bemerkbar machen. Der Regen ruinierte seinen Umfang und er sah aus wie ein spazierender Wasserfall. Größere Beute konnte er in den drei Kneipen machen, wenn man ihn überhaupt eintreten ließ, wenn man dem Verirrten zugestand, die Nachtwächter zu trinken, die in den Bierschläuchen auf ein Ereignis gewartet hatten, immer aber auf den nächsten Tag, den nächsten Abend, vielleicht auf dem Klo rumzustehen.
Als gehörte er weniger zu den Menschen als zur Straße, den Gebäuden, den Fassaden, als wäre er aus Staub gebaut und nur peripher zu erkennen, wenn der Blickwinkel eine bestimmte Position einnahm, tappte Bartholomäus die Stufen zum Gasthof hinauf, der auf den ersten Blick wie eine Räuberhöhle wirkte, wie ein vergessenes Relikt, das in der Zeit nicht mitgenommen wurde. Die Wände waren karg, eine Leinwand für Licht und Schatten. Die Schritte, mit denen Bartholomäus den Weg ertastete, erfüllten den letzten Winkel der großen Stube. Niemand saß auf den Holzstühlen, nur das Kühlaggregat ächzte und blubberte einen Willkommensgruß. Trampelnde Echos mutierten wie in einem Höllenstollen zu einer hallenden, hypnotischen Akustik.
»Sie gibt Ihnen also immer noch nichts?«
Woher die Leute doch so viel wussten. Er gäbe all das, was er freilich nicht besaß, dafür, auch nur einen Bruchteil davon über sich selbst zu wissen. In seinen Träumen wusste er alles, sah sich inmitten einer Flammenwand stehen, aber das brachte ihm nicht viel ein.
Bartholomäus blieb stehen, fasste in seine insektensteife Manteltasche und schüttelte den halb mit Kippen gefüllten Brotzeitbeutel. Asche raschelte, Kippen taumelten. »Seitdem es keine Zigarettenwerbung mehr im Fernsehen gibt, weiß ich nicht mehr, was ich rauchen soll.«
Der Wirt bückte sich, griff nach einem Zuber und stellt ihn vor sich hin. »Verstehe Sie nicht, gibt doch überall Werbeplakate. Die sagen es Ihnen.«
Die Nachbarhäuser wisperten, angefasst vom Wind. Hopfengeruch kräuselte aus den Fensterritzen.
»Aber niemand spricht mehr mit mir.« Bartholomäus packte das Aschegefäß mit beiden Händen und füllt seinen Beutel, trank das schaumlose Bier, das über Nacht in der Leitung gestanden hatte und verzog sich in Richtung Bahnhof, in dem an kalten Tagen der Ofen brummte. Niemand war da, der ihn schürte, aber heiß war er immer. Er zog sich dorthin zurück, um nachzudenken. Er mistete für Esrabella Gräf die Hühnerställe aus, klaubte fedrige Eier ein und durfte dafür in einer Hütte übernachten, die in den Wald hinein stach. Das war nicht weit von jener Stelle entfernt, an der das Undenkbare stattgefunden hatte. Aber auch diese Erinnerung ging ein in die Sphäre seiner Träume.
Die Witwe selbst wirkte, als er sie zum ersten Mal sah, weniger bedrohlich, weniger hexenhaft, wenn sie nicht in Begleitung dieser überaus verrückten Erscheinungen gewesen wäre, die sich wie Clowns in einem Pantomimenzirkus benahmen und die aufgetaucht waren, als er schon geglaubt hatte, dem Lynchmob nicht mehr entkommen zu können. 

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort

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