Babel

Der Turm wurde fertiggebaut. Gottes Zorn, er hatte ja schließlich die Sprachverwirrung gestiftet, heftig war er anfangs gewesen, machte bald der Freude Platz, was seine Ebenbilder, denen er die Erde überlassen hatte, denn Wagemutiges zusammenbrächten. Gut, sie hatten sich von ihm emanzipiert, aber das taten die Frauen ja von ihren Männern Jahrtausende später auch, ohne dass er eingeschritten wäre. Aus des Mannes Rippe waren sie gemacht, zu seinem Zeitvertreib gedacht, und nun so etwas. Vielleicht hätte er den Menschen doch mit einem einfacheren Gehirn versehen sollen. Doch wer A sagt, muss auch B sagen, dachte sich Gott und ließ seine Wesen gewähren, vorerst einmal. Die Zikkurat war erst der Anfang. Die Handwerker, die sie errichtet hatten, blieben. Babel wurde die erste Weltmetropole, und sie blieb es bis zum heutigen Tag. Der neue Turm zu Babel ragt tausendeinhundertfünfzig Meter in die Höhe. Er besteht aus Stahl, Beton und grüngetöntem Glas. Ein goldener Halbmond ziert seine Spitze.

Auf der siebenhundertsiebzig Meter hoch gelegenen Aussichtsplattform, die von geknicktem, lichtdurchlässigem Kunststoff umspannt ist, zu verlockend wäre der lange Flug für Todessehnsüchtige, stand Jamal in seiner weißen im Wind flatternden Dischdascha. Die Sonne schien brennend, näher schien sie ihm als von zu ebener Erde, über der gewaltigen Stadt, viele, viele Kilometer weit nichts als in den Himmel strebende Häuser, das braun-blaue Band des Euphrat, in dem längst schon keine Fische mehr schwammen, Parks mit Bäumen besetzt, eine riesige Oase, winzige Autos und sich bewegende Punkte, die Menschen waren, dahinter die fast leblose Wüste, die doch besonnen war und der geeignete Ort, sich zu finden, denn hier in Babel hatte er sich schon als Kind verloren, in den ständig klimatisierten Räumen der Gebäudemoloche, die wie ein Gebirge waren, trat man auf die Straße, erblickte man die Sonne nur zur Mittagszeit. Er wusste ja gar nicht mehr, wie heiß sie war. Bis zu diesem Moment.

Jamal war Systemadministrator an der Babel Stock Exchange. Der elektronische Strom der Orders durfte niemals versiegen, sonst wäre der Reichtum der Stadt gefährdet gewesen. Nur einige Sekunden Datenstau hätte schon langen können, die Schönheit ihrer Blüte zum Verwelken zu bringen. Die Börse war, neben dem schwarzen Gold der Wüste, nicht nur der Motor ihrer Prosperität, sondern, mehr noch, sogar ihr Zylinderkolben. Tadellos funktionierte die Hardware, ständig wurde sie modernisiert, Jamal errichtete überbrückende Stromkreise, über die währenddessen die Transaktionen liefen, niemals noch standen sie still, die Software wurde laufend upgedated, geringfügige Fehler innerhalb von höchstens Stunden durch Reparaturprogramme beseitigt. Eine Maschine wie ein Raubtier, dessen Zähne immer spitzer wurden und dessen Hunger immer größer. Das Handelsvolumen stieg exponentiell. Ein Darmtumor, der sich bis zum Herzen vorgearbeitet hatte. Ein Organismus mit Glasfaserkabeln statt Blutgefäßen.

Jamal sah in die Sonne. Die Sonne sprach zu ihm. Sie war Gott. Er schob seine verspiegelte Brille hoch, um seinen Respekt zu bekunden. Weiß war die Sonne, und furios. „Jamal“, begann sie, „willst du mein Diener sein, dann lausche meinen Worten.“

Jamal war niemals besonders religiös gewesen, er hatte mit seinen Brüdern wohl die Koranschule besucht und betete fünfmal täglich, den Kopf demütig gegen Mekka gewandt, zu Ramadan aß er nicht des Tages, trank keinen Alkohol, verzichtete auf das Fleisch des sich im Dreck suhlenden Tieres, doch waren all dies für ihn bislang eher kulturelle Bräuche gewesen. „Siehst du nicht“, fuhr die Sonne fort, „dass diese Stadt verdorben ist, das Land, die gesamte Erde? Die Würmer fressen sich bereits durch die Weichteile eurer Leiber. In Wahrheit, eure Taten lassen es erkennen, huldigt ihr meinem dunklen Widersacher und nicht mir. Willst du nicht nur dein Volk bewahren, sondern alle dieses Gestirnes retten, musst du mir einen Dienst erweisen, welchen, musst selbst du wissen, doch lass mich dir sagen, kein geringer soll es sein. Sieben Tag hab ich zur Schöpfung verwendet, sieben Tag gewähr ich dir, sie lebendig zu halten.“ Jamal ließ seinen Blick an der Sonne haften. Er hörte nicht mehr das aufgeregte Plappern seiner Mitbürger und der Touristen. Der ferne Sand der Wüste legte sich an seine Haut, sein Gewand. Er ging umher. Seine Augen suchten immer wieder sie Sonne. Langsam verlor sie an Strahlkraft, ihr Licht wechselte ins Gelbliche, sie wurde orange. Kurz bevor die Wüste sie verschluckte, floss der Sonne arterienblutroter Schein über jedes Haus, jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein. Da wusste Jamal, was er zu tun hatte.

Spätabends kehrte er heim, was nicht ungewöhnlich war, Jamal arbeitete hart und verdiente dafür gutes Geld. Das Apartment bestand aus acht Zimmern und drei Badeeinheiten. Es lag im vierunddreißigsten Stock eines frisch hochgezogenen Gebäudes. Jamal und seine Gemahlin Samira hatten es vor knapp einem Jahr erworben. Ein Balkon war in dieser Exponiertheit leider nicht möglich gewesen. Das Gebäude war ein abgeschlossenes System für seine Bewohner. Betrat man es, gewahrte man sofort die vielen Wachmänner, die standen oder saßen. Wollte man jemanden besuchen, nannte man beim Empfang sein Anliegen und legte seine Personalien offen, ein Wachmann kontaktierte den zu Besuchenden, man erhielt eine Chipkarte, die man in den Schlitz der Kabine einer der Lifte schob, und man gelangte in das jeweilige Stockwerk, verließ man das Gebäude wieder, meldete man dies beim Empfang. Für seine Bewohner war die Chipkarte vorprogrammiert, für die Etage seiner Wohnung, ihr Betreten sowie das Dachgeschoß, das zwei große Swimmingpools mit türkisblau scheinendem Wasser, Fitnessgeräte und zwei Dampfbäder beherbergte, Männer sollten Frauen außer von ihnen geehelichte nur züchtig bekleidet sehen, daher wurde nach Geschlechtern getrennt, die Decke war transparent, man sah des Nachts die Sterne, und viele derer, die es sich erlauben konnten, hier zu leben, maßen sich auch mit ihnen. Das Apartment selbst war wieder ein eigenes in sich geschlossenes System, das seiner Familie Lebensraum, Zufluchtsstätte und Rückzugsort bot.

Diesmal rief Jamal nicht „Schatz, wo bist du?“, wie fast immer, wenn er im Vorraum stand und die Aktentasche abgestellt hatte. Samira saß um diese Zeit, wenn die Kinder schon im Bett waren oder sie zumindest alles getan hatte, um sie zu versorgen, meist vor ihrem Computer. Sie entwickelte E-Learning-Programme, die ihr monetär einiges einbrachten, doch erstellte sie sie hauptsächlich, um sich außerhalb des Haushaltes beschäftigt zu wissen. Sie hatte Architektur an einer der hiesigen Universitäten studiert, als Jamal und sie ein Paar wurden, nachdem die beiden Mädchen geboren worden waren, ihre Mutter kümmerte sich während der Tage um sie, setzte sie ihr Studium fort, doch das dritte Kind war wieder ein Mädchen gewesen, sie musste noch einmal mit dem ersehnten Jungen schwanger werden, der später den Namen „Nuri“ erhielt. Samiras Weg bis zum Abschlussexamen wäre kein weiter mehr gewesen, doch bei vier Kindern war an eine tagsüber terminisierte Werktätigkeit nicht mehr zu denken gewesen, also hatte sie ihr Studium aufgegeben. Sie wäre vielleicht eine weithin bekannte tollkühne Architektin der islamischen Moderne geworden, so wurde sie es im Kleinen, indem sie dieses Apartment geschmackvoll extravagant einrichtete und dekorierte, wie auch etliche andere von Freunden, Verwandten und Bekannten. Samira sah vom Bildschirm auf. Sie hatte doch, leise zwar, aber sie war darauf trainiert, denn ein Gatte braucht seiner in Liebe Versponnenen Zuwendung, das Geräusch der sich öffnenden und wieder zugleitenden Wohnungstür gehört, nur wo blieb ihres Mannes fragende Stimme?

Wenn man seine Ohren möglichst weit aufschließen könnte, dann hätte es Samira in diesem Moment getan. Aus Dunjas, ihrer ältesten Tochter, Zimmer vernahm sie feine Geräusche von umgeschlagen werdendem Papier, aus Sophies und Miriams gemeinsamen drang kein Laut, ebensowenig aus dem von Nuri, die Atemgeräusche ihres Schlafes waren zu leise, um durch die geschlossenen Türen geleitet zu werden. Ja genau, das war es, Atemgeräusche! Im Vorraum holte wiederkehrend jemand Luft und blies die verbrauchte aus seinen Lungen, wahrscheinlich ein Mann, keine Schritte, keine sonstigen Klänge, ihr Mann?, er könnte auch ein Einbrecher sein, zwar schwer vorstellbar, aber doch nicht hundertprozentig auszuschließen, vielleicht war ein Aufstand im Gange und die Security-Leute bestochen oder unter Druck gesetzt worden, den Zutrittscode zum Apartment auszuhändigen, solches war schon vereinzelt geschehen, der sich zuerst in der Wohnung orientieren wollte, ihr Jamal hätte doch etwas von sich gegeben, wenigstens einen selten ärgerlichen Ruf, wenn er über Gebühr angespannt war, sie hätte sich schon damit zufriedengegeben, aber da war keine Sprache, anscheinend keine Bewegung, nur noch nacktes Leben. Samira schlich zur einen Spalt offenstehenden Tür ihres Arbeitszimmers, von der Anrichte hatte sie die Elektrische Pistole, welche für gefährdete Zivilpersonen, als solche galt Jamal, freigegeben war, die, ähnlich einem Taser, Häkchen in den Körper schießt, durch die Strom geführt wird, was zu Muskellähmungen führt und den Gegner bewegungsunfähig macht. Sie sah durch den Türspalt. Es war kein Einbrecher, wen sie sah, war ihr Jamal. Steif stand er wie Lots Frau, nachdem sie zur Salzsäule erstarrt war, hier war er, doch zugleich unendlich weit weg. Sie riss die Tür ihres Arbeitszimmers auf und stellte sich in ihren Rahmen. „Liebling, was ist los?“, wollte sie ihm zurufen, sie widerstand dem Drang, zu ihm hinzulaufen und ihn zu umarmen, da drehte er sein Gesicht in ihre Richtung, sie blickte in seine Augen, die von dem dunklen Braun der tiefen Erde waren, unter der die Hölle liegt.

Was Jamal sah, war nicht die schöne Figur seiner Frau, die ihn anstarrte wie einen Fremden, deren rechte Hand eine Elektrische Pistole umkrampft hielt, offensichtlich nicht willens war, sie fallenzulassen oder wegzulegen, nicht den augenscheinlichen Luxus der Wohnung mit Böden aus Marmor, Granit und Zedernholz, nicht die edlen Teppiche, nicht den Kristalllüster, der über ihm in künstlichem Licht funkelte, nicht die verwegenen, Sinn beinhaltenden Gemälde, nicht die farbenprächtigen Blumen in Vasen aus dünnwandigem Porzellan, was er sah, war eine gewaltige Schleimhaut von innen. Er war im Körper des Riesen, der Vorraum war sein Magen, die Wände rann Säure hinunter, die verschiedenen Türen führten in den Darm, durch den Nahrung transportiert wurde, die schließlich im Magen verarbeitet wurde und in Nährstoffe und Exkremente getrennt. Wohl war sein Blick gegen seine ihm Angetraute gerichtet, sie stand zwischen Darm und Magen, sie war Nahrung. Jamals Finger der rechten Hand berührten den kupfernen Griff des Handschars, den er der hiesigen Tradition folgend über seinem Gewand trug. Sein Großvater hatte ihn seinem Vater vermacht, sein Vater ihm, dem erfolgreichen, willensstarken und folgsamen Sohn. In seiner gebogenen Scheide, ebenso aus Kupfer, war ein Stein eingelassen vor der Farbe des reinen Glaubens an Gott und den Verkünder seiner Lehre, dem Propheten Mohammed.

Samira schoss. Die Häkchen durchtrennten den Stoff von Jamals Dischdascha und bohrten sich in seinen Oberkörper. Krämpfe schüttelten ihn. Jamal ging zu Boden. Dunja erschien, aufgeregt, sie schrie: „Mutter, Vater, gebt Acht!“ Sie sah zu ihrer Mutter, die die Waffe festhielt wie ein zu ertrinken Drohender den Rettungsring, sie sah zu ihrem Vater, der zuckte wie eine Marionette des wahnsinnigen Puppenspielers. Sie hielt zu beiden Abstand. Jamal versuchte es, der rechte Arm gehorchte nicht seinem Gehirn, seine Muskeln kontrahierten fremdkontrolliert, weh tat es, doch wie gering waren seine jetzigen Schmerzen gegenüber dem Leid der gesamten Menschheit, wenn er seine gottgefällige Aufgabe nicht erfüllte, er schaffte es, seine Hand bekam die dünnen Seile zu fassen, welche die Häkchen hielten. Blutige Klumpen von Fleisch hingen an ihnen, als sie aus seiner Brust fetzte.

Samira war die Maus, die sich nicht mehr bewegte im Angesicht der Schlange. Die Schlange war ihr geliebter, stets treusorgend und fürsorglich gewesener Ehemann, selten bislang hatte sich Kummer um sein Herz gelegt, und wenn doch, währte er nur kurz, weich und warm war er, wenn er neben ihr im Bett lag. Und nun, mühsam wie ein Betrunkener hatte er sich erhoben, kam er auf sie zu, den Handschar erhoben. Entschlossen und streng waren seine Gesichtszüge. Sie fühlte die scharfe Klinge an ihrem Hals. „Verzeih“, sagte ihr Jamal. Und sie verstand.

Irrwitzige Verzweiflung und enthäutete Angst drangen aus Dunjas Mund und denen ihrer Schwestern und dem ihres Bruders, die inzwischen aufgetaucht waren und zugesehen hatten. Doch nicht lange dauerte es, dann war es still, und das Werk war fast vollbracht. Jamal kniete nieder, nach der Art des Samurai, er setzte die Schneide gegen seinen Bauch, seinen Hals, die Pulsadern des linken Handgelenks, doch wagte er es nicht. Er stand auf und sah aus einem der Fenster. Nacht war es, die Sonne war verschwunden, und Nacht würde es bleiben, niemals mehr würde die Sonne über den Himmel klettern.

Jamal erwachte. Der Traum seines Schlafes war ein abgrundtief böser gewesen. Er verscheuchte ihn, so rasch es ging. Seine linke Hand suchte Samiras anmutigen Körper. Sie war nicht da. Das Zimmer war eher einfach, augenscheinlich war er auf einer Geschäftsreise, und es war das eines Hotels. Etwas Sonnenlicht zwängte sich an den Vorhängen vorbei. Jamal zog sie zur Seite. Anstatt eines Fensters war eine vergitterte Öffnung. Auf dem Nachtkästchen standen weiße Lilien und ein Foto von fünf der Größe nach geordneten Särgen.

Johannes Tosin

Johannes Tosin

Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt am Wörthersee geboren. Er ist Maschinenbauingenieur und Exportkaufmann. Er schreibt Lyrik, Prosa und Hörspiele. Er veröffentlichte Texte in Zeitschriften, Anthologien und im Internet bei „Sandammeer“, „Zarathustras miese Kaschemme“, „Telepolis“, „Twilightmag“ und „Das Dosierte Leben“. Er ist Mitglied bei „Buch13“. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.

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